Ulrich Baehr. Das 20. Jahrhundert

Mittwoch, 09.05.2007

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der St. Matthäus-Kirche, Berlin vom 21.06. – 11.09. 2005. Hg. von Beatrice E. Stammer und Christhard-Georg Neubert. Mit einem Text vom Eckhart Gillen. Stiftung St. Matthäus, Berlin, 2005, ISBN 3-9807912-9-7, 47 S. mit 24 Farb- und 5 s/w-Abb., Broschur, Format 29,5 x 23 cm, € 15,-.

Im April wurde in Hamburg die Taufe des neuen Clubschiffs „AidaDiva“ mit einer großen Feuerwerksshow und Tausenden von Besuchern gefeiert. Prächtig beleuchtet kreuzte das junge Schiff vor den Landungsbrücken. Der Gemäldezyklus „Das 20. Jahrhundert“ des Berliner Malers Ulrich Baehr (geb. 1938) beschäftigt sich dagegen mit den letzten Stunden der großen Pötte: die kurze Zeit zwischen Havarie und Untergang.
24 großformatige Schiffsuntergänge, entstanden zwischen 2000 und 2005, die rückblickend das vergangene Jahrhundert als eine Serie von ideologischen Fehlschlägen und menschlichen Katastrophen charakterisieren. Baehr zeigt hier „die Summe seiner malerischen Möglichkeiten“. Eckhart Gillen betont in seinem Text den „virtuosen Pinselduktus, ergänzt durch Frottagetechniken“ und schreibt bezüglich der Orientierung des Malers am amerikanischen Abstrakten Expressionismus: „Stets vertraute er auf das Prozeßhafte der Malerei und ließ sich auch von Zufallseffekten überraschen. Zugleich werden diese Farbflüsse gebändigt durch eine […] Technik der Verschränkung unterschiedlicher Bildwinkel und eine mitunter collagenhafte Kompositionstechnik.“ Gillen erinnert an die Medienmeldungen über leckgeschlagene Öltanker und verbindet sie mit einem Diskurs über den Schrecken als ästhetisches Erlebnis. Der Mensch überwindet die Angst vor der Natur, indem er sie visualisiert, in ein Medium bannt und damit bewältigt. Wie Mitte des 18. Jahrhundert die zahlreichen Gemälde von Erdbeben und Schiffbrüchen, so sind es heute die abendlichen Gemetzel in der Tagesschau, die uns beruhigend versichern: Ihr seid am Leben.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).

K1 Transfer

Dienstag, 08.05.2007

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im DAM Deutsches Architektur Museum in Frankfurt am Main vom 19. – 27.03. 2005. Hg. von der Universität Stuttgart, Fakultät Architektur und Stadtplanung. Selbstverlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-930548-24-0, 280 S. mit zahlreichen Abb., Klappbroschur, Format 16,5 x 24 cm, € 15,-.

Die Architekturfakultät der Universität Stuttgart nutze ihren kurzen Auftritt im DAM zu einer überzeugenden Selbstdarstellung, begleitet von einer thematisch breit gefächerten Publikation, die auch 2007 noch zum Schmökern einlädt. Gerd de Bruyn, Professor für Architekturtheorie, sieht am Horizont eine „Architektur der festlichen Verausgabung“ sich abzeichnen. Er freut sich über den Aufbau einer Kultur, „die sich freimacht von Übellaunigkeit, puristischer Geheimniskrämerei und vulgärer Verausgabung“. Nur nützt die schönste Architektur nichts, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit des verwöhnten und überforderten Medienpublikums auf sich ziehen kann, weshalb seine Studenten sich mit Logo-Design und strategischem Marketing auseinander setzen dürfen. Der Katalog bietet dem Leser eine wunderbare Gelegenheit, seine eigenen ästhetischen Normen und Ziele im Hinblick auf seine physische und psychische Behausung zu überdenken und sie mit den teils wilden Konstruktionen freudig erregter Studentenhirne abzugleichen.
Bin ich eher noch der 2, 3, 4-Typ (2 Kinder, 3 Zimmer, 4 Räder) oder hänge ich an den Lippen von „Priesterarchitekten“, die verborgenen Luxus in puristischen Leeren predigen? Nehme ich Teil an neuen Formen der Urbanität oder liegt mein Häuschen in „Entleerungsräumen“, die keine Zukunft haben werden?
De Bruyn meint: „Zu den Siegern werden auch die Architekten erlebnissteigernder Umwelten zählen, die den zum Jäger und Sammler mutierten postmodernen Menschen, der sich ständig auf der Jagd nach Stille, Glück und Sensationen befindet, zu Dauerstimulation, Extrembelastung und kontemplativen Erfahrungen verhelfen.“ Klingt irgendwie ungut und man mag über den Informations-Overkill moderner Mediengesellschaften denken wie man will: Manchmal macht es schon Spaß, sich durch ein engagiertes Buch junger Kreativer zu wühlen, die unter Ziehung aller Register modernster Techniken auf die Zukunft zufliegen.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).

