Johannes Brus. Die Schatten der Bildhauer
Donnerstag, 30.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Gerhard-Marcks-Haus, Bremen, vom 27.08. – 12.11. 2006. Hg. von der Gerhard-Marcks-Stiftung. Mit einem Text von Jürgen Fitschen. Eigenverlag, Bremen, 2006. ISBN 978-3-924412-56-2, 96 S. mit 55 Farb- und 3 s/w-Abb., gebunden, Format 30 x 23,3 cm, € 18
Der Bildhauer Johannes Brus wurde 1942 in Gelsenkirchen geboren und studierte von 1964 bis 1971 an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Karl Bobek, dessen Konflikte mit dem charismatischen Joseph Beuys ihn sicherlich geprägt haben. Als der „Düsseldorfer Akademiestreit“ eskalierte und Beuys schließlich 1972 aus dem Lehrdienst entlassen wurde, hatte Brus sein Studium bereits beendet. Seit 1986 hat er den Lehrstuhl für Bildhauerei an der Kunsthochschule in Braunschweig inne, nennt ein sehr schönes Atelier im ehemaligen Wasserwerk Ruhrtalstraße in Essen sein Eigen und ist nach wie vor der bildhauerischen Ästhetik Karl Bobeks wesentlich näher als der von Beuys.
Der Katalog verfolgt die Entwicklung von Johannes Brus von den 70er Jahren bis zur Gegenwart. Nach dem Studium widmete er sich konzeptuellen Arrangements von gefundenen Gegenständen, die er fotografierte. Daraus entwickelte sich eine Leidenschaft für die Fotografie: Übermalungen, Verfremdungen, Mehrfachbelichtungen und chemische Experimente geben den Bildern eine surreal-mystische Note, verstärkt noch durch die thematische Auseinandersetzung mit indianischen Riten und Schamanismus. Später kehrt Brus zum plastischen Gestalten zurück, schafft „Menschen, Tiere, Maschinen, Mythen“ mit oft unfertigem Charakter, zerfurchten Oberflächen, Gussnähten und fleckigem Farbauftrag. Den Guss seiner Figuren in Gips oder Beton erledigt Brus selber in seinem Atelier und „bastelt“ bis zum Verkauf gerne an ihnen herum: der Weg ist das Ziel.
Die „poetische und mythische Erfahrung, in der Entrückung, Abwesenheit, Vergangenheit und disparate Gegenwart zum großen Thema werden“ transportiert sich über die Fotoarbeiten wesentlich besser als über die eher konventionellen Skulpturen. Die Frage „Was ist Bildhauerei heute?“ wird sicherlich nicht im Werk von Johnnes Brus beantwortet werden können.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Leuchtende Bauten. Architektur der Nacht
Dienstag, 28.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart vom 09.06. – 01.10. 2006. Hg. von Marion Ackermann und Dietrich Neumann. Mit Texten von u.a. Simone Schimpf, Wolf Tegethoff, Hollis Clayson und den Herausgebern. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, ISBN 978-3-7757-1757-9, 152 S., 120 Abb., davon 70 farbig., Broschur, Format 30 x 24,5 cm, € 28,–
Unerhört faszinierend muss das erste Aufleuchten des Eiffelturms bei der Weltausstellung 1889 gewesen sein, der endgültige Triumph des elektrischen Lichts. Spürten die Zuschauer den beginnenden Sog der Moderne? Waren Sie sich des neuen Zeitalters bewusst, das aus tausenden von Lichtern erstrahlte? Das Kunstmuseum Stuttgart hat zum Thema der „Leuchtenden Bauten“ eine spannende Ausstellung konzipiert, die einen historisch-chronologischen Abriss bietet zwischen dem ersten Aufleuchten einzelner Gebäude durch Feuerwerke bis hin zum Vorwurf der Lichtverschmutzung vieler Metropolen und den übergroßen digitalen Bildschirmen, die ganze Häuser einhüllen und unaufhörlich buntes Licht und Werbebotschaften emittieren. Die vorliegende Publikation stellt zudem einzelne Lichtprojekte aus unterschiedlichen Zeiten dialogisch gegenüber und bietet so einen weiteren Zugang zu den Exponaten.
