I like America. Fiktionen des Wilden Westens

Sonntag, 18.11.2007

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 28.09. 2006 – 07.01. 2007. Hg. von Pamela Kort und Max Hollein. Mit Texten von u. a. Peter Bolz und Barbara McCloskey. Prestel Verlag, München, 2006, ISBN 978-3-7913-3734-0, 400 Seiten, 190 farbige Abb, 100 s/w-Abb., gebunden, Format 30,5 x 23,53 cm, € 59.–

Man macht sich häufig nicht bewusst, welche Auswirkungen die mediale Umwelt auf unser Verhalten und auf unsere Einstellung zu den vielen verschiedenen Welten um uns herum hat. Der Philosoph Dietmar Kamper meint dazu: „Die Menschen leben heute nicht in der Welt. Sie leben nicht einmal in der Sprache. Sie leben vielmehr in ihren Bildern, in den Bildern, die sie sich von der Welt, von sich selbst und von den anderen Menschen gemacht haben, die man ihnen von der Welt, von sich selbst und von den anderen Menschen gemacht hat.” Exemplarisch wird diese Verflechtung in der vorliegenden Veröffentlichung der Schirn Kunsthalle am Thema des „Wilden Westens“ und der Indianer beleuchtet. Unser Bilderschatz, unsere Kinderspiele und Sympathien gegenüber den Indianern und dem freien, ungestümen Leben im frühen Amerika wurden und werden maßgeblich von einigen wenigen Büchern, Personen und Bildzyklen beherrscht, die sich tief in das deutsche Bewusstsein eingegraben haben. Selbst der heute weit verbreitete deutsche Antiamerikanismus lässt sich teilweise noch aus den alten Bildern und Legenden erklären. Lässt man die eigenen Erinnerungen Revue passieren, wird das Bild von der Eroberung Amerikas von Fernsehserien wie „Bonanza“ und „Rauchende Colts“ oder den Karl-May-Verfilmungen bestimmt. Die Elterngeneration erinnert sich an Bücher wie „Lederstrumpf“ und „Der letzte Mohikaner“ von James Fenimore Cooper, an Kinofilme und Groschenhefte. Nur die Urgroßeltern haben vielleicht mal eine Wild-West-Show von Buffalo Bill, die Gemälde und Zeichnungen von Charles Bird King oder George Catlin oder gar einen Auftritt längst vergessener Indianderstämme bei Karl Hagenbeck in Hamburg gesehen. Und selbst diese Unterhaltungsshows, Zeichnungen, Porträits und Geschichten waren nie authentisch, sondern transportierten diffuse Ängste, Sehnsüchte und handfeste politische und wirtschaftliche Interessen.
Der umfangreiche und unglaublich detailreiche Katalog schlägt einen weiten Bogen über Zeichnungen und Malerei ab 1820, behandelt die aufkommende Fotografie, die Entwicklung der Ethnolgie, die Erfindung des definitiven Indianers durch Karl May, die Fantasien des Wilden Westens in der deutschen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und endet mit der Performance „I like America and America likes me“ von Joseph Beuys.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).

Abenteuer Sammlung – Work in Progress

Sonntag, 18.11.2007

Konzentriert! Kunst von 1350 bis heute
Staatsgalerie Stuttgart
17. November 2007 bis 17. November 2008

Sean Rainbird, seit Ende 2006 neuer Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, traten jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn er auf die Schätze blickte, die wegen der Renovierungsmaßnahmen der Öffentlichkeit seit Jahren nicht zugänglich waren. So macht man nun in Stuttgart aus der Not eine Tugend und versucht sich in der Neuen Staatsgalerie an einer Neuhängung von Teilen der Sammlungsbeständen aus der Zeit vor 1900. Der postmoderne Bau des englischen Architekten James Stirling wird so für ein Jahr zur Heimat handverlesener Exponate, bevor die Alte Staatsgalerie Ende 2008 wiedereröffnet wird. 15 Räume stehen für 800 Jahre Kunstgeschichte zur Verfügung, eine Herausforderung, die nur die Präsentation eines Konzentrats der Bestände erlaubt, die quinta essentia der Staatsgalerie.

