Gärten. Ordnung Inspiration Glück

Freitag, 16.02.2007

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 24.11. 2006 bis 11.03. 2007 im Städel Museum, Frankfurt am Main. Hg. von Dr. Sabine Schulze. Mit Essays und Beiträgen u.a. von Andreas Beyer, Barbara Eschenburg, John House und Silke Friedrich-Sander.
Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, ISBN 978-7757-1870-7, 392 Seiten, ca. 250 Farbabbildungen, Broschur, Format 29,5 x 23 cm, € 29,90.

Der Besucher flaniert in arkadischen Landschaften zwischen vergnügten Halbgöttern, in sich versunkenen Flötenspielern, pittoresk verfallenen italienischen Gärten, barocken Lustgesellschaften, impressionistischen Idyllen mit wandelnden, sitzenden, strickenden, schlafenden Ehefrauen und sich im Gras tummelnden Kindern, alle sorgenfrei und fern menschlicher Basistriebe wie dem Verlangen, sich gegenseitig zu lieben oder umzubringen. Eine Ausstellung über Gärten, so deucht es dem Betrachter, muss einfach mehrheitsfähig sein. Zumal keine Dissonanzen durch querulierende, zeitgenössische Künstler zu befürchten sind, denn die sind quasi nicht vorhanden. Ein wenig Melancholie ist erbaulich und bei Namen wie van Gogh und Munch erwartet und verzeihlich. Zum Mitnehmen gibt es überdies einen opulent bebilderten Katalog mit aufschlussreichen Beiträgen zu den einzelnen Werken nebst zehn vertiefenden Essays zu einzelnen Bildgruppen und Themen. Beschwingt führt der Weg vom Städel-Museum nach Hause, selbst der trübe Wintertag hat sich merklich aufgehellt.
Gemütlich im Fauteuil sitzend, den Katalog mit seinen 250 Abbildungen auf dem Schoß, beschleicht den Betrachter das Gefühl, über der ganzen Blütenpracht und Schaulust eine Deutungsebene vernachlässigt zu haben, die im Katalog nun vertiefend erschlossen wird.
Das „Paradiesgärtlein“, eine 26×33 cm messende Holztafel eines unbekannten oberrheinischen Meisters aus dem frühen 15. Jahrhundert, steht im Zentrum des Ausstellungsprojekts und zeigt uns einen idealen Hortus conclusus, einen eingefriedeten Nutz- oder Lustgarten, der nur ein harmonisches, von dicken Mauern geschütztes Innen kennt. „Auch das altiranische Wort ‚pairi-daeza‘, aus dem sich das deutsche Wort Paradies ableitet, bedeutet nichts anderes als das Umzäunte…“ (H. Walter Lack) Hier lässt sich das Leben genießen, die Natur ist nicht unser Feind, der Tod vergisst seine Arbeit und keinem anwesenden Naturwissenschaftler würde es einfallen, ein Loch in die Mauer stemmen zu wollen. Der Betrachter ahnt jedoch, dass die Erkenntnis der Realität wie ein böses Thier hinter dem blauen Himmel jenseits der Zinnen lauert.
Wie bekannt, verspielte der Mensch seine friedliche Existenz. Er steht nun nicht mehr vor dem Baum der Erkenntnis, sondern um halb sieben an der Bushaltestelle. Geblieben ist aber die Neugier und sein Bestreben, die verlorene Ordnung als Künstler, Gärtner oder Wissenschaftler unter den gestrengen Augen der Vergänglichkeit wieder herzustellen.
Sabine Schulze definiert den Garten in ihrem einleitenden Essay „als Projektionsfläche menschlicher Sehnsüchte und zugleich als Nährboden für wissenschaftliche Erkundungen … Unsere Ausstellung spricht von dem Wunsch des Menschen, zu halten, was er liebt, und von seiner Angst vor Verlust.“
