Die Wunden vernähen. Isabell Kamp im Hospitalhof Stuttgart
Montag, 29.09.2008
Immer das Gleiche. Der Kunstkritiker geht in eine Ausstellung, sinniert ein wenig über die gezeigten Werke, schreitet gedankenschwer nach Hause und formuliert am Schreibtisch die einzig wahre Interpretation. Zumindest aus seiner Sicht. Konfrontiert man die betreffenden Künstler mit den Einsichten, zeigen die erfahrenen Hasen ein verständnisvolles Lächeln und schweigen, die Frischlinge von den Akademien schlackern mit den Ohren und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. So erging es dem Rezensenten jüngst mit Isabell Kamp (28), deren Werke seit letzter Woche im Hospitalhof in Stuttgart zu sehen sind. Dem Genderdiskurs unter autoaggressiven Aspekten wollte Isabell so nicht folgen. Der Kritiker ist darob nicht geknickt, sondern freut sich über jede Kunst, über die zu diskutieren sich lohnt. Weiterlesen »
Daniel Wagenblast: Stadtmöblierung mit Humor
Mittwoch, 17.09.2008
Der 1963 in Schwäbisch Gmünd geborene Bildhauer Daniel Wagenblast hat sich in Stuttgart-Heslach eine ehemalige Kneipe zum Atelier umgebaut. Der Tresen, die Eckbänke und Stühle wurden mit Brecheisen und Motorsäge portioniert und zum Sperrmüll gestellt. Auf bescheidenen fünfunddreißig Quadratmetern klopft er nun wochenlang an seinen Holzfiguren. Mehr Platz braucht der Künstler nicht. Er arbeitet immer nur an einer Figur, die großen Stämme liegen im nah gelegenen Garten seiner Wohnung und dort macht er auch die groben Sägearbeiten. Die fertigen Skulpturen gehen gleich wieder raus, in Ausstellungen oder zur Gießerei. Wagenblast ist gut im Geschäft. Nicht zu provokant aber deutlich zeitgenössisch eignen sich seine humorigen Skulpturen ideal zur Stadtmöblierung.
Tobias Wahl schrieb in einem Katalog: „Früher oder später lieben die Leute in den Dörfern und Städten Wagenblasts Skulpturen, seine ruhigen, freundlichen Figuren, die über allem stehen, ohne dabei überheblich zu sein; (…) mutig, frei und dabei im wahrsten Sinne bodenständig. Vielleicht sehen sie sich ein bisschen so, die Schwaben.“
Kräftige, expressive, bunt bemalte Figuren mit Autos unter dem Arm, auf Weltkugeln sitzend oder auf Krokodilen reitend. Zu einer Ausstellung im Hospitalhof in Stuttgart präsentierte er vor einem Jahr einige Kleinplastiken aus Balsaholz, die sich mit den Themen Kirche und Gewalt beschäftigen. Ob man die Kombinationen von Kirchengebäuden mit Bomben, U-Booten und Flugzeugen nun als Realitätsflucht und Träumerei oder als kritischen Kommentar zum Gewaltpotenzial fanatischer religiöser Überzeugungen ließt, blieb dem Betrachter überlassen.
„Die Figuren sind immer ein Stück von einem selbst. Man muss sich entscheiden, was man sein Leben lang machen möchte. Wenn man hier aus dem Fenster sieht, ist doch fast jeder unzufrieden mit seinem Job. Ich hab eine 90-prozentige Übereinstimmung mit dem gefunden, was ich tun möchte.“ Relativ blauäugig habe er damals mit der Kunst begonnen, erzählt Wagenblast. „Als ich an der Stuttgarter Akademie Malerei studiert habe, stand der Geldgedanke nicht so stark im Vordergrund. Wir haben im Studium viel ausprobiert … und viel Bier getrunken. Die Generation nach uns hatte schon den Markt vor Augen und ist sehr zielstrebig an die Kunst ran gegangen. Heute hat jeder im Kopf, wie viel der Gerhard Richter verdient und jeder weiß, was er später mal machen will.“
Doch nur im stillen Kämmerlein vor sich hin klopfen ist nicht wirklich förderlich für die Karriere. Der selbst finanzierte Katalog zur Ausstellung im Hospitalhof wurde als Werbematerial in eigener Sache an die unterschiedlichsten Museen in ganz Deutschland verschickt. Seine Galeristen können, bei allem Engagement, auch nicht alles finanzieren. Zusätzlich fährt Wagenblast mit seiner Frau, der Malerin Isa Dahl, jedes Jahr kreuz und quer durch die Republik, als Botschafter in eigener Sache.
Sein ruhiges Atelier ist ihm allemal lieber. „Ich arbeite konstant. Also eigentlich immer! Jetzt, mit den Kindern, sonntags auch mal nicht. Ich brauche relativ viel Zeit. Ein paar Wochen für jede Figur. Ich mache kein schnelles Kettensägenmassaker und dann kommt so ein ungenauer Scheiß raus. Das muss zwar so aussehen, als hätte ich die Figur in zwei Stunden fertig aber das ist ein langer Prozess, bei denen mann stundenlang klopft. Opern sind dabei nicht schlecht, die dauern drei bis vier Stunden“ berichtet Wagenblast und lächelt verschmitzt. Und seine Skulpturen lächeln verschmitzt zurück.
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Karl Bohrmann in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Stuttgart
Mittwoch, 17.09.2008
Karl Bohrmanns (1928–1998) zeichnerisches Œuvre ist kaum zu überblicken. Hunderte von Blättern mit Akten, Stillleben und Landschaften in endlosen Variationen.
