Zoran Music
Samstag, 31.03.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig vom 22.10. 2006 bis 14.01. 2007. Hg. von der Stiftung Schleswig Holsteinische Landesmuseen mit Beiträgen von Rolf Schmücking, Eduard Beaucamp und Werner Spies. Selbstverlag, Schleswig, 2006, ISBN-13 978-3-00-019602-7, 232 Seiten, 208 (199 farb.) Abbildungen, Broschur, Format , € 24
Zoran Music wurde 1909 in Slovenien geboren. 1943 zieht er nach Venedig, wird dort von der Gestapo gefangen genommen und schließlich 1944 für fünf Monate nach Dachau deportiert. Im Lager entstehen 200 Skizzen, von denen 35 die schwere Zeit überdauern. Nach dem Krieg kehrt er nach Venedig zurück und knüpft scheinbar unbeeindruckt an seine alten Themen, die herben Landschafts- und Hirtenbilder an. In den fünfziger Jahren finden sich eine Menge Bilder von Pferden, zumeist in kleinen Herden vor kargen Hügeln. Im Laufe der Jahre werden die Werke dunstiger, die festen Konturen lösen sich unter Einwirkung des venezianischen Lichtes auf.
In den 70er und 80er Jahren brechen seine verdrängten Erinnerungen hervor und entladen sich in furchtbaren Bildern von Leichenbergen und Gehenkten, die zuerst wie ein totaler Bruch in seiner Ästhetik wirken. Eduard Beaucamp schreibt: „Musics Memento in Bildern sucht nach Entlastung und persönlichem Frieden. Er wendet alle malerischen Raffinesse auf, um die Toten zu feiern und zu bestatten. Bei der Formulierung mancher Motive standen der Henry Moore der ‚ Shelter Drawings’, der Zeichnungen aus der Unterwelt der Londoner Bombennächte, und auch Francis Bacons Bildwelt Pate.“
Betrachtet man nun seine Bilder vor dem Hintergrund des Wissens um seine Erfahrungen im Konzentrationslager, fällt die Interpretation völlig anders aus. Die oft verwendeten kargen Hügel im Bildhintergrund werden zu ersten Anzeichen der Kadaverberge, auch die gedrängte Anordnung der Pferde lässt plötzlich ähnliche Assoziationen zu. Man verfällt dem Wunsch, alle seine Werke auf diese Weise zu interpretieren. Bäume werden zu Galgen, Farbflecken mutieren zu menschlichen Köpfen. Vereinzelte Steine und Geröllhaufen, Baummotive, die diffusen Stimmungen, alles wandelt sich im Kopf des Betrachters zu Szenen aus dem Lager. „Das große Motiv der Spätzeit ist jedoch nicht die Darstellung des Todes, sondern die der Vereinzelung. Es ist das letzte, definitive Thema.“ schreibt Werner Spies, „Zoran Music ist ein Spätkommer […]. Seine Entdeckung kommt spät, weil sie allein an ein außerordentlich eindrucksvolles Spätwerk gebunden ist.“ Im Alter von 96 Jahren ist der Künstler 2005 in Venedig gestorben.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Erich Heckel an der Ostsee
Freitag, 30.03.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Brücke-Museum vom 27.01 – 17.04 2006 in Berlin. Hg. von Magdalena M. Moeller und Ulrich Schulte-Wülwer mit Beiträgen von Janina Dahlmanns, Oliver Kornhoff, Ulrich Schulte-Wülwer und Hanna Strzoda. Hirmer Verlag, München, 2006, ISBN 978-3-7774-2945-8, 199 Seiten, 130 Farbtafeln und 67 Abbildungen in Farbe, Klappbroschur, Format 29 x 23cm, € 29,90.
Im Mittelpunkt des Kataloges stehen die Jahre zwischen 1913 und 1943, in denen Erich Heckel mit seiner Frau Sidi viele Sommermonate in Osterholz an der Flensburger Förde verbrachte. Er fand hier seine „Idealheimat“, die ihn künstlerisch inspirierte und immer wieder Freunde und Kollegen anlockte. Seine romantische „Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und der Utopie einer idealen Lebensgemeinschaft in einer unverdorbenen Natur“ versuchte er im Leben und in der Kunst umzusetzen.
