Denk ich ans sonnendeck in der Nacht …

Samstag, 07.01.2012

Wer über Kunst schreibt, dachte ich, der darf gemeinsam mit Genies speisen, in verwunschenen, vom kreativen Geist getränkten Ateliers wandeln und erhascht so einen kleinen Zipfel der Unsterblichkeit, vielleicht sogar der eigenen, denn schließlich findet sich jedes Wort auf chlorfrei gedrucktem Papier wieder, vierfarbig bis in alle Ewigkeit. Zudem darf der Schreiberling alle Ausstellungen umsonst anschauen, haut anschließend rasch ein paar Worte ins Notebook und das üppige Zeilengeld klimpert auf dem Heimweg in den ausgebeulten Hosentaschen.

Als ich vor Jahren zaghaft an die Redaktionstür des sonnendecks klopfte, waren bereits einige Dutzend meiner Rezensionen über Kunstkataloge im Magazin ARTHEON des kunstverrückten Pfarrers Helmut A. Müller vom Hospitalhof erschienen und ich fühlte mich zu Höherem, zumindest aber zu einer Publikation berufen, die nicht nur Schwarzweiß-Bilder abdruckt und an zweihundert Vereinsmitglieder im Rentenalter ausgegeben wird.

Das sonnendeck erschien damals noch im handlichen Kleinformat, passte ungeknickt in jede Hosentasche und eignete sich damit bestens zum nächtlich Schmökern mit voller Blase in der letzten U-Bahn. Ambitionierte Texte aus der Region, mit feiner Ironie formuliert und doch: weit von Perfektion entfernt und eindeutig verbesserungswürdig durch meine Edelfeder.
Die eingereichten Schreibproben riefen euphorische Reaktionen beim Chefredakteur Hansjörg (The Brain) Fröhlich hervor, die sich weniger aus meinen Zeilen speisten als aus dem Umstand, dass einige Mitglieder des alten sonnendeck-Teams gerade den Bettel hingeworfen hatten und ein latenter Personalbedarf bestand. So wurde ich auch vom Herausgeber und damaligem Hinterhof-Galeristen Mario Strzelski abgenickt und durfte nach Tübingen eilen, um einen extra langen Bericht über die epochale Ausstellung auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften zu formulieren.

Und so kam es, wie es kommen musste, und wäre ich nicht Richtung München verzogen, würde ich vielleicht noch heute … aber, was ich eigentlich sagen wollte, ist etwas ganz anderes, nämlich:

Über Kunst lässt sich echt schwer schreiben! Und es interessiert echt keine Sau!

Klatschredakteur müsste man sein. Blitzt eine Brustwarze so recht unabsichtlich durch die ohnehin nur schwer als solche erkennbare Oberbekleidung einer amerikanischen Hupfdohle, staunt die Welt und tauscht sich nach einer Schrecksekunde erregt über Twitter und Fuckbook aus. Aber keinen Menschen würde es interessieren, wenn Matthew Barney tot über einem Zaun hängt. Auch die Causa Ai Weiwei wurde vom Publikum nur goutiert, weil China doof ist und jetzt auch noch Deutschlands Rolle als Exportweltmeister übernommen hat.

Die Frage ist doch: Wie soll sich ein Kunstmagazin präsentieren? Welche redaktionellen Novitäten lassen sich aus der Quelle der Kunst noch schöpfen, die wohl gar keine Quelle mehr ist, sondern seit Jahrzehnten das immer gleiche Wasser in einem geschlossenen Kreislauf hoch pumpt, bis es grün wird und stinkt. Welches Layout kann den Leser noch begeistern, wo doch Hunderte von Hochglanzmagazinen in den Bahnhofsbuchhandlungen vor sich hin dämmern und jede noch so krude Gestaltungsidee im Netz ausprobiert und breit getreten wurde.