Erste Ansätze einer Nachtarchitektur entwickelten sich an der Grenze des Jugendstils zur Architektur der Moderne, dessen früher Ausdruck der umstrittene, weil gänzlich schmucklos-technokratische Turm von Gustave Eiffel war. Nach den Erschütterungen des ersten Weltkrieges kam es in Deutschland zu einer „Spiritualisierung des Lichts“, wie Simone Schimpf schreibt. Das Kristall als vollkommene Verknüpfung zwischen Himmel und Erde wurde zum Dreh- und Angelpunkt einer Gruppe von jungen Künstlern und Architekten um Bruno Taut, dessen „Glashaus“ erstmals bei der Werkbund-Austellung 1914 in Köln zu sehen war, und führte zu Entwürfen von utopischen, lichtdurchdrungenen Bauten, Kathedralen des Lichts. Auch am Bauhaus in Dessau herrschte eine seltsame Mischung aus Erlösungs- und Heilserwartungen mit expressionistisch-futuristischem Gedankengut. Mit László Moholy-Nagy wurde dann ab 1923 die technisch-experimentell interessierte Gruppe innerhalb des Bauhauses gestärkt. „Als einer der Ersten begriff er Licht als künstlerisches Material, das er unmittelbar einsetzte und nicht mehr als Symbol auffasste.“ Parallel zur künstlerischen Begeisterung für das Licht kam es in Deutschland in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre auch zu einem ersten Höhepunkt der kommerziellen Nutzung von Reklameschriften an Gebäuden.
Der Katalog beschreibt und bebildert außerdem die transkontinentalen Unterschiede in der Wahrnehmung beleuchteter Städte – zwischen der Fortschrittsverehrung in Amerika durch die Illumination der Wolkenkratzer einerseits und der mystischen Verehrung der Nacht durch den Expressionismus in romantisch-unheimlich beleuchteten Gassen europäischer Großstädte andererseits.
Nach dem zweiten Weltkrieg geriet die künstlerische Lichtbegeisterung in Vergessenheit, die Städte wurden trotzdem immer heller. Der Katalog verzeichnet viele Beispiele von Kaufhäusern, Tankstellen, Lichtspielhäusern und anderen Gebäuden, die durch Konturbeleuchtung, Flutlicht und Leuchtreklame die Nacht vertrieben. Doch erst in jüngster Zeit interessieren sich auch wieder Architekten für die Möglichkeiten der Lichtgestaltung. Dietrich Neumann ist überzeugt, dass die Lichtarchitektur das Gebiet ist, „auf dem sich heute die aufregendsten und grundlegendsten Entwicklungen und Paradigmenwechsel der zeitgenössischen Architektur vollziehen“. Die Werke von Lichtkünstlern wie dem Franzosen Yann Kersalé, der für die nächtlichen Illuminationen am Berliner Sony Center des Architekten Helmut Jahn oder am Hochhaus „Torre Agbar“ von Jean Nouvel in Barcelona verantwortlich zeichnet, spielen spektakulär mit den technischen Möglichkeiten, sind aber dicht an der Grenze zum reinen Dekor und zur „cinematographischen Künstlichkeit“, wie der Philosoph Paul Virilio schon 1991 im Zusammenhang mit der zunehmenden Präsenz von Medienbildschirmen anmerkte. Aber es gibt bereits erste Ansätze, das urbane Umfeld in die Lichtgestaltung einzubinden. Die Beleuchtung reagiert auf Umwelteinflüsse, auf Lärm, Wetterverhältnisse oder aktuelle Nachrichten. Vieles ist denkbar, nicht alles ist in der ohnehin schon hektischen Lebensumgebung wünschenswert. Denn so schön und bunt die Lichtideen auch sein mögen, am Ende der Vorstellung wird immer ein Logo stehen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
In neuem Licht. Fotografie in Baden und Württemberg 1900 – 1930
Montag, 27.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung bei der EnBW in Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg vom 12.07. – 30.09. 2007. Hg. von der EnBW. Mit einem Text von Dorothee Höfert. Eigenverlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-934510-29-6, 80 S. mit 61 s/w-Abb., gebunden, Format 28,4 x 21,4 cm, € 20
61 Fotografien aus der Gründerzeit des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg umfasst der vorliegende Katalog. Fotos aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, die Dank des engagierten Einsatzes kränklich blasser Archivare auf modrigen Dachböden dem Dämmerschlaf in halb zerfallenen Fotokisten entrissen wurden und nun, frisch reproduziert und digitalisiert der Zukunft harren.