Jutta Held (Hg.). Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft. Band 8/2006

Sonntag, 06.05.2007

V&R unipress, Göttingen 2006, ISBN 978-3-89971-32-0, 260 Seiten, kartoniert, Format 24 x 16,4cm, € 22,50

Der vorliegende Band setzt sich mit der Entwicklung der Kunstgeschichte an den west- und ostdeutschen Universitäten auseinander. Ein wesentlicher Schwerpunkt ist dabei das Lavieren der Institute „zwischen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit und einer christlichen Neuorientierung“, wie Martin Papenbrock im Vorwort schreibt: „Von den Ordinarien, die im Jahre 1948 an den westdeutschen Universitäten lehrten, waren etwa die Hälfte frühere Mitglieder der NSDAP oder angeschlossener Verbände.“ Denen, die aufgrund ihrer politischen Verstrickung nach dem Krieg ohne Professur dastanden, bescherte der Paragraf 131, der eine Quote zur Wiedereinstellung der 1945 Entlassenen von 20 Prozent der Planstellen verfügte, eine neue Chance, in Amt und Würden zurückzukehren. So wurde etwa Hubert Schrade trotz seiner NS-Vergangenheit 1954 zum Ordinarius ans Kunsthistorische Institut der Universität Tübingen berufen.
In der sowjetischen Besatzungszone wurde in den ersten Nachkriegsjahren wesentlich strenger entnazifiziert, aber auch hier sorgte die dünne Personaldecke für eine verstärkte Wiedereinstellung ehemaliger Nationalsozialisten. Allerdings: „Nicht Kontinuität und Wandel, sondern langjährige Vakanzen bestimmten das Bild der kunstgeschichtlichen Lehrstühle im Osten“, was den Vorteil hatte, dass die neuen sozialistischen Ideale mit wenig Gegenwehr aus den Fakultäten installiert werden konnten.
Dabei wandelten sich die Inhalte des Faches erst allmählich mit dem steigenden Einfluss der SED. Besonders problematisch für angehende Kunsthistoriker in der DDR war, dass sie nur wenig Reisemöglichkeiten hatten und so die wichtigsten Kunstwerke nie im Original kennenlernen konnten. Die Situation verbesserte sich etwas, wie Peter H. Feist in seinem Beitrag zur Kunstwissenschaft in der DDR schreibt, als Ende 1955 die Dresdener Gemälde alter Meister und 1958 weitere Museumsbestände aus der Sowjetunion zurückkehrten. Wichtig für die Akzeptanz des Faches im Osten war die stete Suche nach gesamtgesellschaftlichen Relevanzen: „Das hieß, für jedes Vorhaben eine Begründung zu finden, die sich auf grundsätzliche wie aktuelle politische Interessen des Staates bezog.“ Dabei lag das besondere Interesse auf allen „mit revolutionären Bestrebungen verbundenen Kulturleistungen, am wenigsten die mittelalterliche Kunst, die wiederum lange ein bevorzugter Gegenstand der westdeutschen Kunstwissenschaft war“. Dem widerspricht Christine Kratzke in ihrem Beitrag zur Universität Leipzig, deren Kunsthistorisches Institut im Krieg komplett zerstört wurde. Ihr zufolge lag der Schwerpunkt der Diplomarbeiten zwischen 1945 und 59 eindeutig auf Arbeiten zum Mittelalter.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).

