Hammer oder Harke? Malewitsch und Natur in Baden-Baden
Montag, 12.01.2009
Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein! Die Künstler glaubten noch an ihr Genie, an ihren gesellschaftsprägenden Einfluss, und die Zeit war reif für eine epochale Wendung. Der Erste Weltkrieg tobte. Es kam zu ersten empfindlichen Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung. Die Russische Revolution stand vor der Tür. Mitten drin: Kasimir Malewitsch, einer der wichtigsten Vorläufer der konzeptuellen und minimalistischen Kunst, Wegbereiter der abstrakten Kunst und als Toter zur Schau gestellt in einem suprematistischen Sarg. Er wollte die Kunst von allem gegenständlichen Ballast befreien. Sein berühmtes schwarzes Quadrat hing 1915 bei der „Letzten Futuristischen Ausstellung 0.10“ in Petrograd wie eine Ikone im „schönen Winkel“, quer über die Wandecke oben an der Decke, in einem von geometrischen Bildern verseuchten Ausstellungsraum. Das sollte sie nun sein, die utopische schöne neue Welt?
Malewitsch und die frühe Moderne ist das Thema der Großen Landesausstellung ’08 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Die russische Avantgarde, und allen voran das Bild „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“, ist der Schrecken aller Museumsbesucher. Geometrische Flächen und reine Farben, abstraktes Zeugs, durchsetzt mit Revolutionspathos. Und schließlich: Sind diese Verrückten nicht schuld an den architektonischen Auswüchsen der Nachkriegszeit? Wer wollte denn riesige Hochhausblöcke für die werktätigen Massen? Genau!
Schon recht, die Damen, aber wenden Sie Ihren Blick bitte auch hier hinauf, in den grenzenlosen Weltraum, in die Unendlichkeit. Auf dem Feld der Utopien wurden die letzten Schlachten geschlagen. Die Suprematisten und Konstruktivisten um Malewitsch, Wladimir Tatlin und Alexander Rodtschenko wollten nicht weniger als die totale Umgestaltung der Welt nach ihrer Ästhetik. Dabei setzte Malewitsch auf eine esoterisch angehauchte, streng umrissene Theorie, die er in verschnörkelter Poesie zu beschreiben suchte: „Ich habe den blauen Lampenschirm der Farbbegrenzungen durchbrochen und bin zum Weiß weitergegangen. Schwebt mir nach, Genossen Aviatoren, ins Unergründliche!“ Sein Freund El Lissitzky nahm mit den „Prounenräumen“ das Environment und die Rauminstallation voraus und zielte auf eine Architekturkonzeption der Zukunft. Die Mannen um Rodtschenko bemühten sich dagegen um eine Erdung im Alltäglichen und verschmähten auch die Projektierung von Gebrauchsgegenständen nicht.
Die formale Strenge und konzeptionelle Klarheit in Zeiten des gesellschaftlichen Chaos erscheint dem Betrachter heute allemal besser als das erzählerische Chaos, mit dem die zeitgenössische Malerbrut dem wirren Post-Neoliberalismus noch eins draufzusetzen sucht.
Gleich neben der Staatlichen Kunsthalle ist zurzeit die Sammlung der ALTANA Kulturstiftung zu Gast. Das Museum Frieder Burda zeigt rund 80 Werke zeitgenössischer Kunst, überwiegend Malerei, zum Thema „Natur“. Vertreten sind unter anderem Axel Hütte, Robert Longo, Andy Goldsworthy, Karin Kneffel und Markus Lüpertz. Natur als ikonografische Klammer, als „Synonym für Leben, erweitert im Sinne von Schöpfung“. Natur präsentiert sich hier als Impression einer in ihrer Wildheit vom künstlerisch schaffenden Menschen gezähmten Kulturlandschaft. Menschen und Tiere sind fast vollständig ausgeklammert. Eine entspannte Show in der sehenswerten Architektur von Richard Meier.
Nur schade, dass Pressetext und Katalogautoren nicht müde werden, in den ausgestellten Bildern eine gefährdete, „missbrauchte“ Natur zu entdecken, eine subjektive Annäherung der Künstler auf „die Nachrichten von Klimakatastrophen, Aussterben bedrohter Tierarten oder Raubbau an Ressourcen“. Tatsächlich präsentieren sich alle Werke eher romantisch und von hochvergeistigter Ästhetik. Nicht ein einziges Bild erscheint provokant oder schildert einen deutlichen Angriff auf die Natur. Der Besucher muss sich schon sehr anstrengen, um in den Bäumen, Früchten und Landschaften die bevorstehende Katastrophe zu entdecken. Karin Kneffels altmeisterlich gemalter Apfelzweig lässt noch am ehesten den Gedanken an eine pervers-perfektionierte Natur aufkommen. Aber mal ehrlich: Wir kaufen im Supermarkt alle nur die schönsten Früchte! Und wer die Obstplantagen am Bodensee besucht, findet überall Kneffels Perfektapfelbäume.
Der Kunstbetrachter auf der Höhe der Zeit hat freilich gelernt, dass Schönheit in der zeitgenössischen Kunst zumindest den Keim absoluter Verderbtheit in sich zu tragen hat. Einfach nur schön geht nicht. Was sich hinter der glatten Natur-Fassade verstecke, fragt der Katalog zum Bild „Lake Lite“ von Alex Katz. Ja was? Mit dem raunenden Hinweis, es gebe Schreckliches zu entdecken, lässt sich jedes Kunstwerk in seiner Bedeutung umdrehen. Die Mohnblumen des Fotokünstlers Bill Beckley tragen den Titel „Heroine Trade in Afghanistan“. Simsalabim! Aus einem harmlosen Foto ist eine schaurige Anklage geworden.
Der Beitrag erschien zuerst in der der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, , Ausgabe 66, Januar 2009.
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