Stuhl, Stulle und stundenlang Zeit
Freitag, 21.09.2007
Stan Douglas. Past Imperfect
Werke 1986 – 2007
Württembergischer Kunstverein und Staatsgalerie Stuttgart
15. September 2007 – 06. Januar 2008
Klar kann man jetzt dicke Backen machen und den intellektuellen Prügel rausholen. Aber die Werke des 1960 in Vancouver geborenen Stan Douglas funktionieren, jenseits von allem lexikalischen Wissen, auch auf der emotionalen und ästhetischen Ebene sehr gut. Seine Filme sind perfekt inszeniert und entwickeln trotz ihrer ungewöhnlichen Form einen spannungsreichen Sog, dem man gerne länger folgen würde – gäbe es in den riesigen Dunkelkammern des Württembergischen Kunstvereins und der Staatsgalerie Stuttgart nur angemessene Sitzgelegenheiten.
Stan Douglas beschreibt seine Videoinstallationen als »rekombinierte Erzählungen«: Die einzelnen Film- und/oder Tonsequenzen werden durch eine Computersteuerung immer neu arrangiert, so dass es mehrere hundert Stunden dauern kann, bis sich eine bestimmte Abfolge wiederholt. Klingt gruselig langweilig, funktioniert aber besser als erwartet, was vor allem daran liegt, dass der Künstler unsere Ansprüche an die Optik eines Films erfüllt. Die Schauspieler sind Profis und die Mise en scène ist Lichtjahre entfernt von den finanzklammen Improvisationen hiesiger Experimentalfilmer. Dazu kommen die intensiven Projektrecherchen von Douglas, die den Werken ihre inhaltliche Komplexität geben. Das Scheitern moderner Utopien, fremde Welten, der Kolonialismus und das Auftauchen von »Gespenstern« im Zuge der zerfallenden Gesellschaftsmodelle sind die Themen seiner Fotos und Filme, die sich darüber hinaus auch immer mit dem Medium selbst, mit der Macht, der Lüge und der Wahrheit der Bilder beschäftigen. Für 5,– EUR ist ein Kurzführer erhältlich, der gute Dienste leistet.
Sein Film Klatsassin (2006) spielt an einem Tag X während der Zeit des Goldrauschs im kanadischen Cariboo im Jahr 1864. Es geht um eine mörderische Auseinandersetzung zwischen Ureinwohnern und Einwanderern, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und an Akira Kurosawas Film Rashomon von 1950 erinnert – nur dass Douglas 840 Variationen mit einer Spielzeit von 67 Stunden anbietet. Ein älteres (und kürzeres) in Deutschland entstandenes Werk, Der Sandmann von 1995, verzahnt zwei 360° Schwenks durch einen typischen Berliner Schrebergarten zu einer bedrückenden Filminstallation, die sich auf E.T.A. Hoffmans Erzählungen bezieht. Der Garten wurde in einer heruntergekommenen Halle der Babelsberger Filmstudios nachgebaut.
Im Zuge der Recherchen entstehen auch die eindrucksvollen Fotografien, die, wie Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung schreibt, »zu brillant sind, um als nacktes Recherchematerial abgetan zu werden, oft aber auch zu nebensächlich, um als autonome Fotografien zu überzeugen«. Hanno Rauterberg meint dagegen in der ZEIT: »Es sind Fotografien von verblüffender Brillanz und oft so süffig komponiert, dass man sie mit den herben Stückelwerken der Filme kaum zusammenbringt. Und doch bleibt Douglas hier wie dort einem Thema besonders zugeneigt: dem Absterben, dem Tod.«
Eine lohnenswerte Ausstellung, die allerdings mit ihren 14 Video- und Filminstallationen und über 120 Fotos vor allem Folgendes erfordert: Stuhl, Stulle und stundenlang Zeit.