Soweit eine vielleicht etwas romantische persönliche Vorstellung angesichts des historischen Materials. Richtig ist, dass die Bilddokumente schon damals sehr bewusst zusammengestellt und archiviert wurden, um die Situation und die permanenten Veränderungen in Stadt und Land zu dokumentieren und für Bildungszwecke einzusetzten. Mittlerweile ist der Fundus auf über eine Million Fotos und Dias angeschwollen, wohlgeordnet und zum Abruf bereit in klimatisierten Räumen.
Die ausgewählten Fotografien verdeutlichen unten den Themen „Transport und Mobilität“, „Durch Stadt und Land“, „Alltag und Feiertag“ und „Energie“ den Wandel des Lebens im Gebiet des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg. Neben der Freude des Wiedererkennens baulicher Strukturen und dem Entsetzen über unwiderbringlich Verlorenes, findet sich allerlei Pittoreskes wie alte Flusskähne im Hafen, Zeppeline in der Luft, eine Pferdekehrmaschine um 1912, der Kübelesmarkt 1929 in Bad Cannstatt oder eine Vesperpause während der Heuernte um 1910. Motive, die man so oder ähnlich schon öfters gesehen hat. Aber die melancholische Aura historischer Fotogafien ist, wie Dorothee Höfert in ihrem Text zu recht feststellt, als Fenster in eine zurückliegende Zeit immer auch Einladung zur Selbstbesinnung.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Wanderland. Israel – Palestine
Samstag, 25.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Haus Lange, Krefeld vom 29.10. 2006 – 11.02. 2007. Hg. von Martin Hentschel. Mit Texten Hassan Khader, Noan Yuran und Martin Hentschel. Kerber Verlag, Bielefeld 2006, ISBN 3-86678-035-4, 128 Seiten mit 78 farbigen und 5 s/w Abb., Klappbroschur, Format 25 x 21 cm, € 28
Dem Katalog „Wanderland“ sind zwei literarische Texte vorangestellt. Der palästinensische Literaturkritiker und Übersetzter Hassan Khader beschreibt die vielfältigen Netzwerke zwischen den scheinbar verfeindeten Bevölkerungsgruppen. Dabei verknüpft er Lewis Carrolls Alice, die in einem Saal voller verschlossener Türen sitzt, und die Geschichte seiner Katze, die unter den Namen Shneer, Nora oder Norit durch den israelisch-palästinensischen Konflikt taumelt, zu einer Erzählung über das Sperren, Lenken und Verweigern menschlicher Bewegungsfreiheit. In dessen Zentrum steht der mit Betonklötzen gesäumte israelische Checkpoint.
Auch der israelischer Kulturkritiker Noam Yuran berichtet in seinem Essay „Die unerträgliche Nähe des Nachbarn“ von Trennendem, vom Krieg der Bilder und der kleinen Gesten, der über die Medien ausgetragen wird, und vom Widerspruch einer Gesellschaft, die sich selbst als „postideologisch“ und liberal betrachtet, gleichzeitig aber auf „Disengagement“ und damit auf die ethnische Trennung hinarbeitet.
