Rudolf Jahns. Malerei und Grafik
Montag, 30.04.2007
Rudolf Jahns, geboren 1896 in Wolfenbüttel, Finanzbeamter in Holzminden, autodidaktischer Künstler, gestorben 1983: Das Sprengel Museum in Hannover besitzt jetzt alle seine Werke als Dauerleihgabe und feierte dies im Herbst 2006 mit einer großen Ausstellung. Der Katalog versammelt stolze 11 Textbeiträge zu allen Aspekten des abstrakten Oeuvres. Der Künstler erhielt zu Lebzeiten eine Reihe öffentlicher Ehrungen und seine Tochter setzt post mortem alle Hebel in Bewegung, ihm ein Plätzchen im Künstlerhimmel zu sichern. Aber es ist schon ein wenig öd, das Leben und Schaffen in der Provinz.
Ein introvertierter, abstrakt malender Künstler in Holzminden. Keine Skandale, keine Obsessionen; zum Sinn seines Schaffens befragt antwortet er: „Ich möchte, dass die Menschen mit meinen Bildern leben. Dass sie sich in ihrer Gemeinschaft auf sich selbst besinnen, sich sammeln und Ruhe finden in einer Welt der Unruhe und Hektik.“ Er gilt als der Poet oder Musikant des Konstruktivismus, gar als einer der „Begründer des Konstruktivismus in Deutschland“, erfreut uns mit Sinnsprüchen wie „Malerei! Was ist das (?), wenn nicht Leben“ oder „Ich will die Harmonie und den Klang“. Er lebte interessiert in seiner Zeit aber abseits des wirbelnden Malstroms künstlerischer Zentren. Als Autodidakt konnte er mit dem Vokabular und den Gepflogenheiten der künstlerischen Kreise nicht viel anfangen. Beruflich und familiär gebunden, konnte oder wollte er nicht den entscheidenden Schritt zum „freien“ Künstler machen. Seine Lebenschance schwamm am 24. Februar 1927 an ihm vorüber, als Kurt Schwitters in Jahns’ Atelier einen „Merz-Abend“ veranstaltete. Auch wenn er Mitglied der im März 1927 gegründeten Gruppe „die abstrakten hannover“ wurde: Rudolf Jahns musste seinen eigenen Weg gehen.
Aus seinen Notizbüchern hat er in den letzten Lebensjahren alles zu Persönliche entfernt. Aus den Kriegsjahren, als er, mit Malverbot belegt, sich wieder gegenständlich Themen widmen musste, sind keine Bilder im Werksverzeichnis enthalten. Seine Skizzenbücher hat er zensiert. Seine Tochter, jahrelang mit der „Bewahrung, Sichtung und Erarbeitung des Werkes“ beschäftigt, hat auch noch einiges vernichtet: Alles wurde wohl geordnet, glatt gebürstet, auf Linie und ins Museumsdepot gebracht. Mission erfüllt – Andenken gesichert?
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Annalisa Sonzogni. Teorema Praha Torino Lyon
Freitag, 27.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Nepente Art Gallery, Milano, 2005. Hg. von Filippo Maggia. Mit Texten von Régis Durand und Andrea Branzi. Edizione Nepente, Milano, 2005, ISBN 88-6007-000-7, 120 Seiten, 43 Farbabb., gebunden, 27 x 24 cm, € 40.
Die 1973 in Sarnico, Bergamo, geborene Künstlerin begibt sich in den Städten Prag, Turin und Lyon auf eine nächtliche Spurensuche.
