Ludwig Seyfarth: Unsichtbare Sammlungen
Mittwoch, 30.07.2008
Kunst nach der Postmoderne
Philo Fine Arts, Hamburg, 2008, ISBN 978-3-86572-641-4, 275 Seiten mit 43 s/w-Abb., gebunden, Format 16,5 x 10,5 cm, € 18,–
Das Buch enthält eine Sammlung von Texten des 1960 geborenen Kunstkritikers Ludwig Seyfarth, der letztes Jahr den mit 5000 € dotierten „Preis für Kunstkritik“ erhielt. Ein bunte Mischung aus Themen wie „Über Berührungspunkte von Kunst und Kriminologie“, „Was malt Eberhard Havekost“ oder „Selbstbezüglichkeiten und Paradoxien in der Kunst Nicola Torkes“. Die Laudatio zum Kritikerpreis hebt seine intensive Recherchearbeit und die „anregenden kunsthistorischen Referenzen“ hervor. Eva Schmidt spricht in ihrem Nachwort von einer „fluktuierende(n) Kompilation der Bezüge“. Die „mäandernden Diskurse“ des Autors machen die Lektüre anstrengend, da jeder Gedanke nur als Sprungbrett zur nächsten Karteikarte im Zettelkasten dient. Es bleibt der Eindruck versierter aber konstruierter Thesenbildung.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
God&Goods. Spirituality and Mass Confusion
Dienstag, 22.07.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Villa Manin, Codroipo (UD), Italien, vom 20.04. – 28.09. 2008. Hg. von Francesco Bonami und Sarah Cosulich Canarutto. Mit zwei Texten der Herausgeber. Eigenverlag, Codroipo, 2008, ohne ISBN, italienisch/englisch, 152 Seiten, ca. 90 Farbabb., Broschur, Format 19,5 x 14 cm, € 20.—
Francesco Bonami, künstlerischer Direktor der Villa Manin, hält die Kunst für ein geeignetes Instrument zur Beschreibung der schizophrenen Situation, in der wir Zeitgenossen zwischen schillernder Warenwelt und spirituell-ökonomischer Krise festzusitzen scheinen. Anstatt nun mit äußerster Konzentration nach Auswegen zu suchen, belässt es die Ausstellung bei einer anekdotenhaften Sammlung künstlerischer Positionen. Die Kunst als Hort der Nachdenklichkeit? Refugium des Zweifels? Brücke zur Transzendenz? Das Göttliche? –Welche Kunst ist nicht religiös? Ein Jesus aus kunstvoll arrangierten Zigartettenkippen von Sarah Lucas, eine leuchtend gelbe Madonnenfigur von Katharina Fritsch, dekonstruierte Cowboy-Mythen von Richard Price und fotografische Tafelbilder von Thomas Struth. Ein wenig Witz, eine Prise Sozialkritik. Passt alles, passt immer. Schmeckt aber nicht mehr.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Aernout Mik. Shifting Shifting
Mittwoch, 16.07.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstverein Hannover vom 08.12. 2007 – 03.02. 2008. Hg. vom Camden Arts Centre. Mit einem Text von Mick Taussig. Cornerhouse Publications, Manchester, 2007, ISBN 978-1-900470-63-6, englisch/deutsch, 400 Seiten, zahlreiche farbigen Abb., gebunden, Format 16 x 12,5 cm, € 20.—
Im Regelfall hält der Rezensent sich vornehm zurück, wenn es um die Besprechung von Videofilmen und Installationen geht, die er nicht gesehen hat. In diesem Fall allerdings liegen im handlichen Katalog „Shifting Shifting“ hunderte von Videostills vor, die durchaus eine Beurteilung erlauben (sollen).
Die Arbeit „Scapegoats“ von Aernout Mik stellt mit Laiendarstellen eine Geiselsituation dar, die an das Drama im Moskauer Dubrowka-Theater erinnert. „Training Ground“ reflektiert die Situation aufgegriffener, illegaler Migranten. Dagegen besteht die Arbeit „Raw Footage“ aus realem, als uninteressant ausgesondertem Bildmaterial, das sich um ethnische Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien dreht.
Nichts gegen den 1962 geborenen niederländischen Künstler, aber die Frage muss erlaubt sein, warum sich ein gut situierter westeuropäischer Künstler ausgerechnet mit menschlichen Grenzerfahrungen befasst, die er weder in ihrer psychischen Tragweite durchschauen, noch in ihrem absoluten Grauen irgendwie erfahrbar machen kann.
Autor Mick Taussig greift zur Hannah Arendt und ihrer „ Banalität des Bösen“, um das bizarre, sich in Loops wiederholende Verhalten der Protagonisten zu deuten. Mik zeigt keinerlei Gewalt in den Videos, es scheinen eher die Szenen der erschöpften Ruhe, der irrationalen und abgestumpften Praxis menschlicher Gewalt zu sein, die er ohne Ton und ohne narrative Elemente wiedergibt.