Den Foto- und Videoarbeiten der beteiligten KünstlerInnen fällt neben der Auseinandersetzung mit den politischen Konfliktlinien auch die Aufgabe zu, die Arbeitsweise klassischer Bildjournalisten zu transzendieren. „Ich muß Sinn in einem mediatisierten Ritual finden, in dem disziplinierte Soldaten und mit Steinen bewaffnete Kinder vor einer Meute gieriger Journalisten aufeinander losgehen“, schreibt Antoine D`Agata. Gebunden an zementierte visuelle Sichtweisen, mit einer über Jahrzehnten antrainierten Erwartungshaltung gegenüber Bildern und deren Inhalten, kann es für den Künstler nur darum gehen, das „Gleichgewicht zwischen dokumentarischem Bemühen und unausweichlicher Subjektivität“ unaufhörlich in Frage zu stellen. Die Spannung der Publikation entsteht an diesem Realitätscheckpoint, den jeder Künstler auf seine Art bewältigt. Er hat die Freiheit, zur Technik der Montage und der Serie zu greifen, er kann sich ungewöhnlicher Formate, Wiederholungen, Unschärfen und technischer Verfremdung bedienen, um die Sehschärfe des Betrachters neu zu justieren. So bewegt sich der Franzose Luc Delahaye mit seinen fasziniernden „Tableaus“ von Ruinenlandschaften und Kriegsschauplätzen auf einer unterkühlt, teilnahmslosen Ebene, während Leora Laor intime Bilder aus dem ultraorthodoxen Stadtviertel Mea She´arim in Jerusalem beisteuert. Der einzige Palästinenser im Feld, Taysir Batniji, kombiniert in seinen Foto- und Videoarbeiten Momentaufnahmen, die das normale Leben jenseits der Schlagzeilen beleuchten. Pavel Wolberg und Miki Kratsman dagegen arbeiten auch als Fotojournalisten. Ihre Arbeiten sind in Teilen nahezu deckungsgleich mit den Bildstrecken klassischer Kriegsfotografen.
Drei palästinensische Künstlerinnen haben ihre Teilnahme an der Ausstellung aus politischen Motiven verweigert. Bedauerlich, denn Hassan Khader schreibt in Anspielung auf Alice’ Abenteuer im Wunderland, dass „nur Kunst (nicht Politik) den Menschen den winzigen goldenen Schlüssel liefern kann, den sie brauchen“.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
XIV. Rohkunstbau. Drei Farben – Weiss
Donnerstag, 23.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Schloss Sacrow, Potsdam, vom 15.07. – 26.08. 2007. Hg. von Dr. Arvid Boellert. Mit Beiträgen von Mark Gisbourne, Christoph Menke, Elif Shafak und Max Schumacher. Hans Schiler Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89930-199-1, 128 S. mit 70 Farb- und 20 s/w-Abb., Klappbroschur, Format 21 x 28,5 cm, € 18,95
Der umtriebige künstlerische Leiter Arvid Boellert will das Kunstfestival „Rohkunstbau“ in den nächsten Jahren als „selbstständige kulturwirtschaftliche Produktionseinheit“ weiterführen. Eine abgeklärt klingende Aussage, die von den schwierigen Begleitumständen zeugt, die Boellert, ohne allzu konkret zu werden, in seinem Vorwort anspricht. Auch die Kunst entgeht nicht der wirtschaftlichen McKinseyisierung.
