Susanne Kippenberger. Kippenberger. Der Künstler und seine Familie
Montag, 30.07.2007
Berlin Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8270-0704-9, 576 Seiten mit 74 s/w- Abbildungen, gebunden, Format 22 x 13,6 cm, € 22.
Die umfangreiche Biografie des 1953 in Dortmund geborenen Künstlers Martin Kippenberger scheitert am Familienspleen, nichts wegwerfen zu können, und an der Distanzlosigkeit der Autorin und Schwester. Für Susanne Kippenberger sind die Zeichnungen, Fotos, Briefe, Texte und Erinnerungsfetzen, die ihr Bruder und der Rest der Familie über die Jahrzehnte horteten, und die vielen Interviews, die sie während der Recherche führte, ein nie versiegender Quell von Anekdoten. Legionen sind die Zeugen, die Kunde von Martins Leben geben, jede aufgeblätterte Seite produziert neue Auflistung von Zuständen, Emotionen, Zitaten, Ausstellungen, Freunden, Zechgelagen, Wortspielen und Kunstaktionen. Ihr Bruder war immer in Bewegung, hasste nichts mehr als Stillstand und Langeweile. Als Zappelphilipp und schwer erziehbarer Jugendlicher, Egomane, arbeitswütiger Kreativexplosionist und Existenzderwisch nährte er seinen eigenen Mythos, den die Schwester nun auf ewig zu zementieren sucht. Ein „geniekritischer Künstler, der posthum zum Genie verklärt wurde“, wie Isabell Graw in der ZEIT schrieb, die „retrospektive Verklärung“ des Künstlers bedauernd.
Martin Kippenberger treibt das Leben auf die Spitze, hurt, säuft, reist, lernt Menschen kennen, die ihn hassen oder lieben, und alles, was er lebt, wird auch zur Kunst und Kunst wird zum Leben. Hamburg, Berlin, Köln, Florenz, New York, immer in Bewegung, immer auf dem Sprung. Stan the Man, was für ein Kerl.
Prallvoll mit Leben, so war die ganze Familie. Der Krebs erwischt beide Eltern, aber selbst nach Scheidung und Operationen trotzen die Kippenbergers den Schrecknissen der Existenz. Man lacht und lebt und stirbt und gibt den unbedingten Lebenswillen, „immer nur nach vorne schauen“, an die nächste Generation weiter: „Eine Familie, eine Linie“ schreibt Martin auf den Grabstein des Vaters. So ist das Leben, aber es mag einen gruseln, dass existenzielle Verwerfungen von Susanne Kippenberger en passant mit der gleichen Geschwindigkeit und Wertigkeit erzählt werden wie der gemeinsame Sommerurlaub oder eine gelungene Ausstellungseröffnung. Dass Martin sich zu Tode gesoffen hat, durchzieht das Buch wie eine Schleimspur, um die sie herumlaviert, um nicht auszurutschen. Hier zeigt sich die fehlende Distanz: Sucht ist bei ihr immer auch Sehnsucht oder die Sucht nach Nudelauflauf und Mau Mau spielen. „Er war mein Beschützer“, hat Susanne Kippenberger gesagt; in diesem Buch wird sie zum Beschützer ihres Bruders.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).
Charlotte Salomon. Leben? Oder Theater?
Samstag, 14.07.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Städel, Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt am Main vom 18.06 – 22.08. 2004. Hg. von Edward van Voolen. Mit Beiträgen von u.a. Sabine Schulz und Ad Petersen. Prestel Verlag, München, 2004, ISBN 978-3-7913-3166-9, 432 Seiten, 835 farbige Abbildungen, 25 s/w-Abbildungen, Broschur, 28x 22 cm., € 59.
Die Sammlung von 1.325 Gouachen und Transparentblättern mit Text der 1917 in Berlin geborenen Charlotte Salomon, ist „eines der wichtigsten und künstlerisch bedeutendsten Zeugnisse jüdischen Lebens angesichts des Holocaust“. Die Werke entstanden in einer kreativen Explosion und unter starkem psychischen Druck zwischen 1940 und 1942 im Exil in Südfrankreich. Charlotte lebte dort bei ihren Großeltern, wurde aber, vermutlich aufgrund einer Denunziation, im Herbst 1942 verhaftet. Im Oktober 1943 wurde sie, 26 Jahre alt, in Auschwitz ermordet.
