Meret Oppenheim. „mit ganz enorm wenig viel“

Mittwoch, 19.03.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Städtischen Galerie Ravensburg vom 21.10. 2007 – 20.01.2008. Hg. vom Kunstmuseum Bern. Mit Texten von u.a. Werner Spiess und Isabel Schulz. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2007, ISBN 978-3-7757-1746-5, 360 Seiten, 312 Abb., davon 243 farbig, Format 27,60 x 23,00 cm, gebunden mit Schutzumschlag, € 49,80.–

Manche Künstler sind ihr ganzes Leben damit beschäftigt, die Erwartungshaltung des Publikums zu unterwandern. So erging es auch der 1913 in Charlottenburg/Berlin geborenen Meret Oppenheim, die 1936 eine mit Pelz bezogene Tasse kreierte und damit ein Schlüsselwerk des Surrealismus schuf. Seitdem lief sie diesem Erfolg hinterher oder vor ihm davon. Der umfangreiche Katalog zur Retrospektive ihrer Arbeiten beleuchtet verschiedene Aspekte ihres Werkes, dass Jean-Christophe Ammann mit dem Begriff „Diskontinuität des Erscheinungsbildes“ charakterisierte. Hauptthemen sind Grenzen und Verbindungen zwischen Natur und Kultur, das Rollenverständnis von Mann und Frau und die Gegenüberstellung von Tag und Nacht, von Wirklichkeit und Traum. Werner Spiess widmet sich in seinem Beitrag der besagten Arbeit „Das Frühstück im Pelz“, „die sich in ihrer Legierung aus Unbrauchbarkeit, Erotik und Abscheu schroff gegen die Erwartung aufbäumt“. Er präsentiert überraschend den pelzbezogenen „Winterzahnstocher“ des Münchner Kabarettisten Karl Valentin, um an diesem Objekt den Wandel vom Jux zur tieferen Bedeutung zu verdeutlichen.
Die Texte besitzen inhaltliche Tiefe, bleiben aber seltsam distanziert. An keiner Stelle kommt eine emotionale Verbundenheit zum Vorschein. Selbst der Beitrag von Lisa Wenger, einer Nichte von Meret Oppenheim, kommt nicht über das blutleere Zitieren von Textstellen aus alten Briefen hinaus und bleibt ohne Zugang zum verunsicherten Wesen der Künstlerin. Die Eindringlichkeit, mit der sich Oppenheim in ihre Themen stürzte, die ewigen Experimente mit Materialien und Techniken und ihre symbolische, hermetisch geschlossene Bildsprache machen es dem Betrachter schwer, einen Standpunkt zum Werk einzunehmen. Josef Helfenstein hat in seiner Dissertation zum Œuvre von der „Poesie des Disparaten“ gesprochen. Allerdings entsteht im Ideengewitter kein Haltepunkte, Meret Oppenheim bleibt in ihren Arbeiten ungreifbar. Vielleicht auch das ein Grund, warum sie nach wie vor untrennbar mit ihrer Pelztasse verbunden bleibt.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

In der Drachenhöhle. Zeitgenössische Druckgrafik aus China in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen

Samstag, 15.03.2008

Der chinesische Drache blendet die Augen, dröhnt in den Ohren, springt garstig dominant aus dem Wirtschaftsteil der Tageszeitung und legt sich als Leichentuch über alle Wünsche des deutschen Michels, es möge doch alles so bleiben, wie es war. Auch in der Kunst startete China raketengleich durch und so werden im Jahr der Olympiade in Peking die Glatzköpfe von Fang Lijung, die fleischig-blutigen Figuren von Yang Shobin, Xu Bings poetische Schrift-Installationen oder Yue Minjuns Bilder des gefrorenen Lachens noch des Öfteren unsere Sehnerven passieren. Den Beginn macht die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen mit einer prächtig ausgestatteten Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Druckgrafik, die noch bis zum 06.04.2008 zu sehen ist. Die etwa 130 Holzschnitte, Radierungen Lithografien und Siebdrucke entstammen überwiegend einer Privatsammlung aus Peking, ergänzt durch Leihgaben aus deutschen und internationalen Sammlungen.

