Harald Behrendt. Werner Tübkes Panoramabild in Bad Frankenhausen
Donnerstag, 21.06.2007
Verlag Ludwig, Kiel 2006, ISBN 978-3-937719-21-4, 422 S., 62 s/w. u. 34 farb. Abb., Gebunden, Format 23 x 16 cm, € 34,90.–.
Die vorliegende Dissertation von Harald Behrendt beschreibt die Entstehung von Europas größtem Panoramabild „Frühbürgerliche Revolution“ in Bad Frankenhausen, das der Leipziger Künstler Werner Tübke im September 1987 nach über zehn Jahren Arbeit auf einer Fläche von 1722 m2, „nahezu die zweieinhalbfachen Ausmaße der Freskenmalerei Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle“, fertigstellte. Ironischerweise wurde das Prestigeprojekt nur zweieinhalb Wochen vor dem Mauerfall eröffnet, kein Wunder, dass die Besucher in dem Werk das Scheitern ihres Staates vorweggenommen sahen. Dabei sollte das Riesenbild den Anspruch der DDR untermauern, „wahre Kulturerbin deutscher Geschichte zu sein“. „Im Eröffnungsjahr 1989 boten das vermeintlich 500jährige Müntzerjubiläum und der ideologisch besetzte Geschichtshintergrund des Bauernkrieges einen willkommenen Anlass, die Geschehnisse in die Tradition deutscher Revolutionsversuche einzuordnen und so den Arbeiter- und Bauernstaat zu legitimieren“, schreibt Behrendt im Vorwort.
Der überdimensionale zylindrische Bau, der das Bild aufnehmen sollte, entstand bereits 1974/75, ohne dass ein Künstler für die Ausführung des Werkes auserkoren war.
Behrendt untersucht im Wesentlichen die „gesellschaftliche Eingebundenheit des Panoramas in den 1970er und 1980er Jahren (…) und die Frage nach den Konfliktfeldern zwischen den offiziellen Auftraggebern und dem Künstler“. Er beleuchtet dafür die gesellschaftlichen, historischen und ideologischen Prämissen, beschäftigt sich mit der „Leipziger Schule“ und der Person Werner Tübkes, mit dem SED-Staatsapparat und kommt schließlich zu einer ausführlichen Würdigung des komplexen Bildinhalts.
Tübke selbst weigerte sich beharrlich, über den Entstehungsprozess der Bildfindung Auskunft zu geben. Er verwies auf die „Intimsphäre der Produktion“ und wollte so jede ideologische Einflussnahme auf den Inhalt seines Werkes verhindern. So entstand über die Jahre nicht die Darstellung des historischen Augenblicks „wie die Volksmassen im Kampf gegen die Ausbeuterklassen für ihre eigenen Lebensinteressen große revolutionäre Energien freisetzen“, sondern das „apokalyptische Pandämonium einer vergangenen Epoche“.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Hans Schüle. Sediment
Mittwoch, 20.06.2007
Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 27.04. – 27.05. 2007. Hg. von Helmut A. Müller. Mit einem Text von Hans-Jörg Clement, Eigenverlag, Stuttgart, 2007, ISBN 978-3-934320-32-1, Leporello mit 10 s/w-Abb., Format 17 x 17 cm,
€ 10
Kleine Publikation zu den Metallskulpturen des 1965 in Neckarsulm geborenen Künstlers Hans Schüle. Bei seinen neuen Arbeiten aus der Reihe „Sediment“ handelt es sich um organisch geformte Stahlplastiken, die, „weniger ausgestellt als ausgeworfen“ sind, „so als würden Bruchstücke von überdimensionalen Körpern in die Galerie gestürzt sein“ (Clement). Anders als seine älteren Arbeiten, den leichten und transparenten „Hybriden“ und „Membranen“ thematisiert der Künstler nicht mehr den Konflikt von Innen- und Außenraum, sondern schmiedet geschlossene, verdichtete Volumina. „Hier geht es – wie schon immer bei Schüle – um Existenz, um Herkunft – archetypisch, prähistorisch, embryonal, molekular, zeitlos.“
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Licht und Schatten