In ihrem vierzehnten Jahr widmet sich die Ausstellung dem zweiten Teil der Triologie „Drei Farben – Blau Weiß Rot“. Der Name verweist auf die gleichnamige Filmtrilogie von Krysztof Kieslowski, auf die Farben der französischen Revolution, auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die zehn internationalen Künstler waren zudem aufgerufen, ortsspezifische Arbeiten für das kleine, heruntergekommene Schloss Sacrow bei Potsdam zu schaffen. Der Kurator Mark Gisbourne verweist in seinem Text auf die Schwierigkeiten, sich dem Thema zu nähern. Gleichheit sei „in unserer modernen Welt eine wenig griffige und ziemlich abstrakte Hoffnung geblieben“. Durch die Hintertür verabschiedet er sich sogleich wieder von allzu gestrengen Vorgaben an die Künstler, denn die Annäherung an ein „dunkles und ungewisses Geisteskonstrukt“ bedingt wohl größtmögliche Freiheit. Auch das Schloss und seine idyllische Umgebung, im Katalog ausführlich bebildert und beschrieben, finden nur über Umwege ihren Niederschlag in den Werken. Einzig die Filminstallation von Julian Rosefeld, entwickelt und gedreht direkt beim Schloss, zeigt einen deutlich ortsbezogenen Ansatz. Das Foto „Attempt“, 2005, von Thomas Demand oder das monochrome Bild „Fingermalerei“, 1969, von Gerhard Richter, den Mark Gisbourne zu einer „metaphorischen Figur“ erklärt, „die zwar nicht physisch, aber doch mental die Glienicker Brücke überquerte“, sollen wohl die Wertigkeit der Ausstellung unterstreichen und sind nicht mehr als Namedropping für eine verwöhnte Kunstgemeinde.
Ein gelungener Katalog, dem man den Stolz der Organisatoren auf das Erreichte ansieht. Etwas weniger „diskursive Verrenkung“ (Elke Buhr) in den nächsten Jahren wäre aber auch nicht schlecht.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Christian Hahn
Donnerstag, 23.08.2007
Hg. vom Institut für moderne Kunst Nürnberg. Mit Texten von Christoph Heinrich, Christoph Kivelitz und Ralf F. Hartmann. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2006, ISBN 978-3-938821-62-6, 72 S. mit ca. 37 Farb- und 4 s/w-Abb., gebunden, Format 28,5 x 21,5 cm, € 22
Zwischen quietschbuntem Farbgeplapper und labyrinthischer Ausweglosigkeit müssen sich die Figuren in Christian Hahns prallvollen, albtraumhaft irrealen Universen einrichten.
Christoph Heinrich, Kurator für Moderne und Zeitgenössische Kunst am Denver Art Museum, betont in seinem Beitrag die Sozialisation des 1969 geborenen Künstlers Christian Hahn durch die „Logik des Bildschirms“, die sich gegen die Geschichte der Malerei als Quelle der Motivfindung durchgesetzt hat. Ähnlich seinen Generationskollegen Daniel Richter und Neo Rauch, oder auch den hier im Heft besprochenen Carlos Amorales und Frank Ahlgrimm, nutzt Hahn die Technik des „Samplings“, um verschiedenste Bildquellen in seine Werke zu integrieren. Während Ralf F. Hartmann nun in angestrengter Kunstterminologie die konsequente Negierung jedes politischen oder kritischen Statements in den Bildern beschreibt, findet Heinrich durchaus Themenstränge, die sich zu kritischen, gesellschaftspolitischen Aussagen bündeln lassen. „Hahn zeigt die Kreatur im Kampf mit dem entfesselten Ornament.“ Die Werke „verbildlichen Drohung und Zwang, handeln von Risiko und Aggression“. Der Mensch als anonyme, durch Helm und Maske geschützte digitale Spielfigur in einem undurchsichtigen Computerspiel, im Kampf gegen surreale, sich ständig verändernde Amöbenwesen, abstrakte Formen, riesige Schmetterlinge, Spielzeuge und andere Alltagsgegenstände, die hier zum Feind werden.