Württembergischer Kunstverein
Schlossplatz 2
D-70173 Stuttgart
Veröffentlicht auf www.kunst-blog.com
Igor Sacharow-Ross. Abgebrochene Verbindung
Montag, 17.09.2007
Katalog zu den Ausstellungsprojekten im Herbst/Winter 2006 im Museum Moderner Kunst Passau, im Kunstverein Passau, in der Stadtgalerie Altötting und im Medienzentrum der Verlagsgruppe Passau. Hg. von Dieter Buchhart und Hans-Peter Wipplinger. Mit Texten von u. a. Alexander Borovsky und Sabine Schütz. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, Nürnberg, 2006, ISBN 978-3-939738-00-8, 232 Seiten, 233 Abb. in Farbe, 27 Abb. s/w, deutsch/englisch, Broschur, Format 29 x 23 cm, € 29,90
Das Werk des russischen Künstlers Igor Sacharow-Ross lässt sich nur schwer umfassen. Geboren 1947 in der sibirischen Verbannung, flossen seine Kindheitserinnerungen prägend in das Œuvre ein. Mitte der 70er Jahre arbeitete er an ersten Installationen und Happenings im sowjetrussischen Kunst-Untergrund, wurde 1978 ausgebürgert und fand eine neue Heimat in Deutschland. Seine laborartigen Versuchsanordnungen kreisen um den Begriff der „Syntopie“, als dem „Ausdruck des Verbindens von Verschiedenem an einem Ort“. Bezug nehmend auf den Gehirnforscher Ernst Pöppel präzisiert Sacharow-Ross den Begriff als „die Verbindung des räumlich und gedanklich Getrennten, als Voraussetzung für Kreativität, die aus der Verbindung von explizitem Wissen, implizitem Können und persönlichem Wissen erwächst“. So verbindet er Elemente aus Wissenschaft, Technik, Kunst und eigenem Lebenslauf zu collagenhaften Bildern, Filmen und Tönen, schafft raumgreifende Installationen und Environments aus einer unübersichtlichen Vielfalt von Themen. Er bietet ein Netz, „in dem aus dem zwanglosen Zusammenspiel aller Wissensebenen im menschlichen Geist ein Freiraum für Kreativität, unabhängiges Denken und für verantwortungsbewusstes Handeln entsteht“. Die Arbeiten wecken in ihrer erdigen Tonigkeit, in der Verschmelzung von mathematischen Formeln, Schriften und Naturmaterialien in einer alchimistischen Hexenküche Erinnerungen an Joseph Beuys. Man betrachtet Sacharow-Ross staunend bei seiner Suche nach der prima materia und steht doch letztlich verloren am Rande unendlicher Assoziationsketten. Der Künstler ist sich der Grenzen menschlichen Aufnahmevermögens durchaus bewusst: In seinem Projekt „Sapiens/Sapiens“, versucht er zu definieren, wie „fassbar“ der Informationsaustausch zwischen Menschen sein muss, um tatsächlich zu einer Erfahrung zu werden. Ein Resultat bleibt aus, der „Prozess“ lebt weiter und ist damit gleichzeitig die Frage und die Antwort.
Der Katalog greift die Idee des Netzwerks auf und bietet neben der Werkexegese auch literarische und wissenschaftliche Inhalte in acht Texten an, deren Zusammenstellung zwar den Syntopie-Gedanken verdeutlicht, das einleitende Zitat des Prologs: „Kunst kennt keine Muttersprache, sie erklärt sich ohne Worte“ hingegen ad absurdum führt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Igor Sacharow-Ross. Abgebrochene Verbindung
Montag, 17.09.2007
Katalog zu den Ausstellungsprojekten im Herbst/Winter 2006 im Museum Moderner Kunst Passau, im Kunstverein Passau, in der Stadtgalerie Altötting und im Medienzentrum der Verlagsgruppe Passau. Hg. von Dieter Buchhart und Hans-Peter Wipplinger. Mit Texten von u. a. Alexander Borovsky und Sabine Schütz. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, Nürnberg, 2006, ISBN 978-3-939738-00-8, 232 Seiten, 233 Abb. in Farbe, 27 Abb. s/w, deutsch/englisch, Broschur, Format 29 x 23 cm, € 29,90