Die bloße Darstellung perfekter Blumenrabatten eines Schlossgartens hat also keinen Künstler interessiert. Ein Garten muss wie ein ferner Traum, wie zerfallenes Glück sein. So feiern Künstler wie Jean-Antoine Watteau („Die Einschiffung nach Kythera“, 1710, Öl auf Leinwand, 43 x 53 cm) ihre visuellen Feste an mythischen Orten oder finden Inspiration in den Trümmern früherer gärtnerischer Bemühungen. Besonders die verfallenen Gärten der Villa d´Este in Rom haben es Künstlern wie Jean-Honoré Fragonard („Parklandschaft mit heiterer Gesellschaft“, 1760er Jahre, Rötel auf Papier, 33,9 x 46,8 cm) oder Carl Blechen („Villa d´Este“, um 1832, Öl auf Papier auf Pappe, 24,8 x 19,8 cm) angetan.
Wissenschaftliche Erkundungen des Pflanzenreiches findet die Ausstellung in Pflanzendarstellungen und Rasenstücken aus dem Umkreis von Dürer und Cranach, in den getrockneten Pflanzen, die Alexander von Humboldt von seinen Expeditionen und Goethe aus seinem Garten mitbrachte, um sie gepresst zu verewigen. Auch Paul Klee hat sich als Pflanzensammler betätigt. „Botanische Kenntnis und ästhetisches Kalkül verknüpfen sich in seinen Herbarien zu einer Hommage an die Individualität der Natur und an die Gestaltungskraft der Kunst.“ (Sabine Schulze)
„Die Masse der heute in Gärten kultivierten Pflanzen stammt zwar ursprünglich aus der Natur, de facto aber fast immer aus einem anderen Garten“, weiß H. Walter Lack in seinem Essay „Was ist ein Garten“ zu berichten. Schön, dass in diesem Kunstband auch ein Botaniker zu Wort kommt.
Die Begeisterung für das immergrüne Italien, die sich in einigen Bildern widerspiegelt, ist auch aus heutiger Sicht noch verständlich. Als Hort bedeutender Kulturleistungen und guten Essens finden sich in vielen der pittoresken Landhäuser keine Bauern mehr, sondern pensionierte Lehrer aus Deutschland, die demselben Antrieb folgen wie seinerzeit die Künstler: Italien ist ein einziger Garten.
Kern der Ausstellung ist aber der impressionistische Garten, „von der Außenwelt völlig unberührte Orte privater, selbstgenügsamer Aktivität“. John House weist in seinem Essay darauf hin, dass die Impressionisten „ganz bewusst auf die Verwendung einer expliziten Symbolsprache, aber auch auf unmittelbar lesbare Verweise, suggestive Details, Gesten und Ausdrucksverhalten verzichtet haben“. Der Garten stand „beispielhaft für die Hinwendung der Moderne zu den „inneren Dingen“. Hier darf sich die visuelle Schönheit von Blumen und Pflanzen ungezwungen austoben. Die Gärten von Monet, Renoir und Manet spiegeln sicherlich am ehesten die Gestaltungswünsche heutiger Hobbygärtner wider: der Garten als Ort der Träumerei. Doch gerade in den liebevoll gepflegten Kleingartenparzellen zeigt sich die Kluft zwischen dem Wunsch nach paradiesischer Unberührtheit und unbedingtem menschlichen Gestaltungsanspruch.
Jedes Jahr gibt es in den Versandkatalogen der Gärtnereien eine Vielzahl von Neuzüchtungen, die länger, größer, schöner und reichhaltiger blühen und fruchten, dabei aber viel biologischen Nutzen verlieren. Aus aktuellen Sorten lässt sich kein keimfähiger Samen für die nächste Saison gewinnen, gefüllte Blüten liefern den Insekten weder Blütenstaub noch Nektar und dem Menschen kein Dufterlebnis. Der üppig blühende Garten mit zentnerschweren Kürbissen, überwölbt von meterhohen Sonnenblumen – ein überdüngtes Hybriduniversum des schönen Scheins. Kein Wunder, dass Thomas Struth, einer der wenigen zeitgenössischen Künstler der Ausstellung, das Paradies eher im unberührten Urwald verortet (Paradise 24, Sao Francisco de Xavier, Brazil, 2001, Farbfotografie (C-Print), 218,5 x 279 cm).

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).