Christoph Kivelitz beschreibt dagegen ein „buntfarbiges Arkadien“ und sieht den Rezipienten durch die Werke in einen „orts- und zeitlosen Zustand der Schwerelosigkeit“ versetzt, deren Sujets in Kombination mit der drangvollen Enge der Komposition und dem Delirium an Farben und Formen auch klaustrophobische Angstgefühle erzeugen können.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
You won’t feel a thing: On Panic, Obsession, Rituality and Anesthesia / New Ghost Entertainment – Entitled
Montag, 20.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunsthaus Dresden vom 09.09. – 05.11. 2006. Hg. von Aneta Szylak und Christiane Mennicke. Mit englischen Texten von Aneta Szylak und Magda Pustoła. Verbrecher Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-935843-88-1, 80 S. mit 81 Farbabb., gebunden, Format 22 x 17,5 cm, € 18
Fanzine zur gleichnamigen Ausstellung im Kunsthaus Dresden vom 09.12. 2006 – 11.02. 2007. Hg. von Katrin Pesch. Mit englischen Texten von u.a. Molly McGarry und Sladja Blazan. Verbrecher Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-935843-80-5, 80 S. mit ca. 70 s/w-Abb., Heft, Format 26,5 x 21 cm, € 8
Panik, Obsessionen, Ritualität und Betäubung: Eine zeitgemäße Reaktion auf die Überbeanspruchung des Menschen durch Medien, Globalisierung und Leben auf der Überholspur? Gerd de Bruyn, Professor für Architekturtheorie in Stuttgart, sprach einmal vom zum Jäger und Sammler mutierten postmodernen Menschen, der sich ständig auf der Jagd nach Stille, Glück, Sensationen, Dauerstimulation, Extrembelastung und kontemplativen Erfahrungen befinde. Der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Leitbild des sozialkompetenten Gutmenschen und dem medialen Leitbild des Prominenten mit dissozialer Persönlichkeitsstörung erzeugt Brechreiz und psychische Unpässlichkeiten, vor allem auch bei jungen, empfindsamen Künstlern. Die von Aneta Szylak kuratierte Ausstellung im Kunsthaus Dresden in Zusammenarbeit mit dem Adam-Mickiewicz-Institut Warschau setzt neben dem obligatorischen Anschreien gegen die Zeitwand einen Schwerpunkt auf die „persönlichen Rituale des Ausdehnens, Aussetzens oder Einfrierens von Zeit (…), um die Erfahrung eines eigenen privaten Raumes zu ermöglichen“. Der Katalog bietet neben einer kurzen Einführung in die einzelnen Werke durch die Kuratorin einen Essay der polnischen Kulturwissenschaftlerin Magda Pustoła, die allerdings wenig von der Flucht in betäubte Innerlichkeit hält, sondern die Flucht nach vorne unter Schmerzen bevorzugt, denn „Schmerz scheint unsere letzte Zuflucht zu sein, der einzige Weg, überhaupt noch etwas zu fühlen“. Eine Position, die im ZKM unter dem Titel „zwischen zwei toden“ ähnlich thematisiert wurde (siehe Kritik im Heft).