Fotografien von Städten haben immer etwas dokumentarisches, die eigentliche Faszination liegt aber darin, die Gegenwart einer geballten Lebensenergie zu spüren. Die Stadt bildet eine „Schule der Welt“, wie Régis Durand in seinem Textbeitrag schreibt, wo sich alle Entwicklungen und Erfahrungen sammeln, um von hier zu neuen Ufern aufzubrechen. Die Künstlerin nähert sich diesem vermeintlichen Basislager des Fortschritts in der Nacht. Alle Hektik ist erstorben, die Straßen sich leer, die Menschen haben sich in ihre Behausungen zurückgezogen. Die Nacht verleiht den Fotografien eine „cinematografische Realität“. Auch wenn kein Mensch zu sehen ist, erwartet der Betrachter jeden Moment den Beginn eines Dramas. Eine Fenster oder eine Tür wird sich öffnen, ein Mensch tritt heraus, eine Geschichte beginnt. Doch noch ist die Bühne leer, nur die Kulisse lebt, Licht dringt durch die Fenster, bricht diffus durch Vorhänge, blitzt grell aus Straßenlaternen; das Set ist bereitet, wo bleiben die Akteure? Es ist eine eigenartige, fast gespenstische Atmosphäre, die Annalisa Sonzogni in ihren Fotos festhält.
Andrea Barazi betont in ihrem Beitrag eher die Uniformität der Städte. Ohne visuelle Anhaltspunkte wie historische Gebäude wirkt jede Stadt gleich und austauschbar. Sie schreibt, „die wirkliche Tragödie ist das Verschwinden der Tragödie“. Die Welt der Menschen ist trübsinnig geworden, gibt sich zufrieden mit der virtuellen, medial verbreiteten Möglichkeit von Veränderung, ohne diese für sich aktiv einzufordern. Wer unter Menschen zufrieden ist und ruhig in einem gesellschaftlichen Kontext mit schwimmen möchte, wird die Bilder beruhigend finden. Wer tatsächlich zu neuen Ufern aufbrechen möchte, wird sich den Weg freikämpfen müssen – nur gegen wen tritt er an?
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
anders als immer. Zeitgenössisches Design und die Macht des Gewohnten
Donnerstag, 26.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe vom 13.09. – 22.10. 2006. Hg. vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Stuttgart. Mit Texten von u.a. Volker Albus und Uta Brandes. Selbstverlag, Stuttgart, 2007,
2 Bd.; 1: 95 Seiten mit 115 Farbabb.; 2: 168 Seiten, Pappband, 25 x 21 cm, € 16.
Wer immer schon mal wissen wollte, warum er sein Heim mit instabilen Wackelregalen, Stühlen mit eingebauten Staubsaugern oder Waschbecken aus weichem Polyurethan verschönern sollte: Der kleine, zweibändige Katalog gibt einen kompakten Überblick über Sinn und Hintergründe modernen Designs. Ein wesentlicher Antrieb der Jungkreativen ist dabei das Aufbrechen festzementierter Seh- und Lebensgewohnheiten. Wer beim Stichwort „Sessel“ an etwas anderes denkt, als an einen gemütlichen Lese- oder Fernsehabend, findet sich schon im Fahrwasser der Avantgarde – das sind allerdings nur wenige. Dabei geht es den Designern nicht um die billige Provokation mit unbenutzbaren Nagelstühlen oder Betten aus gepresstem Müll, sondern um „Brüche mit der Macht des Gewohnten“, die allerdings eine gewisse Aufgeschlossenheit beim Betrachter (und zukünftigen Konsumenten) voraussetzen. Design spiegelt darüber hinaus auch die Veränderung in unserer Lebenswelt, z.B. den Zwang zur Mobilität, und eine zunehmende psychische Verunsicherung, die die fortschreitende Globalisierung mit sich bringt. „Doch gelingt es Designern […] tatsächlich, ein „anders“ gestaltetes Produkt erfolgreich auf dem Markt zu platzieren, haben gerade solche Entwürfe nicht selten einen partiellen Paradigmenwechsel zur Folge.“ Über die Readymades von Marcel Duchamp, Ettore Sottsass’ skulpturalen Raumteiler „Carlton“, Philippe Starcks berühmte Zitronenpresse „Juicy Salif“ bis zu Konstantin Grcic’ vermeintlich instabilem Regal „es“: Der Katalog gibt einen unterhaltsamen Überblick über Quellen, Wegbereiter und Gegenwart modernen Designs, angereichert mit Interviews und einigen Anekdoten, die zeigen, dass nicht nur geniale Köpfe, sondern auch Zufall und Notwendigkeit eine wichtige Rolle spielen.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Odilon Redon. Wie im Traum
Mittwoch, 25.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 28.01. – 29.04. 2007 in Berlin. Hg. von Margret Stuffmann und Max Hollein. Mit Texten von u.a. Markus Bernauer und Barbara Larson. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2007, ISBN 978-3-7757-1893-6, 336 Seiten, 325 Farbabb., Klappbroschur, 29,6 x 24,7 cm, € 39,80.
