Gottfried Bechthold. Reine und gemischte Zustände

Mittwoch, 30.04.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunsthaus Bregenz vom 01.10. – 19.11.2006. Hg. von Eckhard Schneider. Mit Texten von u.a. Robert Fleck und Josephine Gabler. Bucher Verlag, Wien, 2006, ISBN 978-3-902525-45-1, 160 Seiten, 60 Farbabbildungen., Format 26 x 21 cm, Klappbroschur, € 49,50

Katalogbuch zum Soloauftritt des 1947 in Bregenz geborenen österreichischen Bildhauers und Konzeptkünstlers Gottfried Bechtolds im Kunsthaus Bregenz. Vier Werkgruppen gibt es zu sehen. Das Skulpturenensemble „Elf Elf“ besteht aus elf Betonabgüssen eines Porsches der 911er-Serie, die vor dem Guss durch eine eng anliegende Tuchabdeckung verhüllt wurden. Die Fotoserie „Standbilder“ spielt mit Medienrealität und der angeblichen Authentizität von Reisefotografie. Die„Ready Maids“ sind gefundene Astgabeln, die wie Unterkörper und Beine von Frauen aussehen. „Kalt Warm“ ist eine athmosphärische Installation zweier Stahlkörper, die als Wärme- und Kälteobjekte erfahrbar sind. Die Publikation ist gut gestaltet, die Texte sind erschreckend formal bis schlicht langweilig. Die durchaus interessanten und heiteren „Standbilder“ besitzt für Sylvia Taraba eine „Lakonik, die einen haltlosen Zauber im Zwerchfell auslösen kann. Denn betrachtet man die Reisebilder der Reihe nach, gerät man möglichweise in einen Lachanfall.“ Humorfreier wurde selten über Humor geschrieben.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

Garten Eden – Der Garten in der Kunst seit 1900

Dienstag, 29.04.2008

Die Sehnsucht nach ein wenig grünem Glück scheint groß zu sein. Nach der Ausstellung „Gärten – Ordnung, Inspiration, Glück“ Ende 2006 im Frankfurter Städel Museum schob die frisch umgebaute und erweiterte Kunsthalle Emden gleich ein Jahr später die nächste Pflichtveranstaltung für Kleingartenfreunde hinterher: „Garten Eden – Der Garten in der Kunst seit 1900“. Zurzeit und noch bis zum 06. Juli ist die Ausstellung nun in einer etwas veränderten und abgespeckten Version in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart zu bewundern.
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Don´t Worry Be Curious. 4th Ars Baltica Triennial of Photographic Art

Donnerstag, 24.04.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Staatsgalerie Kiel vom 30.03. – 28.05. 2007. Hg. von Dorothee Bienert. Mit Texten von u.a. Hito Steyerl und Boris Kagarlitsky. Revolver Books, Frankfurt am Main, 2007, ISBN 978-3-86588-387-2, englisch, 136 Seiten, 68 Farb- und 19 s/w-Abb., Broschur mit Schutzumschlag, Format 25 x19 cm, € 19.—