Rainbird geht es um eine kontinuierliche Arbeit mit der Sammlung, auch weil es mit Leihgaben immer schwieriger wird. Dieser Ansatz ist sparsam, ehrenwert, aber auch riskant, denn das »Abenteuer Sammlung« geht ins Detail und verlangt vom Betrachter mehr Verständnis für Zusammenhänge als eine Prunk-Ausstellung nach dem Motto »Manet, Monet, Money«, auch wenn ein Erfolg derartiger Projekte nicht automatisch gegeben ist.

Bilder verschiedener Epochen treffen sich nun in weißen Räumen und luftiger Hängung. Es ist noch genug Platz, um das eine oder andere Stück hinzuzufügen oder zu entfernen. Hier trifft die 1558 gemalte Venus von Giorgio Vasari auf die Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck, Paninis imaginäre Galerie »Roma Antica« von 1754/1757 auf eine Reflexion über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft künstlerischen Schaffens des 1940 in Genua geborenen Arte poverta-Künstlers Giulio Paolini und der riesige Kopf des schrecklichen Hulks von Jeff Koons begegnet Cranachs »Judith mit dem Haupt des Holofernes«.

Ob die neue Hängung funktioniert, ob es zu einer Spannung zwischen den Werken kommt, die im Zusammenspiel mehr ist, als die Summe ihrer Teile, muss jeder Besucher, müssen auch die Mitarbeiter der Staatsgalerie unter Sean Rainbird, im fortgesetzten Diskurs erst herausfinden. Eine Aufgabe, die sich lohnt und die in der von Geldsorgen gebeutelten deutschen Museumslandschaft einen Weg in die Zukunft weist. Selbstverantwortlich, konzentriert und anspruchsvoll.

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René Wirths. Dinge

Samstag, 17.11.2007

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Michael Haas, Berlin vom 29.09. – 27.10. 2007. Hg. von der Galerie. Mit einem Text von Julia Trolp. Eigenverlag, Berlin, 2007, ISBN 978-3-9800605-8-5, 24 Seiten, 12 Abb., davon 8 farbig, Klappbroschur, Format 23 x 22 cm, € 5.—

Die aktuellen fotorealistischen Gemälde von René Wirths zeigen Dinge des Alltags, Fahrräder, Stühle und Draht. Die aufwendige Malerei steht im Kontrast zur äußersten Klarheit und Ruhe des Dargestellten. Auf weißem Grund zeigt der 1967 geborene Wirths seine Objekte flach und leicht vergrößert, fast ohne perspektivische Verkürzungen. Sie nutzen den gesamten Raum der Leinwand, stoßen an die Bildgrenzen und bestimmen so die Größe der Arbeit. Form und Design der Dinge werden überdeutlich, ihre präzise Gegenwart überhöht sie zum Urbild.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).

Ursula Voss. Dora Maar und Pablo Picasso

Donnerstag, 01.11.2007

Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 2007, ISBN 978-3-458-19298-5, 124 Seiten mit 17 Abb., gebunden, Format 22 x 15cm, € 12,80

Weniger eine Biographie als ein poetisches Essay ist der kleine Band der Insel-Bücherei von Ursula Voß. Es dräut an jeder Stelle gewaltig vor griechischer Mythologie (Untertitel: „Im Auge des Minotaurus die Wimper der Sphinx“) und den großen Helden der Kunstgeschichte der Moderne, die anscheinend alle zur selben Zeit am selben Fleck der Erde weilten, nämlich in Paris. Alle rasend intellektuell, alle aus Prinzip ultralinks (wenn auch ohne wirkliches politisches Interesse), alle spitz wie Nachbars Lumpi und alle mit völlig verqueren Frauenvorstellungen in den rauchenden Köpfen.
Ohne hinreichende Kenntnisse der jüngeren Kunstgeschichte sollte man sich nicht über den Band hermachen, obgleich, er vermittelt einen faszinierenden Einblick in das Paris der 20er/30er Jahre: Es muss wundervoll gewesen sein, in Künstlerkreisen zu verkehren. Alle unsere Klischees über die Bohème, den ungehemmten Eros des kreativen Geistes und über das wildromantische nächtliche Paris mit seinen Cafés entstammen dieser Zeit, diesem unglaublichen Schmelztiegel künstlerischer und gesellschaftspolitischer Utopien. Georges Bataille, André Breton, Balthus, Prévert, Oppenheim, Dali, Giacometti, Brassai, der Namen sind Legionen und mittendrin Dora Maar, die liebt und leidet unter ihrem Hausgott Picasso. Madonnenantlitz in den Tiefen des Sexus, wollüstige Unterwelt, heiliges Kanonenrohr! War es wirklich so großartig, so anders, so fern von Konventionen? Es muss wahr sein, weil es der Spiegel unseres eigenen Wollens ist.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).