Eine Weile habe ich für einen (inzwischen eingestellten) Blog geschrieben. Aber selbst dort, im einzigen deutschen und für jeden willigen Kunstautoren offenen Kunstblog (der auch noch aus Berlin kam) gelang es nicht, genügend Klicks für ein auskömmliches Dasein zu generieren. Schlimmer noch: Zeitweilig war ich der aktivste Autor mit Berichten aus der verschlafenen Stuttgarter Kunstszene. Schreibwillige aus der so überreichen Berliner Kunst- und Kulturszene: Fehlanzeige. Ergo: Das Schreiben über Kunst muss etwas Widerwärtiges haben und ein anständiges Magazin sollte lediglich die Funktion einer Programmzeitschrift erfüllen, deren beliebtester Teil der Vernissagen-Kalender, der sogenannte GRA oder Gratis-Rotwein-Anzeiger ist.

Kein Wunder, dass Hansjörg mittlerweile lieber Reiseberichte verfasst oder im Drogenrausch surreale Geschichten zum besten gibt, als über die letzten Ausstellungseröffnungen zu räsonieren. Sind doch nur immer die gleichen Bilder und die gleichen Nasen. (Nichts gegen die P. von O., aber bitte: Jeder Stuttgarter Kunstfreund fühlte sich schon einmal wie Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier, wenn sie die Bühne betrat.)

Was zählt, so scheint es dem Autoren dieser Jubiläumszeilen, und das gilt nicht nur für das sonnendeck, ist nicht die vermeintliche Innovation im Layout, die Entdeckung genialischer Nachwuchskünstler oder die superkrasse Schreibe. Es ist die Fähigkeit, sich eine treue Leserschaft aufzubauen, die jeden Monat beglückt das neue Heft in den Händen halten möchte. Also die wahren sonnendeck-Freunde, die nicht erwarten, dass jeden Monat das Rad neu erfunden wird, sondern sich auch über kleine Überraschungen im Heft freuen können und die gerne übers Jahr mitgenommen werden in die Welt der Stuttgarter Kunstszene.

Mario sitzt mittlerweile in repräsentativen Galerieräumen am Rotebühlplatz, Hansjörg sorgt im Heft weiterhin für thematische Abwechslung und Hausgrafiker Christian Steeneck zaubert auch aus den schlechtesten Bildvorlagen noch ein ansprechendes Layout. Redakteure, Praktikantinnen und Gastautoren kommen und gehen, aber das Triumvirat, die Weird Brothers oder Tick, Trick und Track, wie immer man sie auch nennen will, are still going strong.

Das sonnendeck zu Monatsbeginn wieder an gewohnter Stelle, wie immer total gratis, 4c-farbenfroh, gemäßigt chaotisch, zum Glück selten seriös, aber unbändig experimentierfreudig. An dieser Stelle spontan aufstehen, in die Hände klatschen und Tränchen verdrücken.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 100, Februar 2012.

Wenn Förderung ist, ist eigentlich Vollgas: Luka Fineisen, Jáchym Fleig, Dragan Lovrinović

Donnerstag, 26.05.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum – Zentrum Internationaler Skulptur, Duisburg vom 24.05 – 19.07.2009. Hg. von Christoph Brockhaus. Mit Texten von Fritz Schwegler, Tankred Stachelhaus u.a.. Eigenverlag, Duisburg, 2009, ohne ISBN, 100 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, Format 27 x 21 cm, € 14,80

Die Lehmbruck-Stipendiaten Luka Fineisen, Jáchym Fleig und Dragan Lovrinović stellen in dieser Publikation recht heterogene Positionen zur zeitgenössischen Skulptur vor. Während Luka Fineisen (*1974) gerne mit transparenter Folie arbeitet, die in Duisburg als große Wolke wabert und vor einiger Zeit im Rahmen einer „Frischzellen“-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart als Flutwelle durch die Ausstellungsräume schwappte, arbeitet der 1970 geborene Jáchym Fleig mit großen, baumpilzartigen Fremdkörpern aus Gips, Styropor und Karton, die er in oder an Gebäuden platziert. Dragan Lovrinović (*1969) gibt dagegen lieber den All-Over-Hau-Drauf-Künstler, der sich aus einer Vielzahl von kulturellen Versatzstücken bedient, um in wuchernden Raum- und absurden Videoinstallationen seine Sicht der Welt zu präsentieren. Schade nur, dass gerade die aktuellen Arbeiten von Fineisen und Lovrinović zur Ausstellung im Lehmbruck Museum im Katalog nicht bebildert sind.

