BIG BOPP. HahnKlasse, Außenstelle Malerei
Montag, 29.10.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Außenstelle Malerei der Akademie für Bildende Künste, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, vom 06.02. – 11.02. 2007. Hg. von HahnKlasse, Arsenal HKM 1 Mainz und der Akademie für Bildende Künste. modo verlag GmbH, Freiburg, 2007, ISBN 978-3-937014-69-1, 342 Seiten, zahlreiche Abb., Broschur mit Schutzumschlag, Format 29 x 23 cm, € 15.–
Prallvolle, bunte Publikation zur Arbeit der HahnKlasse in der Bobbstraße 26. Seit der Berufung von Friedemann Hahn zum Professor für Malerei etablierte sich hier die Keimzelle vieler Ausstellungs- und Katalogprojekte. Die vorliegende Publikation blickt bilderreich auf 51 Studierende und Lehrende, die, neben vielen anderen, kamen, gingen oder blieben, ihren künstlerischen Weg in dem heruntergekommenen Hinterhaus begannen oder nur kurz ihren Hut ablegten. Unter ihnen auch Amalia Theodorakopoulos, Philip Zaiser, Tolia Astakhishvili und Dylan Peirce, die bereits im Hospitalhof ausgestellt haben.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Jüngstes Gericht. Hörzeichnungen von Dorothea Schulz
Donnerstag, 25.10.2007
Galerie Michael Sturm, Stuttgart
Noch bis zum 10. November 2007
Telefonzeichnungen entstehen, wenn nervöse Hände mit einem Bleistift Eckiges, Schraffiertes oder Figuratives auf einem Blatt Papier entstehen lassen. Die »Hörzeichnungen« der 1962 geborenen Dorothea Schulz gehen da ein deutliches Stück weiter. Die Künstlerin fertigt ihre Zeichnungen parallel zu aufgeschnappten Gesprächen aus den Medien oder aus eigenen Unterhaltungen an und immer entstehen dabei wild verschlungene Suchbilder voller Wortfetzen, Kommunikationshäppchen und cartoonhafter Gesichter, die zwar alle die gleiche Sprache benutzen aber trotzdem in babylonischer Verwirrung selten miteinander, aber häufig gegeneinander und aneinander vorbei disputieren. In Zeiten der fortschreitenden »Ill Communication« könnten die Bilder als kritischer Kommentar zu den schwindenden rhetorischen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten einer »It´s all 4 U-Generation« gesehen werden.
Doch gar so ernst kommen die humorigen Werke nicht daher. Sie changieren zwischen sanftem Spott und belustigter Distanz mit einem Schuss dadaistischer Absurdität. Von den kleineren Arbeiten, die sich einzelnen Worthülsen widmen, steigert sich Dorothea Schulz über die komplexen Wimmelbilder »Funnel of Hell«, die an das Bild »Das Gerücht« von A. Paul Weber denken lassen, bis zu dem größten Werk der Ausstellung, der zehn Meter langen Thora »Das Große Band II«.
Und ist man sich des eigenen Wortschrottes bewusst geworden und möchte nur Abbitte leisten für verschwendete, weil mit Leerkommunikation angefüllter Lebensjahre, so besteht die Möglichkeit des Erwerbs von kleinen Ablassbriefchen. Für 6 €, zahlbar nur in Münzen, erhält man neben der Absolution eine kleine Originalzeichnung nebst Umschlag und wird zeitgleich Teil der Installation »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt«.
Ich habe jetzt drei Stück und brauche sicherlich bald Nachschub.
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Umberto Chiodi. Semplicitas, Duplicitas
Mittwoch, 17.10.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Gallery schultz contemporary, Berlin, vom 23.06. – 31.07. 2007. Hg. von der Galerie. Mit einem Text von Lisa Bosse. Eigenverlag, Berlin, 2007, ISBN 3-939983-07-1, 58 Seiten, 22 Farb- und eine s/w-Abbildung, Broschur, Format 24 x 19 cm, € 15,–
Die farbigen Zeichnungen des 1981 in Bologna geborenen Chiodi sehen aus, als hätten Alice und ihr Kumpel Raupe im Wunderland ein Pfeifchen zu viel geraucht. In viktorianischen Kinderbüchern blätternd, versinken beide in süßem Schlummer und erträumen sich ein Land weit, weit jenseits des letzten Spiegels. Hier regiert Fleischlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Abgetrennte Köpfe, geöffnete Leiber, Organe stülpen sich nach außen, Kleider aus Muskelfleisch, Gehirnfrisuren, grazile Augenwesen umtänzeln nackte, kulleräugige Kindsfrauen, die sich ohne Nachdruck den obszönen Aufwartungen grotesk vergrößerter Genitalien erwehren. In süßlicher Farbigkeit setzen Chiodis lustdurchtränkte Fantasien, seine fantastischen Chimären und frivolen Mutationen dort an, wo Caroll sich nicht mehr hintraute. Bemerkenswert. Her mit der Pfeife!
