Op Art
Montag, 28.05.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt vom 17.02. – 20.05. 2007. Hg. von Martina Weinhart und Max Hollein. Mit Texten von Martina Weinhart, Frances Follin und Claus Pias. Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 2007, ISBN 978-3-86560-206-0, 320 Seiten, ca. 220 farbige Abb., Klappbroschur, Format 28 x 24m, € 29,80.
Die Op Art war mal wieder etwas ganz Neues im kulturellen Teilchenbeschleuniger der Nachkriegszeit. Das Alte war im vorliegenden Fall das Informel. „Die expressiven Gesten des traditionellen Künstlers“, wie Martina Weinhart in ihrem einführenden Text schreibt, galt es nun zu überwinden. Dem genialen Kunst-Einzelkämpfer wurde die anonyme Gruppe entgegen gesetzt, die sich mit Straßenaktionen in die Öffentlichkeit wagte. Kunst sollte „sozial“, gar „proletarisch“ werden. Es wurden mal wieder viel kämpferischer Pathos produziert und Manifeste geschrieben, die mal wieder den „wahren Charakter des Lebens“ fest im Blick hatten. Sieht man sich die Fotos von Künstlergruppen wie GRAV, Gruppo N, Gruppe MID oder ZERO an, die im Umfeld der Op Art wie Pilze aus dem Boden schossen, sehen die jungen Künstler aber nicht wie finstere Dogmatiker aus: Künstler wie Victor Vasarely, Bridget Riley und Jesús Rafael Soto wollten sicherlich auch Spaß an einer Kunst haben, die sehr schnell eine globale Verbreitung fand und die „auch ohne Vorkenntnisse auszukommen und eine spontane Lesbarkeit des Werks zu garantieren vermag“. Mit ihrer Illusionskunst, optischen Netzhautverdrehungen, Spiegelräumen, Stroboskopblitzen und lustig schlingernden kinetischen Objekten fand die Op Art ihren Höhepunkt Mitte der 60er Jahre, die eingängigen Motive fanden sich zunehmend als modisches Dekor auf diversen Fliesen, Lampen und Suppentassen, das Publikum ermüdete und suchte sich den nächsten Kick, die Op Art verschwand in den Archiven.
Dem Katalog in bewährter Schirn-Qualität merkt man an, dass die ganze Kunstrichtung stark angestaubt ist. Dem sehr guten Einführungstext folgen zwei knappe Texte zu den Verbindungen von Op Art und Happening von Frances Follin sowie „Der Op Art-Generator“ von Claus Pias zum Thema Op Art und Algorithmus/Maschinenkunst. Auch wenn die Beeinflussung zwischen Op Art und zeitgenössischer Kunst immer wieder betont wird, so richtig zwingend wirkt die Verbindung nicht. Op Art scheint ein abgeschlossenes Kapitel der Kunstgeschichte zu sein mit wenig Wirkung ins Hier und Jetzt. Aber schön bunt war´s.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Phillip Zaiser / Amalia Theodorakopoulos scelesti
Sonntag, 27.05.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 12.01. – 11.02. 2007. Hg. vom mkh 1 Mainz und Helmut A. Müller. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2007, 24 S. mit 29 Farbabb., Broschur, Format 27,5 x 21 cm, € 10
Manche Kataloge machen es einem nicht leicht. Nicht ein einziger erklärender Satz ist in der Publikation zur Ausstellung „Scelesti“ (Frevler) erschienen. Dabei sind die Werke von Phillip Zaiser und Amalia Theodorakopoulos alles andere als selbsterklärend. Zaiser (geb. 1969) profiliert sich vor allem mit drastischem Aktionismus wie einem verwüsteten Hotelzimmer, betitelt mit „Bitte Zimmer aufräumen“ oder einem Indoor-Motocross-Parcous und stellt für „Scelesti“ einen fast fünf Meter hohen Goliath aus Baumarkt-Materialien ins Treppenhaus des Hospitalhofturms – ähnlich seiner riesigen geflügelten Siegesgöttin Nike, die er 2006 in Berlin ausstellte. „Die Wahl der medialen Form bricht den erhöhenden Charakter des Denkmals“ schrieb die Galeristin dazu und entsprechendes lässt sich wohl auch zum Goliath sagen, der auf seinen stelzigen PU-Schaum-Füßen etwas wacklig daherkommt. Auch bei Theodorakopoulos’ (geb. 1971) grautonigen Gemälden geht es um die Frage, inwieweit ein Kunstwerk eine (historische) Begebenheit überhöhen und verfälschen kann und welche künstlerischen Mittel zur Verfügung stehen, diese (vom Publikum zumeist gebilligte oder gar dankbar angenommene) persuasive Kommunikation zwischen Werk und Betrachter aufzubrechen.