Einige Werke, die nationale Symbole wie den Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung oder die Volkskongresshalle in Peking künstlerisch hinterfragten, konnten nur auf Umwegen ihren Weg ins Ländle finden; skeptische Zollbeamte verhängten Ausfuhrverbote und sorgten so beim Galerieteam für zusätzliche Arbeit.
Abseits von Klischees lässt sich hier überprüfen, ob unser Bild von China in den Arbeiten bestätigt oder verworfen wird. Der Europäer sucht reflexartig zuerst nach Systemkritik, nach politischem Aufruhr oder einem malerischen Kotau vor dem westlichen Lebensstil, dem die zu Wohlstand gekommenen chinesischen Malerstars nicht abgeneigt sind. Doch grobe Kritik am System findet nicht statt, dafür gibt es eine beeindruckende Bandbreite von Themen und Stilen. Die eigene Tradition und kulturelle Identität werden ebenso reflektiert wie die kulturrevolutionäre Vergangenheit, die rasenden Umwälzungen der letzten Jahrzehnte oder die westlichen Lebens-, Konsum- und Kunstwelten.

Der seit der Documenta allgegenwärtige Vorzeigechinese Ai Weiwei schrieb vor einiger Zeit: „Wann immer dieses Land in der Vergangenheit von anderen Völkern und Kulturen erobert und beherrscht wurde, fand es die Kraft, sich inmitten der gewaltigsten politischen Umwälzungen die kulturellen Eigenarten der Besatzer zu eigen zu machen, sich wieder zu erholen und am Ende eine völlig neue Kultur hervorzubringen.“
Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten des 1955 geborenen Xu Bings, der sich konzeptuell mit westlichen und östlichen Drucktechniken und Schriftsystemen auseinandersetzt. Er hat über 4.000 verschiedene Schriftzeichen entwickelt und sie über mehrere Jahre in hölzerne Druckstöcke geschnitzt. Die entstandenen, handwerklich wie ästhetisch perfekten Bücher und Installationen lösten in China, dem Mutterland des Holzschnitts, einige Aufregung aus. Die vermeintlichen Schriftzeichen, zentrale Träger der chinesischen Kultur, entpuppten sich bei näherem Hinsehen als rein ästhetische Formen ohne konkrete Wortbedeutung.
Übrigens werden auch zwei chinesische Künstler aus Stuttgart, Xian-Wei Zhu und Yi Sun, ihren Auftritt in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen haben: ab Ende November in der Ausstellung „China goes Stuttgart“.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, März 2008.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe leidende Kunstkritiker.