Mittwoch, 20.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie von Bartha, Basel, vom 01.09. – 30.10. 2006. Hg. Edition Galerie von Bartha. Mit Texten von Astrid Bextermöller und Heinz Stahlhut. Eigenverlag, Basel, 2006, ISBN 978-3-033-00833-5, 56 S. mit 36 Farbabb., Klappbroschur, Format 28,5 x 23 cm, CHF 30,-
Im Anschluss an die große „Lichtkunst aus Kunstlicht“-Ausstellung in Karlsruhe und einige Monate vor der Op Art-Ausstellung in der Schirn präsentierte die Galerie von Bartha eine Auswahl an kinetischen Skulpturen und Lichtkunstwerken. Die informative Publikation punktet mit ausführlichen Werkbeschreibungen, die beteiligen Künstler sind allerdings überwiegend alte Recken wie Jesús Raphaël Soto, den G.R.A.V. (Groupe de Recherche d’Art Visuel)-Mitgliedern Joël Stein und François Morellet oder der deutsche Künstler Gerhard von Graevenitz. Betrachtet man den Beitrag des jüngsten Teilnehmers Joachim Fleischer (geb. 1960, Höll/Alttann), „so fällt eine Tendenz zur Reduktion auf geometrische Formen auf“. In der Arbeit „2 Scheiben, 2006“ projiziert er die Schatten hintereinanderliegender Scheiben auf die weiße Wand. Konstituierendes Element ist das „ephemere skulpturale Material des Lichts“. Angenehm spielerisch dagegen das kinetische Objekt „Lexan ‚dash’ banner, 1997“ von Tim Prentice (geb. 1930, New York). „Seine Arbeiten sind vergnüglich und in direkter Weise überraschend, indem harte Materialien genutzt werden, um weiche, fließende, komplexe Bewegungen zu erzeugen.“
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Fabian Marcaccio. Paintant Stories
Freitag, 15.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in den Daros Exhibitions, Zürich, vom 17.12. 2005 – 23.04. 2006. Hg. von der Daros-Latinamerica AG. Mit einem Künstlergespräch geführt von Hans-Michael Herzog, Eigenverlag, Zürich, 2005, ISBN 978-3-905754-00-1, 110 S. mit 40 Farbabb., gebunden, Format 21,5 x 15 cm, € 22
Der 1963 in Argentinien geborene und in New York lebende Künstler Fabian Marcaccio ist angetreten, strotzend vor Selbstbewusstsein, eine neue Kunst zu erschaffen: Er transzendiere die verschiedenen Kulturen, sein Werk stürme voran, wo andere Künstler im Status quo verharren; „ … and I am leaving that behind“ ist wohl die typischste Aussage aus dem etwas geschwätzigen Künstlergespräch. Die Formate seiner Bilder sind jedenfalls reif für das Guinness-Buch der Rekorde: 4 x 100 Meter misst das Werk „Paintant Stories“ und stellt damit den Betrachter vor ganz neue Aufgaben. Auf vierhundert Quadratmeter passt eine Menge Inhalt, der schnell in Beliebigkeit umschlagen kann und eine mentale Überwältigung des Publikums einfach aufgrund erschlagender Detailfülle wäre zu einfach. Der Künstler arbeitet mit digitalen Collagen, die ausgedruckt und zusätzlich mit Farbe, Silikon und anderen Kunststoffen überarbeitet werden. Sein Weltpanorama erschließt sich in der „space-time“, die der Künstler dem Betrachter abverlangt; im Schlendern, Herantreten, Heraustreten, auf einer Mikro- und einer Makroebene, es beinhaltet Vieles und Nichts, Gesellschaft, Politik, Sex, es wiederholt, vibriert, stößt ab, langweilt, überfordert, fasziniert. Marcaccios Aussage: „I don´t want a person to see my work, I want the person to flow with my work for a time“ trifft es recht gut. Sich wiederholende Thematiken verbinden sich mit immer neuen großen und kleinen Details zu einem musikalisch durchkomponierten Netzwerk. Was aus der Ferne wie eine Textur erscheint, löst sich in Figuren auf, aber scheinbar Gegenständliches kann sich in der Gesamtsicht auch als Abstraktion entpuppen. Ein Werk, das viel Zeit erfordert und das sich in dieser Publikation nur ausschnittweise präsentieren lässt.