Alle drei nutzen den Katalog, um ihr künstlerisches Werk der letzten Jahre vorzustellen und Dragan Lovrinović hat dabei am meisten zu bieten. In seiner Videoinstallation „Der Barbier von Berlin – Comeback 18“ (2001) spaziert der Künstler in wallendem Gewand als langhaariger Jesus durch Berlin, geht zu einem türkischen Friseur, lässt sich dort auf Adolf Hitler umstylen und flaniert weiter zum Brandenburger Tor. Er wickelt für die Installation „Dog City“ (2003) tote Karpfen in Goldfolie und legt sie als Wachhunde vor alte Hundehütten aus seinem Geburtsdorf in Bosnien und Herzegowina. Für die Installation „Winner“ (2000) im Geologisch-Paläontologischen Museum in Münster stellt er Tierskelette in die Eingangshalle und verteilt Siegerkränze an die Gewinner der Evolution.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Thomas Galler: Walking through Baghdad with a Buster Keaton Face

Sonntag, 01.05.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Aargauer Kunsthaus vom 29.05. – 09.08. 2009. Hg. von Madeleine Schuppli. Mit Texten von Margit Tröhler, Hilde Teerlink u.a. edition fink, Verlag für zeitgenössische Kunst, Zürich, 2009, ISBN 978-3-03746-138-9, 176 Seiten, 612 Abb., davon 20 in Farbe, 30 x 24 cm, Broschur, € 25.—

Ausgezeichnet als eines der schönsten Schweizer Bücher 2009 und mit einer Goldmedaille im Wettbewerb „Schönste Bücher aus aller Welt“ 2010 darf der Betrachter einiges vom vorliegenden Künstlerbuch erwarten. Die Schweizer scheinen eine Vorliebe für assoziative Bildsammlungen zu haben, denn 2007 wurde Henrik Oleson mit dem Katalog zu seiner Ausstellung „Some Faggy Gestures“ ebenfalls ausgezeichnet.
Der Band ist die erste umfassende Publikation zum Werk des 1970 geborenen Thomas Galler. Er arbeitet konzeptionell und durchforstet den medialen Austoß der Welt nach verwertbarem Material. Dabei konzentriert er sich vor allem auf historische oder aktuelle Konfliktschauplätze. Die gesammelten Texte, Fotos oder Videos stellt er in neue Zusammenhänge, die dem Betrachter eine oft überraschende Neuinterpretationen des Gesehenen ermöglichen. Madeleine Schuppli sieht in der offenen Haltung Gallers gegenüber seinem brisanten Material eine Stärke, vielleicht ist es aber auch nur die Indifferenz des Spätgeborenen gegenüber menschlichen Gräueln, die Galler nur aus den Medien kennt. Für den Betrachter ist die Offenheit der Arbeiten aber ein Vorteil, weil er seinen eigenen Gedanken folgen kann und nicht in eine Bedeutungsebene hinein gedrängt wird.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Gabriele Oberkofler: Blut im Schuh

Freitag, 22.04.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 18.09. – 18.10. 2009. Hg. von Helmut A. Müller. Mit Texten von Annett Reckert, Nicole Fritz und des Herausgebers. Eigenverlag, 2009, ISBN 978-3-934320-41-3, 132 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, gebunden, Format 18 x 13 cm, € 15.—