Donnerstag, 13.03.2008

Kunstkritik ist ein vermintes Gelände. Dabei könnte alles so schön sein. Noch nie wurde soviel Kunst produziert wie heute. Noch nie wurde soviel über Kunst geredet wie heute. Tonnen von Geld werden in Form von Stipendien über dem künstlerischen Nachwuchs geleert, sieche Witwen spenden großzügig mit warmen oder kalten Händen für kulturelle Projekte und in den entlegensten Winkeln der Welt wachsen private Museen in den Himmel. Der Kunstmarkt brummt und die leeren Schwimmbecken der Wohlhabenden füllen sich mit noch feuchten Leinwänden aus den Akademien. The best is yet to come: Indien, Russland und die Ölstaaten.
Den Kritiker schlagen sie derweil mit dem Knüppel. Die erste Suche im Internet führt unter www.kunstkritik.de zu einer Britta, die auf ihrer Homepage gesteht: „Ganz aktuell: Ich hasse Sportfreunde Stiller und liebe Tocotronic !!!“ Die Maus zuckt kurz und landet bei den nächsten Treffern: „Das Versagen der Kunstmanager“, “Kritik der Kunst – Kritik der Kritik”, „Ist die Kunstkritik am Ende“. Es ist ein Jammer.
Christian Demand, Professor für Kunstgeschichte in Nürnberg, hält „die Pose des Generalkritikers, wie sie im klassischen Feuilleton noch immer gepflegt wird“, für erledigt. Denn es gibt keinen großen „Singular Kunst“ mehr, sondern nur noch ein „unübersichtliches Nebeneinander ästhetischer Galaxien“ und auch das Publikum ist „längst in partiale Aufmerksamkeitsinseln“ zerfallen. Für wen also schreiben wir? Und warum? Die Pulle Rotwein bei den Redaktionssitzungen darf nicht einziger Sinn unserer Anstrengungen sein. Landauf, landab erklingt das Klagen des Kritikers auf der Suche nach seiner Rolle in Zeiten eines publizistischen Überangebots. Immer mehr Kunst, immer mehr Sammler, Museen, beschriebenes Papier und Blogs im Internet – wer behält hier noch den Überblick? Scheiß Pluralität!
Das Sonnendeck macht aus der Not eine Tugend und führt zusammen, was nicht zusammengehört. Wir haben einen Auftrag! Interviews mit bedeutenden Theoretikern, geführt von zukünftigen bedeutenden Theoretikern, klassische Ausstellungskritiken und deren wütende Negation, lokale Berichterstattung und der schräge Blick in die weite Welt – alles in einem Heft, alles umsonst. Umsonst im Sinne von kostenfrei!
Eine intellektuelle Erweiterung des Horizonts bietet die neue Kooperation mit einer Institution, die just in diesem Jahr ihren 30sten Geburtstag feiert. Das Stuttgarter Künstlerhaus, ein Hort der Theorie und verhasst bei Freunden der seichten Unterhaltung (Bloß keine schönen Bilder!) bekommt ausreichend Platz im Heft, um das Sonnendeck-Niveau in nie gekannte Höhen zu lüpfen. Unter dem Titel „Tijuana“ werden uns in den kommenden Monaten Themen wie „Die Konstruktion von Zukunft“, „Was heißt „kuratieren““ oder „Learning from the global South. Selbstbau, Flexibilität, Mobilität“ begleiten. Natürlich alles in Maßen. Wohl bekomm´s.

Selbstbewusste Grüße vom Sonnendeck

Der Beitrag erschien als Editorial in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 58, April 2008.

Johannes Grützke. Malen ist Denken

Freitag, 07.03.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der Landesmuseen in Oldenburg vom 22.04. – 22.07. 2007 und auf Schloss Gottorf vom 12.08. – 18.11. 2007. Hg. von den Museen. Mit Texten von u.a. Eduard Beaucamp und Jan Peter Tripp. Merlin Verlag, Gifkendorf, 2007, ISBN 978-3-8753-6261-9, 132 Seiten, 64 Abb., davon 59 farbig, gebunden, Format 29 x 23 cm, € 22.—