Stuhl, Tisch, Fenster, Gefäß, Raum, Haus, Baum und Frauenfigur: Nicht das spektakuläre Thema zeichnet die Arbeiten aus, sondern die Bereitstellung einer stillen Zimmerecke, durch deren Fenster wir die Bildgewitterfronten der Jetztzeit beobachten können, während wir uns, mit einer Tasse Tee in der Hand und dem Katalog auf dem Schoß, dem Wunsch des Künstlers anschließen, „dem Strudel der Eindrücke, der betörend betäubenden Bilderflut, ein Stück herausreißen zu wollen, ein Bild herauszuschneiden, kühl und klar wie Glas, das prismatisch die Flut bricht und enthält“.
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Von Frischlingen und Flugzeugs
Donnerstag, 11.09.2008
24 Stuttgarter Galerien verzichten am 13. und 14. September auf das verdiente Wochenende und präsentieren beim “art-alarm” ein vielseitiges Kunstprogramm. Veranstaltet von der Initiative Stuttgarter Galerien zeitgenössischer Kunst e.V. sollen in diesem Jahr auch Lesungen, Gigs, Performances und Künstlergespräche stattfinden. Genauere Informationen entnimmt der geneigte Besucher dem Internet oder dem handlichen Booklet, das in vielen Kunst- und Kulturinstitutionen ausliegt. Wem die Wege zu lang sind, der nutzt den kostenlosen Taxiservice und dankt seinem Schöpfer, dass er nicht in Berlin wohnt. Dort zählt man mittlerweile rund 600 Galerien.
Zum ersten Mal mit dabei sind die Galerie Anja Rumig und die 400 qm große Ausstellungshalle des umtriebigen Sandro Angelo Parrotta. Rumig zeigt experimentelle Radierungen des 1901 in London geborenen Stanley William Hayter, Parotta präsentiert mit Elodie Pong, Simone Westerwinter und Susanne Winterling drei zeitgenössische Künstlerinnen mit Schwerpunkt Video und Performance. Die beiden Frischlinge stehen mit ihrem Programm für die Spannweite der künstlerischen Positionen, die in den Stuttgarter Galerien gezeigt wird.
Besonders zu empfehlen sind die äußerst sparsamen Zeichnungen des 1998 gestorbenen Karl Bohrmann in der Galerie Klaus Gerrit Friese.
Wer es gerne etwas handfester hat, findet in der Galerie Merkle sympathisch-groteske Skulpturen von Thomas Putze. Nach Elefanten, Hasen und Bären hat nun das „Flugzeugs“ seinen humoristischen Auftritt.
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Geisterstunde im Ländle
Freitag, 05.09.2008
Mit den Medien der Malerei, der Fotografie und der Skulptur präsentiert der chilenische Künstler Cristóbal Lehyt im Künstlerhaus Stuttgart eine facettenreiche Installation: „Drama Projektion (The People of Stuttgart), 2008“.
Seine Arbeiten kreisen um die Frage, wie das eigene subjektive Empfinden mit kulturellen Prägungen, aber auch mit Projektionen und Erwartungen zusammenhängt.
Die zentrale Ebene der Installation versteckt sich in einem Raum im Raum, der nur durch ein kleines, auf Kinderaugenhöhe angebrachtes Sichtfenster einzusehen ist. Der Betrachter sieht das dämmerig rot beleuchtete, aus Hunderten von Einzelteilen bestehende Modell der Stadt Stuttgart. Kein architektonisch stimmiges Abbild, eher ein Echo von visuellen Erinnerungen. Lehyt nennt es ein „psychotisches Bild der Stadt“. Die Sichtachse führt vom westlichen Stadtgebiet hinüber zur Königstraße, ganz hinten ragen die Türme des Hauptbahnhofs aus dem trüben Licht. Die einzelnen Gebäude sind Materialklümpchen aus Papier, Plastik und anderen Abfällen, mit Gips versteift, die der Künstler auf seinen Spaziergängen gesammelt hat.
An den Außenwänden dieser Black Box findet sich als zweite Ebene der Installation eine Reihe von gezeichneten Porträts. Die im Original sehr kleinen, gruseligen Zeichnungen von Menschen aus Stuttgart wurden wandfüllend vergrößert und bekommen so eine starke physische Präsenz. Wie Gespenster kreisen die ausgezehrten und ihrer Individualität beraubten Gestalten um die verborgene Stadt. Die Arbeiten entstanden in einer Art automatisiertem, tranceartigem Zeichnen, ähnlich einer unbewusst hingekritzelten Telefonzeichnung.
Zwölf große Bildtafeln mit gemalten und fotografierten Eindrücken aus Chile, vor allem aus der großen Wüste im Norden Chiles, der „El Norte“, bilden den dritten Teil der Installation. Lehyt betrachtet die Tafeln als eine ständig wachsende „ImageBase“, die schließlich hundert Arbeiten umfassen soll. Aus diesem Pool wählt der Künstler für jede Ausstellung eine neue Zusammenstellung und öffnet so für sich und den Betrachter immer neue Assoziationsfelder.
„It´s true, but it’s also a cliché”, bemerkt Lehyt zu seinen Arbeiten. Sein Archiv transportiert die Erinnerungen eines Ortes, den er verlassen hat. Entspricht seine chilenische Sicht den visuellen Erwartungen deutscher Betrachter? Wie spiegelt sich die Erfahrung einer fremden Stadt, eines fremden Landes in seiner Installation wider? Wie funktioniert ein Bild über die Distanz zu seinem Ursprung? Und lassen sich Wahrheit und Klischee eindeutig voneinander abgrenzen?
Die Installation „Drama Projektion (The People of Stuttgart), 2008” ist noch bis zum 08. November im Künstlerhaus Stuttgart zu sehen.
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