62. Bergische Kunstausstellung
Mittwoch, 29.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Baden, Solingen, vom 05.06. – 10.08. 2008. Hg. vom Museum. Mit Texten von u.a. Johannes Bendzulla und Bettina van Haaren. Eigenverlag, Solingen, 2008, ohne ISBN, 130 Seiten, 14 Abb., Broschur, Format 21 x 21 cm, € 19.–
Den Bergischen Kunstpreis sicherte sich heuer der Düsseldorfer Künstler André Niebur (35), der die Jury mit seinen reduzierten Zeichensystemen aus Flächen und Linien beeindruckte. Mehr als eine Abbildung, plus Titelbild, wurde aber auch ihm im Katalog nicht zugestanden. Dafür gibt es ausführliche – und im Druck sicherlich billigere – Texte zu den ausstellenden Künstlern. Wie die Juroren es vermochten, aus den sehr heterogenen Arbeiten einen Ersten unter Gleichen herauszufinden, bleibt allerdings unklar. Die Begründung der Jury ist mit neun Zeilen der mit Abstand kürzeste Text im Katalog – ebenfalls ein beeindruckend reduziertes Zeichensystem.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Michael Najjar. Japanese Style
Mittwoch, 29.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Lichthof des Auswärtigen Amts, Berlin, 2005. Hg. vom Künstler. Mit Texten von F.C. Gundlach und Michael Najjar. Eigenverlag, Berlin, 2005, ohne ISBN, 36 Seiten, 17 Abb., Broschur, Format 21 x 30 cm, € 15.—
Den Medienkünstler Michael Najjar (*1966) reizen virtuelle Realitäten und technische Zukunftsvisionen. Beides fand er in der Megalopole Tokio, die eine für Fotografen reizvolle Mischung aus höchster technischer und medialer Lebensgeschwindigkeit und der ständigen Bruchtektonik zwischen traditionellen Lebensbildern und einer immer extremeren Individualisierung bietet. Die digital bearbeitete Bildausbeute seiner Reise fällt dagegen recht konventionell aus. Lustig angezogene Teenager, absurd stumpfsinnige Automatenspiele und omnipräsente Reklametafeln waren gegen Ende des letzten Jahrtausends vielleicht noch ein Hingucker, heute wirken sie wie Traditionen von gestern.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Serge Poliakoff. Retrospektive
Dienstag, 28.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Emden vom 03.02. – 15.04. 2007 und in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, vom 27.04. – 08.07. 2007. Hg. von den Museen. Mit Texten von u.a. Katharina Henkel und Alexis Poliakoff. Hirmer Verlag, München, 2007, ISBN 978-3-7774-3505-3, 200 Seiten mit 102 Farbtafeln sowie 18 Abb. in Farbe und Schwarz-Weiß. Format 28 x 24 cm, € 34,50
Sehr häufig werden die abstrakten Werke von Serge Poliakoff nicht in Deutschland ausgestellt. Nach der Retrospektive im Museum Würth vergingen zehn Jahre, bis sich wieder eine Institution traute, den streng komponierten Farbkosmos des spätberufenen Einzelgängers auszustellen. Der 1900 in Moskau geborene Maler verbindet klar abgegrenzte Formen mit aufeinander abgestimmten Farbfeldern. An den theoretischen und utopischen Konzepten, die im Gefolge der Abstraktion durch die Kunstwelt geisterten, war er nicht interessiert. Der Wahlpariser erklärte: „Für mich muss die Kunst weich wie Butter sein … zu viel Wissenschaft kann ihren Tod bedeuten.“ Alles Gegenständliche tilgte er im Laufe seiner malerischen Entwicklung aus den Bildern. Keine Assoziationen, keine Träumereien – die totale Stille im Bildraum war sein Ziel, „… nicht lediglich die Abwesenheit von Geräusch, sondern eine positive Ruhe, die den Menschen die Augen für eine andere Welt öffnet“. Die Autoren des Kataloges begeistern sich trotzdem über die „optischen Klangteppiche“, die „poetischen Farbräume“ und über den Bildträger als Resonanzboden sich überlagernder Farbschichten: „… die Arbeiten scheinen zu vibrieren und von innen heraus zu leuchten. Diese Lebendigkeit ist das typische Merkmal seiner Arbeiten.“ Die geforderte Ruhe lässt sich heute wohl nur noch schlecht verkaufen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Isabell Kamp. It would be easier to lie
Samstag, 25.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof, Stuttgart, vom ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe vom 19.09. – 19.10. 2008. Hg. von Helmut A. Müller und Isabell Kamp. Mit einem Text von Helmut A. Müller. Eigenverlag, Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-934320-39-0, 46 Seiten, 19 Farb- und 7 s/w-Abb., Broschur, Format 28 x 22 cm, € ?.—