Zum 70. Geburtstag des Meisters der Selbstdarstellung im September 2007 waren alle voll des Lobes. Johannes Grützke als „Kommentator eines Menschseins unter besonderen Bedingungen“, der durch „provokante Direktheit“ und „entlarvende Krassheit“ der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Auch der Kunsthistoriker und ehemaliger FAZ Kunstkritiker Eduard Beaucamp mag die selbstbewusste Haltung des Malers, der seinem Stil durch die Jahrzehnte treu geblieben ist und die deutsche Geschichte als kritisch-ironischer Begleiter bebildert hat. Grützke fungiert in vielen Werken gleichzeitig als Regisseur und Hauptdarsteller seines großen Lebensthemas, dem Kampf des Einzelnen gegen den Uniformitätsdruck des Kollektivs. Von moderner, interpretationsabhängiger Kunst hielt er gar nichts und durch die immergleiche realistische Attitüde seiner Arbeit wetterte er künstlerische Modeströmungen über Jahrzehnte ab. Zurzeit hat er mal wieder recht. Der Zukunftsrausch ist verflogen, die Avantgarden sind zerfallen. Das nächste große Ding ist die Wiederentdeckung der Skulptur oder Kunst aus Kuba? Grützke wird es egal sein. „Was uns verbindet, ist die Malerei, und zwar die Malerei jenseits der marktschreierischen Bemühungen alberner Lückensucher und jenseits der Bemühungen, im Konzert der Arschgeigen mitwirken zu wollen, und jenseits der Diskursabhängigen …“ so der Künstler in seiner letzten Rede an Studenten. Eine neue Auseinandersetzung mit dem Werk, wie von den Vertretern der Museen gewünscht, findet im Katalog allerdings nicht statt. Die Texte lesen sich eher als huldvolle Würdigung und als letzter Gruß an eine aussterbende Art, die immer nur aus einem Individuum bestand.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).

Kehraus im Off Space. Gibt es ein künstlerisches Leben nach Stuttgart 21?

Dienstag, 04.03.2008

„Ich bin schon optimistisch, dass der Mietvertrag häppchenweise verlängert wird.“ Peter Patzig (Name geändert), letzter Mohikaner des Kunstvereins „Für Flüssigkeiten & Schwingungen“ und seit vielen Jahren bei den im Einbahnstraßengewirr des Nordbahnhofs verborgenen alten Eisenbahn-Waggons aktiv, blinzelt auf der Terrasse seiner Bar in die Wintersonne. Er möchte den Gedanken, dass hier statt Ateliers, Konzerten und kreativem Chaos demnächst eine Containerstadt für Arbeiter der Jahrhundertbaustelle Stuttgart 21 entstehen könnte, am liebsten verdrängen. Doch der Mietvertrag eines der letzten Großstadtbiotope läuft Ende März aus – Verlängerung ungewiss.

Die Bewohner träumen derweil von Tiefladern oder Hubschraubern, die ihre Waggons zu den wenige hundert Meter entfernten Wagenhallen umsetzen. Deren Betrieb scheint vorerst gesichert, aber auch hier leben die 70 Künstler mit Mietverträgen, die jährlich neu vergeben werden. Viele Gerüchte kursieren, aber wie es wirklich weitergeht, weiß keiner. „Off ist hier allenfalls die Lage und der trashige Touch“, merkt Bildhauer Thomas Putze an, der seit eineinhalb Jahren in den Wagenhallen arbeitet. Mit dem Begriff „Off“ mag er sich nicht identifizieren, denn es schwinge zu oft die Konnotation „schlechter als die anderen“ mit. Er schätzt vor allem das gute Klima im Umfeld und die unbegrenzte Verfügbarkeit von rostigen Metallteilen, die er in seine Holzskulpturen integriert.