Felix Winter. Neue Formen, Arbeiten auf Papier 1925-1975
Freitag, 25.05.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung vom 04.02. – 07.05. 2006 im Kunstmuseum Stuttgart. Mit einem Text von Karsten Müller. Hg. vom Kunstmuseum Stuttgart. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 20056 ISBN 978-3-7757-1722-9, 193 Seiten, 269 Farb- und 14 s/w Abb., gebunden, Format 30 x 23 cm, € 35
Kurz nach dem Krieg hatte der abstrakte Maler Fritz Winter seine große Zeit, wurde durch die Museen gereicht und profitierte dabei vom Hunger nach neuen Wegen in der Kunst bzw. vom Anknüpfen an den im Nationalsozialismus verbotenen künstlerischen Ausdruck der Moderne. Diese abstrakte Kunst heute noch zu vermitteln, fällt schwer, sie wirkt bemüht und überholt. „Man wird eine Frische sehen, die vielen nicht bewusst ist“, verspricht Kurator Karsten Müller. Für ihn sind gerade das Serielle in den Werken und die technische Experimentierfreudigkeit des Künstlers sehr modern und so geht er davon aus, dass sie auch ein zeitgenössisches Publikum ansprechen. Die Süddeutsche Zeitung ist da weniger enthusiastisch und spricht über „kohlehaldendunkles Balkengewirr“ und über einen „von Kohlestaub geadelten Ruhrgebiets-Picasso“, dem es aber in einigen Phasen durchaus gelang, „schöne formale Lösungen“ zu finden, „um das klassisch-romantische Empfinden des Erhabenen im Sinne der Moderne zu aktualisieren“. Aber eine ganze Werkschau mit 250 Bildern äußerst unterschiedlicher Qualität? Auch dem Katalog merkt man an, dass er Begründungen sucht, warum man sich heute in dieser Ausführlichkeit mit dem Werk von Fritz Winter beschäftigen soll. Doch er kann noch so sehr den Mikro- und Makrokosmos beschwören, Klang und Rhythmus bemühen, des Malers Lehrjahre bei Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und Paul Klee anmerken oder auf die Fülle von Themen und auf die Welt als Ganzes, die sich in Pflanzenformationen und Sternenbildern zeigt, hinweisen: Es bleibt Kunst, deren Wirkung an bestimmte historische Konstellationen gebunden ist; Kunst, die sich aus ihrer Zeit erklärt, aber die auch nur in ihrer Zeit funktioniert.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Vasco Araújo
Sonntag, 20.05.2007
Hg. von ASIAC Portugal. Mit einem Text (portugiesisch/englisch) von John Welchman. Corda Seca, Edições de Arte SA, Lissabon, 2007, ISBN 978-972-8938-15-4, 99 Seiten mit 123 Farbabb., Broschur, Format 27 x 27 cm, ohne Preisangabe.
Die vorliegende Publikation erscheint nicht anlässlich einer Ausstellung sondern dient ausschließlich der Unterstützung des jungen Künstlers Vasco Araújo (geboren 1975 in Lissabon) und soll die Kunde vom hohen Standard zeitgenössischer portugiesischer Kunst ins Ausland bringen. Eine gute Idee, haben es doch kleinere Länder, die etwas abseits des kulturellen Mainstreams liegen, oft nicht leicht, ins Bewusstsein bedeutender Museen, Sammlungen und Kuratoren zu dringen. Die Publikation ist mit einem äußerst ausführlichen und tiefgehenden Text von John Welchmann, Professor für Moderne und Zeitgenössische Kunstgeschichte an der University of California, San Diego, versehen, der, so man der portugiesischen oder englischen Sprache mächtig ist, wirklich keine Fragen zum Werk offen lässt.