Isabell Kamp verwendet collagenhafte Materialkombinationen für ihre Bilder. Klebebänder, Übermalungen, vernähte Leinwand und applizierte Stoffe erinnern an die sozialen Verflechtungen und Verstrickungen des Lebens, aber auch an Operationen und Vernarbungen. Obwohl sich in ihren Arbeiten weibliche Befindlichkeiten spiegeln, legt die Künstlerin keinen Wert auf einen Genderdiskurs. „Das Weibliche ist mir egal. Darum geht es mir nie. Stoffe sind für mich interessant, weil sie uns permanent umgeben. Wenn ich eine menschliche Figur male und sie dann ausschneide, dann ist dieser Mensch absolut begrenzt durch sich selbst. Wenn ich mich in der Welt bewege, bin ich ebenfalls total begrenzt. Auf der anderen Seite bin ich auch mit meiner Umgebung verknüpft, in sie vernäht. Wenn ich die einzelnen Elemente eines Bildes zusammennähe, nehme ich mir also Teile der Realität und verbinde sie in einen neuen Zusammenhang. Ich bin dabei auch aggressiv, wie ein Chirurg, der hier und dort noch ein Stück Fett wegschneidet oder Wunden vernäht. Die Narben der vernähten Körperteile, das ständige Wegnehmen und Hinzufügen von Stoffmaterial und Klebebändern: Das ist die menschliche Realität, die sich in den Bildern wieder findet.“
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Aljoscha: objects – drawings – paintings
Samstag, 25.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der galerie Beck & Eggeling, Düsseldorf, vom 20.05. – 02.08. 2008. Hg. von der galerie. Mit einem text von antonia Lehmann-Tolkmitt. Beck & Eggeling Kunstverlag, 2008, ISBN 3-930919-52-4, 68 Seiten, 64 Farbabb., gebunden, Format 28,5 x 22 cm, € 19.—
Filigrane Strukturen und Architekturen aus Acrylfarbe (!) zeigt der 1974 in der Ukraine geborene Aleksey Alekseevich Potupin, aka Aljoscha, in der Galerie Beck & Eggeling. Die Arbeiten erinnern an transparente Bakterien, plastinierte Nervenstränge und Blutbahnen oder an Korallen, Schwämme und kristalline Feststoffe.
Aljosha hat für seine Werke den Begriff „Bioism“ geprägt. Er betrachtet jedes Objekt als lebendiges Wesen und träumt von einer Welt, in der Künstler mit lebender Materie arbeiten können, um immer neue Lebensformen zu erschaffen. „Art museums of the future could turn into zoological gardens.“ Als Einzelstücke sind seine Objekte von ätherischer Schönheit, in der Häufung sehen sie sich sehr ähnlich. Nachwuchs-Schöpfer Aljoscha sollte noch am Formenreichtum arbeiten – aber Gott hat in den sieben Tagen auch nicht alles perfekt hingekriegt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Energie
Samstag, 25.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Foyer der EnBW, Stuttgart, vom 29.05 – 12.09.2008. Hg. von der EnBW. Eigenverlag, Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-934510-31-9, 70 Seiten, 150 Farbabb., Broschur, Format 27 x 21 cm, € 22.—
150 Din A1 Entwürfe im Hochformat zum Thema Energie zeigen die Studenten des Studiengangs Kommunikationsdesign an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Inhaltliche Vorgaben gab es nicht und so präsentieren sich die Studenten als ein bunter Haufen Zeitgenossen: vom angepassten Spießer, über den linken Technikfeind bis zum genialen Designer. Verspielte Typografie mit Op Art Bezug von Martin Härtlein, monochromer Minimalismus von Kim Hoss, witzige, politische, sarkastische Kommentare zu den monopolistischen Energieriesen von Oliver Harvey und Dominik Gerwald . Mit der Freiheit wird es vorbei ein, wenn die Eleven in den Agenturen sitzen. Jetzt darf noch jeder, wie er möchte und da macht das Zuschauen Spaß.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Vincent Tavenne. Sender Äther Empfänger
Samstag, 25.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hospitalhof, Stuttgart; im Institut Français, Stuttgart; in den Räumen für Kunst und Scholz, Stuttgart; im Rathaus Stuttgart; in der Speisemeisterei, Schloss Hohenheim, Stuttgart und in der Städischen Galerie Waldkraiburg. Hg. von S. Benzing, T. Grässlin, N. Hagstotz, G. Scholz, H.A. Müller, Elke Keiper. Mit Texten von Hans-Jürgen Hafner und Xavier Zuber. Eigenverlag, Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-00-025833-6, 79 Seiten, zahlreiche Farbabb., Klappbroschur, Format 32 x 23 cm, € ?.—