„Ich weiß, dass es für mich kein Licht gibt, außer dem des Mondes, noch irgendwelche Fröhlichkeit; doch in meiner neuen Freiheit ist mir die Bitternis meines Ausgestoßenseins beinahe willkommen“, schrieb H.P. Lovecraft 1926 in einer seiner Schauergeschichten. Vielleicht hat er die Bilder von Odilon Redon gekannt. Der Maler starb 1916 und gehört zu den „wichtigen Wegbereitern der Moderne, vor allem des Surrealismus“.
Die Rolle des Außenseiters gehört bei Redon zum Kanon, keine Berichterstattung kommt ohne einen Hinweis auf seine kränkelnde Konstitution und die ländliche Einsamkeit seiner Kinderzeit aus. Vielseitig begabt und gefördert, interessiert an Kunst, Philosophie, Literatur, Dichtung und dem naturwissenschaftlichen Fortschritt seiner Zeit, entwickelte Redon in der Zeit zwischen endendem Naturalismus und aufsteigendem Symbolismus eine ganz eigene Art des Umgangs mit der Wirklichkeit. Während die künstlerische Avantgarde sich aufmachte, die Wirklichkeit visuell zu erkunden, flüchtete Redon ins Erahnte und Erdachte. Ewald Rathke schreibt: „Redon war also in mehrfacher Hinsicht Außenseiter und Einzelgänger gegenüber der akademischen Tradition und gegenüber seinen progressiven Zeitgenossen.“ Seine Welt ist bevölkert mit affenähnlichen Zyklopen, Waldgeistern, geflügelten Mischwesen und religiös-mythischen Gestalten; für ihn stellten der Traum und die Imagination eine Einheit dar. „Meine Gaben haben mich in die Welt des Traumes geführt; und ich habe die Folterungen der Fantasie und die Überraschungen, die sie mir mit dem Zeichenstift bescheren, über mich ergehen lassen.“
Der sehr konzentrierte Katalog nähert sich dem Maler mit Beiträgen von Autoren unterschiedlicher Disziplinen. Ungewöhnlich intensiv werden Redons Leben, die Inhalte seiner Bilder und deren Technik mit den Zeitumständen verwoben. Marie-Pierre Salés Beitrag zu den Kohlezeichnungen fragt nach der Stellung der Noirs innerhalb der französischen Zeichenkunst. Bis 1890 arbeite Redon überwiegend mit Kohle. Allerdings verstand er, im Gegensatz zu anderen Künstlern, Schwarz durchaus als Farbe. Es ging also bei seiner Entwicklung nicht um den Gegensatz Schwarz vs. Farbe, sondern um Dunkelheit vs. Licht und Fläche vs. Raum. Andere Beiträge konzentrieren sich auf Einflüsse aus der Literatur, den Naturwissenschaften oder die Parallelen zwischen dem neuen Medium Fotografie und Redons Werk, wie dem der Wirklichkeitsfragmentierung und dem Fehlen einer erzählerischen Struktur.