Alles schön und gut, aber es bleibt der unangenehme Nachgeschmack der gut gemeinten Verharmlosung, wenn man sich gelangweilte Ausstellungsbesucher vorstellt, die übersättigt durch die Räume eilen. Die Videos sind den Ereignissen nicht angemessen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Kommando Tilman Riemenschneider. Europa 2008
Mittwoch, 16.07.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof Stuttgart vom 11.01.-10.02. 2008. Hg. von Helmut A. Müller und André Butzer. Mit Texten von Helmut A. Müller und Thomas Groetz. Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-934320-36-9, 88 Seiten, zahlr. Farb- und s/w-Abbildungen, gebunden, Format 30 x 22 cm, € 20.–
Etwas mehr Schmackes hätte man schon erwartet, wenn der musen- und marktgeküsste Jungstar André Butzer mit elf Berliner Freundinnen und Freunden als KOMMANDO TILMAN RIEMENSCHNEIDER – EUROPA 2008“ im Stuttgarter Hospitalhof aufschlägt. Als Teil einer Serie von Gruppenausstellungen, die mit der Show KOMMANDO PFANNKUCHEN in Los Angeles begann und mit dem KOMMANDO GIOTTO DI BONDONE in Mailand enden wird, präsentiert die Mannschaft eine Auswahl von züchtigen malerischen Positionen, vermischt mit etwas Installation.
Farbfeldmalerei und konzeptuelle Fotografie von Thomas Winkler, Collagen zu Popkultur und Weltpolitik von Tine Furler, zerknautschte Betonköpfe von Bara und zeichenhafte Skulpturen von Berthold Reiß, um nur einige zu nennen: von allem etwas und doch befremdlich wenig Greifbares.
Thomas Groetz, promovierter Kunsthistoriker und in der Ausstellung mit einer Serie von Gouachen vertreten, gibt in seinem Text den Prediger und philosophierte über die Verbindung von Kunst und Religion. Er traf den Punkt: Beide haben ihren Kern, das Drängende, Fordernde, absolute Entscheidungen Verlangende verloren. Die weich gespülte westliche Religiosität, die in den Aussagen Friede, Hoffnung und Liebe zu versanden droht, obwohl Jesus doch drastische Entscheidungen und eine hohe Leidensbereitschaft von seinen Anhängern einforderte, entspricht der modernen Kunst, die zur gefälligen Unterhaltung verkommt, gestützt von einem verrückten Markt, der die Künstler wie die Lemminge zu den Klippen der bloßen Gefälligkeit leitet.
Thomas Groetz lässt offen, wo er die zeitgenössischen Künstler verortet: Stehen sie in der Tradition biblischer Propheten, die das Ziel irdischen Seins vor Augen und sich in totaler Hingebung der Läuterung des Menschen verschrieben haben? Oder sind sie nur mehr verunsicherte oder gar zerbrochene Sprachrohre des Überindividuellen, des Göttlichen? Sind ihre Werke nur in sich geschlossene, private Kunstreligionen und -welten, gesampelte Wirklichkeiten, durchsetzt mit Warenfetischismus und verträumter Esoterik? Diese Kunst würde sich mit der Patchwork- und Wohlfühlreligiosität des modernen Menschen treffen, aber wo weist sie darüber hinaus?
Helmut A. Müller, kommt in seinen Anmerkungen zu Groetz ebenfalls auf das Individualisierungs-Vakuum der modernen Gesellschaft zu sprechen, überzeugt, dass wir die Spitze der Entwicklung hinter uns haben und uns zurück auf einem Weg hin zu mehr Gemeinschaftlichkeit und Eingebundenheit befinden.
Insofern ist die Ausstellung tatsächlich ein Stück Zukunft, denn André Butzer hat es eigentlich nicht mehr nötig, mit unbekannten Malerkollegen in Sammelausstellungen durch die Welt zu tingeln. Er stellt nur ein großes, unverkäufliches Werk im Foyer und eine Edition von fünfzehn schnell hingeworfenen Zeichnungen aus, die zum Preis von 1.000 Euro ebenso schnell verkauft waren.
Und vielleicht ist auch die Sucht nach dem ewig Neuen, nach Extremen und Skandalen nur ein letztes Keuchen des gehetzten Individualisten, bevor er in den Schoß einer Gruppe zurückfällt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Galerietaugliche Kapitulationen
Mittwoch, 16.07.2008
Volles Haus im Stuttgarter »Kunstbezirk«. Die Absolventen des Diplomstudiengangs Bildende Kunst der Kunstakademie Stuttgart präsentieren hier seit gestern auf 400 qm ihre Arbeiten. Eine Ausstellung, die sich auch dem kunstfernen Betrachter erschließt, da allerlei Figürliches und gut Vorgekautes zur Ansicht kommt.