„’Leben? Oder Theater?’ von Charlotte selbst als ‚Singspiel’ bezeichnet, ist wie ein Theaterstück in Vorspiel, Hauptteil und Nachwort aufgebaut. In den einleitenden Blättern werden die Personen des Stücks vorgestellt. Die unter Pseudonym auftretenden Protagonisten sind in eine fantasievolle Collage aus Bildern, Text und Musik eingebunden, die alle Möglichkeiten vom Märchenhaften bis zu einer zeichenhaften Modernität ausschöpft.“ Der Betrachter wird Zeuge ihrer Familiengeschichte. Und die hat es in sich. Bereits das erste Blatt beschreibt in dunklen Tönen den Selbstmord ihrer Tante mütterlicherseits. Einer Abfolge von Filmbildern gleich sehen wir, wie die verzweifelte Frau mit verschränkten Armen und eingezogenen Schultern die Treppe in der Wohnung hinabsteigt, das Haus verlässt, einem mäandernden Weg durch die Stadt folgt, der sie aus dem Bild hinaus- und wieder hineinführt, um sich schließlich in einen schwarzrot gurgelnden Styx zu werfen. Der Schwermut der mütterlichen Linie wird auch ihre Mutter und ihre Großmutter noch treffen. Charlotte selbst ist in steter Angst, ihr Schicksal teilen zu müssen, nachdem der Großvater ihr Mitte 1940 die lange Reihe von Suiziden, die bisher als Familiengeheimnis behandelt wurden, gebeichtet hatte. Ihre künstlerische Arbeit ist auch ein Malen gegen den Wahnsinn.
Die vielen Blätter lesen sich wie ein Storyboard und berichten vom Leben, Lieben und Leiden einer gutbürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie in Berlin, über die das Fegefeuer der Zeit hinwegzieht. Am Anfang sind die Zeichnungen sehr detailliert ausgeführt, so können wir von oben in die Wohnung ihrer Eltern in Berlin blicken, als wäre es ein Puppenhaus ohne Dach. Die erste Zeit nach der Geburt von Charlotte wird in hellen Farben und als lebensfroher Reigen geschildert. Die Mutter im Wochenbett, der stolze Vater an der Krippe, die stillende Mutter, der erste Spaziergang mit Kinderwagen – alles windet sich schlangenförmig auf einem einzigen Blatt. Nur ein paar Blätter später begegnet uns eine verzweifelte kleine Charlotte, die den Selbstmord ihrer Mutter verkraften muss und sich in ein düsteres Badezimmer zurückgezogen hat, um festzustellen: „Das nennt sich nun das Leben“. In der Beschreibung seelischen Schmerzes und Einsamkeit findet die Malerin ihre stärksten und besten Motive.
Aber es findet sich auch jede Menge normales Leben in den Zeichnungen: Man trifft sich, man arbeitet, man amüsiert sich, plaudert über Unwichtiges und versucht, sich in den ersten Jahren nach der Machtergreifung Hitlers so gut es geht mit dem menschenverachtenden Nationalsozialismus zu arrangieren. Durch das ganze Werk ist zu beobachten, dass der Malstil immer fahriger wird, als würde Charlotte spüren, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Schnell hingeworfene, nur mit einigen Strichen angedeutete Personen, die Sprechblasen-Texte in den Bildern drängen sich in den Vordergrund, als müsse noch so viel gesagt werden, wofür sie keine Bilder mehr findet. Die letzten Blätter bestehen nur noch aus Text. Was für ein Schicksal!
Anfang 1915 notierte Paul Klee in sein Tagebuch: „Je schreckenvoller diese Welt (wie gerade heute) desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.“ Charlotte Salomon hätte ihm sicher nicht zugestimmt. Der Katalog versucht, die Malerei von Charlotte unter kunsthistorischen Aspekten zu fassen. Aber die Künstlerin entzieht sich der Einordnung, weil man zu wenig über sie weiß, weil „Leben? Oder Theater?“ ihr einziges Werk blieb, weil sie ein weißes Blatt im vollgeschmierten Künstlerolymp ist und bleiben wird. Manchmal erinnert ein Blatt an Motive anderer Maler, schließlich hat sie ein Kunststudium begonnen, vielleicht hat Charlotte die eine oder andere Ausstellung gesehen, hat Kunstzeitschriften studiert, sicherlich, aber mal ehrlich: Ist es wirklich wichtig? Das Werk ist einzigartig, ein Lebens-Werk, das die Zeiten jenseits kunstgeschichtlicher Verortungen (und gerade deshalb) überdauern wird, weil es uns mehr und direkter etwas über das Leben zu sagen hat, als alle wohlfeilen Bildexegesen jemals zu sagen vermögen werden. Und das Werk spricht nicht im Zorn, es beschreibt liebevoll. Charlotte notiert: „Die Entstehung der vorliegenden Blätter hat man sich folgendermaßen vorzustellen: Der Mensch sitzt am Meer. Er malt. Eine Melodie kommt ihm plötzlich in den Sinn. Indem er sie zu summen beginnt, bemerkt er, daß die Melodie genau auf das, was er zu Papier bringen will, passt. Ein Text formt sich bei ihm, und nun beginnt er die Melodie mit dem von ihm gebildeten Text zu unzähligen Malen mit lauter Stimme so lange zu singen, bis das Blatt fertig scheint.“
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).