Der Katalog widmet sich sehr ausführlich den Stationen von Heckels Reisen an die Ostsee und versucht, seine Emotionen mit den Stimmungen der entstandenen Bilder zu koppeln. Die künstlerische Entwicklung während dieser Jahre wird in allen Facetten aufgerollt: Das Auseinanderbrechen der „Brücke“, die unbeschwerten Sommermonate an der Ostsee, der Erste Weltkrieg, die Winter im Berliner Atelier. Alles hinterließ Spuren im Werk und führte von stark expressionistisch geprägten Bildern über eine zunehmende Empfindsamkeit zu einer ganz eigenen „Malerei des Lichts“. Für begeisterte Anhänger des Künstlers ist die Publikation empfehlenswert; wer an kunst- und weltgeschichtlichen Zusammenhängen interessiert ist, die über die Person Heckels hinausweisen, dürfte enttäuscht sein.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Ute Scheitler und Judith Welsch-Körntgen. Frau sieht das, was Mann nicht sieht
Freitag, 30.03.2007
Belser Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7630-2479-7, 128 Seiten mit 100 Farbabbildungen, gebunden, Format 29 x 25,5cm, €19,95.
Der Bildband versammelt fünfzig kurze, flott geschriebene Bildkommentare zu „Meisterwerken der Malerei“ aus weiblicher Sicht. Die Auswahl ist züchtig und ohne Überraschungen: Picasso, Rembrandt, Cranach, Monet aber auch vieles aus der zweiten Reihe. Mit Warhol und Lichtenstein hört die weibliche Kunstgeschichte im Jahr 1965 plötzlich auf. Die meisten aufgeführten Werke hängen in der Stuttgarter Staatsgalerie, in der die beiden Autorinnen auch freiberuflich arbeiten. Sie moderieren hier die „erfolgreichen Frauen-Kunst-Gespräche“.
„Geht man heute durch die Kunstmuseen der Welt“, so die Autorinnen, „trifft man überwiegend auf ein weibliches Publikum.“ Aber erschöpft sich der weibliche Blick und sein Wille zur Rezeption eines Kunstwerks wirklich auf Männer- und Frauenrollen, Schönheit, Essen und Trinken, Paare, Familie und Sonntagsbilder? Themen, die man mit einem eher traditionellen Rollenverständnis verbindet und die dem Buch als Gliederung dienen. Frauen „identifizieren sich mit dem Dargestellten und wollen die Geschichte entdecken, […] betrachten Kunst emotional und einfühlsam“. Schön und gut aber es erstaunt, dass die weibliche Sicht der Dinge sich wirklich so darstellt, wie man(n) es immer befürchtet hat. Überschriften wie „Das Schicksal in der Hand“, „Früher war alles besser?“ und „Im Schmerz vereint“ lassen eher an eine Telenovela, als an ernsthafte Bildexegese denken. Die Besprechung von Wybrand de Geests „Familienbild“ von 1621 endet mit der Festestellung: „Wo gibt´s denn heute noch so eine heile Familienwelt? Nur in der Regenbogenpresse, mit ihren Hochglanzfotos von Adels- und Prominentenfamilien?“ Hätte dieses Buch ein Mann geschrieben, er sähe sich (zu recht) wütenden Fragen zu seinem konservativen Frauenbild ausgesetzt.
Ein Bildband also für Frauen, die sich sonst mehr mit dem „Goldenen Blatt“ als mit Kunst beschäftigen und hier vielleicht einen ersten Zugang finden könnten? Kunst für eine kurzweilige Stunde auf der Terrasse, bevor die Gäste zum sonntäglichen Kaffeekränzchen kommen? Eva Hermann wäre begeistert.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Dierk Schmidt. SIEV-X
Dienstag, 27.03.2007
B_books Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-933557-50-X, 114 Seiten, ca. 55 Farb- und 50 s/w-Abb., Klappbroschur, Format 29 x 21cm, €17
Am Samstag, den 19. Oktober 2001, sinkt ein mit 397 indonesischen Flüchtlingen besetztes Boot vor der australischen Küste. Nur 44 Menschen überlebten das Unglück. In der Behördensprache wird das Schiff als SIEV-X geführt. Das Kürzel steht für „Suspected Illegal Entry Vessel“ – ein Flüchtlingsboot. Aber war es wirklich ein unvermeidbares Unglück? Der Künstler Dierk Schmidt recherchierte alle erreichbaren Fakten und kommt zu dem Ergebnis, dass die australische Regierung unter Premier Howard eine Mitschuld trägt oder sogar direkt am Verlauf des Dramas beteiligt war und setzt sein Wissen in einen komplexen dreiteiligen Bildzyklus um. Die theoretischen Überlegungen des Malers kreisen dabei im Wesentlichen um Peter Weiss’ Buch „Die Ästhetik des Widerstandes“, in dem die Möglichkeiten untersucht werden, „wie und ob überhaupt die Kunst des Bürgertums für das Selbstverständnis und den politischen Kampf der Arbeiterklasse verwendbar ist“ und um zwei Bilder aus dem Louvre: „Die Freiheit auf den Barrikaden“ von Delacroix und „Das Floß der Medusa“ von Géricault.