Sara Focke Levin. á l’œil nu – mit bloßem Auge/Susanne Hofmann. Au revoir á Bamako
Donnerstag, 14.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Institut français de Stuttgart vom 14.02. – 17.03. 2007. Hg. vom Institut français. Eigenverlag, Stuttgart, 2006, ohne ISBN, 14 S. mit 41 Farbabb., Broschur, Format 21 x 14,8cm, ohne Preisangabe.
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Institut français de Stuttgart vom 28.09. – 27.10. 2006. Hg. vom Institut français. Mit einem Text von Susanne Jakob. Eigenverlag, Stuttgart, 2006, ohne ISBN, 14 S. mit 23 Farbabb., Broschur, Format 21 x 14,8cm, ohne Preisangabe.
Zwei Künstlerinnen, zwei Stipendien in Paris, zwei Kataloghefte: Während Sara Focke Levin dem Leser eine Anzahl Fotoimpressionen und Detailansichten von Graffiti, Sperrmüll, urbaner Tristesse und plattgetretener Kaugummis, also den weniger schönen Ecken von Paris, untermalt mit einem eigenen poetischen Text, unkommentiert vor die Augen wirft, ist Susanne Hofmann bemüht, den Leser auf ihre Reise ins afrikanische Herz der Seine-Metropole mitzunehmen. Man mag seine Zweifel an jungkünstlerischen „Feldforschungsprojekten“ haben, wenn wohlhabende, mit dem Luxus eines Kunststudiums und mehreren sich anschließenden Stipendien ausgestattete Damen und Herren in die gesellschaftlichen Kellerverliese hinabsteigen, um dort einen „Annäherungs- und Aneignungsprozess“ zu vollziehen, „indem sich S.H. in einem Afrosalon Rasta-Zöpfe einflechten ließ und C.I. ausschließlich afrikanische Hemden trug“ (!). Immerhin bemüht sich die Publikation, die künstlerischen Intentionen zu verdeutlichen und bietet einen bunten Ausschnitt afrikanischer Lebenswelten.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Joachim Fleischer. liquid light
Donnerstag, 14.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 09.03. – 08.04. und in der Galerie der Stadt Backnang vom 31.03 – 28.05. 2007. Hg. Martin Schick und Helmut A. Müller. Eigenverlag, Stuttgart/Backnang, 2007, ISBN 978-3-9810738-1-2, 48 S. mit 36 Farbabb., Broschur, Format 27 x 20,4 cm, € 10,-.
Anders als die dem Betrachter zugewandten kinetischen Lichtobjekte der Op Art, wirken die Arbeiten von Joachim Fleischer, als wären sie sich selber genug. Sie interagieren mit dem Raum; der Zuschauer ist zwar erwünscht aber nicht erforderlich. „Da gibt es nichts zu enträtseln, sondern nur etwas zu schauen“, schreibt Martin Schick in seinem Beitrag. Das „Fleischersche Gegenleuchten in flüchtiger Zeit“ mit seinem ruhigen Ablauf, dem gedehnten Pulsieren und dem „unaufdringlichen Minimalismus“ stellt er gegen den permanenten „Bilder-Brei“, der uns ablenkt und die Sinne verstopft. Der Künstler selber sieht sich als Forscher, der „jede neue Ausstellung mit angepassten, veränderten oder neuen Installationen bestückt“, wie Helmut A. Müller in seinem Text ausführt. Den Künstler interessiere, „wie mit Licht die Qualität von Räumen erfahren und verändert werden kann“.