Bei den vielen Interessen, Ausstellungen, Salonbesuchen und freundschaftlichen Korrespondenzen fragt man sich, warum Redon immer als Außenseiter tituliert wird. Die Themen seiner Malerei mögen am Zeitgeist vorbeigelaufen sein, ansonsten führte er offensichtlich ein reiches gesellschaftliches Leben. Vielleicht würde man ihn heute als „Original“ bezeichnen, aber am Ende seines Lebens war Odilon Redon weit entfernt von Lovecrafts ausgestoßener Kreatur.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Günter Thorn. Thorn
Freitag, 20.04.2007
Die Publikation erscheint begleitend zur Ausstellung „Kalkül und Romantik“ im museum kunst palast Düsseldorf, Glasmuseum Hentrich vom 03.03. – 16.09. 2007. Hg. von Ingrid Leonie Severin. Mit Beiträgen von Otto Piene, Sandrina Khaled und Ingrid Leonie Severin. Kehrer Verlag, Heidelberg, 2007, ISBN 978-933-257-92-5, 64 Seiten, 7 Farbabb., 25 s/w-Abbildungen, gebunden, 23,3 x 27,3 cm., € 19,80
Obwohl die Ausstellung des 1954 geborenen Künstlers im Glasmuseum Hentrich zu sehen ist, macht ausgerechnet der Leiter dieser Institution erstmal klar, dass innerhalb der Kunstrichtungen ein weitgehend „abgeschottetes Glasghetto“ entstanden sei, und dass Thorn „mit all dem nichts zu tun hat“, sondern von Vorstellungen ausgeht, „wie sie die Künstler seit Jahrhunderten beschäftigen“, während der einfache Glaskünstler dem Materialdiktat zu folgen habe. Der Mann muss es wissen, allerdings werden nicht viele Glaskünstler ihr Plazet für diese Aussage geben. Gegen die schwitzenden Ofensteher stellt nun also Günter Thorn, der in der nahegelegenen Kunstakademie studierte, seine Skulpturen zur Diskussion. Er arbeitet überwiegend mit einfachen Glasscheiben. Sie werden entweder mittels Magneten in einer gewünschten Position gehalten, wobei der unsichtbare Magnetismus mit dem (fast) unsichtbaren Material korrespondiert, oder sie stecken als Keile in Holz-, Eisen- und Betonstelen. Kann die Konstruktion stabil sein? Ist Glas nicht zu fragil? „Eine vorläufige Antwort Thorns […] könnte lauten: ‚Das Feste, Stabile ist Illusion, das scheinbar Prekäre, das Instabile, Dynamische ist fester und stabiler als erwartet […]’“, schreibt Ingrid Leonie Severin.
Ein weiters Thema des Künstlers sind Tore. Das Werk „Industriedenkmal – Tor und Würfel” (1988/89, Eisen, Leuchtstoffröhren, 240 x 160 x 200 cm, 97 x 97 x 97 cm.) könnte mit seinen vielen Leuchtröhren eine strahlende Helligkeit verbreiten, die den Betrachter hinein- und hindurchzieht. Tore bieten ähnlich wie Glas Ein- und Durchblicke auf andere, unbekannte und noch verschlossene Gegenseiten, suggerieren eine Durchlässigkeit, die sich schnell umkehren kann, wenn die Tore geschlossen werden.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Tim White-Sobieski. Awakening
Donnerstag, 19.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Michael Schultz vom 10.03. – 21.04. 2007 in Berlin. Hg. von der Galerie. Mit Texten von Sabine Brümmer und John Pultz. Selbstverlag, 2007, ISBN 3-939983-05-5, 50 Seiten, 14 Farbabb., Broschur, 21 x 28 cm, € 15.
Tja, was tut man als 15-jähriger Jungspund, wenn der Paps Fotos machen will und eine Flucht unmöglich ist: Man schaut erstmal uninteressiert und ist mit den Gedanken woanders. „Awakening“ nennt Tim White-Sobieski seine Serie von Fotos, die vor allem eins zeigen – seinen Sohn am Rande des Erwachsenwerdens. Dank digitaler Technik auf vielen Fotos gleich mehrfach, vor stockfinsterem Hintergrund, in sich versunken, mit einem Jojo oder ohne – vor allem ohne Hemd.