Der Textteil des Buches ist eine spannende Beschreibung seiner Recherchen im Internet, per Telefon und vor Ort, bei der UNHCR in Genf. Schmidt weiß, dass die Kunst in der heutigen Zeit kaum politischen Einfluss hat und er weiß auch, dass sich die wenigsten Menschen über das Medium Kunst mit der alltäglichen Politik auseinandersetzten wollen. So bleibt die Frage der Wirksamkeit oder Sinnlosigkeit immer latent im Raum stehen. „Die Frage nach den Möglichkeiten des „politischen Bildes“ wird hier noch einmal ganz grundsätzlich gestellt, und das ist auch die Frage nach seiner Produktion, nach dem Verhältnis von Text und Bild, nach der Methodologie der Recherche und der ‚künstlerischen Umsetzung’“. Dierk Schmidt arbeitet mit direkten und indirekten Assoziationen, auch die Materialität der Bilder entspricht Details seiner Recherchen. Es kommt zu Aussparungen im Bild, wo die Informationen unklar sind. Seine Werke geben sich spröde und unnahbar. Er versucht nicht, die Ereignisse emotional darzustellen, biedert sich nicht einem Boulevard-Publikum an. Aber dadurch wird es unmöglich, seine Malerei getrennt von den Texten zu rezipieren. Der Text bewegt, wo das Bild schweigt. Der Text kann ohne die entstandenen Bilder bestehen, die Bilder aber nicht ohne den Text. Welchen Sinn haben dann die Bilder?
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Emil Nolde. Paare
Dienstag, 27.03.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung vom 14.10. 2006 – 14.01. 2007 in der Kunsthalle Emden. Hg. von Nils Ohlsen. Mit Beiträgen Nils Ohlsen, Andreas Fluck, Tilman Treusch und Sabine Schlenker. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, ISBN-13: 978-3775717885176, Seiten, 143 (114 farb.) Abb., gebunden, Format 31,5 x 24,5 cm, € 29.
Die Paardarstellungen von Emil Nolde bieten ein buntes, zuweilen grotesk-märchenhaftes Welttheater, in dem sich Fiktion, Realität und das ganze Spektrum der Affekte rasch abwechseln und vermischen. Auffallend ist, dass seine Bildfiguren nicht aktiv handeln, sondern zeit- und ortlos in Konstellation zueinander stehen. Für Nils Ohlsen, den wissenschaftlichen Leiter der Kunsthalle Emden, wird hier eine „tief empfundene christlich-humanistische Grundeinstellung greifbar“. Es geht Nolde um die „lebenslange Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit und menschlicher Wärme“, nicht um die konkreten Taten einer einzelnen Figur. Die Suche nach biographischen Bezügen oder das einzelne Werk treten dabei in den Hintergrund. Ausführlicher geht der Katalog auf zwei besondere Werkgruppen ein. Die bizarren Szenarien und Wesen der großformatigen „Phantasien“, die zwischen 1931 und 1935 entstanden, „bezeichnete Nolde als ‚Selbstüberraschungen’, die mehr dem Zufall, als dem ordnenden Verstand des Künstlers entsprangen“. Im März 1934 wurden einige Bilder in Berlin ausgestellt und stießen bei der nationalsozialistischen Presse auf wütende Ablehnung. 1941 wurde der Künstler mit einem Arbeitsverbot belegt. Nolde zog sich verbittert nach Seebüll zurück und schuf heimlich auf kleinen Papierresten eine Serie von über 1.300 kleinformatigen Aquarellen, die „Ungemalten Bilder“, „fraglos ein Höhepunkt, wenn nicht gar die Krönung in Emil Noldes Schaffen, in der er die Summe seines Lebenswerkes zieht“.