Die meditative Ruhe der Installationen passt sehr gut in die Räume der Hospitalkirche in Stuttgart und der ehemaligen Stadtkirche in Backnang. Schmale Lichtsteifen der „Wandgießer“ ertasten die Materialität der Wände und das winkelige Raumvolumen des Turms der Hospitalkirche; die „Körperverdrehungen“, filigrane, sich drehende Plexiglas- und Drahtgitterobjekte, bringen an den Wänden komplexe Schattenmuster hervor. In Backnang hat Fleischer einen riesigen Fertigungsroboter installiert, der mit einer Leuchte bestückt kleine Metallkisten anstrahlt, die so einen Schatten in Form eines Altars an die Wände werfen. Dabei provozieren die Ausstellungsorte in Kombination mit dem fließenden Licht allerlei religiöse Deutungen und existentielle Fragen; da gibt es wohl doch einiges zu enträtseln.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Miklos Gaál. Sightseeing Tour
Mittwoch, 13.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Emden vom 16.07. – 15.10. 2005. Hg. von Achim Sommer. Mit einem Text von Nils Ohlsen. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2005, ISBN 3-7757-1608-4, 56 S., mit 34 Abb., davon 31 farbig, gebunden, Format 27,6 x 23,6 cm, € 14.
Der 1974 geborene Finne Miklos Gaál verwandelt durch einen einfachen fototechnischen Trick unsere Wirklichkeit in eine miniaturisierte Modelllandschaft. Ähnlich den Bildern seiner Kollegen Olivo Barbieri und Marc Räder ist nur ein schmaler Steifen der Fotografien seiner Fachkamera scharf, der Rest des Bildes verliert sich in Unschärfe. Die Realität wird urplötzlich durch eine statisch wirkende Traumwelt ersetzt. Das getäuschte Auge verweigert sich der Wirklichkeit und behauptet gegenüber dem Gehirn „Bilder perfekt inszenierter Spielzeuglandschaften“ wie Nils Ohlsen in seinem Text schreibt.
Ohlsen betont die Vogelperspektive der Bilder, die einen neutralen Observator implizieren, der, allmächtig aber ohne innere Anteilnahme, das Geschehen betrachtet. Der abgebildete Mensch verschwindet in der Masse oder wird zur vereinzelten Ameisen, alleine in einer Puppenwelt, die trotz aller Realität nur ein potemkinsches Dorf ist. Die Bilder schwanken so „zwischen Identitätssuche und Identitätsverlust“.
Neben dem ästhetischen Reiz des Schärfe-Unschärfe-Kontrasts und den dadurch entstehenden, an Malerei erinnernden, Farbflächen, wird die Frage nach Schein und Sein relevant. Wenn das Auge bereit ist, für einen billigen Trick die Wirklichkeit zu verleugnen, wie sicher können wir dann dieser Wirklichkeit sein? Wieviele falsche Schlüsse über den einzelnen Mitmenschen und die uns umgebende Gesellschaft ziehen wir aufgrund unserer persönlichen, verzerrten Wahrnehmung. Dürfen wir unserer Realität noch trauen, wenn wir so leicht zu überlisten sind?
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Kunst im Zentrum. Einblicke in die Sammlung des Forschungszentrums Karlsruhe
Mittwoch, 13.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung bei der Energie Baden-Württemberg (EnBW) vom 22.09. – 17.12. 2006. Hg. vom Forschungszentrum Karlsruhe. Mit einem Text von Andreas Franzke. Eigenverlag, Karlsruhe, 2006, ISBN 978-3-923704-56-9, 115 S., mit 57 Farbabb., Klappbroschur, Format 22,2 x 19,6 cm, € 15.
Die von Alfred Bauer, dem ehemaligen Leiter der Bauabteilung, initiierte und später von Albert Miller weiter ausgebaute Kunstsammlung des Forschungszentrums Karlsruhe steht im Mittelpunkt dieser aufwendig gedruckten Publikation. Die Sammlung umfasst etwa 800 Bilder und Plastiken, die im ganzen Zentrum und in einem Skulpturengarten verteilt sind. Der Vorstandsvorsitzende Manfred Popp erläutert in seinem Vorwort, dass Forschung ein kreativer Prozess sei: „Oft ergeben sich Lösungen für komplizierte Probleme nicht durch lineares Denken, sondern durch Abschweifung und ‚Querdenken’“. Moderne Kunst könne hier einen wichtigen Beitrag leisten. Schwerpunkt der Sammlung ist der „Bezug zur regionalen Kunstszene im Raum Karlsruhe“. Dass die Werke bis auf einige Ausreißer der Abstraktion verpflichtet sind, ist sicherlich dem Geschmack der Verantwortlichen und dem Toleranzpegel eines von Ingenieuren dominierten Arbeitsumfeldes geschuldet: Als Alfred Bauer 1963 vor dem Zentralgebäude eine Skulptur des französischen Bildhauers Nicolas Schoeffer aufstellen wollte, erntete er Ablehnung und den Vorschlag, nach und nach eine Sammlung von Porträtbüsten großer deutscher Naturwissenschaftler anzulegen.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).