Das Werk des russischen Künstlers Igor Sacharow-Ross lässt sich nur schwer umfassen. Geboren 1947 in der sibirischen Verbannung, flossen seine Kindheitserinnerungen prägend in das Œuvre ein. Mitte der 70er Jahre arbeitete er an ersten Installationen und Happenings im sowjetrussischen Kunst-Untergrund, wurde 1978 ausgebürgert und fand eine neue Heimat in Deutschland. Seine laborartigen Versuchsanordnungen kreisen um den Begriff der „Syntopie“, als dem „Ausdruck des Verbindens von Verschiedenem an einem Ort“. Bezug nehmend auf den Gehirnforscher Ernst Pöppel präzisiert Sacharow-Ross den Begriff als „die Verbindung des räumlich und gedanklich Getrennten, als Voraussetzung für Kreativität, die aus der Verbindung von explizitem Wissen, implizitem Können und persönlichem Wissen erwächst“. So verbindet er Elemente aus Wissenschaft, Technik, Kunst und eigenem Lebenslauf zu collagenhaften Bildern, Filmen und Tönen, schafft raumgreifende Installationen und Environments aus einer unübersichtlichen Vielfalt von Themen. Er bietet ein Netz, „in dem aus dem zwanglosen Zusammenspiel aller Wissensebenen im menschlichen Geist ein Freiraum für Kreativität, unabhängiges Denken und für verantwortungsbewusstes Handeln entsteht“. Die Arbeiten wecken in ihrer erdigen Tonigkeit, in der Verschmelzung von mathematischen Formeln, Schriften und Naturmaterialien in einer alchimistischen Hexenküche Erinnerungen an Joseph Beuys. Man betrachtet Sacharow-Ross staunend bei seiner Suche nach der prima materia und steht doch letztlich verloren am Rande unendlicher Assoziationsketten. Der Künstler ist sich der Grenzen menschlichen Aufnahmevermögens durchaus bewusst: In seinem Projekt „Sapiens/Sapiens“, versucht er zu definieren, wie „fassbar“ der Informationsaustausch zwischen Menschen sein muss, um tatsächlich zu einer Erfahrung zu werden. Ein Resultat bleibt aus, der „Prozess“ lebt weiter und ist damit gleichzeitig die Frage und die Antwort.
Der Katalog greift die Idee des Netzwerks auf und bietet neben der Werkexegese auch literarische und wissenschaftliche Inhalte in acht Texten an, deren Zusammenstellung zwar den Syntopie-Gedanken verdeutlicht, das einleitende Zitat des Prologs: „Kunst kennt keine Muttersprache, sie erklärt sich ohne Worte“ hingegen ad absurdum führt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Daniel Spoerri. Prillwitzer Idole. Kunst nach Kunst nach Kunst
Donnerstag, 13.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin vom 02.09. – 26.11. 2006. Hg. von Kornelia von Berswordt-Wallrabe. Mit Texten von Daniel Spoerri, Bazon Brock, Kornelia von Bersworth-Wallrabe und Hela Baudis. Eigenverlag, Schwerin, 2006, ISBN 3-86106-094-99, 134 Seiten, 65 Farb- und 4 s/w-Abb., Broschur, Format 28 x 11 cm, € 23.–
Während seiner Zeit an der Fachhochschule für Kunst und Gestaltung in Köln zwischen 1977 und 1982 fiel dem Künstler Daniel Spoerri auf der Suche nach Objekten zu Stichworten aus der Geschichte der Stadt ein Buch von 1771 mit Kupferstichen merkwürdiger Bronzefiguren in die Hände: „Die gottesdienstlichen Alterthümer der Obotriten aus dem Tempel zu Rethrea am Tollenze-See“. Spoerri war fasziniert, zeigten die Figuren, angeblich altslawische Götzenbilder, doch eine nahe Verwandtschaft zur Art Brut und erinnerten ihn an seine eigenen Material-Assemblagen. Bei den „Prillwitzer Idolen“ handelt es sich jedoch um Fälschungen der Brüder Jacob und Gideon Sponholz. Diese wurden hundert Jahre lang von dem herrschenden Fürsten zu Mecklenburg-Strelitz und anderen Prominenten der Zeit nur zu gerne für echt angenommen, zeigte sie doch scheinbar, dass auch in der Provinz mächtige slawische Geschlechter mit einem umfangreichen Kult zuhause waren. Da das Buch mit der eigentlichen Recherche von Spoerri nichts zu tun hatte, verschwand es für lange Jahre im Schrank. 2004 schließlich suchte und fand der Künstler die Bronzen im Mecklenburgischen Volkskundemuseum südlich von Schwerin – in der Realität „klägliche Figürchen“, verschämt verwahrt in einem Blechspind.