Vasco Araújo beschäftigt sich in seinen Installationen, Fotos und Videos mit vielerlei Arten von Codes. Es geht um Sprache, Gesten, kulturelle und gesellschaftliche Stereotypen und sexuelle Identitäten. Beim ersten Durchblättern des Bandes wirken die Arbeiten sehr angestrengt, gerade die Videoarbeiten lassen sich mittels einiger Stills nur sehr mittelbar wiedergeben, aber hat man sich erstmal auf den komplexen Schreibstil Welschmanns eingelassen, eröffnen sich vielfältige Zugänge zum Werk und zu interessanten Aspekten der Kunst- und Gesellschaftsgeschichte.
So erfährt man im Werk „Dilema“ von 2004 einiges über die Kunst, mit einem Fächer zu sprechen. Die Installation besteht aus 64 altertümlich gerahmten, ovalen Fotografien unterschiedlicher Größe und zeigt historisch gekleidete Männer, auch in Frauenkostümen, die ihre Fächer auf ganz unterschiedliche, aber genau definierte Arten halten und mit jeder Handhaltung etwas Bestimmtes kommunizieren wollen – die Fächersprache. Sie entwickelte sich an den ritual-besessenen Höfen in Frankreich, Spanien und England während des 17. und 18. Jahrhunderts und ist ein Paradebeispiel für das Interesse des Künstlers an gesellschaftlichen Codes und ihrer unfreiwilligen Komik, die man in anderer Form heutzutage auch immer wieder in geschlossenen sozialen Gruppen finden kann.
Besonders der Musik, dem Gesang und insbesondere der Oper mit ihren Mythen, Maskeraden, Diven-Kulten, gesellschaftlich-moralischen An- und Umdeutungen und den Geschlechterirritationen bei der Besetzung von Männern in Frauenrollen und der besonderen Bedeutung der Kastraten, gilt das Interesse des Künstlers.
Eine gelungene Einführung in das Werk von Araújo, dessen Arbeiten man nach Lektüre der Publikation gerne mal im Original sehen würde.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Dong-Yean Kim. the holy city
Samstag, 19.05.2007
Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung vom 18.09. – 06.11. 2005 im Museum Goch. Mit Texten von u.a. Dr. Annette Lagler und Dr. Stephan Mann. Hg. vom Museum Goch. Eigenverlag, Goch, 2005, ISBN 3-926245-71-9, 104 Seiten, 73 Farb- und 8 s/w Abb., gebunden, € 15.-
Eine ganze Stadt, eine heilige Stadt; nicht groß genug, um in ihr zu leben, aber groß genug, sie zu erleben. Dong-Yeon Kim präsentiert uns Architektur in Grundformen. Die Häuser der wichtigsten Werkgruppen sind schematisch angelegt, als Hochhausblock, als vier Wände mit Satteldach oder als bloße, seriell hergestellte Silhouetten wie in einem Baukasten. Die Hochhausblöcke präsentieren uns eine zerstörte Großstadt. Die Quader in unterschiedlichen Größen haben waagerecht längliche Ausschnitte, aus denen Leinwandstreifen hängen, die wie Gardinen aus leeren Fensterhöhlen im Wind wehen. Erinnerungen an Kriegsbilder und die Zerstörungen des 11. September in New York werden wach. Der Grad der Zerstörung lässt auch an eine Atombombe denken, die ausnahmslos alle Gebäude gleichmäßig leer gefressen hat. Für Stephan Mann provoziert die Installation in Goch ein Nachdenken über die Verletzlichkeit unserer Umwelt. Eine zweite Werkgruppe versammelt kleine Häuschen, die zu „Zellanhäufungen“ (Annette Lagler) verbunden und, von flachen, straßengleichen Holzleisten zusammengehalten, in der Luft schweben. Die dritte Gruppe bilden Aluminiumskulpturen, die nur noch den Umriss eines Hauses andeuten, als einzelnes Haus, Häuserreihen, als U- oder T-Form. Die Formen lassen sich zu immer neuen Gruppen und Größen kombinieren; dabei entstehen surreale Städte, die labyrinthisch ineinander verschachtelt sind.
