Cesare Lucchini. Was bleibt
Samstag, 31.01.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunstsammlung Chemnitz vom 18.10. 2008 – 04.01. 2009. Hg. von Ingrid Mössinger und Marco Franciolli. Mit einem Text von Matthias Frehner. Kerber Verlag, Bielefeld/Leipzig, 2008, ISBN 978-3-86678-213-6, dt./ ital./engl., 120 Seiten, 39 Farbabb., gebunden, Format 30,5 x 24,5 cm, € 34.—
Nichts gegen abstrakt-expressive, pseudogegenständliche Bilder, aber die vom Autor Matthias Frehner behauptete existenzielle Kernfusion, „gleichsam das Standbild einer tobenden Schlacht im Augenblick der Entscheidung“, will sich dem Betrachter in den Bildern Cesare Lucchinis nicht erschließen. Je undeutlicher eine Malerei, desto beherzter der Griff in die Wundertüte kunstkritischer Interpretationen. Farbüberlagerungen und –schichten, die an menschliche Schädel oder Heuhaufen erinnern, ein Haufen wilder Striche aus dem sich undeutlich eine anonyme Figur schält – Lucchinis Welt versinkt im Farbnebel. Er zelebriert melancholisch die conditio humana und bleibt dabei seinem malerischen Stil treu. Seit den späten 80er Jahren des letzten Jahrtausends haben sich seine Bilder kaum verändert. Was bleibt?
http://www.artheon.de/artikel/items/cesare-lucchini-was-bleibt.html
Nun sag’, wie hast du’s mit der Utopie?
Donnerstag, 29.01.2009
Michael Reuter im Gespräch mit Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
Der Philosoph Ernst Bloch beschreibt in seinem Hauptwerk „Prinzip Hoffnung“ die Utopie als eine im Kern nach vorn gerichtete Intention: „… jedes Kunstwerk, jede zentrale Philosophie hatte und hat ein utopisches Fenster, worin eine Landschaft liegt, die sich erst bildet.“ Hat sich die zeitgenössische Kunst nicht längst in ein marktwirtschaftlich geprägtes, fensterloses Separee zurückgezogen?
Es gibt noch einen aus der Romantik und den Avantgarden kommenden Gestus der Kunst, das ganz „Andere“ sein zu wollen und von einer besseren Welt zu künden. Aber ich glaube nicht, dass die zeitgenössische Kunst hier am stärksten ist. Sie ist eher reaktiv und reflektierend. Sie erlaubt uns, die heutige Welt besser zu verstehen, aber sie formuliert keine anderen, utopischen Welten.
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Immer wieder malen gehen. Die Bilder von Felix Wunderlich
Donnerstag, 29.01.2009
Ich glaube an das Gute und das Böse in der Malerei. Sie friert beide Zustände ein, macht sie bestimmbar. Im wirklichen Leben fließt das Gute übergangslos in das Böse, egal wie viel Rosenkränze auch gebetet werden. Ich kann Gott malen, in Wirklichkeit ist er nicht zu sehen.
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Los Paul! Du musst ihm voll in die Eier haun!
Freitag, 23.01.2009
„Als alle Menschen frei und gleich waren, war niemand vor dem anderen sicher. Das Leben war kurz, die Angst grenzenlos.“ (Wolfgang Sofsky)
Gewalt hat immer Konjunktur. Der Bodensatz des Prekariats prügelt in U-Bahn-Stationen, während Staat und Arbeitgeber sich als Freunde der strukturellen Gewalt zeigen.
„Es gibt viele Arten zu töten“, schreibt Berthold Brecht. „Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“
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Hammer oder Harke? Malewitsch und Natur in Baden-Baden
Montag, 12.01.2009
Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein! Die Künstler glaubten noch an ihr Genie, an ihren gesellschaftsprägenden Einfluss, und die Zeit war reif für eine epochale Wendung. Der Erste Weltkrieg tobte. Es kam zu ersten empfindlichen Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung. Die Russische Revolution stand vor der Tür. Mitten drin: Kasimir Malewitsch, einer der wichtigsten Vorläufer der konzeptuellen und minimalistischen Kunst, Wegbereiter der abstrakten Kunst und als Toter zur Schau gestellt in einem suprematistischen Sarg. Er wollte die Kunst von allem gegenständlichen Ballast befreien. Sein berühmtes schwarzes Quadrat hing 1915 bei der „Letzten Futuristischen Ausstellung 0.10“ in Petrograd wie eine Ikone im „schönen Winkel“, quer über die Wandecke oben an der Decke, in einem von geometrischen Bildern verseuchten Ausstellungsraum. Das sollte sie nun sein, die utopische schöne neue Welt?
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Kunstmaschinen Maschinenkunst
Freitag, 09.01.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt, vom 18.10. 2007 – 27.01. 2008. Hg. von der Kunsthalle und dem Museum Tinguely, Basel. Mit Texten von K. Dohm, J. Hoffmann und H. Stahlhut. Kehrer Verlag, Heidelberg, 2007, ISBN 978-3-939 583-40-0, dt./engl, 184 Seiten, 130 Abb., gebunden, Format 23 x 20 cm, € 30.—
Die Publikation der Schirn krankt vor allem an der Tatsache, dass sie sich weder bewegen noch quietschen kann. Bewegung, Lärm und der imaginäre Duft heißen Getriebeöls sind neben Themen wie der Einzigartigkeit eines Kunstwerks und der Infragestellung der Idee des Schöpfergenies zentrale, sensorische Aspekte der Ausstellung. Die fragil-klapperigen Zeichenmaschinen von Jean Tinguely aus den 1950er Jahren oder Tim Lewis’ „Auto-Dali Prosthetic, 2000“, dessen eiserner Schreibarm unermüdlich die Unterschrift von Salvador Dali auf einen endlosen Streifen Papier setzt, lassen sich zwar fotografieren, aber die Wirkung bleibt beschränkt.
