Die Wunden vernähen. Isabell Kamp im Hospitalhof Stuttgart

Montag, 29.09.2008

Immer das Gleiche. Der Kunstkritiker geht in eine Ausstellung, sinniert ein wenig über die gezeigten Werke, schreitet gedankenschwer nach Hause und formuliert am Schreibtisch die einzig wahre Interpretation. Zumindest aus seiner Sicht. Konfrontiert man die betreffenden Künstler mit den Einsichten, zeigen die erfahrenen Hasen ein verständnisvolles Lächeln und schweigen, die Frischlinge von den Akademien schlackern mit den Ohren und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. So erging es dem Rezensenten jüngst mit Isabell Kamp (28), deren Werke seit letzter Woche im Hospitalhof in Stuttgart zu sehen sind. Dem Genderdiskurs unter autoaggressiven Aspekten wollte Isabell so nicht folgen. Der Kritiker ist darob nicht geknickt, sondern freut sich über jede Kunst, über die zu diskutieren sich lohnt.

Isabell, du hast 2006 bei einer Ausstellung in Ravensburg mitgemacht. Es ging um die Sehnsucht nach Geborgenheit in der Kunst der Gegenwart. Deine Bilder vermitteln für mich eher das Gegenteil von Geborgenheit: ein Ausgeliefertsein an die Welt.

Der Aufhänger für Ravensburg war das Bild „Die Fragen, die sich stellen“. Es behandelt ganz fundamentale Aspekte der Sehnsucht nach Geborgenheit: Woher man kommt, was man sein will, was die Leute in einem sehen. Es geht um das sich Einfinden in ein Sein, um Außen- und Selbstwahrnehmung. Ich mache mir ständig viele Gedanken über Menschen. Wie funktioniert man in der Gesellschaft? Warum geht in der Kommunikation miteinander so viel schief? Durch das viele Herumreisen kommt auch die Frage nach Heimat. Wo findet man zu sich selbst?
Aber künstlerische Arbeiten stehen immer auch im Kontext zu ihrem Ausstellungsort. Hier in Stuttgart hängen meine Bilder teilweise in einer Kirche. Diese besondere Umgebung ermöglicht ganz neue Interpretationen. Eine kleine Arbeit, „In Memory“, hängt hinter dem Taufbecken. Im Kontext der Kirche habe ich in dem Bild plötzlich das Thema Stigmata gefunden. Beim Malen im Atelier hatte ich eine ganz andere Intention. Ich finde es schön, wenn so viele Möglichkeiten in einem Bild liegen.

Vor allem in den Zeichnungen gibt es viele Hände, die halten, ziehen, stoßen, streicheln. Die abgebildeten Frauen verharren dabei immer in einer passiven Haltung. Sie stoßen oder streicheln nie zurück. Sie bieten sich ihrem Gegenüber an, jedoch vorwurfsvoll und emotional verkapselt. Es geht immer um einseitige Beziehungen zwischen einem gebenden und einem nehmenden oder duldenden Part, wobei letzterer immer die Frau ist. Der Mann ist dabei oft nur ein virtueller, aber dennoch der aktivere Teil des Bildes. Wie verträgt sich ein emanzipiertes Weltbild mit dem Frauenbild oder -klischee einer verinnerlichten, auf weibliche Passivität gerichteten Malerei?

Tatsächlich male ich mehr Frauen als Männer. Ich bin eine Frau und reflektiere in den Bildern auch eine weibliche Position, aber mir geht es eigentlich nur darum, eine Figur zu haben. Einen Menschen. Leider muss man sich im Bild für ein Geschlecht entscheiden und da liegt mir das Frausein näher. Ich möchte keine Rollenklischees in meinen Arbeiten diskutieren. Das spielt für mich keine Rolle. Ich kann aber mein gesellschaftliches Umfeld nicht negieren. Ich wurde in einer bestimmte Art erzogen und falle gelegentlich in typisch weibliche Verhaltensweisen zurück.
Ich scheue mich vor der Aussage: Zeig mir deine Bilder und ich sage dir, wer du bist. Aber meine Arbeit ist natürlich nicht von meiner Person zu trennen. Ich bin ein beobachtender Mensch. Ich stürme nicht gleich aggressiv los, sondern trete erst zurück, beobachte die Situation und überlege dann, was zu tun ist. Vielleicht haben deshalb die Figuren eine ähnlich abwartende Haltung.
Die Bilder zeigen den Scheitelpunkt einer Handlung. Sie kann in die eine oder die andere Richtung kippen. Aggressiv oder versöhnlich enden. Ich will den Betrachter zwingen, über den weiteren Verlauf nachzudenken und dabei auch sein eigenes Verhalten zu reflektieren.

Klebebänder, Vernähungen von Stoffen im Bild und eine collagenhafte Materialkombination werden zurzeit häufig, gerade von Frauen, eingesetzt. Du hast dazu gesagt, dass dich die Technik an die sozialen Verflechtungen und Verstrickungen des Lebens erinnere, auch an Operationen und Vernarbungen. Ist das eine Rückkehr zu typisch weiblichen Beschäftigungen wie Nähen, Häkeln oder Basteln mit Kindern über den Umweg der Kunst?

Das Weibliche ist mir dabei egal. Darum geht es mir nie. Stoffe sind für mich interessant, weil sie uns permanent umgeben. Wenn ich eine menschliche Figur male und sie dann ausschneide, dann ist dieser Mensch absolut begrenzt durch sich selbst. Wenn ich mich in der Welt bewege, bin ich ebenfalls total begrenzt. Auf der anderen Seite bin ich auch mit meiner Umgebung verknüpft, in sie vernäht. Wenn ich die einzelnen Elemente eines Bildes zusammennähe, nehme ich mir also Teile der Realität und verbinde sie in einen neuen Zusammenhang. Ich bin dabei auch aggressiv, wie ein Chirurg, der hier und dort noch ein Stück Fett wegschneidet oder Wunden vernäht. Die Narben der vernähten Körperteile, das ständige Wegnehmen und Hinzufügen von Stoffmaterial und Klebebändern:
Das ist die menschliche Realität, die sich in den Bildern wieder findet.

Veröffentlicht auf www.kunst-blog.com