Merzgebiete. Kurt Schwitters und seine Freunde
Sonntag, 29.06.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Sprengel Museum Hannover vom 08.10. 2006 – 04.02. 2007. Hg. von Karin Orchard und Isabel Schulz. Mit Texten von u.a. Sjarel Ex und Gerda Wendermann. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln, 2006, ISBN 978-3-8321-7737-9, 247 Seiten, mit ca. 250 farb. Abb., gebunden, Format 28 x 21,2 cm, € 20.—
Kurt Schwitters, einer der bedeutendsten Künstler aus Hannover, lebte den heute so beliebten Netzwerkgedanken bereits in den 20er Jahren. Seine Adressbücher, die er nach so genannten „Merzgebieten“ ordnete, lesen sich wie ein Who´s who der damaligen Kunstwelt. Schwitters stand in Verbindung mit vielen Vertretern der internationalen Avantgarde. Der Katalog stellt seine Werke erstmals in den Kontext der europäischen Moderne und untersucht, welche künstlerischen Früchte die Kontakt- und Zusammenarbeitsfreudigkeit des deutschen Malers, Dichters und Werbegrafikers trug.
Der Dadaismus, zu dem Schwitters eine ambivalente Haltung hatte, etablierte sich um 1918 als eine Form der „Nichtkunst“ in Deutschland. Als Gegenbewegung zum theorielastigen Kubismus suchten die Künstler einen neuen Zugang zur Welt und zur Wirklichkeit. „Lebendig, spontan und provozierend“ sollte es zugehen. „Unkünstlerische“ Materialien wie Zeitungsschnipsel, Schnüre, Holzteile und Konservendeckel wurden zu Collagen gestaltet, die Künstler vermischten Musik, Theater und Tanz in ihren Veranstaltungen, trugen Laut- und Simultangedichte vor und schimpften in Manifesten über Bourgeoisie und Banausentum. Die zunehmende Politisierung der Dada-Bewegung wollte Schwitters nicht mittragen und begründete eine eigene Richtung als Anti-Dada: „MERZ“.
Die Suche nach einer neuen Kunst, „die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen und eine neue Ordnung [...] herstellen sollte“, endete 1933 tatsächlich in einer neuen Ordnung. Allerdings nicht ganz nach den Vorstellungen Kurt Schwitters, der als „entarteter“ Künstler 1937 endgültig nach Oslo emigrierte.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Ein Demiurg mit Kettensäge
Donnerstag, 26.06.2008
„Skulptur ist, worüber man stolpert, wenn man zurücktritt, um sich ein Gemälde anzusehen“, meinte der Maler Ad Reinhardt. Im Atelier von Thomas Putze in der Stuttgarter Wagenhalle gibt es eine Menge Skulpturen, über die man stolpern kann, in allen Größen von zwergenhaft bis raumfüllend. Drangvolle Enge und lärmiges Durcheinander beherrschen das kleine Hallenteil. Richtig arbeiten kann der Künstler hier schon lange nicht mehr. Warum auch? Draußen scheint die Sonne und die fliegenden Holzspäne verteilen sich auf dem verkrusteten Matschboden der beliebten Alternativ-Location in Stuttgart.
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Corona Unger (Hg.): Paula Modersohn-Becker „Kunst ist doch das Allerschönste“
Dienstag, 24.06.2008
Briefe einer jungen Künstlerin
Insel Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig, 2007, ISBN 978-3-458-19299-2, 117 Seiten mit 36 Abb., gebunden, Format 18,5 x 12cm, € 12,80
„Ich bin glücklich, glücklich, glücklich.“ schrieb Paula Modersohn-Becker ihren Eltern im August 1897 nach Fertigstellung ihres ersten Pleinairporträts in Worpswede. So eine starke Berufung möchte wohl jeder in sich verspüren. Der kleine Band aus der Insel-Bücherei versammelt diverse Briefe der jung gestorbenen Malerin. Die begeisterten Schilderungen ihres voranschreitenden künstlerischen Schaffens, ihre schwülstige Wortwahl, ihr familiärer Konservatismus und ihre Deutschtümelei sind von unfreiwilliger Komik und kontrastieren stark mit ihrem emanzipatorischen Wunsch nach beruflicher Eigenständigkeit und persönlicher Freiheit. Modersohn-Becker saß am Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen allen Stühlen. Ihre Sehnsucht „etwas zu sein“ wurde von ihrer Umgebung stirnrunzelnd toleriert aber nie wirklich akzeptiert.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Ursula Voß: Der Katzenkönig der Kinder
Montag, 23.06.2008
Balthus und Rainer Maria Rilke
Insel Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig, 2008, ISBN 978-3-485-19305-0, 126 Seiten mit 14 Abb., gebunden, Format 18,5 x 12, € 12,80
Ein poetischer, detailversessener und ineinander verschlungener Gedankenstrom, der Personen, Sprachen, Orte und Zeiten traumwandlerisch zu einem literarischen Wirbel verbindet, in dem sich Fiktion und Realität nur schwer trennen lassen. Die Autorin Ursula Voß konstruiert aus den künstlerischen und privaten Beziehungen zwischen Balthus und Rilke ein transzendente, von Kunst, Poesie und einer irreal künstlerisch verfeinerten Lebensart ihrer Protagonisten durchdrungene Melange, die „zu einem Jenseits-des-Wirklichen führt: dahin wo Kindheit sich abspielt“. Ein Zitat, mit dem Voß die geheimnisvollen Bilder von Balthus beschreibt, das aber ebenso auf ihren eigenen Stil zutrifft. Die Verklärung und Wiederverzauberung der Welt durch die Kraft der schönen Künste. Eine gedanklich reiche aber auch beklemmend enge Welt, in der alles mit allem verwoben scheint.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Christian Saehrendt/Steen T.Kittl: Das kann ich auch!