Eine sehr schöne, konzentrierte Publikation, die zur weiteren Beschäftigung mit dem Maler herausfordert. Über die zwiespältige Rolle Noldes während der Zeit des Nationalsozialismus würde man gerne mehr erfahren, aber das ist eine andere Geschichte.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Arno Piroud. Saga Cité
Samstag, 24.03.2007
Der Katalog ging hervor aus dem Aufenthalt des Künstlers von April bis Juli 2005 am Institut français de Stuttgart im Rahmen des Austauschprogramms für bildende Künstler zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Region Rhône-Alpes. Mit einem Text von Nicolas Grey, Selbstverlag, Stuttgart, 2006, 120 Seiten, 180 Farbabbildungen + CD-ROM, Ppbd, Format 21 x 14,5 cm.
Arno Piroud (Jhrg.1974) streift gerne durch Städte und findet dabei Orte, die er durch kleine, temporäre Eingriffe mit einfachen Materialien poetisch, nachdenklich oder provokativ verändert, um die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes zu verändern. Er klebt in Lyon Herzschablonen auf Ampeln, verwandelt ein tristes Hinterhofdach in einen Tennisplatz oder lässt in Stuttgart ein sieben Meter langes Boot aus gefaltetem Papier auf dem Eckensee schwimmen. Aktionen, die weniger von künstlerischem Tiefgang als von einem sympathischen Just-Do-It-Prinzip leben.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Ballerina in a Whirlpool
Freitag, 23.03.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung mit Werken von Isa Genzken, Richard Jackson, Roman Signer und Diana Thater aus der Hauser & Wirth Collection vom 30.09. – 19.11. 2006 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Hg. von Fritz Emslander und Michaela Unterdörfer. Mit einem Essay von Michaela Unterdörfer und Beiträgen von Fitz Emslander, Karolin Kober, Sabine Sarwa und Barbara Wagner.
Snoeck Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 2006, ISBN 3-93659-47-7, 120 Seiten mit 122 (102 farb.) teils ganz- bzw. doppelseitigen Abbildungen, gebundene Ausgabe, Format 30 x 24 cm, € 24,80.
Wo ist der Kreis? Gelegentlich wirkt das Bestreben von Kuratoren, die ausgestellten Werke in einen gemeinsamen thematischen Bezug zu zwingen, etwas bemüht. In den Werken von Isa Genzken, Richard Jackson, Roman Signer und Diana Thater soll es ein gemeinsames formales Motiv geben: „einen Kreis, ein Kreismuster oder eine rotierende Bewegung“.
Karolin Kober beschäftigt sich mit den zwei- und dreidimensionalen Collagen der deutschen Biennalevertreterin 2007 Isa Genzken. Gerahmte, aus dem SPIEGEL ausgeschnittene Fotos werden in langen Linien in Augenhöhe aufgehängt und sollen den Betrachter zu einer intimen und privaten Auseinandersetzung mit den (massenmedialen) Bildern verführen. Daneben bescheibt die Autorin die fragilen Architektur-Modelle, „die sich mit der zerrissenen Beziehung von Sehen, Zeit und Maßstab beschäftigen, die in Stadtlandschaften spürbar wird“. Isa Genzken verwendet billige Materialien aus Bereichen der Populärkultur; dabei entfernt sie sich zum einen von den Betonskulpturen ihrer früheren Zeit und vom Mainstream der zeitgenössischen Plastik, der auf Masse, Größe und Dauerhaftigkeit setzt.
Der Amerikaner Richard Jackson gibt sich handfester, versteht sich als Kunstanarchist und „hinterfragt mit viel Humor und Ironie die Mechanismen des Kunstbetriebs“ wie Sabine Sarwa schreibt. Er konstruiert „Malmaschinen“, verwendet „Schusswaffen, Rasenmäher, Autos, Fiberglastiere oder Flugzeuge, die für ihn die Farbe versprühen, verschütten, herumschleudern, irgendwohin tropfen lassen oder drucken“. Und er stapelt hunderte von bemalten Leinwänden zu Skulpturen aufeinander, bildet mit ihnen Räume und Kugeln. Sein Interesse gilt dabei dem Entstehungsprozess des Kunstwerks.