Der geheimnisvolle Nachthimmel, das dunkle Leben, das vor ihm liegt, steckt – vielleicht – für den Jungen voller wilder Versprechungen, vielleicht aber auch nur voller langweiliger Soaps im Fernsehen. Wenn er im Bild „Down the Road“ (2006, C-print Diasec kaschiert, 60 x 75 cm) halb nackt an einem Straßenrand posiert, mit im Hintergrund glitzernden Autolichtern, dann bieten sich hier die Optionen Straßenstrich oder Aufbruch in die weite Welt an. Das Werk „Help (Terminal)“ (2007, C-print Diasec kaschiert, 120 x 180 cm) beleuchtet den verdoppelten Knaben, die Arme hochreißend, im modischen Leinen-Outfit vor einer Reihe unscharfer Lichtpunkte. Es könnten Spots sein, die den Star des Abends illuminieren, aber auch Suchscheinwerfer, die einen flüchtigen Drogendealer stellen. Anything goes. Everything is possible. Und los geht die wilde Hatz: Das Leben bietet ein 5-prozentiges „Vielleicht“! Bevor es dir mit einem 100-prozentigen „Bestimmt“ alles wieder entreißt, solltest du deine Chancen nutzen.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Paul Klee. Tempel – Städte – Paläste
Mittwoch, 18.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Basel vom 14.10. 2006 – 14.01. 2007. Hg. von Ralph Wagner. Mit Beiträgen von Kathrin Elvers-Švamberk, Eva Leistenschneider, Ralph Melcher und Christoph Wagner. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2006, ISBN 978-3-7757-1822-6, 200 Seiten, 175 Abb., davon 136 farbig, gebunden mit Schutzumschlag, 28,60 x 21,80 cm, € 35.
Die Ausstellung in Saarbrücken versammelt rund 140 Exponate zum Thema Baukunst und Urbanistik des 1879 bei Bern geborenen Malers Paul Klee. Der Katalog beschreibt die Architektur als „eine Art Paradigma seines bildnerischen Verfahrens überhaupt“. Immer wieder begegnet man im Werk des Künstlers Formen und Strukturen, die sich der Architektur nähern. „Das Verwandeln eines architektonisch gefassten, ‚realen’ Raums in irrationale, subjektive Raumparaphrasen scheint für Klee zeitlebens einen eigentümlichen Reiz beinhaltet zu haben.“ Die Texte im Katalog führen uns durch sein Leben: die inspirierenden Reisen in den Mittelmeerraum, der enge Kontakt mit Wassily Kandinsky und dem Umkreis des Blauen Reiters. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Klee mit seinen Künstlerkollegen August Macke und Louis Moillett eine kunsthistorisch viel beachtete Reise nach Tunis und Umgebung an, die für ihn zum existenziellen Ereignis wurde: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Kurz danach floh er vor den Kriegsgräueln in innere Vorstellungswelten. Der Fronteinsatz blieb ihm jedoch erspart. Anfang 1915 notierte er in sein Tagebuch: „Je schreckenvoller diese Welt (wie gerade heute) desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.“ 1921 beginnt er seine Lehrtätigkeit am Bauhaus. Wie für viele Künstler seiner Zeit wurde die Abstraktion zum hymnisch verehrten Leitstern, dem alle möglichen und unmöglichen Fähigkeiten, bis hin zur religiös-mystischen Weltoffenbarung, zugesprochen wurden. Im Bauhaus wurde der Wille zur Erschaffung einer durchkonstruierten Wirklichkeit noch verstärkt. „Freilich hat Klee vor dem Hintergrund der zunehmenden Rationalisierung der konstruktiven Aspekte in der künstlerischen Arbeit am Bauhaus auch zu mahnen begonnen: ‚wir konstruieren und konstruieren und doch ist intuition [sic] immer noch eine gute Sache’.“
Ein sperriges, eher unterkühltes Thema, dem die Autoren beizukommen versuchen, indem sie darauf verweisen, dass Klee die abstrakt-geometrischen Kompositionen ins Poetische überhöht. Bei den gezeigten Arbeiten überwiegt allerdings als Eindruck die kalt berechnete, ewige Wiederkehr des Kubus.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
A.C.A.D.E.M.Y
Freitag, 13.04.2007
Publikation zu einer Ausstellungs- und Projektreihe in Hamburg, Antwerpen und Eindhoven von Januar 2005 bis November 2006. Hg. von u.a. Angelika Nollert und Irit Rogoff. Mit Texten von u.a. Jorella Andrews und Gavin Butt. Revolver Verlag, Frankfurt am Main, 2006, ISBN 3-86588-303-6, nur in englischer Sprache, 280 Seiten, 38 s/w und 123 Farbabb.,Broschur, Format 21 x 17cm, € 25.