Was ist an diesen Städten nun heilig? Die Texte des Katalogs kommen zu unterschiedlichen Erklärungen. Für Peter Joch erscheint hier die Stadt als Architektur, die höheren Zusammenhängen und Zwecken gewidmet ist, Kim „demonstriert, dass Kunst auch aus standardisierten Elementen des Alltags ‚höhere’ Sinnebenen ableiten und religiösen Traditionen durchaus adäquat antworten kann“. Annette Lagler verweist auf die Einfachheit der Elemente, die sie in der Begeisterung des Künstlers für das Bauhaus, durch seine koreanische Herkunft und dem philosophischen Konzept der „Leere“ zu erklären sucht.
Es sind Städte, die als eigener Organismus, reduziert zum bloßen Zeichen, noch existieren werden, wenn es die Menschen als Bewohner längst nicht mehr gibt. Die Stadt als heiliger Bezirk, gleich einer untergegangenen Tempelanlage, die künftigen Archäologen Zeugnis von uns ablegen wird.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Tolia Astakhishvili / Dylan Peirce
Freitag, 18.05.2007
Katalog zur Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 10.11. – 10.12. 2006. Hg. von Helmut A. Müller. Mit Texten von Jenny Erpenbeck, Darren Marshall und Helmut A. Müller. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2006, ISBN 3-934320-27-9, 48 S. mit 45 Farb- und 15 s/w Abb., Klappbroschur, Format 26,7 x 21 cm, € 12.
Die ruppigen Tuschzeichnungen der Georgierin Tolia Astakhishvili (geb. 1974) erinnern Helmut A. Müller an Traumskizzen, die wie wage Erinnerungen an Vorlagen aus der Kunstgeschichte anspielen und daraus neue Bilder entstehen lassen. Die Figuren wirken aggressiv, klumpig voluminös und äußerst präsent. Sie bleiben in ihrer Skizzenhaftigkeit aber unnahbar und distanziert.
Beide Künstler arbeiten mit Folien aus Plastik, wobei auf den Abbildungen nicht immer erkennbar ist, welche Schicht aus welchem Material besteht. Die durchsichtigen Folien funktionieren bei Astakhishvili wie Fenster, die den Blick auf die Malfläche freigeben. Bemalt geben sie den Werken eine starke Tiefenwirkung,
Beim Franzosen Dylan Peirce (geb. 1977) werden die Folien extremer einsetzt. Seine C-Pints zeigen Folien, die zu abstrakten Formen gefaltet und geschnitten sind und im Bild zu Kompositionen arrangiert werden, bis man nicht mehr erkennen kann, was Vorder- und was Hintergrund, was Folie, Bemalung, Faltung oder einfach ein Foto im Foto ist. Seine Rauminstallationen spielen mit Licht, das sich in Kaleidoskopen bricht, durch Noppen- und Lochrasterböden ab- und umgelenkt wird.