Der Wunsch nach Geborgenheit ist trotz Facebook-Account groß und so blickt der in anonymen Großstädten Geborene ein bisschen neidisch auf die Satellitenbilder des verträumten Ortes Jenesien bei Bozen, der Heimat von Gabriele Oberkofler (*1975). In ihren Videoarbeiten, Performances und Installationen, aber auch in den feinen Zeichnungen mit Filzstift und Tusche hinterfragt Oberkofler die scheinbare Idylle ihrer Jugend. Finster blickende Wölfe, ein brennendes Bauernhaus, tote oder blutende Tiere – oft schwingt ein melancholisch-düsterer Ton in ihren Zeichnungen mit. Die Videos und Installationen geben sich dagegen spielerisch und brechen ironisch den Stab über allzu sentimentalen Heimatgefühlen. Während ihres Studiums an der Kunstakademie Stuttgart bejodelte sie mangels majestätischer Bergwelt die Trümmerhügel, Baustellen und Betonklötze der Stadt oder verwandelte Ausstellungsräume in Hühnerhöfe und Taubenschläge. Egal, ob sie in Stuttgart, am Bosporus oder im heimatlichen Südtirol ihre Arbeiten zeigt, es geht Oberkofler immer um den Austausch zwischen den Kulturen, um das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten. Aber es geht auch um Selbstvergewisserung in der Fremde, um den Verlust und die Möglichkeiten der Neu- und Wiederaneignung von kulturellen Werten.
Der kleinformatige Katalog zur Ausstellung im Hospitalhof ist eher ein Künstlerbuch. Das Kleinod wurde von der Agentur „Visiotypen“ gemeinsam mit Daniel Stäbler gestaltet. Die Visiotypen Philipp Hubert und Sebastian Fischer studierten, wie Gabriele Oberkofler, an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und haben bereits zahlreiche Preise für ihre Arbeiten einheimsen können.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Christoph Frick: Gleichmaß und Differenz

Mittwoch, 20.04.2011

Katalog zur Ausstellung „seltsam vertraut“in der Evangelischen Akademie Bad Boll vom 18.11. 2009 – 31.01. 2010. Hg. von Reinhard Lambert Auer und Christoph Frick. Mit Texten von Susanne Wolf, Ludwig Seyfarth, Petra von Olschowski, Marko Schacher und einem Künstlergespräch mit Reinhard Lambert Auer. Eigenverlag Verein für Kunst und Kirche, 2009, ISBN 3-9810574-3-0, 64 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Klappbroschur, Format 27 x 21 cm, € 10.—

„Künstlerische Arbeit als Sozialrecherche“ nennt Reinhard Lambert Auer die Fotoinstallationen des 1959 geborenen Christoph Frick und freut sich mit dem Künstler über gemeinsame Kindheitserinnerungen an die sonderbare Felsformation „Geigerles Lotterbett“, die Frick mit hunderten von Detailfotografien als Riesenpuzzle in der Ausstellung nachbaut. Dazu präsentiert der Künstler eine Anzahl von Tagebüchern seiner Tante, zeigt private Portemonnaies, die beredtes Zeugniss über die Vorlieben ihrer Besitzer abgeben und überblendet in einem Video kleine Spielzeug- und Nippesfiguren zu grotesken Mischwesen. So intim die Details aus dem Alltagleben, so vertraulich geraten die begleitenden Katalogtexte. Petra von Olschowski schwelgt in Erinnerungen an ihre verlorene Geldbörse, Marko Schacher albert mit den Plastikmännchen um die Wette: „Puh, dieser Zwerg mit geschulterter Spitzhacke schaut aber erstaunt! Hat man ihn gerade bei der Schwarzarbeit erwischt?“ und Ludwig Seyfarth kopiert abschnittsweise aus seinem Buch „Unsichtbare Sammlungen“. Ein konzentrierter Text über den leidenschaftlichen Dingsammler und Fotopuzzler Frick wäre sicherlich befriedigender gewesen als die kurzen Gefälligkeitstexte.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Felizitas Mentel: Skulpturen, Installationen

Mittwoch, 30.03.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern vom 14.11.2009 – 10.01.2010. Hg. Vom Museum. Mit Texten von Heinz Höfchen und Christmut Präger. Eigenverlag, Kaiserslautern, 2009, ISBN 978-3-89422-164-X, 72 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, Format 21 x 21 cm, € 15 .—

