Weich gespülte Souveränität in Schwäbisch Hall
Freitag, 19.12.2008
Als Kurator in eigener Sache agiert Georg Baselitz (*1938) in der Kunsthalle Würth und bastelte aus den rund fünfzig Werken des Baselitz-Blocks der Sammlung Würth und diversen Leihgaben eine Ausstellung mit dem unbescheidenen Titel „Georg Baselitz ↑ Top“. Schön ist sie geworden. Fast zu schön, um wahrhaftig zu sein.
Werner Spiess (*1937) attestiert im Katalog den neuen Arbeiten „eine heitere Revision der eigenen Vergangenheit“ und Peter-Klaus Schuster (*1943) findet in den kopfstehenden Bildern die „instabilen Weltläufe“ reflektiert. So begeistert sich die gesetzten Herren die Bälle zuspielen, so merkwürdig fremd muss sich die junge Generation fühlen. Denn obwohl Baselitz gerne darauf verweist, dass Künstler asozial und er selbst immer noch ein Knochen sei, wirkt sein Alterswerk doch vom Wohlstand weich gespült. Der Künstler lebt seinen Mythos und produziert in der „Remix“-Serie Wiederholungen früherer Gemälde. Die erdige Schwere vergangener Zeiten tauscht er gegen luftig-leichte Pastellfarben. Die Dämonen seiner wütenden Vergangenheit stehen unter Liquid X. Auf einigen Bildern erscheint eine Gitterstruktur, die den Bildraum vierteilt. Ein Hakenkreuz? Sein Skandalbild von 1962/63 „Die große Nacht im Eimer“ zeigt einen onanierenden Jungen und wurde damals von der Polizei beschlagnahmt. Im Remix zeichnet er die Figur als kleinen Hitler und legt noch einen Totenschädel daneben – und keine Sau interessiert es.
Das vereinte Europa in den Köpfen der nachgewachsenen Generation lässt nationalstaatliche Gedanken langsam verblassen. Sicher, die stete Erinnerung ist wichtig: Aber wie stark kann eine Ermahnung wirken, die aus der wohligen Wärme des Baselitzschen Anwesens am Ammersee, einer von Herzog & de Meuron gestalteten Residenz, die auf einem Glassockel über der Erde zu schweben scheint, verbreitet wird. Die Welt von Georg Baselitz ist eine schöne Utopie bar jeder Entbehrung und der Lohn für harte Arbeit und fortgesetzten gesellschaftlichen Ungehorsam. Sie ist eine bittere Utopie, weil sie sich künstlerisch nur im Vergangenen vergewissert. Werner Spieß zieht in seinem Katalogbeitrag eine Linie zum alternden Picasso, der ebenfalls im Alterswerk seine Bilder neu interpretierte. Picasso wurde jedoch immer wütender, weil er spürte, dass seine Kräfte und vor allem seine Libido nachließen. Er kämpfte aussichtslos, aber künstlerisch maßlos gegen die Zeit. Baselitz hat sich in einer Überzeitlichkeit, in einem gesellschaftlichen Sonderstatus, in einem milden Alterswerk eingemauert. Die traurige Gewissheit zerronnener Zeit, die Melancholie, die viele alternde Künstler heimsucht, ist bei ihm nicht zu finden. Oder sie überträgt sich nicht in seine Bilder. Wer das letzte Viertel des Lebens nur als demografisches Horrorszenario denken möchte, wird in Schwäbisch Hall enttäuscht werden. Das Alter präsentiert sich hier mit einer souveränen, selbstgewissen Geste. Und warum eigentlich nicht?
Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, , Ausgabe 65, Dezember 2008.
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