Picasso Matisse Chagall. Französische Druckgraphik 1900 – 1950

Donnerstag, 01.11.2007

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 22.07. – 24.09. 2006. Hg. von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Mit Texten von Dorit Schäfer und Holger Jacob-Friesen. Kehrer Verlag, Heidelberg, 2006, ISBN 978-3-936 636-90-1, 196 Seiten, 10 Farb- und 168 s/w-Abb., gebunden, Format 29 x 23 cm, € 25.–

1948 erhielt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe unter ihrem Leiter Kurt Martin von der französischen Militärregierung 88 druckgraphische Blätter der französischen Moderne als Geschenk. Der Schwerpunkt lag auf figurativen und gegenständlichen Werken von Picasso, Matisse, Chagall, Léger, Braque und anderen. Nach etwa 60 Jahren wurde dieses Konvolut nun erstmals wieder ausgestellt, gemeinsam mit später in die Sammlung gelangten Werken.
Der Katalog wirkt so, als wäre er ebenfalls Anfang der 50er Jahre entstanden: leicht angegilbtes Papier, konservatives, sehr auf Seriosität bedachtes Layout und damit in Korrespondenz zu den informativen Texten von Doris Schäfer und Holger Jacob-Friesen stehend, die einen gründlichen und sehr lesenswerten Abriss zu den Konturen der französischen Druckgraphik liefern. Weiterhin von Interesse sind die politischen Hintergründe der Schenkung im Spannungsfeld zwischen Umerziehung und der Behauptung einer kulturellen Vormachtstellung der Franzosen, die integre Person des Kurt Martin und seine frankophile Einstellung, sowie der Erfolg der nachfolgenden Wanderausstellung, die bis 1951 in fast zwanzig deutschen Städten von mehr als 80.000 Besuchern gesehen wurde.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).

Wolfgang Ellenrieder. _parallel

Donnerstag, 01.11.2007

Publikation zu den Ausstellungen „_parallel“ im Museum van Bommel van Dam,
„_ windowlicker“ im Kunstverein Ludwigshafen und „_daheim ist auch Zuhause“ im KunstRaum Hüll. Hg. von Stefan Wimmer. Mit Texten von u. a. Barbara Auer und Stephan Berg. Kerber Verlag, Bielefeld, 2006, ISBN 3-938025-97-2, 96 Seiten, 67 Farbabb., gebunden, Format 29 x 23 cm, € 25.–

Hier gleiten wieder Bilder den schlüpfrigen Pfad zwischen überprüfbarer Wirklichkeit und virtueller Körperlichkeit, zwischen Realem und Fiktivem ins Tal der entrückten Gedankenwelten. Urbane Strukturen mit floralen Motiven, fleckig, lasierend oder wie gesprüht, geben sich verwoben artifiziell, „ahistorisch, menschenleer und so pur wie auf dem Reißbrett“ (J.Jäger). Zufallsfunde aus dem Internet – wir sehen Zelte in der Natur –, eigentlich bar jeden Informationswertes und völlig ereignislos, erhalten in der Bearbeitung des Malers Wolfgang Ellenrieder (geb. 1959) eine fast surreale Spannung, wie Stephan Berg in seinem Beitrag schreibt.
In seinen am Computer bearbeiteten Fotos kombiniert er reale Landschaften und Menschen mit Modellbauhäusern, verfremdet Perspektiven und versucht zu irritieren. „Dabei verwandelt sich die vordergründige Harmlosigkeit in ein spannungsgeladenes, von Dissonanzen durchdrungenes Ambiente. Das gängige Klischee einer unversehrten Naturidylle wird so restlos zunicht gemacht und hemmungslos als Illusion entlarvt.“ (Barbara Auer) Nun ja, nichts wirklich Neues und anderswo schon aufregender erlebt, aber seine Malerei der Raum definierenden und gleichzeitig unter heftiger Blasenbildung sich auflösenden Architektur im lasierten Nirgendwo hat schon was.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).