Ein Demiurg mit Kettensäge
Donnerstag, 26.06.2008
„Skulptur ist, worüber man stolpert, wenn man zurücktritt, um sich ein Gemälde anzusehen“, meinte der Maler Ad Reinhardt. Im Atelier von Thomas Putze in der Stuttgarter Wagenhalle gibt es eine Menge Skulpturen, über die man stolpern kann, in allen Größen von zwergenhaft bis raumfüllend. Drangvolle Enge und lärmiges Durcheinander beherrschen das kleine Hallenteil. Richtig arbeiten kann der Künstler hier schon lange nicht mehr. Warum auch? Draußen scheint die Sonne und die fliegenden Holzspäne verteilen sich auf dem verkrusteten Matschboden der beliebten Alternativ-Location in Stuttgart.
Mit Oberarmen wie von Michelangelo gemeißelt zerrt Putze eine seiner grotesken Figuren aus der dunkelsten Ecke und präsentiert sie im Licht der tief stehenden Morgensonne. Die grob geschnitzten Menschen, Elefanten, Hasen, Kopffüßler und Chimären aus Holz und rostigen Metallteilen scheinen im Atelier ein stummes, andauerndes Happening zu veranstalten. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Partys auf dieser etwas anderen Arche Noah abgehen, wenn die Lichter gelöscht und das Rolltor abends verschlossen wird.
Ein allzu blasphemisches Umfeld für einen ehemaligen Theologiestudenten? Thomas Putze ist trotz seiner neuen Berufung als Demiurg mit Kettensäge der Religion nahe, bezeichnet sich als einen Menschen, „der mit Glauben umgeht“. Die christliche Ikonografie ist stets präsent. Gewindeschrauben werden zu Pfeilen, Bolzen zu Dornenkronen und Gullideckel zu Christuskindern. „Welche Kunst ist eigentlich nicht religiös?“, fragt sich Putze und tätschelt die lange Zunge eines verärgerten Holzwesens.
Der Bildhauer brauchte eine Weile, um seinen Weg als Künstler zu finden. In seiner Familie galt eher die Devise: „Man muss gucken, wo man rein passt“. Selber etwas auf die Beine zu stellen, sich einen eigenen Weg suchen, abseits starrer Hierarchien und Berufsbezeichnungen, war nicht vorgesehen. Sein bunter Lebenslauf als Landschaftsgärtner, Theologiestudent, Leiter eines Jugendhauses, freier Illustrator und Musiker führte ihn schließlich an die Staatliche Kunstakademie in Stuttgart zu Werner Pokorny und Micha Ullman.
Sein Lieblingswerkzeug ist die Motorsäge. Stundenlange Feinarbeit mit Beitel und Klöpfel sind ihm ein Graus. „Vor einiger Zeit stand in der Zeitung: ‚Pokorny hat Putze trefflich an der Motorsäge ausgebildet’. Das war aber nie das Thema. Ich kannte die Motorsäge von meiner Zeit als Landschaftsgärtner. Penck hat mal in Venedig eine krasse Aktion mit einer Motorsäge gemacht und dann gab es immer schon Forstarbeiter, die mal einen Pilz aus einem Stumpf schnitzten. Mich interessiert die Säge, weil sie zeichnerisch ist.“ Stamm und Säge dienen als Papier und Bleistift, eine Art dreidimensionales Zeichnen. Gelegentlich flammt er die Oberfläche eines Werkstückes ab, um die Spuren der Säge zu glätten. Doch die splitterige Oberfläche, die Schrunden und Verletzungen des Holzes sind für Putze allemal interessanter.
Ungewöhnlich und im aktuellen Kunstbetrieb eher hinderlich sind sein Umgang mit Humor, die Dehnbarkeit seines Werkbegriffes und das Spiel mit dem Kunsthandwerklichen. „Die meisten Künstler sind bierernst und sehr darauf bedacht, zu erklären wie wahnsinnig wichtig sie sind. Aber die Relevanz ergibt sich aus der Sache selbst. Humor ist ein Teil des Umgangs mit dem Leben. Er darf nicht dazu dienen, die Dinge oberflächlich zu überspielen. Sie müssen durch ihn Prägnanz und Tiefe gewinnen. Ich kann eine Figur so machen, dass es Kunsthandwerk ist, ich kann es aber auch so machen, dass es Kunst ist. Und das ist gerade das Spannende, der Moment wo es kippt. Wo es anfängt zu flirren.“
Strategisches Vorgehen ist dabei nicht seine Sache. Thomas Putze lässt sich nur schwer einordnen. Das Werk lebt vom Witz und von der Bandbreite des Lebens, die aus seinen Holzskulpturen, Güssen, Zeichnungen und Malereien spricht. Er nimmt sich die Freiheit, Teile seiner Werke nach einer Weile neu zu kombinieren, Akzente neu zu setzen, Bedeutungen zu verschieben. Er will die Freiheit, einen Weg zu gehen. Seinen Weg zu gehen. „Ich würde mir wünschen, dass die ‚langen Wege’ der künstlerischen Entwicklung wieder Anerkennung finden. Es ist nicht unbedingt mein Ziel, etwas ‚Neues’ zu machen. Interessanter ist, ob der Künstler es schafft, etwas Neuartiges aus sich selber herauszukitzeln. Er sollte mehr an sich arbeiten, nicht nur an seinen Werken.“