Was für ein Aufwand. Eine Ausstellung an fünf verschiedenen Orten in Stuttgart, Eröffnungen von 14-21 Uhr, der Katalog dokumentiert die Einzelausstellungen der letzten sieben Jahre und sogar das „Vernissage TV“ drehte einen Zweiteiler fürs Internet. Ney York, Paris, Stuttgart: the sky´s the limit. Alles für lustig-bunte Stoffinstallationen und einige Gouachen mit ebenso bunten Globen des 1961 geborenen Franzosen Vincent Tavenne. Seine tragbare, modellhafte Stoffarchitektur erfüllt Sammlerträume: Zusammengelegt passt jede Skulptur in einen kleinen Koffer, aufgebaut reichen seine ausgetüftelten Näharbeiten über drei Stockwerke. Maximale Museumstauglichkeit kombiniert mit minimalen Lagerkosten. Der Kuschel-, Spiel- und Haptikfaktor wird von den Besuchern gerne angenommen. Sie drehen sich vergnügt kichernd in Stoffspiralen ein, betasten Ballonseide und schweres Leinen oder liegen verträumt im 10-Meter-Vertikalstoffschlauch des Hospitalkirchenturms. Die angereiste Sammlerschar bleibt lieber stehen und drängt zur Häppchenaufnahme im Café Scholz. New York, Paris, Stuttgart: the sky is the limit.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Jan Muche. alles kann – nichts muss
Samstag, 25.10.2008
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der galerie schultz contemporary berlin vom 26.04. – 07.6. 2008. Hg. von der Galerie. Mit einem Text von Dominikus Müller. Eigenverlag, Berlin, 2008, ISBN 978-3-939983-20-0, 74 Seiten, 36 Farbabb., gebunden, Format 26 x 25 cm, € 25.—
Jan Muche (*1975) malt, was ihm der mediale Bilder-Tsunamie in die Augen spült. Zeitungsbilder, Textfragmente, Slogans, Fundstücke aus dem Internet, alles findet seinen Platz in der poppig-bunten Malerei, deren grelle Farbigkeit sich einer gelben Grundierung verdankt, die durch die Kombination von Tusche und Lasur immer wieder durchscheint.
Dominikus Müller beschreibt in seinem guten Text den Drang des Betrachters, die gesehenen Bild- und Wortfragmente in einen erzählerischen Kontext, in eine Geschichte einzubetten. Aber für Muche zählt nicht die „Politizität und Ikonizität“ des Motives als Auswahlkriterium, sondern der Zufall. „Er malt die Kontingenz des allmächtigen Bilderreservoirs und die vorgängig absolute Egalität aller Bilder in einer Welt, die aus Bildern besteht“. Seine Bilder wirken unterhaltsam, lassen den Betrachter aber unbefriedigt zurück. Sinnlose Bilderhaufen gibt es genug, die müssen nicht immer und immer wieder auch noch abgemalt werden.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
sag mal. Art-Clips Narrativ
Dienstag, 21.10.2008
DVD Video mit Booklet. Kuratiert von Gerhard Johann Lischka, Alfred Rotert und Ralf Sausmikat. Hg. vom European Media Art Festival, von der Galerie Henze & Ketterer AG und von der Benteli Verlags AG, 2007, ISBN 9783716515471, Laufzeit 70:17 min., stereo, € 19.–
Zur Abwechslung mal kein Buch, sondern eine DVD mit zehn kurzen, unterhaltsamen Experimentalfilmen. Der Rezensent erinnert sich bei dieser Gelegenheit gerne an die einschläfernde Wirkung der letzten, nächtlichen Vorstellung auf dem European Media Art Festival in Osnabrück. Jährlich im April bietet das Festival einen umfassenden Überblick über absolut nicht fernsehtaugliche Formate und Videoinstallationen.
Daniel Burkhardt zeigt einen kunstvoll ineinander verschachtelten Bewegungsablauf, Joe King und Rosie Pedlow lassen die Kamera langsam an einem Wohnwagen-Park vorbeigleiten, wobei Lichtstimmung und Zeitlinie sich ständig ändern und Benny Nemerofsky drehte eine „zuckersüße, vielstimmige Ode an die USA mit einem klar homoerotischen Unterton“. In homöopathischen Dosen genossen, befreien die Filme den Sehnerv von fernsehinduzierten Verkalkungen.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Fluchtfahrzeuge und Abstandshalter. Die Skulpturen von Ingrid Hartlieb
Montag, 20.10.2008
Die drei größten Skulpturen hat Ingrid Hartlieb (64) zur Zeit bei der SkulpTour auf der Zollernalb plaziert. Parallel läuft eine Ausstellung in Esslingen und eine in Frankfurt. Trotzdem ist die riesige Atelierhalle der in Stuttgart lebenden und in Haigerloch arbeitenden Künstlerin noch gut bestückt mit Werken in allen Entstehungsphasen und Größen. Nach den Heizkosten sollte der Besucher besser nicht fragen. „Im Winter ist es hier brutal kalt. Die Wärme geht zum Dach raus und ich bin dauernd erkältet.“ fröstelt die Künstlerin in banger Erwartung. Für die besonders harten Tage bietet ein Büro im Erdgeschoss Schutz und Wärme.
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