Stefania Beretta. In Memoriam
Donnerstag, 06.09.2007
Hg. von Dominique Gaessler mit einem Text von Maria Will. Verlag Trans Photographic Press, Paris 2006, ISBN 2-913176-37-2, englisch/italienisch, 68 S., 13 Farb- und 26 s/w-Abb., gebunden, Format 23 x 23 cm, € 22
Abgebrannte Wälder hat die Schweizerin Stefania Beretta für ihr neues Projekt „In Memoriam“ fotografiert. Die Silbergelatine- und C-Prints werden einzeln, als Diptychen oder in Kombination mit monochrom, erdig-farbenen Tafeln präsentiert. Der bedrohliche Himmel wurde bei einigen Abzügen noch ordentlich abgewedelt und verfremdet, die Wolken wirken künstlich, schmutzig und ebenso verbrannt wie die Bäume auf der Erde. Selbst das Fotopapier scheint, wohl durch chemische Eingriffe, stellenweise angebrannt und verschrumpelt zu sein. Einige Strukturen auf den Bildern wirken wie abstrakte Malerei, andere wie verkohlte Reste von Land-Art-Projekten. Der Text von Maria Will sieht die tiefsten Saiten des Menschen zum klingen gebracht und freut sich, dass Stefania Beretta nicht dem fotografischen Hype hinterherläuft, sondern einen unzeitgemäßen Weg der ‚Schönheit’ und der ‚Poesie’ verfolgt. Die offenen Anthropomorphismen der Thematik, Bäume liegen herum wie verkohlte Körper, schwarze Zahnstümpfe ragen aus dem Boden, lassen für die Autorin keinen Zweifel, dass die Fotos vom Zustand und Schicksal der Menschheit erzählen. Ein einziges Bild zeigt im oberen Teil einen kleinen Flecken grünen Grases – auf ein Neues!
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Tamara Grcic. Still
Mittwoch, 05.09.2007
Katalog zur Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum, Düren, vom 21.05. – 13.08. 2006. Hg. von der Günther-Peill-Stiftung. Mit einem Künstlergespräch, geführt von Beatrice von Bismarck. Revolver Verlag, Frankfurt/Main, 2006, ISBN 978-3-86588-334-6, deutsch/englisch, 84 S., mit 52 farb. Abb., Broschur, Format 25,4 x 20 cm, € 20
Das Künstlerbuch erschien anlässlich der Verleihung des Günther-Peill-Preises 2006 an die 1964 in Frankfurt/Main geborene Künstlerin Tamara Grcic. Sie verdeutlicht in ihren Installationen, Videos und Fotos Momente der Stille oder des Zwischenzustandes, die einen bestimmten Punkt der Zeitachse fixieren, von dem aus die Entwicklung der Bilder oder die Verbindung der Bilder untereinander, nach einem Moment des Ausdehnens jenseits der linearen Zeitordnung, im Blick des Betrachter in multiple Richtungen fortschreiten können.
„Von diesem künstlichen Stillstand aus wird klar, was Bewegung sein kann.“ (Grcic). Waren ihre früheren Fotoarbeiten noch seriell geprägt, um durch das Umkreisen eines Gegenstandes die gewünschte Verdichtung zu erreichen, so präsentiert ihre Arbeit „still“, 2006, C-Print/gerahmt, 77 x 102 cm, 16 teilig, Momentaufnahmen aus verschiedenen Lebensbereichen, die sehr exakt den „Punkt an der äußersten Schicht (…) fassen, an dem etwas abzulesen ist oder an dem sich bestimmte dahinter liegende Dinge durchdrücken“.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).