Noch gibt es viel zu sehen im Stadtteil rund um die Recycling-Firma JKS Karle, die mit 75 Prozent am Kulturbetrieb Wagenhallen beteiligt ist: die Galerie „eigen.art“ des umtriebigen Wolfgang Seitz, die Galerie des Atelierhauses „op nord“, die Galerie „Hausgeburt“. Doch die Reihen lichten sich und die Zeit des Nordbahnhofs als Hort alternativ-künstlerischen Schaffens scheint abzulaufen. Viele Kunstinitiativen wie das „Atelier Unsichtbar“, mit seinem Schriftzug „o poco da morte“ wohl das eindrücklichste Fotomotiv im Viertel, sind bereits Geschichte.
Auch die Galerie im Rocker 33 in der ehemaligen Bahndirektion, die sich durchaus noch als Off Location begreift, sieht durch Stuttgart 21 ihrem nahen Ende entgegen. Im Oktober 2009 läuft hier der Mietvertrag aus. Thorsten Neumann von der Agentur Gold & Wirtschaftswunder, der über die Einnahmen des Clubs die Galerie am Leben hält, ist wenig opimistisch, dass Stuttgart Alternativen zur Verfügung stellen kann und befürchtet einen kreativen Brain Drain: „Junge Künstler gehen immer dahin, wo es billigen Wohnraum gibt und wo die Sadt noch ein Interesse hat, die Leute zu unterstützen.“
Die Hoffnung ruht also auf dem Nachwuchs, der trotz hoher Atelierkosten der Stadt die Treue hält. Immer einen Blick wert sind die unkuratierten Gesamtausstellungen der Kunstakademie, die jedes Jahr für zwei, drei Wochen an wechselnden Orten wie dem ehemaligen Dinkelacker-Gelände am Marienplatz oder in aufgelassenen Möbelhäusern stattfinden. Die Qualität schwankt von Jahr zu Jahr wie ein Elefant auf der Slackline – mit ähnlichem Absturzrisiko.
Seit Anfang 2007 am Start sind die Kunststudenten Alec Barth und Anna Schaible. Sie dürfen die Räumlichkeiten des ehemaligen Künstlertreffs am Leonhardsplatz mietfrei nutzen und versuchen sich nun im „gez. raum für urheber“ an Alternativen zum klassischen Kulturprogramm. Gesucht werden „authentische Positionen“, geboten wurde aber bisher eher Vertrautes: Malerei, eine lustige Performance mit frittierten Videokassetten und ein wenig bemalte Außenfassade.

Ein interdisziplinäres Konzept verfolgt seit Oktober 2007 der „Interventionsraum“ in der Marienstraße, gegründet von ehemaligen Studenten der Kunsthochschule und zur Verfügung gestellt von einem spendablen Immobilienbesitzer, dem das Licht der Kunst allemal lieber ist als das Dunkel des Leerstands.
Im Januar stellte Daniel Beerstecher aus, Sehnsuchts-Reisender und Akademiestudent im achten Semester. Er verbrachte die ersten fünf Nächte vor Ort und installierte sein komplettes Schlafzimmer inkl. Bodenbelag und Trennwand, hinter der eine DVD über die Umwandlung eines Frankfurter Hotelzimmers zum wilden Zeltplatz mit Rollrasen, Bäumen und Dosenfutter vom Esbitkocher im Dauerloop lief.
Letzter Spross der nichtkommerziellen Galerien ist „Hermes und der Pfau“ in der Christophstraße. Initiiert von Anne-Sophie Ruckhaberle und Phillip Ziegler, bietet der neue Kunstraum wenig Off aber viel Professionalität.
Alle diese Projekte verdienen Unterstützung. Sie suchen nicht in pittoresken Industriebrachen ihr Heil sondern kehren zurück in die Stadt, geben sich mit kleinen Räumen zufrieden, fragen ungeniert nach privatwirtschaftlicher Unterstützung und erhalten sie. Gefahr droht durch die Abhängigkeit vom Vermieter, der moderne Kunst vielleicht nur schätzt solange sie nicht allzu laut daherkommt, und durch die Schere im Kopf, die den vorhandenen Ort nicht als Chance zum künstlerischen Ungehorsam sondern als Sprungbrett für die eigene Karriere sieht. Dazu passt die Scheu, sich überhaupt als Off Space zu outen. Das Sonnendeck wünscht allen Beteiligten das Beste und viel, viel mehr Mut.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, März 2008.