„Wenn ich heute eine neue Serie von Assemblagen als Hommage den ‚Prillwitzer Idolen’ widme, so aus zwei Gründen: Erstens als Manifestation meines in der Tat gebrochenen Wunsches nach Idolen, also nach Glaubensmodellen, die ich sogar sehen will. Zweitens als Eingeständnis, dass es solche Modelle nicht mehr gibt, und dass wir lediglich mit dieser Sehnsucht leben können. Deswegen lasse ich sie auch mit großem Aufwand in Bronze gießen. Je größer der Aufwand, desto größer die Sehnsucht nach scheinbarer Wahrheit.“ Der Katalog beinhaltet verschiedene Aspekte dieser spannenden Geschichte: die beeindruckenden, monumentalen Bronzeskulpturen von Spoerri, Ölgemälde der Idole, geschaffen zur Dokumentation der „antiken“ Funde 1770 von Daniel Woge, die Kupferstiche von Johann Conrad Krüger aus dem Jahr 1771, Abbildungen aus dem „Zauberbuch“ von Gideon Sponholz, einer weiteren originellen Schöpfung mit magischen Symbolen, naiven Zeichnungen und dunkel murmelnden Beschwörungsformeln sowie eine Serie von Collagen, in denen Spoerri 2006 Kopien der Kupferstiche mit Objekten interpretiert.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Chen Zhen. Der Körper als Landschaft / Chen Zhen. 1991 – 2000 unrealized
Donnerstag, 13.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Wien vom 25.05. – 02.09. 2007. Hg. von der Kunsthalle Wien, Gerald Matt. Mit Texten von Gerald Matt, Maité Vissault, Wang Min´an und Ken Lum. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, 2007, ISBN 978-3-939738-28-2, 96 Seiten, 91 Farbabb., Broschur, Format 23,5 x 16,5 cm, € 24
Publikation anlässlich der Ausstellung „Chen Zhen. Der Körper als Landschaft“ in der Kunsthalle Wien vom 25.05. – 02.09. 2007. Hg. von der Kunsthalle Wien, Gerald Matt. Mit einem Text von Gerald Matt und Ilse Lafer. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, 2007, ISBN 978-3-939738-29-9, 224 Seiten,150 überwiegend farbige Projektzeichnungen, Broschur, Format 16,5 x 23,5 cm, € 26
Weiterlesen »
Asta Gröting. The Inner Voice
Samstag, 08.09.2007
Hg. von Jan Hoet und Christoph Keller. Mit Beiträgen von Asta Gröting, Tim Etchells, Stella Rolling und Deborah Levy. Revolver Verlag, Frankfurt, 2004, ISBN 3-86588-003-7, deutsch/englisch, 144 S., 60 s/w-Abb., Broschur mit Schutzumschlag/Poster, Format 26 x 18,8 cm, € 25,–
Asta Gröting (geb. 1961 in Herford, lebt in Berlin) widmet sich seit 1992 neben ihrer bildhauerischen Arbeit einem eher ungewöhnlichen Thema: dem Bauchreden. Ihre Werkserie „Die Innere Stimme“, besteht aus einzelnen Videos, in denen sich internationale Ventriloquisten mit einer von Gröting geschaffenen Puppe über menschliche Befindlichkeiten austauschen. In den von ihr geschriebenen Texten geht es nicht um spaßige Bemerkungen oder die bekannte Situationskomik, sondern um Selbsterkenntnis und Identität. Es entsteht eine seltsame Mischung aus Kleinkunst und philosophischem Zwiegespräch.
Puppe:
Bauchredner (Wendy Morgan):
„Du verstehst mich nicht. Wie bitte? Ich sagte, du verstehst mich nicht. Aber ich gebe mir doch schon die größte Mühe. Womit? Auf dich einzugehen.“
Puppe:
Bauchredner (Buddy Big Mountain):
„Du bist super. Ach, ich weiß nicht. Doch, du musst dich auch super finden. Wieso – ich finde mich aber nicht super. Du bist aber gut. Sogar sehr gut.“
Der Sprachfluss orientiert sich an den klassischen Dialogen zwischen Bauchredner und Puppe: kurze Sätze, schnelle Dialoge, einfache Wortwahl. Die Texte versuchen also, äußerst komplexe Themen mit einer äußerst reduzierten Wortwahl treffend zu beschreiben. Auf Dauer ist diese Methode etwas ermüdend und neigt zur Wiederholungen.