Lieber ganz ohne Zuschauer arbeitet der Schweizer Roman Signer. Er ist viel in der freien Natur und lässt „Ereignisse“ ablaufen. So rollt ein Fass über eine Wiese und „hinterlässt vorrübergehend eine Spur von eingeknickten Gräsern und Halmen“. Seine „Zeit-Skulpturen“ können auch durch Explosionen schockartig in Gang kommen. Für Fritz Emslander stellt sich die Frage, ob es ein Kunstwerk ohne einen Betrachter überhaupt geben kann. „In seinen Untersuchungen der elementaren Kräfte von Wasser, Feuer, Erde, Luft verhält sich Signer der Natur gegenüber als Akteur und Beobachter in einem. Er tut dies nicht als Selbstdarsteller, sondern als eine Art Vorführer, der zugleich als Stellvertreter des Betrachters fungiert.“
Diana Thater beobachtet in ihrer Installation „China“ die Arbeit von zwei Tiertrainerinnen und zwei Wölfen mit sechs kreisförmig aufgestellten Videokameras. Die Bilder werden von sechs Projektoren wiedergegeben. „Was sich ursprünglich während der Aufzeichnung in der Bildmitte befand, spiegelt sich nun in mehrfacher perspektivischer Brechung an den Grenzen des Raumes. Das Zentrum des Kreises wird vervielfacht […] Die Aufnahmen umschließen den Betrachter wie die Glassteinchen des Kaleidoskops die Mittelachse der Pappröhre“ (Barbara Wagner).
Wo ist der Kreis? Tatsächlich findet sich allerlei zum Thema Kreis in den ausgestellten Werken, als nachvollziehbare, inhaltliche Klammer taugt er aber nicht.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Picasso und das Theater
Freitag, 23.03.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung vom 21.10. 2006 – 1.01. 2007 in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main. Hg. von Olivier Berggruen und Max Hollein mit Texten u.a. von Alexander Schouvaloff, Asya Chorley und Douglas Cooper.
Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, ISBN-13: 978-3775718721, 280 Seiten, 192 Farb- und 59 Schwarzweißabbildungen, gebundene Ausgabe, Format 28,6 x 24,8 cm, € 39,80.
Ein seltsam spröder Katalog. Picasso und das Theater? Ist das der richtige, der wirkliche Picasso? Er gebärdet sich hier nicht als egozentrischer Ausnahmekünstler, sondern zeigt sich als Teamplayer? „Mit dem Ballett ‚Parade’, das 1917 in Paris zur Aufführung kam, begannen einige außerordentlich fruchtbare Jahre der Zusammenarbeit Picassos mit dem russischen Impressario Serge Diaghilew und den von ihm 1909 in Paris gegründeten Ballets Russes. Picasso entwarf in dieser Zeit Bühnenbilder, Kostüme und mehrere monumentale Bühnenvorhänge für eine Reihe von groß angelegten Choreografien. […] Die Begegnung und Zusammenarbeit mit Jean Cocteau, Léonide Massine, Eric Satie, Igor Strawinsky und anderen Tänzern, Musikern und Choreografen haben Picasso offenkundig herausgefordert und inspiriert“, schreibt Max Hollein im Vorwort zum Katalog. Schon vor dieser Zeit identifizierte sich Picasso mit umherziehenden Schauspielern und Musikanten, die, anders als heute, eher am Rande der Gesellschaft standen. Da liegt es nahe, zu vermuten, dass er gern einen Blick ins Geschehen geworfen hat. Wenn schon nicht als Schauspieler auf der Bühne, so doch hinter den Kulissen. Außerdem war Picasso sehr interessiert an allen zwei- und dreidimensionalen Medien. Seiner manischen Sammelleidenschaft ist es zu verdanken, dass die Skizzen und Entwürfe zu den Kostümen und Bühnenbildern erhalten blieben. Aus diesem Fundus schöpft die Ausstellung, die Originale sind überwiegend verschollen. Über acht Jahre hat sich Picasso mit der angewandten Theaterarbeit beschäftigt. Er produzierte hier keine Bilder für die Ewigkeit im Museum, sondern Gebrauchskunst, die zu einer bestimmten Zeit benutzt und abgearbeitet wurde.