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Neuer Reichtum. 11 Positionen_Kunsthochschule Kassel
Mittwoch, 17.10.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kasseler Kunstverein vom 05.02. – 23.04. 2006. Hg. vom Kasseler Kunstverein. Mit zahlreichen Gesprächen, geführt von Bernhard Balkenhol, Dirk Pörschmann und Jörn Peters. Eigenverlag, Kassel, 2006, ISBN 3-927941-43-3, 114 Seiten, zahlreiche Abb., Klappbroschur, Format 25 x 21 cm, € 12.–
Neuen Reichtum, zumindest immaterieller Art, versprechen die neuen Professoren der Kunsthochschule Kassel. Wichtiger als die ausgestellten Werke sind dem Katalog ausführliche Interviews. „Sie erzählen Biographisches, konzentrieren sich aber schnell auf das künstlerische, gestalterische oder wissenschaftliche Selbstverständnis, aus dem die Praxis der Lehre sich gründet.“(Balkenhol) In der Ausstellung treten alle fünf Studiengänge gemeinsam auf: Freie Kunst, Kunstpädagogik, Kunstwissenschaft, Visuelle Kommunikation und Design verdeutlichen so auch den Anspruch der Hochschule, sich nicht nur als Verwaltungs-, sondern auch als kreative Einheit zu verstehen, deren Ziel es ist, „Synergien zu nutzen und interdisziplinäre Projekte zu entwickeln“. Die Studenten durften so auch kräftig zum Gelingen des Katalogs beitragen und verspürten dabei vielleicht weniger den Schmerz des Schaffens in der Provinz, als die Freude über eine überaus engagierte und breit aufgestellte Lehrstätte.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Charlotte Ueckert. Paula Modersohn-Becker
Dienstag, 09.10.2007
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2007, ISBN 978-3-499-50567-6, 158 Seiten mit 34 Farb- und 18 s/w-Abb., kartoniert, Format 19 x 11,5 cm, € 8,50
Seit Oktober feiert die Kunstwelt den 100. Todestag der Malerin Paula Modersohn-Becker mit zahlreichen literarischen Neuerscheinungen zu Leben und Werk und einigen Ausstellungen, die noch bis in den kommenden Februar in Bremen, Worpswede und Hannover zu sehen sind. Die Monografie von Charlotte Ueckert versteht sich als erste Einführung in die Lebenswelten der Ende November 1907, kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde, an einer Embolie gestorbenen Künstlerin.
Ihre Briefe und Tagebücher sind die wesentliche Grundlage des Buches und geben beredt Auskunft über ihr Leben als „Einsame, die ihren Weg ohne Vertraute, ohne Publikum gehen musste“ (Ueckert), zumindest was ihren künstlerischen Weg betraf. Hätte sie sich mit einem Leben als Frau und Mutter begnügt, es hätte eine schöne Zeit im ländlichen Worpswede, Deutschlands bekanntester Künstlerkolonie, werden können. Doch trotz ihrer eher biederen Wertansichten, fühlte sie sich zeitlebens der Kunst mehr verbunden als ihrem drögen Mann Otto Modersohn, der ihr überragendes Aufblühen in der Malerei ebenso irritiert und seelisch zerrissen verfolgte wie die Malerin selbst. „Ich sehe, daß meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, daß Ihr sie weniger und weniger billigen werdet.“ Doch trotz ihrer mehrmaligen Flucht in die quirlige Metropole Paris, ihres glühenden Interesses am eigenen malerischen Fortschritt, dem sie alles, auch ihre Familie unterordnete, kehrte sie immer wieder in die Heimat zurück. Was fehlte, um den letzen Schritt in eine selbstbestimmte künstlerische Existenz zu wagen? War es die fehlende Anerkennung der männlichen Kollegen ihrer Kunst gegenüber oder ihre eigene, am Ende doch zu konservative Sicht auf gesellschaftliche Ordnungen? „Ihre Rückkehr ist nicht Ausdruck der Resignation oder Bequemlichkeit, sondern, wie alles in ihrem Leben, der Radikalität, mit der sie die Kunst an erste Stelle setzte.“ (Ueckert)
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Ciao Block Beuys
Dienstag, 02.10.2007
Über den vorerst letzten Blick auf den Block Beuys am 30.09.2007 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt
Nicht zu glauben, seit 1986 ruht Joseph Beuys in Frieden und immer noch streifen die ewigen Wiedergänger ultrakonservativen Kunstempfindens durch die sieben Räume im zweiten Stock des Hessischen Landesmuseums, um sich über Fettecken, verschimmelte Würste und gestapelte Filzmatten zu erregen. »Das ist keine Kunst, der will nur provozieren!«, ein Satz, den ich seit Jahren für ausgestorben hielt, fällt tatsächlich und vermutlich täglich im Zusammenhang mit seinen Installationen. Nun wird das ganze Museumsgebäude am Friedensplatz in Darmstadt renoviert und während der weltweit größte Werkkomplex von Beuys mit über 250 Objekten aus den Jahren 1949–1972 in einen tiefen Schlaf fällt, tobt draußen seit Monaten ein erbitterter Streit über die Art und Weise, wie der Block in Zukunft präsentiert werden soll.