Die von einem Abbruchbagger zärtlich gekneteten Kugeln aus altem Armierungsstahl lassen sich als Resümee bundesdeutscher Kunststudentenbefindlichkeit lesen: Auch der störrischste Diplomand wird durch den Markt solange in Form gebracht, bis aus unförmigem Draht Dekokugeln geworden sind. Junge Künstler vor der galerietauglichen Kapitulation.
Einen zwiespältigen, aber immerhin deutlichen Eindruck hinterlassen die Arbeiten der 1980 in Bonn geborenen Isabell Kamp. Ihre vernähten Bilder aus Stoff, bemalter Leinwand und Klebestreifen zeigen Frauenfiguren zwischen Aufbegehren, Bulimie und Autoaggression. Die verhaltene, in sich gekehrte Ästhetisierung von grober Gewalt gegen sich und durch andere stellt mehr Fragen über weibliche Existenzzustände als sie beantworten kann.
Tomma Abts
Sonntag, 06.07.2008
Publikation zu einer monografischen Ausstellung im New Museum, New York, vom 09.04. – 29.06. 2008. Mit Texten von Laura Hoptman, Bruce Hainley und Jan Verwoert. Phaidon Verlag, Berlin, 2008, ISBN 978-0-7148-4882-2, englisch, 136 Seiten, 52 Farbabb., gebunden, Format 26,5 x 21 cm, € 39,95, www.phaidon.de
Weiterlesen »
Wolfgang Ullrich: Tiefer hängen
Donnerstag, 03.07.2008
Über den Umgang mit der Kunst
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2003, ISBN 978-3-8031-2479-1, 189 Seiten, kartoniert, Format 19 x 12, € 11,90
Diese bereits 1993 erstmals erschienene Sammlung von Essays des 1967 geborenen Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich werkelt an der Zertrümmerung lieb gewonnener Denkmodelle einer der bedeutendsten und lukrativsten Ersatzreligion unserer Zeit: der Kunst. Zurzeit erleben die Länder des sagenhaften Wohlstands einen ungleichen Grabenkrieg zwischen dem mafiösen Vieleck aus Künstlern, Kunsthandel, Feuilleton, Sammlern und Kuratoren, und einer kleinen Schar von Kunsttheoretikern, denen das quasi-religiöse Getue zur Verkaufsförderung bemalter Leinwände ein Graus ist. Freilich gilt es für letztere, sich nicht dem „Das kann ich auch“ der Banausen anzubiedern, sondern in ihren Texten in den Ruinen alter Denkstrukturen eine neue, befreite und emanzipierte Kunst zu suchen. Ullrichs Lieblingsruinen sind die „Kunstbetrachtung als Frage der Moral“, also die Unterwerfung des Betrachters unter die nicht hinterfragbare Autorität eines Werkes, der „Künstler als Revolutionär“, der aus innerer Berufung der Gesellschaft neue Wege in eine bessere Zukunft weisen zu können glaubt und die vermeintlich singuläre und vom profanen gesellschaftlichen Miteinander abgehobene Kunst, die sich radikal und kompromisslos durchzusetzen vermag. Alles über die Jahrhunderte ausgeformte Fehlkonstruktionen, die für das Heute nicht mehr taugen, ja schädlich für einen verantwortlichen Umgang mit der Kunst sind.
Ulrich freut sich daher über das vermeintliche „Ende der Überforderung“ des Kunstbetrachters und verortet die Künstler als „ein Modul innerhalb eines riesigen Medienspektakels“. Außer einigen Negativbeispielen mag sich der Autor aber nicht zu Aussagen über eine zeitgemäße und wertige Kunst hinreißen lassen. Am konkretesten wird noch sein protestantischer Arbeitsethos: Wenn schon Kunst, dann mit absoluter Hingabe.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Peter Friedl: Working at Copan
Dienstag, 01.07.2008
Sternberg Press, Berlin, 2007, ISBN 978-1-933128-37-5, englisch/spanisch, 256 Seiten mit acht s/w-Abb., kartoniert, Format 22 x 15cm, € 20,–
Der österreichische Künstler Peter Friedl betätigt sich als Archäologe einer Zukunft, die noch nicht eingetreten ist. Ausgehend von einer kurzen Beschreibung der Maya-Ruinen von Copán schlägt er in Volte zu dem in den frühen 50er Jahren entstandenen Appartmenthaus „Edifìcio Copan“ des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer. Etwa 5000 Menschen leben heute in dem riesigen Komplex und bevor dieser in ferner Zukunft ebenfalls zur Ruine wird und im Dschungel verschwindet, führte Friedl Gespräche mit Angestellten des Hauses. Klemptner, Elektriker, Sekretärinnen und Manager geben Auskunft über ihre Tätigkeit und berichten über die organisatorischen Strukturen, die ein so großes Objekt gegen das ständig hineindrängende Chaos schützen.
Seine Recherchen hätte Peter Friedl besser zu einem Zeitschriftenartikel verdichten sollen. Für eine vollwertige Buchveröffentlichung reicht die Faktenlage nicht aus.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).