Stella Rolling beschreibt in ihrem Text eine konsequente und mutige Künstlerin, denn „eine solche partnerschaftliche Gemeinschaftsproduktion zwischen High und Low Artists war ganz dazu angetan, die Kunstwelt vor den Kopf zu stoßen – besonders in Deutschland.“
Verstörend wirken auch Grötings Fotos von der „Ventriloquist Convention“ in Las Vegas: Da sitzen Dutzende von gutgelaunten Menschen, alle mit großen, ebenfalls gutgelaunten Puppen auf dem Schoß, die häufig auch noch ähnlich gekleidet sind und physiognomische Ähnlichkeiten mit ihren Besitzern aufweisen. Sie wirken so lebendig, dass man sich unwillkührlich fragt, wie symbiotisch die Beziehung zwischen Bauchredner und Puppe wohl schon geworden ist.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).
Clemens von Wedemeyer. Filme
Freitag, 07.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kölnischen Kunstverein vom 04.03. – 07.05. 2006. Hg. vom Kölnischen Kunstverein. Mit Texten von Beatrice von Bismarck und Ekaterina Degot sowie einem Künstlergespräch, geführt von Alexander Koch. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2006, ISBN 3-86560-104-9, 127 Seiten + Poster, 65 Abb., davon 42 farbig, Broschur im Schuber, Format 25 x 21 cm, € 29,80
Vor einiger Zeit stand in der Süddeutschen Zeitung, man könne die Filme von Ingmar Bergman an jeder beliebigen Stelle anhalten, immer würde ein gelungenes, atmosphärisch dichtes Bild aufleuchten. Die Stills im Katalog zu den Filmen von Clemens von Wedemeyer haben diese Qualitäten nicht im Ansatz und deren Wiedergabe ist im Prinzip überflüssig, auch wenn über seine Bezüge zu Eisenstein, Tarkowskij und Pasolini berichtet wird. Erhellender sind da schon die spärlichen Texte. Beatrice von Bismarck beschreibt den „ausgesetzten Raum“, der „Momente der Befreiung ebenso wie der Entrechtung“ birgt. Zum besseren Verständnis der zähen Theorie kreist die russische Kunstkritikerin Ekaterina Degot um den Film „Otjesd“, 15 min, loop, 2005, der die kafkaesken Bemühungen um ein Transitvisa in einer in sich geschlossenen Filmschleife zeigt. Im kurzen Künstlergespräch präzisiert der Regisseur seine Arbeitsweise: Die oben genannten Filmemacher interessieren ihn wegen eines bestimmten filmischen Stils. Von Wedemeyer füllt diese gefundene Form mit neuen Gesten oder nutzt vorkonnotierte Filmformen, um sie zu brechen und den Betrachter zu irritieren. Dieser beginnt, die scheinbare Authentizität eigener fiktionaler Versatzstücke, die immer wieder im Fernsehen konsumiert und schließlich für wahr gehalten wurden, zu hinterfragen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Eike Held. Wertstoffe. Bilder und Flugobjekte
Freitag, 07.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Dany Keller Galerie, München, vom 27.03. – 08.05. 2007. Hg. von Eike Held und Dany Keller. Mit Texten von Doris Dörrie, Christine Hamel und Joseph von Westphalen. Eigenverlag, 2007, ISBN 3-923993-30-7, 56 Seiten, 42 Farbabb., Broschur, Format 25,5 x 19 cm.
Erfrischend unkomplizierte Kunst aus alten Verpackungsmaterialien präsentiert die in Germering bei München lebende Künstlerin Eike Held. Ornamentale Eierpappen und abstrakte Farbfeldmalerei mit Styroporschalen neben Flugobjekten aus Plastikflaschen, Draht und Folien. In ihren Bildern verwandeln sich die toten Reste der Wohlstandsgesellschaft, ganz ohne angestrengt gesellschaftskritischen Ansatz, in lebendige Welten zurück. „Zwischen Kunst und den Dingen des Alltags werden die sinnvollen Unterscheidungen so vage wie zwischen überall und nirgendwo. Eine Welt der aufgehobenen Hierarchien, Distanzen und Kategorien.“ (Christine Hamel). Zwiebelnetze werden zu transparenten Quallen und Sheba-Sonnen aus glänzend-goldenen Katzenfutterdosen gehen über impressionistisch wogenden Feldern aus geschredderter Wellpappe auf. Doris Dörrie merkt in ihrem kurzen Text an: „In allem Profanen schlummert etwas Heiliges, wenn es das Glück hat, von Eike Held gefunden, sorgsam betrachtet und schließlich erkannt zu werden.“
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).