Im Internet steht zu lesen: “‚Akademie’ war eine internationale Ausstellungs- und Projektreihe, die das Siemens Arts Program in Kooperation mit dem Kunstverein Hamburg, dem Department of Visual Cultures am Goldsmiths College in London, dem Museum van Hedendaagse Kunst Antwerpen (MuHKA) und dem Van Abbemuseum in Eindhoven initiiert hatte. Die Reihe sollte zur Reflexion über das Potenzial der Akademie innerhalb der Gesellschaft anregen.“ Eigentlich eine tolle Sache und die Publikation versteht sich als eigenständiger Beitrag – hoffentlich nicht der Beste; das Taschenbuch ist unter der Last des aufzunehmenden Inhalts schier implodiert. Ein leseunfreundliches, dicht gedrängtes Layout setzt die Bereitschaft zur Lektüre der vielen schwer verdaulichen, englischen Texte über Lehrer, Lehre und Lernende auf Null. Das Projekt „bestand aus insgesamt drei Ausstellungen und Projekten, einer Vortragsreihe und zwei Symposien sowie einem Workshop und einer Konferenz, zu denen über 70 Künstler, Künstlergruppen, Kunsttheoretiker und Kulturschaffende eingeladen waren.“ Und all das musste nun zwischen zwei Pappdeckel gequetscht werden. Nicht so schlimm, wären die künstlerischen Arbeiten, die „Visual Essays“ des Buches, von kreativer Ruhe und der Einsicht in die Freuden der Kontemplation durchzogen. Mitnichten. Auch die Künstler geben sich geschwätzig, präsentieren Materialhaufen und Textberge, die zu besteigen vielleicht ehrenhaft wäre, sähen die Arbeiten nicht gar so studentisch aus.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Kandinsky. Malerei 1908–1921
Montag, 09.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Basel vom 21.10. 2006 – 04.02. 2007. Hg. von Hartwig Fischer und Sean Rainbird. Mit Beiträgen von u.a. Shulamith Behr und Sean Rainbird. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2006, ISBN 978-3-7204-0166-1, 232 S. mit 146 (110 farb., teils ganzseit.) Abb., Klappbroschur, Format 29 x 24,5cm, € 36,-.
Reinhard Zimmermann beschreibt den Weg des 1866 in Moskau geborenen Wassily Kandinskys in die Abstraktion. „Er zählt zu den ersten Künstlern, die die Gegenständlichkeit hinter sich ließen und eine ‚reine’, nicht gegenständliche Malerei verwirklichten.“ Prägende Einflüsse sind in der Transnationalität des Künstlers zu finden. Mit Deutschland und seiner Wahlheimat München verbindet den Künstler vor allem die Musik von Richard Wagner; so „abstrakt“, so reich wie Wagners „Klangfarbenorchester“, wünscht sich Kandinsky auch seine Bilder. Aus Frankreich bezieht er seine Begeisterung für die Bilder von Claude Monet, die er in einer Impressionisten-Ausstellung 1896 in Moskau sieht. Der französischen Lebensart steht er jedoch distanziert gegenüber. Zu Moskau hat er die stärksten emotionalen Bindungen; die Stadt, mit ihrer „visuellen Kraft“, ist sein „Leitmotiv“.
„Für Kandinsky ist Kunst Sprache, ihr Zweck Ausdruck, Mitteilung, Kommunikation“, schreibt Zimmermann. Die Bilder sollen „Vibrationen“ in der Seele des Betrachters auslösen. Jede Farbe und jede Form erhält einen bestimmten „Empfindungswert“, der die Seele in einer bestimmten Art ansprechen soll. „Kandinskys künstlerische Entwicklung ab 1908 erscheint rückblickend als kontinuierlicher Prozess, der 1913 in der völligen Abstraktion endet.“ Innerhalb dieses Prozesses beschreibt Zimmermann aber durchaus Diskontinuitäten: Das Gegenständliche taucht in einigen Werken wieder auf und auch in den abstrakten Bildern lassen sich gegenständliche Bildmotive identifizieren, was die generelle Frage nach den Interpretationsmöglichkeiten in der abstrakten Kunst aufwirft.