Alexander Schouvaloff beschreibt einen Picasso, den der Kameradschaftsgeist der Ballets Russes unter der Leitung von Serge Diaghilew begeisterte, und der auch die intensive Zusammenarbeit mochte. Dass alles passt so gar nicht zu unserem Bild des genialen Egomanen. Und in der Tat nahm Picasso wenig Rücksicht auf die anderen beteiligten Künstler. Er veränderte die bestehenden Konzepte, Figuren, Handlungsabläufe und Bauten nach seinem Gusto. Nur Diaghilew wurde von Picasso als Führungsperson akzeptiert. Außerdem war Picasso kein Freund des Balletts, sondern sprach von „blöden Bewegungen“ und verpasste den Tänzern Kostüme, die kaum Bewegung zuließen. „Er versuchte sie zum Stillstand zu bringen“, wie Ornella Volta schreibt. Douglas Cooper hingegen behauptet, dass Picasso die Bedürfnisse der Tänzer instinktiv verstand und dass seine Bühnenbilder, Kostüme, Figuren und Farben „ihre Tanznummern besonders vorteilhaft zur Geltung brachten“.
Im Ergebnis bleibt der Eindruck, dass Picasso über das Theater herfiel, alles heraussaugte, was für ihn von Nutzen war, und dann zum nächsten Opfer weiter zog. Sicherlich hat dabei auch das Theater von seiner Arbeit, vor allem von seinem Namen, profitiert und Picasso erwischte den richtigen Zeitpunkt für seinen Einstieg, denn das Theater machte am Ende des 19. Jahrhunderts große Schritte hin zum ‚Gesamtkunstwerk’ und war offen für die neuen Ideen, die Picasso bis spätestens 1925 einbrachte.
1929 starb Serge Diaghilew in Venedig. Serge Lifar, ein bedeutender Choreograf, versuchte vergebens, Picasso zum Entwurf eines Grabmals zu bewegen. „Picasso“, schreibt Lifar, „fühlte sich nicht inspiriert.“ War halt doch der richtige, der wirkliche Picasso.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Picasso. Malen gegen die Zeit
Freitag, 23.03.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung vom 21.09. 2006 – 7.01. 2007 in der Albertina, Wien, und vom 03.12. 2006 – 28.03. 2007 in der K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfahlen, Düsseldorf. Hg. von Werner Spies mit Essays von u.a.Werner Spies, Georg Baselitz und Marie-Noelle Delorme. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, ISBN-13: 978-3775718318, 304 Seiten, 305 Abbildungen, davon 263 in Farbe, gebundene Ausgabe, Format 30 x 25,8 cm, € 49,80.
Ausstellungen mit Werken von Picasso begleiten uns im Leben wie Grippewellen und werden gerne eingesetzt, um die Besucherzahlen der Museen zu schönen. Er bleibt ein populärer Vertreter der malenden Zunft, für unsere Eltern zu modern, für uns zu klassisch, aber schmerzfrei zu rezipieren. Sein Werk ist Geschichte und seine Person lastet nicht mehr bleischwer auf unserer Gegenwart.
Der Katalog versammelt über 150 Gemälde und Drucke aus den letzten Jahren seines Lebens. Zeitlicher Startpunkt ist der Umzug Picassos nach Mougin, oberhalb von Cannes, im Jahr 1961, wo er bis zu seinem Tod 1973 mit seiner zweiten Ehefrau Jaqueline Roque lebte. Im Angesicht des sich nähernden Todes arbeitete er wie besessen an immer neuen Zeichnungen, Drucken und Gemälden. Man kann in ihnen die Vorwegnahme zeitgenössischer Richtungen über die Neuen Wilden bis zu Typographie und Graffiti (!) oder „unzusammenhängende Schmierereien, ausgeführt von einem rasenden Greis im Vorzimmer des Todes“ erkennen.
Die enorme Popularität und Schaffenskraft des Künstlers provozierte Neid und Missgunst. Ruhm ist ein zweischneidiges Schwert und Picasso trug durch seinen Rückzug nach Mougen sicherlich dazu bei, dass die Stimmung sich aufheizte. Auf der einen Seite verschwand er weitgehend aus der Öffentlichkeit, auf der anderen Seite traktierte er die Welt mit immer neuen Kunstwerken, die bei Künstlern, Kritikern und Freunden Befremden auslösten.