In Zeiten allgemeinen Meckerns und existenzieller Ängste, die, folgt man der Lektüre der vorliegenden Publikation, weite Teile der europäischen Gesellschaft ergriffen hat, sieht sich die Kunst immer mal wieder der Frage ausgesetzt, welche Lösungen sie denn anzubieten hätte und ob sie nicht ihre Stimme erheben wolle. Nein, sie will nicht und dümpelt lieber in ihrer selbstreferentiellen Suppe, die portionsweise aus wohlklingenden Katalogbeiträge gelöffelt wird oder von Midas persönlich während ungezählter Auktionen in pures Gold verwandelt wird. Mit dem Holzhammer schlagen nur noch wenige Künstler auf ihr sanft schlummerndes Publikum ein, und so beschränken sich auch die photographischen Beiträge der Triennale auf ein „be curious!“. Ähnlich der Ausstellung „zwischen zwei toden“ im ZKM (siehe Rezension im Heft) verspricht die präsentierte Kunst vollmundig eine „positive Energie“, einen offenen und demokratischen Impuls, der sich dem herrschenden Pessimismus widersetzt.
Die Textbeiträge im Katalog strahlen weniger Zuversicht aus. Sie beschreiben die Entstehung einer Postdemokratie, die nicht länger vom Wähler und deren Abgeordneten, sondern von Lobbygruppen und Thinktanks gesteuert wird. Amerikanische Ölgier, fundamentalistischer Terror und ungebremste Globalisierung verursacht Angst und Instabilität in einer dauerüberwachten, verunsicherten Gesellschaft.
„Fear is Europe’s common denominator“, schreibt Hito Steyerl und gibt auch der Kunst gleich einen Tritt, wenn er ihre Strategien mit der der Politik vergleicht: “One must even say that, in contrast to the serene, composed, and conceptualist way in witch contemporary politics organizes intense and even hysterical emotions like fear, the corresponding art strategies seem rough, clumsy, and dilettante.”
Boris Kagarlitsky sieht uns am Ende der Geschichte stehen, vor einem end- und gnadenlosen Rennen um Profit, in der die Gesellschaft den Glauben an sozialen Fortschritt längst verloren hat. Den Künstlern bleibt die lustige oder nachdenkliche Kommentierung medialer Bilder und sozialer Zustände. Zwingende, aufrüttelnde Kommentare zum Weltgeschehen sind weit und breit nicht zu sehen.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

Mathieu Mercier. Ohne Titel 1993 – 2007

Freitag, 18.04.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Nürnberg vom 14.02. – 06.04.2008. Hg. von der Kunsthalle Nürnberg. Mit Texten von u.a. Julia Garimorth und Lionel Bovier. Eigenverlag Paris-Musées, Paris, 2007, ISBN 978-2-7596-0022-9, 142 Seiten, ca. 60 Farb- und 8 s/w-Abb., Format 27,7 x 19,8 cm, Klappbroschur, € 29,–

Objekte und Installationen zwischen Bauhausdesign, theoretischer Gesellschaftsanalyse und schnöder Warenhaus-Konsumwelt bietet der 1970 geborene Franzose Mathieu Mercier. Dem Katalog gelingt es, die Ausstellungssituation angemessen wiederzugeben. Das Zusammenspiel der Arbeiten aus den Jahren 1993-2007 lässt sich auch aus der fotografischen Distanz ästhetisch nachvollziehen. Viele Arbeiten sind in weiß gehalten und betonen im Raumkontext die wenigen farbigen Objekte, wie die in aktuellen Autofarben lackierten Stahlröhren, eine Serie von Baseball-Schutzmasken oder eine einzelne, bunt schillernde Seegurke, die einsam in einem Aquarium dümpelt. Um die Zuordnung von Text und angesprochener Arbeit zu erleichtern, alle Werke sind „ohne Titel“, werden diese am unteren Rand durchnummeriert als kleines Piktogramm dargestellt.
Mercier geht es vor allem um die Wechselwirkungen von Kunst/Design und Massenware. So stellt er einen profanen Gartenstuhl aus Plastik neben eine Nachbildung des bekannten Stuhls von Gerrit Rietveld. Beide Stühle, der eine ein Konsumprodukt, der andere ein Kulturprodukt, verändern ihre Wertigkeit, wie Julia Garimorth schreibt. Der Stuhl von Rietveld verliert an Aura, der Stuhl aus dem Supermarkt wird ein Stück weit ebenfalls zum Kunstwerk. Beide Objekte gehen eine Beziehung ein, die eine gegenseitige Bereicherung erzeugt. Die Werke von Mathieu Mercier „gleiten dahin zwischen abstraktem Modernismus und dessen praktischer Anwendung im Design oder den Bildenden Künsten und dem reinen Handwerk und dessen unfruchtbaren, manchmal unnützen Erzeugnissen.
Wie Vincent Pécoil schreibt, ist der „ästhetische Wert“ in einem globalen, durch Überproduktion gekennzeichneten Markt zu einem zusätzlichen fundamentalen Wert geworden. So tritt die Massenware in eine Konkurrenz zur Kunst. Die Kunst kapituliert und wird selbst zur Ware. Kunst- und Warenwelt verschwimmen. Die Kunst flüchtet weiter in die Nicht-Funktionalität, doch die Warenwelt holt auf und produziert ebenfalls immer mehr Dinge, die zwar noch eine Funktion haben, die aber objektiv keiner mehr braucht. Auf der anderen Seite generiert die Kunst einen Zusatznutzen als gelebte Individualität, als probates Mittel der Selbstdefinition des Einzelnen. Damit wird die Kunst zum Gebrauchsgegenstand und das Kunstwerk definiert sich endgültig nicht mehr über seine formalen Qualitäten, sondern ausschließlich durch die künstlerische Kontextualisierung.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