Dienstag, 17.06.2008
Gebrauchsanweisung für moderne Kunst
DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln, 2007, ISBN 978-3-8321-7759-1, 248 Seiten mit 51 Abb., Klappbroschur, Format 21 x 13, € 14,90
Was denn nun?! Auf der einen Seite zieht sich die Überzeugung von Marcel Duchamp – „Die Betrachter machen die Kunst“ – als roter Faden durch das respektlose Buch. Auf der anderen Seite haben sich diese Betrachter, nach Ansicht der Autoren Saehrendt und Kittl, damit abzufinden, dass alles Kunst ist, was im institutionellen Rahmen ausgestellt wird.
„Das kann ich auch!“ widmet sich mit Humor und Sarkasmus dem kryptischen Geplapper von Kunstkritikern, seziert den erfolgreichen Aufbau von Künstlern als Marke und demaskiert den gemeinen Vernissage-Hopper als eifrigen, aber häufig recht uninformierten Worthülsenbastler. Das anekdotenreiche Buch, mit einem Hauch zu viel Polemik, ist ein erster Weg für den verunsicherten, potenziellen Kunstfreund, der sich bisher von den esoterischen Hohepriestern der Zunft verschrecken ließ. Er soll aus der „Untertanenposition“ gegenüber einem Werk befreit werden und auf Augenhöhe mit Galeristen und Künstlern verkehren. Die Kunst als Angebot zur intellektuellen Auseinandersetzung.
Dass zwischen einem provokanten: „Ist doch alles Mist hier!“ und einer differenzierten Auseinandersetzung mit ausgestellten Kunstwerken ein langer Lernprozess und eine große Neugier liegen, wissen die Autoren. Beim Thema „Was macht gute Kunst aus und wie trennt man die Spreu vom Weizen“ werden sie schnell wortkarg und verweisen auf lebenslanges Lernen und mehrere tausend Jahre Kunstgeschichte. Da gefriert das Lachen auf den Lippen und die Aussage von Roger M. Buergel, dass zeitgenössische Kunst Hingabe brauche, „jahrelange Hingabe“, fällt aus des Betrachters Hirn auf die vor ihm liegende Fernbedienung.
Wie wenig der Umgang mit moderner Kunst in den Köpfen der werktätigen Massen verankert ist, trotz aller Schlagzeilen über Kunsthype, Auktionsrekorden und dem Gerede über eine zukünftige Gesellschaft, die sich nur noch über ihre kulturellen Leistungen definiert, zeigt das total verunglückte Interview von Stefan Raab mit den Buchautoren. (http://tvtotal.prosieben.de/components/videoplayer/1058/1058-00-06-index.html)
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Werner Pokorny im Hospitalhof Stuttgart
Dienstag, 17.06.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 15.02. – 16.03. 2007. Hg. von Helmut A. Müller Mit einem Text des Herausgebers und einem Künstlergespräch. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-934320-37-6, 36 Seiten, 15 Farbabb., gebunden, Format 24 x 16,5 cm, € 10,–
Geschickt hat sich der 1949 geborene Werner Pokorny des schwer bespielbaren Kirchenraumes angenommen und seine schwarz abgeflammten Stehlen mitten zwischen die Kirchenbänke gestellt. Hier wirken sie, je nach Laune des Betrachters, wie stumme, archaische Zeugen, wie aufgerichtete Särge oder Totems. Besonders hervorzuheben sind auch die gelungenen Fotografien von Ingo Hermann.
Helmut A Müller sieht in dem Spiel der Grundformen wie Haus, Schale, Vase und Balken die „uralte Frage nach Herberge und nach Haus auf Zeit verschlüsselt.“
Das Gespräch zwischen Pokorny und Müller bleibt gegen die dunkle Präsenz der Skulpturen etwas blass. Der Künstler benennt Liebe und Tod als wesentliche Dinge im Leben und beschreibt seine Inhaltlichkeit als Beschäftigung mit dem „was den Menschen eigentlich grundsätzlich bestimmt und umtreibt“. Fahrt nimmt das Gespräch erst bei einem kleinen Disput über das Ende der „Signaturen der Moderne, also Individualisierung, Relativierung und Autonomie“ auf. Der These von Pfarrer Müller stellt Pokorny die unverzichtbare Freiheit und Individualität der Kunst entgegen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).