Einen Monat später lud das Kunsthaus zur Geisterstunde und veröffentlichte eine textlastige Fanzine, um zu überprüfen, ob das Thema „Gespenster“ als „Katalysator zur kritischen Reflexion gesellschaftlicher Ereignisse“geignet sei. Wer die Schau nicht persönlich besucht hat, wird sich schwertun, die einzelnen Ausstellungsstücke zu identifizieren oder deren Verbindung zum Thema nachzuvollziehen. Im Schriftteil wird ein überbreiter Bogen gespannt: von den Laterna Magica Shows des belgischen Erfinders Etienne-Gaspard Robertson um 1800 in Paris, über die „Phantom Trucks“, die Colin Powell vor dem UN Sicherheitsrat beschrieb und die als Kunstwerk des Spaniers Iñigo Manglano-Ovalle auf der documenta XII endlich Realität wurden, bis zur Welle japanischer Gruselfilme wie „Rigu“ oder „Ju-On“, die eine sehr eigene, bedrohliche Ästhetik entwickeln. Häufig taucht der Begriff auch nur als Umschreibung seelischer, körperlicher und weltlicher Zustände oder als Methapher („Gespenst der Freiheit“) auf. Fast jedes Kunstwerk, vom rituellen Kultobjekt aus der Vogelherdhöhle bis zu den fluoriszierenden Gestalten von Daniel Richter, lässt sich auf dieser Basis als „gespenstisch“ definieren. Die Intention der Kuratorin Katrin Pesch bleibt so diffus und schwer fassbar, irgendwie gespenstisch.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
John Wessley. Works on Paper since 1960
Freitag, 17.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Haus Lange vom 30.10. 2005 – 29.01. 2006 in Krefeld und in der Kunsthalle Nürnberg vom 16.02. – 23.04 2006. Hg. von Martin Henschel, Krefelder Kunstmuseen. Mit Texten von Martin Henschel und Martha Schwendener. Kerber Verlag, Bielefeld 2005. ISBN 3-938025-53-0, 168 S. mit 108 Farbabb., gebunden, Format 27 x 21 cm, € 37,90
Beim ersten Blick auf die Bilder von John Wesley verschwindet der 1928 in Los Angeles geborene Künstler bereits in der Schublade Pop Art. Martin Hentschel, Direktor der Krefelder Kunstmuseen, macht in seinem Textbeitrag aber deutlich, dass Wesley einige thematische Besonderheiten aufweist. Bereits Anfang der 60er Jahre setzte der Künstler Gegenstände aus seinem Lebensumfeld in „flache“ Bilder um, deren grelle Farbigkeit in Hellblau, Pink, Schwarz und Fleischfarben eher an Poster als an Gemälde erinnern. Später verwendete Wesley, den Konventionen der Pop Art folgend, Versatzstücke aus den Massenmedien wie Comicfiguren und Bildvorlagen aus der Werbung bis hin zu Bildzitaten des japanischen Ukiyo-e Künstlers Kitagawa Utamaro. Auffallend ist eine obsessive Erotik, die ironische Kommentierung amerikanischer Geschichtsmythen und eine Themenauswahl und -interpretation, die immer ein wenig neben der Spur liegt. Wessley bedient sich der Motive einer Massenkultur, nutzt diese aber nicht als inhaltslose, zur Schau gestellte Komponenten, sondern zum Erzählen von kleinen Geschichten. Er bleibt damit greifbarer als andere Künstler der Pop Art, deren Werke von jedem persönlichen Inhalt entleert sind.
Martin Hentschel würdigt den „abgründigen“ Blick Wesleys auf den Alltag und bescheinigt dem Künstler „traumhaftes Assoziationsvermögen“ und eine „tiefe Lebenserfahrung“, die zu Bildfindungen zwischen Glück und Trauer führe.