Sommergewitter. Malerei und Grafik aus Berlin und Düsseldorf
Mittwoch, 05.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Patricia Ferdinand-Ude vom 02.06. – 19.08. 2006. Hg. von der Galerie. Mit Kurztexten von M. Reith, S. Manthey und C. Vielhaber. Verlag der Galerie Ferdinand-Ude, Gelsenkirchen, 2006, ISBN 3-9809968-3-2, 42 Seiten, 35 farbige Abb., Broschur, Format 23 x 20,5 cm, € 15,–
Der Lüpertz-Schüler Jochen Mühlenbrink kuratiert in der Galerie Ferdinand-Ude eine Gruppenausstellung junger Künstler, an der er auch selber teilnimmt. Carola Ernst präsentiert surreal anmutende Radierungen grob schraffierter Landschaften; Fabian Ginsberg stellt weibliche Akte ohne Arme in kulissenhafte Landschaften. Organisch-florale Motive vor eckig-geometrischen Hintergründen nahe der Abstraktion sind das Thema der Ölgemälde von Martin Weidemann. Neben den Bildern des Kurators, der es versteht, seinem bevorzugten Blick nach unten auf opaken, von Kindern bekritzelten grauen Asphalt durch reflektierende Pfützen und den Schein der Sonne durch Fenster außerhalb des Bildraumes eine aufmunternde Transparenz zu geben, stechen vor allem die kleinen, atmosphärisch dichten Werke des 1979 geborenen Martin Schepers heraus. Bedrohlich dunkle Gewitter, der Schweif eines Kometen spiegelt sich im dunklen Nachtwasser, Menschenflecken drehen auf milchig lasiertem Eis ihre Runden. Laut Vita absolvierte er neben seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf noch ein Philosophiestudium in Münster. Scheint sich gelohnt zu haben…
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Thermocline of Art. New Asian Waves
Mittwoch, 05.09.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, vom 15.06. – 04.11. 2007. Hg. von Wonil Rhee, Peter Weibel und Gregor Jansen. Mit Texten von u. a. Wonil Rhee, Huang Du und Nicole Wong. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2007, ISBN 978-3-7757-2073-1, englisch, 352 Seiten, 487 Abb., davon 481 farbig, gebunden, Format 29 x 23 cm, € 38,–
Nicht weniger als einen neuen, bisher unbeobachteten Kontinent der Kunst meint Peter Weibel, sprachgewaltiger Leiter des ZKM, in der Ausstellung „Thermocline of Art“ und im vorliegenden Katalog dokumentieren zu können. Er sieht die Kunst des 21. Jahrhundert an Orten entstehen, die noch nicht ihre Stimme erhoben haben gegenüber einer westlichen, bisher ausschließlich „weißen Kunst“. Werke aus zwanzig asiatischen Ländern diskutieren in Karlsruhe den Einfluss der Globalisierung und Fragen zur euroamerikanischen Hegemonie, deren Überwindung und die Einsetzung einer neuen, asiatisch geprägten, globalen, postkolonialen und postethnischen Kunst. Die Zukunft bringt einen „kulturellen Remix“, eine neue kulturelle Weltkartierung, die den Unterschied zwischen ethnischer und zeitgenössischer Kunst ausradiert und mit ihm alle bisherigen westlichen Wertkriterien.
Was nach einem glatten, kulturellen Durchmarsch aussieht, beschreibt Kurator Wonil Rhee als ein mühsames Suchen nach Identität voller Panik, extremer Konfusion, Chaos, Instabilität und Absurdität. Die Entstehung künstlerischer Werke im asiatischen Raum müsse immer im Kontext von „Dekonstruktion“ und „Reorganisation“ gesehen und verstanden werden, die der asiatische Kontinent im letzten Jahrhundert wiederholt durchlaufen musste.
Als westeuropäischer Betrachter lässt sich nur schwer ermessen, welchen Einfluss der kulturelle Spagat, dem asiatische Künstler zwischen ihrem kulturellen Erbe und der fortschreitender Globalisierung ausgesetzt sind, auf die Bild- und Themenfindung hat. Aber die 117 teilnehmenden Künstler geben sich alle Mühe, im Duett von „Traum und Chaos“ ihre Position zu finden. Herausgekommen ist, jenseits allen Wortgewitters, eine wunderbar leichtfüßige, unterhaltsame Show, die sich sehr angenehm von der schwermütigen Weltuntergangs- und Kapitulationsstimmung westeuropäischen Kunstschaffens abhebt.
Mit Lust, Entdeckergeist und Poesie ist man hier bei der Sache und macht sich gelegentlich auch mal über die Langnasen lustig. Wang Qingsong veralbert in seinem fotografischen Tableau „Fotofest“, 2005, C-Print, 300 x 170 cm, das Bild „La Danse“ von Henri Matisse: Eine Gruppe kräftiger, nackter Chinesinnen tanzen in einem angedeuteten Sumo-Ring, umringt von einer Menschenmenge, die groteske Pappfotoapparate und -filmkameras hochhält. Die indonesische Künstlerin Titarubi lässt leuchtende, mit Brokatstoff überzogene Fiberglaskörper im Raum schweben und Manabu Ikeda aus Japan präsentiert mit „History of Rise and Fall“, 2006, Pen, Acrylik Ink on Paper, Mountet on Board, 200 x 200 cm, ein unvergleichlich detailreiches Bild, vor dem man eine gute halbe Stunde verbringen kann, um alle Geschichten des Dramas um Aufstieg und Fall eines japanischen Schlosses zu bewundern. Nicht ohne Grund wurde die Ausstellung wegen des großen Besuchererfolgs um zwei Wochen verlängert.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).