Auf der einen Seite stehen die konsequenten Erneuerer, die sich mit der alten, verfärbten und nachgedunkelten Jutebespannung der Wände und dem fleckigen, fadenscheinigen Teppich nicht länger abfinden mögen. Neu und schön soll alles werden, mit Holzparkett und Industrieestrich, die Wände weiß gekalkt; neue Beleuchtung, Klimatisierung und Sicherheitstechnik verstehen sich von selbst. Letzteres wünschen sich auch die Traditionalisten, aber Jutebespannung und Teppichboden werden mit Zähnen und Klauen verteidigt. Schließlich fand der Künstler die Wandbespannung nicht wirklich schön, hat sich aber mit dieser arrangiert, und sie damit höchstselbst in den Stand eines unbedingt mit dem restlichen Werk verbundenen Teils der Installation erhoben.
Und tatsächlich harmoniert die erdig-braune Bespannung wunderbar mit den ausgestellten Exponaten. Sie hüllt die alchimistischen Wunderkammern des Kunstschamanen in ein wohliges Halbdunkel. Die kleinen, vollgestellten Vitrinenräume werden zu Höhlen, in deren Dunkel langsam zerfallende Objekte ihre Wärmeenergie abgeben.
Was tun? Neuinstallationen der Werke von Beuys hinterließen in der Vergangenheit oft blutleere Arrangements, denen jedes mythische Raunen abging. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und so wird der Block Beuys gemeinsam mit Hundertschaften ausgestopfter Vögel, Dinosaurierskeletten, urgeschichtlicher Versteinerungen, Glasmalerei, Jugendstilobjekten, Skulpturen und Gemälden vom Mittelalter bis zur Moderne geduldig der Dinge harren, die da kommen.
Auf ein Wiedersehen im Hessischen Landesmuseum im Jahre 2011.
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Beate Passow. Miles and More
Montag, 01.10.2007
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kallmann-Museum in der Orangerie Ismaning vom 12.05. – 16.07. 2006, danach in der Galerie Hermeyer, im Kulturzentrum der Stadt Coesfeld und in der Städtischen Galerie Erlangen. Hg. von Hanne Weskott. Mit einem Text von Hanne Weskott. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2006, ISBN 978-3-938821-59-6, 80 Seiten, 58 Farbabb., Format 29 x 23 cm, € 24.–
Als sie noch versuchte, das Gedächnis der Deutschen bezüglich ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zu schärfen und die „Schuldverstrickungen von Wirtschaftsbossen, braven Bürgern und Mitläufern“ aufzuzeigen, hatten die Fotoarbeiten der in München ausgebildeten Beate Passow sicherlich noch mehr Relevanz. Auch die Arbeiten ihres groß angelegten Projekts „Miles and More“, das sie um den Erdball führte, kreisen um die Frage, was Menschen anderen Menschen oder auch sich selber antun. Aber ihre Arbeiten kommen über das Anekdotische nicht mehr hinaus, vielleicht, weil der persönliche Bezug hier fehlt. In der Serie „Die Burkas“ kleidet sie deutsche Frauen in bunte Burkas und stellt sie in den Biergarten, vor die Börse oder setzt sie auf ein Motorrad und will damit etwas über ein anderes Frauenbild und über die Angst vor dem Fremden sagen. Die Serie „Shangri-La“ zeigt unscharfe Bilder von Prostituierten hinter Fenstern, sie porträtiert Kleinwüchsige oder misshandelte Bettler in Pakistan. Alles schön und gut, aber bereits hinreichend bekannt durch unendlich viele Medienreportagen. Wo der entscheidende Knackpunkt der Kunst von Beate Passow sein soll, der ihre Werke aus dem bunten Einerlei der täglichen Weltbilder heraushebt, ist mir entgangen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).