Shulamith Behr beleuchtet die kreative Partnerschaft des Künstlers mit Gabriele Münter und seine Freundschaft zu Franz Marc in Verbindung mit der Entstehung und Entwicklung des Almanachs „Der Blaue Reiter“. Noemi Smolik veranschaulicht die Bedeutung russischer Kultur für Kandinsky, Bruno Haas analysiert seine Farben. Er beschreibt Farbakkorde und -temperaturen, Farben „wie von einem anderen Planeten“, „fremde“, „blitzende“ Farben voll „dröhnender Spannung“…erstaunlich, welche Ausführlichkeit man jedem Farbfleck widmen kann. Aber bleibt die abstrakte Kunst dabei sinnlich? Zeit seines Lebens hat sich Kandinsky gegen eine Überbetonung der Formfrage gewehrt. Aber je weiter die Entwicklung des Künstlers voranschreitet, desto mehr scheint sie um sich selbst zu kreisen, scheint sie sich von der Sinnlichkeit zu entfernen. Die Kraft der Bilder erschließt sich nicht mehr direkt, sondern allenfalls theoretisch in der analysierenden Betrachtung.
Sehr reichhaltige Publikation mit umfangreicher Biografie und Bibliografie. Dem Thema angemessen komplex, lesenswert aber anstrengend.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Ann Mandelbaum. Thin Skin
Sonntag, 01.04.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen vom 26.02 – 09.04 2006. Hg. von Peter Weiermair. Mit Texten von Victoria Combalia, Beate Ermacora, Annett Reckert und Peter Weiermair. Verlag Hanje Cantz, Ostfildern, 2006, ISBN 978-3-7757-1655-0, 144 Seiten, 73 Abb., davon 49 farbig, gebunden, Format 31 x 25,5cm, € 35.
Die vier Textbeiträge dieser Publikation sind recht kurz und kommen selbst mit einem extragroßen Zeilenabstand nicht über jeweils vier Seiten hinaus, wobei der Inhalt in vielen Teilen auch noch ähnlich ist. Nichts gegen ein wenig Redundanz aber über die Künstlerin erfährt man lediglich, dass sie in New York lebt, sonst nichts. Dafür wird man wiederholt darüber belehrt, dass die Künstlerin „verrätselte Körperbilder“ fotografiert und dass ihre Technik der Körperfragmentierung und Solarisation an surrealistische Künstler wie Man Ray und an Buñuels Film „Un chien andalou“ denken lässt. Besonders Augen, Wimpern, Münder und Zungen haben es ihr angetan. Die extreme Nähe provoziert beim Betrachter einen Zustand zwischen Erregung und Ekel. „Erst nach längerem Hinsehen wird man sich bewusst“, schreibt Renate Ermacora, „dass das, was man zunächst für sexuell besetzt und mitunter für obszön hielt, eine einfache Hautfalte am Auge oder am Ellbogen ist“. Im dreidimensionalen Bereich arbeitet Ann Mandelbaum mit Silikonabdrücken von Körperteilen. Daneben gestaltet sie winzige, zentimetergroße Objekte, die an Insekten oder Kleinstkörperteile von fremdartigen Wesen denken lassen. Sicher, die isolierten Hände, Füße und Gelenke erinnern an anatomische Sammlungen, viele Körperöffnungen und Hervorwölbungen haben eine Ähnlichkeit mit Geschlechtsteilen, sind mit „oral-analen Bedeutungsebenen“ aufgeladen. „Man könnte sagen“, schreibt Victoria Combalia, „dass in Anns Werk eine Erotisierung aller Organe und der kleinen Gesten existiert“ Aber müssen sich das vier Autoren gegenseitig bestätigen? Der Leser würde gerne mehr, er würde gerne überhaupt etwas über die Künstlerin, ihre Einstellung zum Körper, zur Verschiebung eigener und fremder Schamgrenzen und sexueller Konnotationen erfahren. Nichts! Moment, hier steht etwas, letzte Seite, letzte Spalte: Ann Mandelbaum, geboren 1945 in Wilkes-Barre, Pensilvania, lebt und arbeitet in New York.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).