Die drei kurzen Texte der Publikation verlieren sich im Poetischen, dadurch bleiben die abgebildeten Installationen und Videos etwas unverständlich.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Friedemann Hahn. Foresta Nera / ewiges Eis
Mittwoch, 16.05.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 10.11. – 11.11. 2006. Hg. von Helmut A. Müller. Mit Texten von Friedemann Hahn und Helmut A. Müller. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2006, ISBN 3-93430-26-0, 47 S. mit 12 Farb- und 19 s/w Abb., Broschur, Format 20 x 14 cm, € 10,-
„Stationen einer Begegnung, die Raum lässt“, betitelt Helmut A. Müller seinen Text zum Katalog der Ausstellung des Mainzer Akademieprofessors Friedemann Hahns und tatsächlich erschließen sich die Bilder des Malers eher auf der assoziativen Ebene und im Kontext seiner Aussagen zur Malerei und seiner dichterischen Arbeit. So sieht sich der schmale Band als Gesamtkunstwerk, der im Thema Eis einiges zu subsumieren sucht. Über eine düstere Interpretation von Caspar Davis Friedrichs „Eismeer“, übermalte Filmstills aus dem Vorspann von „Der eiskalte Engel“ und kurzen poetischen Einschüben des Malers – ein roter Faden ist gegeben. Der Anspruch des Kataloges bleibt jedoch Konzept, zur Vertiefung fehlt einfach der Platz – und warum ganze 16 Seiten für die Abbildung von kaum erkennbaren Foto-Kontaktbögen eines Schnappschuss-Bummels durch Pariser Straßen reserviert wurden, bleibt unklar.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Ilya Kukushkin
Mittwoch, 16.05.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 09.03. – 10.04. 2007. Hg. von Helmut A. Müller und Galerie U7. Mit Texten von Frank Graf und Helmut A. Müller. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2007, ISBN 978-3-934320-30-7, 24 S. mit 7 Farbabb., gebunden, Format 14,5 x 16,4 cm, € 10,-
Der Maler Ilya Kukushkin wurde in eine kunstsinnige Familie hineingeboren und behauptete bereits im zarten Alter von fünf Jahren, dass er ein Künstler sei. Sein Weg führte ihn von Russland über Bonn schließlich an die Kunstakademie in Düsseldorf, wo er zu seiner „konstruktivistischen Figuration“ fand, „in der futuristische Elemente, Farb- und Formauffassungen von Hardedge und die Tradition der Ikonenmalerei aufscheinen“, wie Helmut A. Müller in seinem einleitenden Text schreibt. Bleibt der Künstler bei den Vorzeichnungen noch naturalistisch, so zergliedert er in einem zweiten Schritt das Bild in kantige Flächen und weist diesen poppig bunte Farben zu. Die Abbildungen im Katalog geben die Plastizität der Arbeiten nur bedingt wieder, feine Abstufungen verschwimmen im Druck.
Die Abstraktion scheint fortzuschreiten. Ist das Pferd im 2004 entstandenen Werk „Die Begegnung“ (200 x 250 cm, Öl auf Leinwand) noch durchaus naturalistisch in harmonischen Brauntonfeldern gehalten, zerfällt zwei Jahre später der Kopf eines Straußes in eine scheinbar beliebige Kombination von unterschiedlichsten Farbräumen, die mit der Natur nichts mehr gemein haben (Blumen-Strauß, 2006, 120 x 140 cm, Öl auf Leinwand). Eine künstlerische Entwicklung ist denkbar, die Motiv und Hintergrund zu einer Art Suchbild im wirbelnden Farbraum verschmelzen. Schon jetzt sind es vornehmlich die akzentuierten Augen, die dem Betrachter Halt im Farbfluss geben – man darf gespannt sein.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Frauke Boggasch/Dominik Sittig (Hg.): ELEND
Dienstag, 15.05.2007
Verlag für moderne Kunst Nürnberg, Nürnberg 2006, ISBN 978-3-936711-97-4, 361 Seiten mit zahlreichen Abb., kartoniert, Format 22 x 15cm, € 28,-
Was ist Pop? Keine Frage, mit dem stylisch aufgemachten Buch soll der Leser ein Stück Zeitgeist in den Händen halten. Nebst diversen Newcomern steuerten auch angesagte Künstler wie Jonathan Meese oder Daniel Richter exklusive Beiträge in Form von farbigen Insertseiten bei; Musiker, Schriftsteller, Journalisten und Theoretiker versuchen, dem Begriff Pop im neuen Jahrtausend näher zu kommen.
Ästhetisch bewegt sich der Band jedoch in der Vergangenheit. Der Titel des Buches bezieht sich auf eine Ausstellung von Martin Kippenberger aus den späten 70er Jahren, die Bildstrecken haben den Nan Goldin-Charme der 80er und der vermeintliche Zeitgeist spiegelt sich in vermüllten Zimmern, angebrannten Spiegeleiern und trüben Gestalten ohne Zukunft – immer noch. Gegenwart findet sich nur in den Städten, wirkt unscharf, fahrig, unappetitlich. Schon vor 20 Jahren war dieses Lebensbild nicht real, heute ist es nur noch Attitüde: Die Welt ist dreckig, mir geht es dreckig – wenigstens bin ich symptomatisch – ich, ich, ich.