Der „Pfalzpreis für Bildende Kunst (Plastik)“ ging 2008 an Felizitas Mentel (*1946), die recht ansprechende Lichtskulpturen und -installationen fertigt. Da leuchtet der Gletscher aus Glasfaserflies in kühlen Blautönen, ein Lavastrom brodelt geheimnisvoll unter dunklem Walzblei und der Neonkamm eines kleinen Bleigebirges erinnert an … ja, an was? An einen Pfad zum Gipfel? An die letzten Strahlen der Sonne? Oder ist der Neonwurm doch nur ein hübsches Dekoelement? Oh, Oh! Gerade bei regionalen Kunstpreisen ist die Grenze zwischen Kunst und Kunstgewerbe gelegentlich etwas undeutlich, wobei nichts gegen gutes Kunsthandwerk gesagt sein soll, aber zeitgenössische Kunst darf und muss freilich über das Werk als Ding hinausweisen. Und auch wenn Autor Heinz Höfchen ein paar kunstkritische Bemerkungen über diaphane Körper und Strukturen einbaut, über die Dialektik von Neon und Blei und zudem geheimnisvoll raunt „dass Licht paradoxerweise eine Vision ist“ – recht viel fällt ihm zu dem konkreten Werk nicht ein. Rote und blaue Röhren, die für Wärme und Kälte stehen, für die Urkräfte der Erde. In abgedunkelten Räumen wirken die Installationen bestimmt toll, aber zum langen Nachdenken regen sie nicht an.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Aleksandra Mir: Triumph

Freitag, 25.03.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 14.05. – 26.07. 2009. Hg. Von Matthias Ulrich und Max Hollein. Mit einem Text von Gabi Lang und einem Künstlergespräch, geführt von Matthias Ulrich. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2009, ISBN 978-3-86560-576-4, 64 Seiten, mit 16 farb. doppelseit. Abb. sowie einigen Textabb., Text in dt. & engl. Sprache, Broschur, Format 27 x 21 cm, € 16,80

Das auch die Schirn nicht immer Perlen der künstlerischen Weisheit zu bieten hat, zeigt die langweilige Installation der 1967 in Polen geborenen Aleksandra Mir. Sie veröffentlichte eine Suchanzeige mit der Bitte, ihr für symbolische fünf Euro alte Pokale zu überlassen. Nach kurzer Zeit stapelten sich 2500 Trophäen in ihrem Atelier, die im Sommer 2009 in der Schirn Kunsthalle zu sehen waren. Eine nette Idee, verbunden mit melancholischen Gedanken über Momente des Glücks, des Sieges und des Jubels und den unvermeintlichen Moment, wo auch der schönste Pokal nur mehr ein Schatten vergangener Heldentaten, nur mehr altes Grümpel ist. Für eine Gruppenausstellung ok, für eine Einzelausstellung zu wenig.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Who killed the painting? Werke aus der Sammlung Bock im Neuen Museum in Nürnberg

Dienstag, 01.03.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im gleichnamigen Museum vom 31.10. 2008 – 25.01. 2009. Hg. vom Museum. Mit Texten von u.a. Gabriele Knapstein und Lars Blunck. Eigenverlag Verein für Kunst und Kirche, 2009, ohne ISBN, 256 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Broschur, Format 23 x 16 cm, € 20.—