So dreht sich der Katalog im Kern um die beiden ewigen Megathemen Neid und Alter. Die Jugend missgönnt dem Alter die Existenz, muss sich aus seinem Schatten befreien. Aber das Thema Alter ist aktuell. Man fragt sich, ob ein Zusammenhang zwischen der Konzeption der Ausstellung und der Diskussion um die vermeintliche demographische Katastrophe besteht. Das gezeigte Bild des Alterns ist freilich wenig erbaulich. Picassos Sicht kreist um Sex und Verfall.
Aus heutiger, pornografisch geschulter, gelangweilter Sicht, sind die Bilder gespreizter Frauenschenkeln keine Provokation mehr. Damals aber verbat die Zensur in Frankreich die öffentliche Ausstellung seiner Bilder mit allzu eindeutigen Darstellungen. Picasso malte, was er am meisten vermisste. Die bedrückende Frage der Ausstellung ist: Was muss einem Menschen geboten werden, damit er in Zufriedenheit und Würde altern kann?
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Francis Bacon. Die Gewalt des Faktischen
Dienstag, 20.03.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung vom 16.09. 2006 – 07.01. 2007 in der K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Hg. von Armin Zweite in Zusammenarbeit mit Maria Müller mit Texten von Peter Bürger, Martin Harrison, Armin Zweite und Daria Kolacka. Hirmer Verlag, München, 2006, ISBN-13: 978-3-7774-3235-9, 224 Seiten mit 110 farb. Abb., gebunden, Format 23 x 30 cm, € 34,50.
Was für ein Katalog! 360 Fußnoten, davon allein über Hundert in den sieben Anmerkungen von Armin Zweite über Bacons ästhetische Vorstellungen. Wir lesen: „Hier sind, über das Ästhetische hinausgehend, schöpferisch-evolutionsbiologische, quantenphysikalische Ursachenlosigkeit und Instabilität dynamischer Systeme von Gewicht…“. Grundgütiger! 160 Seiten Text stehen 90 Seiten mit Gemälden gegenüber, wobei im Bildteil noch ausführliche Kommentare Platz finden, die ihrerseits über 100 Fußnoten nach sich ziehen. Hier wird wirklich alles unter dem kalten Licht der Kunstgeschichte seziert, gewichtet und ausgeweidet. Kein Krümel des Atelierbodens, der nicht einer ausführlichen Untersuchung unterzogen wurde, keine farbbefleckte Fotoecke, die nicht halbseitige Erläuterungen nach sich zieht. Ein kunst-, kultur- und philosopiegeschichtlicher Bombenteppich, der seinen Titel zu recht trägt: Die Gewalt des Faktischen.
Soll ich da jetzt noch Plattitüden erzählen von Bacons Lebensweg zwischen Chaos, Rebellion und Homosexualität, seinen autodidaktischen ersten Schritten hin zum gefeierten Künstler, seinen Exzessen und Depressionen, seinen Bildern mit verzerrten, deformierten, leidenden, schreienden, in sich verknäulten Menschenfleischhaufen? Ich doch nicht! Der geneigte Leser möge sich den Katalog kaufen und besonders auf die Fotos von Perry Ogdenaus achten. Er fotografierte Bacons Atelier, bevor es nach dem Tod des Malers der Hugh Lane Municipal Gallery of Modern Art in Dublin geschenkt wurde und komplett, mit Wänden, Installationen, jedem Papierschnipsel und allen Pinseln, nach Irland verschifft und dort wieder aufgebaut wurde. Das Atelier wirkt wie eine Folterkammer, wie ein Filmstill aus einem Horrorstreifen, kurz bevor das Grauen aus dem dunkelsten Winkel hervorspringt. Die Staffelei ragt bedrohlich wie eine Guillotine im Bildvordergrund auf und an der gegenüberliegenden Wand findet sich ein runder, fleckiger und halbblinder Spiegel, der Künstler und Werk in schlierigen Verzerrungen in den Vorhof der Hölle zieht. Das ist gruseliger als alle seiner Bilder.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).