John Wesley hatte in Donald Judd einen äußerst erfolgreichen Künstlerfreund, der für Ausstellungen in der Chinati Foundation sorgte, und die Bilder als „witzig und spinnert“ und voller „psychologischer Seltsamkeit“ beschrieb. Aussagen, die leider gänzlich ungeeignet für den raschen Aufstieg in den Künstlerolymp sind, so Marta Schwendener in ihrem Text zum Einfluss Wesleys auf zeitgenössische Künstler wie Jeff Koons oder John Currin. Humor sei bei Kunstkritikern noch nie gut angekommen, schon gar nicht in Kombination mit Sexualität.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Eberhard Bosslet. Work Groups
Montag, 13.08.2007
Katalog mit CD-ROM zu den Ausstellungen „Eberhard Bosslet. Modulare Strukturen“ in der Galerie der Stadt Backnang vom 02.12. 2006 – 04.02. 2007 und „Eberhard Bosslet-Group Show“ in der Stadtgalerie Saarbrücken vom 09.12. 2006 – 21.01. 2007. Hg. von der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Ernest W. Uthemann. Mit einem Text von Ernest W. Uthemann. Kerber Verlag, Bielefeld 2006, ISBN 3-86678-038-9, 112 Seiten, 172 Farbabb., gebunden, Format 29 x 24 cm, € 32,–
Der kurze Katalogtext „Die Welt als Malgrund“ beschreibt die Vorgehensweise des vielseitigen, 1953 in Speyer geborenen Künstlers Eberhard Bosslet, der seit 1997 Professor für Skulptur und Raumkonzepte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist. Gefundene Gegenstände, meist aus dem industriellen oder gewerblichen Bereich, erhalten einen künstlerischen „Mehrwert“, allerdings nicht als Objet trouvé, sondern im Sinne eines Eingreifens in die Integrität und den ursprünglichen Bedeutungshorizont der Gegenstände durch Übermalungen, sinn- und zweckverändernde Aufstellung oder durch Neuinterpretation mittels serieller Zusammenstellung. So provoziert ein zufällig gefundenes Autowrack, ein pittoreskes Minihaus oder ein Boot auf einem Trailer den Künstler zur Suche nach ähnlichen Motiven. Es entstehen spielerische Fotoserien wie „Schrott und Sonne“ „EinRaumHaus“ oder „Falsches Wasser“. Seine imposanten Skulpturen haben einen gänzlich anderen Charakter. Bosslet verwendet hier oft Materialien und Elemente aus dem Baugewerbe wie Baustützen, Beton, Armierungsgitter und Schalungselemente, sieht sich dabei aber vor allem als Maler. Für Ernest W. Uthemann sind die Arbeiten „räumlich expandierende Zeichnungen und Gemälde“, was den eigenwilligen, deutlich raumbezogenen Skulpturen aber nicht gerecht wird. Die Werkgruppe „Unterstützende Maßnahmen“ spielt mit Stabilisierung und Destabilisierung: Gibt der Raum den zwischen Boden und Wand verklemmten Stahlstützen ihre Stabilität oder bewahren die Stützen den Raum vor dem Einsturz? Die Arbeiten haben eine starke physische, bedrohliche Präsenz. Sie zerteilen Räume, sperren den Betrachter aus oder bilden Hindernisse, die in ihrer rohen Stahl- und Betonmaterialität sehr schwer und potenziell verletzend erscheinen. So blockiert das Werk „Barriere 84/05 PZ, 2005“ aus Beton und Stahlarmierungen den gesamten Ausstellungsraum und evoziert gleichzeitig Gedanken an Aufbau und Abriss.
Bosslet sieht seine umfassendes Œuvre stets im Zusammenhang und ist offensichtlich auch an einer umfassenden und fundierten Vermittlung seiner Kunst interessiert, was für viele Künstler und für die meisten Kunstkataloge leider keine Selbstverständlichkeit ist. So beinhaltet der Katalog neben den Werken der beiden oben genannten Ausstellungen auch Arbeiten aus früheren Jahren und eine ausführliche, bebilderte Werkentwicklung. Außerdem liegt dem Katalog die CD „Bosslet Archiv“ bei. Sie dient als Werkverzeichnis und beinhaltet mehr als 2.500 Abbildungen, 200 Texte zum Werk und Interviews. Eine beeindruckende Zusammenstellung, die keine Fragen offen lässt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Carlos Amorales. Dark Mirror
Sonntag, 12.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Daros-Latinamerica Collection vom 05.04. – 02.09. 2007. Hg. von Hans-Michael Herzog und Katrin Steffen. Mit einem Künstlergespräch, geführt von Hans-Michael Herzog. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern 2007, ISBN 978-3-7757-2046-5, 240 Seiten, ca. 80 Farbabb., gebunden, Format 26,5 x 20,5 cm, € 39,90
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