Auch Texte und Layout des Katalogs kommen nicht an die Qualität anderer Schirn-Produkte heran. Die einzelnen Kunstwerke hätten eine liebevollere Beschreibung verdient und die beiden Einführungstexte sind Fleißarbeiten, so als wollten die Autoren in ihren Artikeln eine Analogie zu den seelenlosen Kunstmaschinen herstellen.
http://www.artheon.de/artikel/items/kunstmaschinen-maschinenkunst.html
Veronika Veit. Auf Augenhöhe
Donnerstag, 08.01.2009
Hg. vom Kunstraum-Hüll, Kunstverein Ludwigshafen und der Stadtgalerie Saarbrücken. Mit Texten von Barbara Auer, Wolfgang Ullrich und Ernest W. Uthemann. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2008, ISBN 978-3-940748-47-8, dt./engl., 80 Seiten, 50 Farbabb., gebunden, Format 24 x 23 cm, € 24.—
Seit 2006 arbeitet die Münchner Künstlerin Veronika Veit mit der Figur des Menschen. Beim Bayerischen Kunstförderpreis 06 zeigte sie eine Gruppe von sieben Mädchen aus Kunststoff, jede Figur knapp 40 cm groß. Die Mädchen stehen, mit Badeanzügen bekleidet, steif auf einer Treppe, die an eine Mischung aus Gangway und Drei-Meter-Brett erinnert. Unter der Treppe wartet ein Plastikblasen werfender Wasserbottich.
Im Kunstverein Ludwigshafen zeigt sie eine Gruppe von vierzig, etwa einen Meter großen menschlichen Figuren, die etwas verloren, unsicher, in sich gekehrt, immer knapp aneinander vorbei blickend, den großen Raum bevölkern. Die Installation wird ergänzt durch Monitore mit kurzen Filmloops und bühnenartigen Kuben.
Ihre Figuren sind stets äußerst detailliert ausgearbeitet, aber nie hyperrealistisch. Die Autorin Barbara Auer sieht in ihnen Angehörige einer gut situierten Bürgerschicht, die man vornehmlich auf Kunstvernissagen finden kann. Wolfgang Ullrich findet in den Figuren dagegen die ganze Komplexität der Gesellschaft widergespiegelt. Er sieht „eine neue Spielart der Volkskunst“: sympathische, humorige Menschentypen, die dem Betrachter in ihrer distanzierten, ewig schweigsamen Art den Spiegel der gesellschaftlichen Anonymität vorhalten. Mehr aber auch nicht. Die Auseinandersetzung der Textautoren mit den Arbeiten von Veit bleibt oberflächlich. Für eine intensivere Auseinandersetzung fehlt den „Hobbits“ wohl die Tiefe. Der Betrachter steht ihnen höflich distanziert, aber letztlich gleichgültig gegenüber.
http://www.artheon.de/artikel/items/veronika-veit-auf-augenhoehe.html
Axel Geis
Donnerstag, 08.01.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim vom 31.05 – 07.09. 2008. Hg. von der Kunsthalle und der Galerie Jan Wentrup, Berlin. Mit Texten von Inge Herold und Rudij Bergmann. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2008, ISBN 978-3-7757-2239-1, dt./engl., 128 Seiten, 97 Farbabb., gebunden, Format 32 x 24 cm, € 29,80
Fast hundert Leinwände von Axel Geis aus den letzten fünf Jahren versammelt die Publikation aus Anlass der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. Fast alle sind verkauft, auffallend viele an amerikanische Sammler. Kein Wunder, dass Geis keine Figur fertig malt. Positiver formuliert geht es Geis nicht um den Akt des Totmalens, sondern um den Punkt, an dem die Malerei stimmt.
Geis malt ausschließlich menschliche Figuren und Porträts, einzeln oder in Gruppen. Seine Vorlagen findet er in der Kunstgeschichte, in Filmen oder alten Familienfotos. Trotz der aktuellen Vorlagen wirken die Bilder historisch. Die Garderobe, die Haar- und Barttracht, die gedämpfte Farbigkeit verorten die dargestellten Personen in einer unbestimmten, melancholischen Vergangenheit. Ein Lächeln auf den Gesichtern sucht der Betrachter ebenso vergeblich wie eine konkrete Situation. Die fragmentierten, gespenstischen Figuren tauchen wie Erscheinungen aus dem Nebel des unbestimmten Hintergrundes. Ja ja, so ist die Welt. Der Mensch kommt, der Mensch geht, Nichts bleibt. Unsere Erinnerungen, Hochzeiten, historische Ereignisse, geliebte Menschen: Axel Geis zitiert und zerhackt sie leidenschaftslos als flüchtige Eindrücke, die bereits vergessen sind, kaum dass sie geschehen.
http://www.artheon.de/artikel/items/axel-geis.html
Wenn ich sterbe, stirbt meine Sammlung
Montag, 05.01.2009
Ganz im Norden des Landkreises Ludwigsburg liegt Bönnigheim. Neben dem Schwäbischen Schnapsmuseum und der Sudentendeutschen Heimatstube kann die Kleinstadt vor allem mit einem Pfund wuchern: dem im September 1996 eröffneten Museum Charlotte Zander im Schloss Bönnigheim. Über 4.000 Werke der Naiven Kunst, Art Brut und Outsider Art hat die Sammlerin im Laufe von fünf Jahrzehnten erworben. Es ist die größte Privatsammlung ihrer Art, unbedingt sehenswert, nicht weit von Stuttgart entfernt und dämmert doch seit Jahren in einem unfreiwilligen Dornröschenschlaf.
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