Die Eroberung der Straße. Von Monet bis Grosz
Montag, 04.06.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 15.06. – 03.09. 2006. Hg. von K. Sager, M. Ulrich, V.M. Lampugnani und M. Hollein. Mit Texten von u.a. D. Bartmann und C. Mathieu. Hirmer Verlag, München, 2006, ISBN 978-3-7774-3175-8, 324 S., mit 204 (144 farb.) Abb., Klappbroschur, Format 28 x 24,4 cm, € 34,50.
Ach ja, richtige Metropolen! Mit feuchten Augen richtet sich der Blick aus der Haufendorf Stuttgart ostwärts Richtung Berlin und westwärts nach Paris. Die Entwicklung beider Städte von etwa 1850 bis 1930 nimmt der Katalog sowohl städtebaulich als auch in künstlerischer Hinsicht unter die Lupe; für beide Städte eine Zeit des radikalen Umbruchs, stürmischen Wachstums und künstlerischen Wahrnehmungswandels.
Nichts gegen die schwäbische Heimat, aber während heuer jeder Verkehrskreisel in engagierten Bürgerausschüssen diskutiert wird, durfte Georges-Eugène Baron Haussmann Mitte des 19. Jhdts. ganz Paris umgraben und aus dem mittelalterlichen Häuserwirrwarr eine moderne Großstadt formen. „Da der städtische Raum unter Haussmann nicht mehr durch Gebäude, sondern maßgeblich durch Straßen und Boulevards organisiert wurde, steht die künstlerische Eroberung der Straße von nun an im Fokus des malerischen Interesses: Dieser urbane Raum wurde exemplarisch zum Schauplatz des modernen Lebens“, schreibt Karin Sagner in ihrer Einführung. Die neue Stadt schuf eine neue Kunst, die wiederum unser Bild der Stadt als kultureller Archetyp entscheidend geprägt hat. Heutige Selbstverständlichkeiten wie Bürgersteige führten zu einschneidenden Veränderungen in den Sichtweisen. Der Bürger war eingeladen, den öffentlichen Raum, ansprechend möbliert durch Bäume, Beleuchtung, Litfasssäulen und Bänke, zu nutzen und zu beleben. Von der Straße aus, beim Flanieren, wurde Paris vom französischen Impressionismus neu entdeckt. Die Plakate von Toulouse-Lautrec, die Gemälde von Pissarro, Matisse und vielen anderen prägen unser romantisches Bild der Seine-Metropole noch heute.
Auch in Berlin gab es mit James Hobrecht einen Stadtplaner, der soziale Harmonie und luftige Gärten erträumte. Das schwindelerregende Wachstum der Stadt, die Einwohnerzahl stieg von 1,3 Mio. im Jahre 1880 auf 3,7 Mio. nur 30 Jahre später, provozierte jedoch den Bau enger, dunkler Mietskasernen. Die katastrophalen Lebensverhältnissen dort spiegelte der deutsche Expressionismus in seinen Bildern, die ebenfalls bis heute das Bild der Stadt in unseren Köpfen prägen. Trotz aller Veränderungen ist das wüste Chaos des dicht besiedelten Berlins, wie es George Grosz in seinen Bildern schildert, mit seinen verbotenen Verlockungen ein immer noch wirksamer und zugkräftiger Mythos.
Der Katalog bietet mit über 300 Exponaten, handkolorierten Stadtpläne, Fotos, Plakaten und Gemälden eine beeindruckende Analyse der gegenseitigen Beeinflussung von Städtebau, technischer Entwicklung und künstlerischer Reaktion in den beiden Metropolen.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).