Rachel Harrison. if i did it

Donnerstag, 17.04.2008

Katalog zur Ausstellung „Rachel Harrison: Voyage of the Beagle“ im migros museum für Gegenwartskunst, Zürich vom 29.04. – 24.06.2007 und in der Kunsthalle Nürnberg vom 12.09. – 04.11. 2007. Hg. von den Museen. Mit Texten von Ellen Seifermann, Heike Munder und John Kelsey. Verlag JRP Ringier, Zürich, 2007, ISBN 978-3-905770-56-8, 152 Seiten, 108 Abb. in Farbe, Format 28,60 x 23,80 cm, Broschur mit Schutzumschlag, € 40,–

Die Skulpturen von Rachel Harrison (41) lassen sich nur schlecht beschreiben. Ein Universum aus offenen oder geschlossenen bunt bemalten Quadern, Pappkartons, leeren Dosen, kitschigen Ölbildern vom Flohmarkt, alten Magazinen, Starfotos, Schaufensterpuppen und Plastikmasken. Aufgeschichtete, dick verklebte und übermalte Stelen tragen Titel wie „Fats Domino“, Jonny Deep“ oder „Claude Lévi-Strauss“. Heike Munder schreibt in ihrem Beitrag, dass die Materialien kaleidoskopartige Facetten bilden, „die je nach Drehung und Ansicht auftauchen und verschwinden – niemals fertig, sondern immer im Übergang und im Werden eines irreversibel sich verändernden Denkprozesses begriffen“.
Vor einiger Zeit schrieb ich über die junge, 1976 in Tübingen geborene Künstlerin Nelly Knatz, ihre flüchtigen, gebastelt wirkenden Szenerien würden einen angenehm unverkrampften Gedankenfluss provozieren. Ähnliches lässt sich zu den Arbeiten von Rachel Garrison sagen. „Die Gegenstände fungieren als Zeichen mit divergierenden Bedeutungen, verschiedenen Realitäten und rätselhaften Beziehungen“, wie Ellen Seifermann schreibt.
Obwohl der Katalog sich bemüht, die raumgreifenden Installationen von möglichst vielen verschiedenen Seiten zu präsentieren, bleiben die Arbeiten, aus der fotografischen Distanz betrachtet, leider recht blutleer.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

between two deaths

Donnerstag, 17.04.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im ZKM, Karlsruhe vom 12.05. 2007 – 19.08. 2007. Hg. von Ellen Blumenstein und Felix Ensslin. Mit Texten von u.a. Sonia Arribas und Alain Ehrenbergder. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2007, ISBN 978-3-7757-2003-8, nur englisch, 328 Seiten, 385 Abb., davon 378 farbig, gebunden, Format 27,6 x 22 cm, € 29,80