Frauke Schlitz. mappa
Donnerstag, 06.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Städtischen Galerie Reutlingen vom 28.04. – 22.07. 2007. Hg. vom Städtischen Kunstmuseum Spendhaus, Reutlingen. Mit einem Text von Eva-Marina Froitzheim. Eigenverlag, Reutlingen, 2007, ISBN 3-933820-90-1, 60 Seiten, 85 farbige Abb., Broschur, Format 24 x 21 cm, € 10
Die Publikation enthält Informationen zu verschiedenen, raumbezogenen Installationen, Zeichnungen und Skizzenbüchern der in Stuttgart arbeitenden, 1962 geborenen Frauke Schlitz. Den Schwerpunkt bildet die Ausstellung „mappa“ in Recklinghausen, deren einzelne Objekte autark scheinen und gleichzeitig mit dem Raum verwoben sind. Die Künstlerin erschafft hier ein komplexes Arrangement zum Thema Topographie und Kartierung. Gezeichnete Konturen auf dem Boden, die neue Erdteile und geologische Formationen entwerfen, korrespondieren mit Gemälden, Wandobjekten und Videoprojektionen, mit Skulpturen, die die Anmutung von Architekturmodellen haben, und mit amöbenhaft-organischen Formen aus gelochtem Aluminium: „Die Bezüge der Teile untereinander sind vielfältiger sinnlich wahrnehmbarer und gedanklicher Art, die Elemente konjugieren die Möglichkeiten visueller Kartendarstellung durch, entfernen sich aber wieder davon, indem sie ihr eigenes, zeichenhaftes und plastisches System installieren.“ (Froitzheim). Durch die Wiederverwendung einzelner Module für andere Ausstellungen schafft sich Frauke Schlitz ein selbstreferenzielles Ausdruckssystem, das sowohl Weiterentwicklung als auch Rückbezüge zulässt. In Kombination mit Zeichnungen und Skizzenbüchern erhält der Betrachter einen tiefen Einblick in ihre Kunst, die in seine eigene Lebens- und Stimmungstopographie zurückspiegelt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Heike Mutter & Ulrich Genth. Die Metareflektor Luftoffensive
Donnerstag, 06.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen vom 07.10. – 26.11. 2006. Hg. von Ferdinand Ulrich und Hans-Jürgen Schwalm. Mit Texten von Ulrich Genth, Melissa Ragona und Friedrich Ulrich. Eigenverlag, Recklinghausen, 2006, ISBN 978-3-939753-02-5, 59 Seiten, ca. 60 s/w-Abb., Klappbroschur, Format 33 x 21 cm, € 10
Anlässlich einer Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen präsentieren Heike Mutter und Ulrich Genth in dieser Publikation sechs ihrer Installationen, zwischen deren perfekter, aufwendiger Umsetzung und dem praktischen Zweck eine merkwürdige Lücke zu klaffen scheint. Für die Skulpturen-Biennale Münsterland schufen sie einen mit traditioneller Fachwerk- und Holzbiegetechnik nachgebauten Hubschrauber, dessen langsam kreisender Rotor über ein archaisches Antriebssystem mit einer Mühle verbunden war. In Recklinghausen befestigten sie eine Forschungsstation auf dem Dach des Museums und installierten an der Decke des Ausstellungsraums ein hängendes System von Ebenen, um das „Biotop“ Museum beobachten zu können, ohne ihm durch Eingriff zu schaden, ähnlich einiger Forschungsprojekte im Regenwald. Die Arbeiten werfen in ihrer Absurdität mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Als reine Kunstwerke behaupten sie eine Funktionalität, die beim Betrachter sofort den Wunsch nach wissenschaftlich-technischen Erklärungen hervorruft. Die Technik wird zum Fetisch. „Das Spannungsverhältnis ist offensichtlich: Forschung bedeutet kritische Distanz, Kunst emphatische Annäherung. (…) Im Modus des ‚als-ob’, mit größtem Aufwand und mit tiefstem Ernst, kann die Welt als eine ästhetische betrachtet werden – ein Luxus von höchster gesellschaftlicher Notwendigkeit.“ (Ulrich)
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).