Die Texte wechseln mühelos vom Soziologendeutsch zum Dummschwätz moderner Großstadtkids und trauern wehmütig den Zeiten nach, als man sich noch über etwas erregen konnte, es noch eine echte, vermeintlich authentische Subkultur gab und die Feindbilder nicht in den eigenen Reihen zu suchen waren. Die „Situationistische Internationale“, das Leben von Martin Kippenberger, die Filme von Larry Clark, die Musik von Peaches, die Kunst von Jonathan Meese: Viele Texte behaupten Aufruhr und Engagement und sind doch nur ein Scheinkampf gegen die Windmühlen des totalen Kommerzes.Wenn Marcus Maida fragt: „Trägt Pop als System nicht die Voraussetzung für seine eigene stetige ästhetische Überwindung in sich?“ hat er sich die Antwort schon gegeben. Pop ist „alltäglicher und beiläufiger Teil des Lebenssystems geworden“ und hat dabei auch gehätschelte Subkulturblüten mit in den „Void“ gerissen. Der Underground, dem sich alle trendigen Menschen als Gegenpol zur übermächtigen Unterhaltungsindustrie zumindest als Sympathisanten zugehörig fühlten, existiert nur noch als „medienkulturelles Vakuum, als „leeres Lücken- und Wunschbild“. Was bleibt, ist die totale seelische Verunsicherung, die entsteht, wenn eine Gesellschaft krankhaften Individualismus predigt, aber gleichzeitig alle lebenswerten Möglichkeiten zur Unterscheidung einebnet. Der einzig existierende Underground ist die Selbstzerstörung, vorbildlich zelebriert von Leuchttürmen wie Kurt Cobain oder Martin Kippenberger. Alles andere ist Pop.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Pompeo Turturiello. Ritorno
Dienstag, 15.05.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 27.04. – 27.05. 2007. Hg. von Pompeo Turturiello. Mit Texten von Anke Blashofer und Helmut A. Müller. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2007, ISBN 978-3-934320-31-4, 40 S. mit 31 Farbabb., Broschur, Format 14,7 x 21cm, € 10
Der 1966 geborene, gebürtige Italiener Pompeo Turturiello benutzt für seine aus Plakaten, Zeitungsseiten und anderen Vorlagen zusammengestellten Bilder eine selbst entwickelte Technik: Nur die Farbe der Vorlagen drückt sich spiegelbildlich auf dem Malgrund ab. Ohne störendes Trägermaterial kann das Motiv weiterverarbeitet werden. Die Oberfläche seiner Bilder bleibt dabei nicht glatt sondern wirkt aufgerissen, als würde man sich mit den Fingern durch weichen Gips graben.
Turturiello, der seine berufliche Laufbahn als Modedesigner begann, behandelt Themen wie Lifestyle, Mode, Kino und Celebrities; die kunstgeschichtliche Quelle seiner Technik findet sich in der Décollage: Vorgefundene Materialien werden zerrissen, übermalt und neue zusammengestellt.
An der glitzernden Waren- und Medienwelt hat sich schon mancher Künstler mehr oder weniger drastisch abgearbeitet. Die Einstellung von Turturiello bleibt aber trotz seiner Nähe zur Pop Art diffus. Man mag in der aufgebrochenen Oberfläche seiner Werke einen kritischen Kommentar zur „perfekten“ und „glatten“ Welt der Werbung sehen. Die Schichtung verschiedener thematisch und zeitlich versetzter Motive in Kombination mit der Materialität der Bilder hat seinen Reiz, aber wenn der Künstler ein Foto des Schauspielers Leonardo di Caprio mit einem Stern des „Walk of Fame“, einem Sportwagen und einem Gockel kombiniert, ist das als kritischer Ansatz doch ein bisschen wenig. Man spürt, dass in den Schichtungen eine dunkle Tiefe darauf wartet, vom Künstler erschlossen zu werden. Wenn er sie denn erschließen will.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).