Carlos Amorales. Dark Mirror
Sonntag, 12.08.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Daros-Latinamerica Collection vom 05.04. – 02.09. 2007. Hg. von Hans-Michael Herzog und Katrin Steffen. Mit einem Künstlergespräch, geführt von Hans-Michael Herzog. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern 2007, ISBN 978-3-7757-2046-5, 240 Seiten, ca. 80 Farbabb., gebunden, Format 26,5 x 20,5 cm, € 39,90
Carlos Amorales, Jahrgang 1970, gilt als einer der bedeutendsten mexikanischen Künstler seiner Generation. Er bedient sich bei der Bildfindung einer umfangreichen Sammlung von graphischen Vorlagen, die er „Liquid Archive“ nennt und die in immer neuen Kombinationen bei seinen Animationen, Gemälden und Installationen Verwendung finden. Das computergestützte Archiv umfasst mittlerweile etwa 1.300 Bilder. Es handelt sich um Schattenrisse von Menschen, Tieren, Flugzeugen, Totenköpfen und eigens entworfenen Schrifttypen. Seine künstlerische Herangehensweise an die Welt, zerlegen und remixen, ähnelt der von Frank Ahlgrimm (siehe Kritik „Home Of Beauty“). Amorales Palette der Weltenteilchen ist allerdings wesentlich düsterer als die verspielten Tempobilder Ahlgrimms. Seine Phantasie spielt mit menschlichen Mutationen, mit Wölfen, die durch kulissenhafte, seltsam leblose Stadtlandschaften streunen, mit Bäumen, die zu düster-surrealen Wäldern verwachsen. Isoliert betrachtet wirken viele der Rekombinationen eher banal, aber die Fülle der Möglichkeiten und die morbide Grundstimmung der Werke zeigen Wirkung, auch weil sie unzählige Assoziationen aus unserem visuellen Speicher abrufen. Auf die Kritik, ob sein Universum nicht hauptsächlich aus, wenn auch modifizierten, Klischees bestehen würde, antwortet der Künstler im Gespräch mit Hans-Michael Herzog, dass ein Werk ohne Klischees nur schwer verständlich und zugänglich sei; die Verwendung allgemeiner Bildformeln bilde eine kommunikative Basis zwischen Künstler und Betrachter. Und tatsächlich funktioniert die Kombination Angst/Terror – Flugzeug oder Angst – Wolf nur, weil wir den 11. September als visuelles Bild frisch im Gedächnis tragen und die Angst vor Wölfen als Kinder verinnerlicht haben, obwohl die meisten Menschen Wölfe nur aus dem Zoo kennen. Ob Amorales also „archetypische“ Bilder schafft oder nur den prall gefüllten Bildspeicher seiner Zeitgenossen bedient, um einen wohligen Schauer auszulösen, sei dahingestellt.
Das ausführliche Künstlergespräch bietet neben der Werkbetrachtung auch die Gelegenheit, etwas über die persönlichen Lebensumstände und die Situation der Kunst in Mexiko zu erfahren. Sympatisch ist die Aufgeschlossenheit und Offenheit des Künstlers gegenüber seinem eigenen Universum, das weit davon entfernt ist, sich als entgültig zu definieren. In Zukunft möchte Amorales sein Archiv in die dritte Dimension erweitern. Die Holzinstallation „Spider Web Negative (Stage)“ und ein Wolfskostüm sind erste Schritte in eine Richtung, die eher an der Freude an künstlerischer Arbeit als an einer Vermarktungsstrategie orientiert zu sein scheint, auch wenn die Wölfe der globalisierten Kunst längst in Mexiko angekommen sind.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).