Das ZKM in Karlsruhe zeigt sich gnadenlos und präsentiert seine dicke, inhaltlich anspruchsvolle Schwarte zur Ausstellung „between to deaths“ nur in englischer Sprache. Die Kuratoren Ellen Blumenstein und Felix Ensslin beschreiben einen gesellschaftlichen Trend zur melancholischen, depressiven Rückbesinnung und dem Rückzug ins Private, der sich in der zeitgenössischen Kunst „als enigmatische Antwort auf ein immer schon traumatisches Leben“ ablesen lässt. Die ausgestellten Arbeiten junger Künstler wie Rita Ackermann, Erik van Lieshout oder Barnaby Furnas sollen über diesen lähmenden Zustand hinausweisen.
Der Katalog folgt dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan in der Annahme, dass wir in einer Zeit leben, die uns außer Geld, Macht und Ruhm keine andere Lebenslegitimation zur Verfügung stellt. Er zitiert den Soziologen und Buchautor Alain Ehrenberg („Das erschöpfte Selbst“), der beschreibt, dass die Melancholie in früheren Jahrhunderten dem außergewöhnlichen Menschen, dem Genie, vorbehalten war, während sie heute ein Massenphänomen sei, weil jeder sich für etwas Besonderes halten müsse, um im System zu bestehen.
Die Süddeutsche Zeitung begrüßt in ihrer Kritik den Ansatz „für eine Kunst jenseits der Sofa-Ermattung. Für eine Kunst, die weh tut“, sieht allerdings auch die Überforderung des Betrachters durch den theoretischen Anspruch und das faktische Fehlen des geforderten „radikal Anderen“. Die Werke fügen sich nahtlos in den Strom angesagter Jungkünstler, die weltweit die Auktionshäuser verstopfen. Außerdem sollte man meinen, es gäbe genügend schreiende, klabauternde Kunstzampanos wie Meese oder Schlingensief, die ohne Frage für sich den geforderten künstlerischen Aufbruch beanspruchen würden.
Trotz dieser Einwände stellt der Katalog die richtige Kernfrage: „Wie können wir leben, ohne gleichgeschaltet oder depressiv zu werden, wenn wir in einer Gesellschaft leben, die Individualismus, selbst motivierte Aktivität und Autonomie predigt aber uns gleichzeitig keine sichere Identität zuweist, an die diese Anforderungen gerichtet werden könnten?“ Anders gefragt: Welches sind unsere wirklichen Bedürfnisse und wie erkämpfen wir uns eine neue seelische Autonomie, die nicht in einem totgelaufenen Individualismus verharrt?

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

Ulrich Bernhardt. Asche und Schnee

Donnerstag, 17.04.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 09.11. – 09.12.2007. Hg. von Helmut A. Müller. Mit einem Künstlergespräch. Eigenverlag, Stuttgart, 2007, ISBN 978-3-934320-35-2, 32 Seiten, 23 Farb. und 4 s/w Abb., Format 24 x 16 cm, Broschur.

Die kleine Publikation präsentiert einen Querschnitt der Arbeiten des 1942 in Tübingen geborenen Künstlers Ulrich Bernhardt. Zu sehen sind Chronografien (Fotoserien, die mit Doppelbelichtungen und Überblendungen arbeiten), Schwarz-Weiß-Fotos, Reinstallationen und Videos. Das ausführliche Künstlergespräch zwischen Bernhardt und dem Herausgeber dreht sich allumfassend um „die ganze abendländische Geistes, Kultur-, Wissenschafts-und Technikgeschichte“, inklusive der Geschichte der Religionen, wie Helmut A. Müller resümiert und als gute kulturprotestantische Tradition herausstellt. Die Arbeiten wirken in ihrer Vielfalt etwas unkonzentriert, der Text bietet dafür tief gehende Interpretation, einen kleinen Schlagabtausch zum Themenkomplex Monotheismus, Toleranz und den Kampf der Kulturen, und Müller schenkt uns mit Blick auf den Protestantismus das bemerkenswerte Bild der „Extase des aufrechten Ganges“.