Traum und Trauma. Werke aus der Sammlung Dakis Joannou, Athen

Montag, 03.03.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Wien und dem Mumok, Wien vom 29.06. – 04.10. 2007. Hg. von den Museen. Mit Texten von u.a. Elisabeth Bronfen und Edelbert Köb. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2007, ISBN 978-3-7757-2064-9, 240 Seiten, 180 Abb., davon 177 farbig, gebunden, 31,4 x 23,8 cm, € 34.—

Endlich kuratiert: Die Ausstellung speziell für dunkle Tage. Endlich verlegt: Der Katalog zur Ausstellung „Traum und Trauma“ mit Werken aus dem reichhaltigen Fundus des Griechen Dakis Joannou, der zu den weltweit bedeutendsten Sammlern zeitgenössischer Kunst gehört. Eine wunderbare Zusammenstellung tiefschwarzer Künstlerfantasien. Besonders schrill sind die Arbeiten von Tim Noble und Sue Webster, die sich meisten selber porträtieren. Aber wie! Eine Montage aus schwarzen Silikonabgüssen von Sues Fingern und Tims Penis in den unterschiedlichen Stadien sexueller Erregung bilden im Schattenriss einen Januskopf mit den zwei Gesichtern der Künstler. Farb- und Gewaltexzesse von Barnaby Furnas, bekannte Positionen von Cindy Sherman und Kiki Smith, wunderbar surreal- gewalttätige Zeichnungen von Dimitris Protopaps. Traum und Trauma liegen nur einen Augenblick auseinander. Die Werke „handeln von zerbrochenen Träumen, von Selbstzerstörung, Grausamkeit und Isolation, sie evozieren insgesamt eine Situation der Ausweglosigkeit und des nahen Endes.“ Nichts für Warmduscher. Hier wird großes Kino geboten. Leider erreichen die Texte bei weitem nicht die Qualität der gezeigten Arbeiten. Die Autoren holpern durch die Philosophiegeschichte und versuchen sich an Freud und der Theorie des Unbewussten, finden aber in keiner Zeile einen adäquaten Zugang. Sogar eine Psychoanalytikerin wurde auf den Sammler angesetzt, die mit sinnigen Bemerkungen wie „Ich denke, dass das Bild interessant bleibt, weil es da ein Rätsel gibt, das sich nicht lösen lässt“ echte Perlen verbreitet. Den ausgestellten Arbeiten hätte man nur reine Poesie entgegensetzen können. Jeder Versuch, hier den kalten Intellekt als Orientierungshilfe einzusetzen, läuft ins Leere. Man muss die Werke ertragen, soll in sich selber hineinlauschen und darf von ihnen träumen. Nur zerreden darf man sie nicht.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).

Himmlische Helfer. Mittelalterliche Schnitzkunst aus Halle

Samstag, 01.03.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Stiftung Moritzburg, Halle vom 18.03. – 07.10. 2007. Hg. von Anne Schaich und der Stiftung. Mit Texten von u.a. Anne Schaich und Albrecht Pohlmann. Eigenverlag, Halle, 2007, ISBN 978-3-86105-148-6, 80 Seiten, 18 s/w- und 13 Farbabb., Broschur, Format 24 x 17 cm, € 11.—

Der schmale Band beschreibt dreizehn exemplarische Werke mittelalterlicher Schnitzplastik aus den Beständen des Museums in der Moritzburg. Die Autoren beschreiben Aspekte der Zuschreibung, des ursprünglichen Gebrauchs, der Herkunft und der Restaurierung. Das Wissen um die Funktion der Figuren in der Liturgie und im sakralen Raum, ihr Kontext zu anderen liturgischen Gegenständen und ihre Rolle als „Vermittler himmlischen Heils“ ist leider verloren gegangen. Nach Gründung des Deutschen Reiches 1871 fasste langsam der Museumsgedanke Fuß und erhob die Schnitzplastik in den Rang von Kunstwerken. Ursprünglich sollten sie die Gläubigen in den opulent möblierten mittelalterlichen Kirchen zur Andacht anregen. „Wenn man sich vor Augen führt, welch eine Besonderheit allein die Darstellung einer menschlichen Figur in Zeiten weitgehender Bilderlosigkeit (außerhalb der Kirchen) war, versteht man die Kraft, die solchen Werken zugemessen wurde.“

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).