Über Tote und edle Spender soll nur Gutes gesagt werden und da René Block offensichtlich nicht tot ist, muss es an seinen vielen Dauerleihgaben für das Neue Museum in Nürnberg liegen, dass im Vorwort von dem „herausragenden Wegbereiter der Kunst der Gegenwart“ gelobhudelt wird, dessen „unversiegbare Lust an der Auseinandersetzung mit der Kunst“ zu einer „einzigartigen Erfolgsgeschichte“ wurde. Schwamm drüber, denkt sich der 1942 in Düsseldorf geborene Sammler, Galerist und Kurator. Im Bereich des Fluxus hat kaum einer mehr zu bieten, und im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die mit ihren Künstlern alt geworden sind, hat Block keine Scheu, sich den Werken der ganz jungen Generation zu stellen. Vor allem die Länder der europäischen Peripherie haben es ihm seit den 1990er Jahren angetan und vor allem die weiblichen Künstlerinnen sind es, auf denen sein Blick ruht.
Der Katalog knüpft an die Block-Ausstellung in der Kunsthalle Nürnberg von 1993 an und beleuchtet seinen Weg durch die Kunstgeschichte von dem ersten Wolf Vostell Multiple für die „Edition Block“, über Arbeiten von Joseph Beuys, Nam June Paik und Marcel Broodthaers, bis zu zeitgenössischen Arbeiten aus der Türkei, dem Balkan und Skandinavien.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Stefanie Gerhardt

Donnerstag, 10.02.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in den Räumen der EnBW Karlsruhe vom 22.10. – 11.12. 2009. Hg. von der EnBW. Mit einem Text von Leni Hoffmann. Eigenverlag, Karlsruhe, 2009, ISBN 978-3-934510-36-4, 30 Seiten, 35 Farbabbildungen, Broschur, Format 21 x 27 cm, € 10.—

Die 1974 in Freiburg geborene Stefanie Gerhardt, Absolventin der Kunstakademie Karlsruhe als Meisterschülerin von Leni Hoffmann, durfe Ende 2009 in der Reihe „Ateliereinblicke“ am Konzernsitz der EnBW eine Einzelausstellung bespielen. Schwerpunkt der Künstlerin sind großformatige figürliche Zeichnungen mit Pastellkreide und farbenfrohe Videoarbeiten, die an animierte Farbfeldmalerei erinnern. Hübsch gemachte und durchaus sehenswerte Arbeiten, die durch den sinnfrei verkopfen Kurztext von Leni Hoffmann aber auch nicht besser werden: „Stefanie Gerhardts Medium ist der Moment. Aus ihm, dem ultimativen Zwischenraum, der ganze Zeitschlaufen in sich birgt, schafft sie ein dichtes Gewebe, das als flächiges Bild wie auch als neues Kontinuum eines dem Betrachter mittles Malerei entdeckten Raumes gelesen werden kann.“ Noch Fragen?

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).

Katalin Deér: Present Things

Montag, 07.02.2011

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunstsammlung Chemnitz vom 05. 04. – 24. 05.2009. Mit einem Text von Michael Scholz-Hänsel und einem Künstlergespräch von Peter Iden. Eigenverlag, Chemnitz, 2009, ISBN 978-3-938795-29-3, 135 Seiten mit zahlreichen Farbabb., Format 30 x 23 cm, gebunden, € 18.–

Gar nicht so unspannend, was Katalin Deér (geboren 1965 in Palo Alto, USA, lebt heute im schweizerischen St. Gallen) in dieser kleinen Publikation zeigt. Auf den ersten Blick nur eine weitere Serie von Fotografien abgetakelter Gebäude, Ruinen, deprimierender Betonklötze und bedrückenden Landschaften, aber die Fotos sind für die Künstlerin nur das Ausgangmaterial zu bildhauerischen Fragen. Die architektonischen Elemente werden mit dem Skalpell dekonstruiert und zu dreidimensionalen Objekten collagiert. „In ihrer Eigenschaft als Bildhauerin prüft sie das plastische Potenzial der Fotografie und untersucht in ihren Rauminstallationen die Wechselwirkung der Zwei- und Dreidimensionalität von Bildoberflächen und Objektansichten“ (Max Wechsler). Der besondere Reiz ihrer Bild-Raum-Installationen kommt allerdings vor allem vor Ort, im jeweiligen Ausstellungsraum, zur Geltung. Aber schon ihrem Bilderfundus merkt man die Suche nach verwertbaren Formen und Strukturen für den Sprung in die dreidimensionale Räumlichkeit an.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).