Weich gespülte Souveränität in Schwäbisch Hall

Freitag, 19.12.2008

Als Kurator in eigener Sache agiert Georg Baselitz (*1938) in der Kunsthalle Würth und bastelte aus den rund fünfzig Werken des Baselitz-Blocks der Sammlung Würth und diversen Leihgaben eine Ausstellung mit dem unbescheidenen Titel „Georg Baselitz ↑ Top“. Schön ist sie geworden. Fast zu schön, um wahrhaftig zu sein.
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Was übersehen wir über all den Bildern?

Donnerstag, 18.12.2008

Three black minutes fragt im Künstlerhaus Stuttgart nach der Sichtbarkeit der Welt.

Die Welt hat sich der Wissensvermittlung durch Visualisierung verschrieben. Doch ist nicht das Bild, vor allem das künstlerische, als Projektionsfläche zu offen, zu unverbindlich, um Urteile zu fällen und Thesen abzugeben, wie der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ulrich meint? Lässt sich nicht erst im Zusammenspiel von Betrachter, Zeit und Ort aus einem offenen Kunstwerk eine, wenn auch vage, inhaltliche Aussage postulieren? Die fünf eingeladenen Künstler präsentieren im Künstlerhaus Stuttgart sehr unterschiedliche Positionen zum Thema.

Megan Sullivan (*1975) persifliert mit einer Gouache das zwischenmenschliche Mantra der Partygesellschaft: Sehen und gesehen werden. Mit dem Glas in der Hand und aus der Rückenansicht gemalt, reden und schauen die Gäste stilvollendet aneinander vorbei. Ihre Fotoserie „C, R, S, E, P“ von 2006/2008, die im Kurfürstlichen Porzellanmuseum in Darmstadt entstand, beschäftigt sich mit dem Sehen in einem scheinbar fest umrissenen Bedeutungsrahmen. Sullivans Fotos verorten die kleinen Figuren aus dem Rokoko nicht in der Stilgeschichte des Porzellans, sondern in der rüden Sittengeschichte der Menschheit. Im veränderten Kontext haftet den Plastiken etwas Sexuelles und Gewalttätiges an. Das Sehen, Nichtsehen und Anderssehen entscheidet sich für Sullivan über einen örtlichen Bezug, der leicht infrage gestellt werden kann.

Den begehrenden Blick versucht auch der 1961 geborene Richard Hawkins mit einer unklar im Ausstellunsgkontext positionierten Reihe von Collagen männlicher Fotomodelle zu formulieren. Die Hintergründe der Collagen bestehen aus Notizen des Künstlers und malerischen Experimenten. Obwohl Hawkins der arrivierteste Teilnehmer der Ausstellung ist, will sein Spiel von „Erscheinen und Verschwinden“ nicht einleuchten.

Dagegen bezieht sich Jeremiah Day (*1974) in seiner Arbeit „The Fall of the Twelve Acres Museum“ auf einen zeitlichen und erfahrungsspezifischen Kontext. Seine Ton-Dia-Show zeigt Landschaftsdetails aus der Gegend von Boston in Neuengland und erzählt von den Mashpee Wampanoag Indianern, deren Identität als Stamm vor einem Gericht in Zweifel gezogen wurde, als sie ein Stück Land zurückforderten. Day hinterfragt in seinem Text den Erfahrungshorizont unterschiedlicher Kulturen: “There is a story that when the first English ships arrived on the coast, the Indians thought they might be islands – the masts trees. They couldn’t see it at first – that kind of fabrication of form was too far from their experience to see, to recognize. What did the English not see? What if there was something too far from their experience to see, to be recognized, and they never knew it, never told us about it, we still don’t see it.”

Die Dekonstruktion der technischen Hilfsapparate des Sehens ist das Ziel von Nadim Vardag (*1980). Er präsentiert separate Teile der Filmtechnik und -ästhetik: Eine schwarze Leinwand, die das Licht einer möglichen Projektion nicht reflektiert, sondern aufsaugt und damit ungesehen dem Vergessen preisgibt und einen DVD-Loop mit dem Titel „Excerpt (Le Salaire de la Peur)“. Der Drei-Sekunden-Filmsplitter zeigt in endloser Wiederholung ein Waldstück, das von flackernden Lichtern erhellt wird, und beim Betrachter Bilderneugier und -begehren zu wecken sucht.

Die schönsten, wenn auch schwer zugänglichen Arbeiten sind die Dekonstruktionen der Französin Isabelle Cornaro. Sie löst gefundene Bilder in ihre perspektivischen Linien auf und präsentiert diese herausgelösten Strukturen als eigenständige Werke. Je nach Vorlage entstehen mehr oder weniger komplexe Gittergeflechte, die die Welt der Objekte in eine Welt der räumlichen Beziehungen auflösen.

Drei Minuten Dunkelheit. Hebt sich in dieser Zeit nicht der Vorhang, beginnt das Flüstern und Kichern im Saal. Zeit genug für einen langen Kuss. Drei Minuten Stromausfall sorgen für einen kurzen Schrecken. Drei Minuten ohne Ton zwingen den Fernseher fluchend aus seinem Sessel. Eine Gedenkminute ist das längste Schweigen, dessen sich unsere Gesellschaft befähigt sieht. Einmal blinzeln. Jetzt.

http://www.regioartline.org/index.php?p=detail&id=6307&back=archive&L=0&o=60

In der Dunkelheit hinterlässt das Licht Spuren

Mittwoch, 10.12.2008

Grundlage der Arbeiten von Volker Schöbel (64) sind fotografische Abfälle. Probestreifen oder misslungene Abzüge unterschiedlicher Schwarz-Weiß-Papiere landen in einem dunklen Mülleimer, in dem die Entwickler-, Stopp- und Fixier-Chemikalien zwischen den Schnipseln weiter wirken. Auf zufälligem, fotochemischem Weg entstehen im Laufe der Zeit abstrakt anmutende Farbcollagen in erdigen Tönen. Aus unzähligen dieser Puzzleteile – als Leiter der Freien Fotoschule Stuttgart sitzt der Künstler an der Quelle – hat Schöbel über die Jahre etwa zweitausend besonders interessante Fragmente herausgefiltert, die als Grundlage für unterschiedlich große Bildtableaus dienen. Eine komplette Arbeit kann aus fünf oder aus über hundert einzelnen Teilen bestehen.
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