Paul Delvaux. Das Geheimnis der Frau

Dienstag, 15.04.2008

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld vom 22.10. 2006 – 21.01. 2007. Hg. von Thomas Kellein und Björn Egging. Mit Texten der Herausgeber und einem Gespräch mit Jan Hoet. Kerber Verlag, Bielefeld, 2006, ISBN 978-3-86678-031-6, 112 Seiten, 80 Abb., gebunden, Format 17,5 x 24,5 cm, € 26,50

Seltsamer Mensch, dieser Paul Delvaux. 1897 in Lüttich geboren, entzog er sich weitestgehend den Einflüssen der modernen, revolutionären Malerei, um zu seiner recht einseitigen Thematik zu finden: der Frau, vorzugsweise der nackten, statuenhaften Frau in antikisierender Renaissance-Stadtkulisse. Der Katalog versammelt Werke aus der Zeit von 1927 bis 1972 und sucht in der Lebensgeschichte des Künstlers eine Erklärung für seine malerische Fixierung auf die Dominanz des Weiblichen.
Zwischen einer starken, klammernden Mutter und einem antriebsarmen, ängstlichen Vater entwickelt der junge Delvaux ein gestörtes, übersensibles Verhältnis zu Frauen. Sie sind für ihn unergründliche, anbetungswürdige Gottheiten, die keine Berührung dulden. Sich selber sieht der Maler, etwa wenn er am Strand die begehrten Wesen in Skizzenheften festhält, als ewigen Jüngling, als unschuldiges Kind. Ähnlich einem Eunuchen darf er sich den Frauen nähern aber nur um den Preis des nicht ausgelebten Geschlechtstriebs. Dabei hatte Delvaux durchaus Freundinnen und war verheiratet. Leider vermag der Katalog nichts über die Sexualität in seinen Beziehungen zu berichten. Die Ehe blieb kinderlos und war für den Künstler nur eine Zweckehe, um sich besser der Malerei widmen zu können.
Seine Malerei wurde geprägt von Giorgio de Chirico, dessen polyfokale Perspektive und traumwandlerische Atmosphäre er verwendete und vom Stil der gemalten Collage René Magrittes. Der Katalog verortet Delvaux als einen naiven Maler, einen Henri Rousseau des 20. Jahrhunderts.

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).

Die documenta 12 im Rückblick. Michael Reuter im Gespräch mit Bernhard Balkenhol

Dienstag, 01.04.2008

Michael Reuter (MR): Die Kernthese Roger Buergels „Migration der Form“ schließt sich der aktuellen Radikalisierung der Pluralität in der Welt und der Weltkunst an. Lokales und Globales sollten sich durchdringen, sich zum Transnationalen mischen und so die enorme Vielfalt und die großen Zusammenhängen der vernetzten Welt spiegeln. Ist es der Ausstellung gelungen, Schneisen durch die Komplexität zu schlagen?

Bernhard Balkenhol (BB): Die d12 bot weder in der Auswahl der Exponate noch im Aufbau der Ausstellung eine Systematik, große Zusammenhänge der vernetzten Welt zu spiegeln, Überblick zu gewinnen oder ein Hauptstraßennetz zu erkennen. Das war auch nicht ihr Anspruch. Vielmehr ging es ihr um einzelne Fäden, die sie aufgegriffen hat, an denen man sich festhalten oder entlang hangeln konnte. Interessant an der „Migration der Form“ ist für mich auch weniger das Aufzeigen von Verbindungen, die sich auf diese Weise transnational und interkontinental nachverfolgen lassen – das ist nicht neu –, als vielmehr der Perspektivwechsel, der mit diesem Begriff möglich ist. Die Konzentration auf die bloße Form macht es nämlich möglich, deren Erscheinung, Wirkung und Gebrauch zunächst ohne ideologischen Kontext wahrzunehmen, deren Wanderung also als einen roten Faden zu verstehen, aus dem heraus sich ästhetische Kultur entwickelt hat. Damit wird der Form ästhetischer Kultur eine Macht gegeben, die so bisher nur in der Musik herausgearbeitet worden ist. Und weil dieser Perspektivwechsel ein ständiger ist und nicht nur die Ebenen Form und Politik, sondern auch Technologie, Wissenschaft, Ethik und nicht zuletzt das „bloße Leben“ betrifft, wird die Komplexität eher größer als kleiner. Weiterlesen »