Christian Fuhrmeister berichtet über die Situation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die 1941 im Ruf stand „die erste rassen- und lebensgesetzlich ausgerichtete Hochschule Großdeutschlands zu sein“. 1930 wurde das Kunstgeschichtliche Seminar mit Hans Rose besetzt, der 1937 wegen seiner Homosexualität verhaftet wurde. Ihm folgte Fritz Baumgart, der aber die rassenkundliche Ausrichtung nicht befördern konnte, weil er bis Kriegsende als Soldat diente. Nach dem Krieg versuchte er sich selber zu rehabilitieren, sprach vom mutigen Eintreten für jüdische Kollegen und seiner Absicht zu emigrieren. Fuhrmeister schreibt mit Blick auf Gesamtdeutschland: „Hier wie dort gab es ‚keinen radikalen Bruch mit dem Nationalsozialismus, sondern einen Neuanfang mit den alten Eliten’. Stets suchten diese Eliten jetzt nachzuweisen, dass ihre kontinuierliche Berufstätigkeit bzw. Karriere in beständigem Kampf mit dem Nationalsozialismus erfolgt sei.“

Michael Jürgs. Eine berührbare Frau

Donnerstag, 03.05.2007

C. Bertelsmann Verlag, München 2007, ISBN 978-3-570-00929-9, 382 Seiten mit 10 Farbabbildungen und 30 s/w Bildern, gebunden, Format 18,5 x 13,6 cm, € 19,95.

Der Autor Michael Jürgs präsentiert uns eine faktenreiche Lebensgeschichte der Künstlerin Eva Hesse, die 1970 im Alter von 33 Jahren an einem Gehirntumor starb.„Mir hat mein Arzt mal gesagt, dass er eine so unglaubliche Biografie wie die meine noch nie gehört hat“, sagte sie in ihrem letzten Interview. Eine jüdische, eine deutsche, eine tragische Geschichte. Pogrom, Flucht, neues Leben in Amerika. Eva Hesse hat ihr ganzes Leben mit den seelischen Nachwirkungen zu kämpfen. „Nichts in meinem Leben ist normal, nichts, nicht mal meine Kunst. Die ist noch das Einfachste in meinem Leben. Ich habe als Künstlerin keine Angst. Ich scheue keine Risiken. Ich bin bereit bis an die Grenzen zu gehen. […] Ich ertrage keine sentimentalen Geschichten, keine netten Bilder, keine hübschen Skulpturen, keine Dekorationen an den Wänden. Das alles macht mich krank“. Ihren Biografen hätte sie wohl in der Luft zerrissen, denn das ganze Buch ist äußerst sentimental. Ihr Leben wird feilgeboten unter Stichworten wie: Die Verzweiflung der Eltern – Eine Leidenschaft namens Victor – Alle lieben Eva, doch sie liebt nur Tom – Aufbruch zu den Sternen. „Haben Sie Taschentücher dabei?“.
Die Geschichte von Eva Hesse zeigt einige Parallelen zur Biografie von Charlotte Salomon, die mit ihrem Werk „Leben? Oder Theater?“ ein erschütterndes Zeugnis jüdischen Lebens angesichts des Holocaust schuf.
Zeitlebens Ängste und Depressionen, der Selbstmord ihrer Mutter, Verlustängste, psychotherapeutische Behandlungen: „Ich bin jetzt fast neunundzwanzig, und so richtig gut fühle ich mich nie. Das ist so, seit ich acht bin.“ Immerhin hatte sie genügend Antrieb, in die New Yorker Künstlerkreise vorzudringen, ein Leben der Bohème zu führen und Förderer zu finden, die ihr ein Leben als Künstlerin ermöglichten. Kaspar König meint dazu: „Sie war nicht nur begabt, sie war sehr ehrgeizig und immer auf ein einziges Ziel gerichtet – nach oben zu gelangen.“ Und das ist ihr auch gelungen, wenn auch erst auf dem Sterbebett. Mehrere Millionen sind Sammler heute bereit, für ihre Werke zu bezahlen.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).