In the World Race, we are the outsiders

Donnerstag, 27.11.2008

Randständige, Irre, Spiritisten, Unangepasste, Knackies: Die rohe, unverfälschte Kunst von gesellschaftlichen Außenseitern findet in der offiziellen Geschichtsschreibung selten Anerkennung, übt jedoch einen erheblichen Einfluss auf die etablierte Kunst aus.

Die Ursprünge der Geschichte dieser Kunst reichen zurück in das 19. Jahrhundert. 1857 veröffentlichte der schottische Arzt W. A. F. Browne das Buch „Art in Madness“. Sieben Jahre später untersuchte der italienische Arzt Cesare Lombroso das Verhältnis von künstlerischem Ausdruck und psychischer Disposition. Der deutsche Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn trug an der Universitätsklinik Heidelberg ab 1919 in nur zwei Jahren eine riesige Sammlung mit Arbeiten von 450 Patienten zusammen. 1922 erschien sein Buch „Die Bildnerei der Geisteskranken“. Es wurde die Bibel der Surrealisten um Max Ernst, der das Buch nach Paris brachte. Fauvisten, Dadaisten, Expressionisten und Surrealisten suchten in der Kunst der Wilden, der Kinder und Geisteskranken nach neuen Wegen jenseits der akademischen Traditionen. 1921 widmete Dr. Walter Morgenthaler, der 1910 mit dem Aufbau eines kleinen Museums an der „Irrenanstalt“ Waldau begonnen hatte, als Erster einem namentlich genannten Patienten eine Monografie: Adolf Wölfli. Sein Werk wurde explizit als Kunst bezeichnet.

Jean Dubuffets Konzept der „Art Brut“ kam um 1945 auf. Der französische Künstler suchte und sammelte „Werke von Leuten, die durch die Kunstkultur keinen Schaden genommen haben, bei denen – im Gegensatz zu den Intellektuellen – der Nachahmungstrieb einen geringen oder gar keinen Anteil hat, ihre Schöpfer folglich alles, Motive, Werkstoffe, Techniken, Arbeitsweise, Rhythmus, persönliche Handschrift etc., aus ihrem Inneren ableiten und nicht aus den Schablonen der klassischen und modernen Kunst“. Nahezu die Hälfte der zusammengetragenen Werke stammt von Patienten aus der Psychiatrie. Der amerikanische Autor Roger Cardinal übersetzte den Terminus „Art Brut“ 1972 mit „Outsider Art“. Der neue Begriff verselbstständigte sich und bezeichnet nun, vor allem in den USA, auch die Naive Kunst, zeitgenössische Volkskunst und die Kunst ethnischer Randgruppen.

Bis in die 1980er Jahre gab es erhebliche Berührungsängste des Kunstmarktes mit der Outsider Art. Mittlerweile findet man themenspezifische Zeitschriften, Messen und Galerien, die sich dem Thema widmen, und die Preise für Bilder von August Walla, Adolf Wölfli oder Michel Nedjar, für die gruseligen Madonnen von Hans Schärer oder die bunten Ölkreidebilder von Aloïse Corbaz steigen und steigen.

Die Membran ist durchlässig geworden. Vor hundert Jahren wäre Jonathan Meese nicht an der Hamburger Kunstakademie sondern in der Waldau gelandet. Wer einen Blick auf seine Großinstallationen wirft und dann Fotos von August Wallas Zimmer in Gugging sieht oder den genialen Weltentwurf der „Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung“ eines Adolf Wölfli mit Meeses kruden Thesenpapieren und Sprachkapriolen vergleicht, wird lieber gleich das Original kaufen wollen.

Die klassische „Irrenkunst“ scheint jedoch langsam auszusterben. Seit 1950 entsteht durch die Einrichtung von Malerwerkstätten wie dem 1981 eröffneten Haus der Künstler in Gugging und verbesserte Behandlungsmethoden immer mehr „Kunst“, aber immer weniger wirkliche Art Brut. Michel Thévoz, Gründungsdirektor der „Collection de L´Art Brut“ in Lausanne schrieb: „Es scheint, als ob die Voraussetzungen künstlerischen Empfindungsvermögens, wie Spontanität, Spannungsreichtum und subversive Energie, durch die Betreuung und den beschäftigungstherapeutischen Rahmen aufgehoben worden wären“.

Dafür haben sich Bilderforen wie Flickr oder Myspace in den letzten Jahren zu kreativen Sammelbecken entwickelt. Alles, was noch nicht im Kunstbetrieb angekommen ist, weil es zu schlecht, zu abartig oder zu avantgardistisch ist, trifft und vernetzt sich hier. Street Art, Pop-Surrealismus, Lowbrow oder Tattookunst sind die neuen Outsider des Marktes.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, , Ausgabe 64, November 2008.

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