Always Look on the Bright Side of Life. Die Ausstellung “Medium Religion” im ZKM Karlsruhe

Dienstag, 17.02.2009

Okay, okay, die Theorie! Mag sein, dass die von Peter Waibel und Boris Groys kuratierte Ausstellung „Medium Religion“ im ZKM arg gedankenschwer daherkommt und dass die große Themenvielfalt einige Besucher intellektuell keult, aber was soll´s?
Leben, Tod und Unsterblichkeit, religiöser Fanatismus, Genderthematik, quasi-religiöse Verehrung von Künstlern und Politikern, dazu Dokumente zum Streit um das Kaaba-Projekt von Gregor Schneider oder zur Debatte um die Kölner Zentralmoschee: In der Materialmenge überwältigend und zeitraubend, aber trotz der teils bedrückenden Thematik spannend, blasphemisch und unkonventionell.

Ausgehend von der viel besprochenen „Rückkehr der Religionen“ findet die Ausstellung ihren Schwerpunkt in der medialen Reproduktion religiöser Überzeugungen. Dabei setzt sie auf einen Mix von dokumentarischem Material und zeitgenössischer Kunst.
Fernsehansprachen von Osama bin Laden, Bekennervideos von Selbstzersprengten (ein besonders furchterregendes Exemplar findet sich bei YouTube unter dem Stichwort „Achmed the Dead Terrorist“) oder evangelikale Erweckungsfreunde aus den Vereinigten Staaten treffen auf wütende, poetische oder angeekelte Antworten junger, internationaler Künstler und vermischen sich im Lichthof des Museums für Neue Kunst zu einem bissigen Abgesang auf die abrahamitischen Religionen.
Als geistige Klammer und freundschaftlicher Klaps auf die Schulter kristallisiert sich beim Rundgang jedoch nicht das Thema „Medium Religion“ heraus, sondern „Tod und Sterben – Mach das Beste draus“. Ohne Furcht vor dem Sterben keine Religionen und auch ständige Wiederholungen des Monty Python Klassikers: “You know, you come from nothing you’re going back to nothing. What have you lost? Nothing!” macht die Sache nicht wirklich angenehmer.

Ob Christoph Schlingensiefs mit medizinischen Requisiten ausgestattete Rauminstallation Der König wohnt in mir(kursiv) oder die Aktionen des 1973 an Krebs gestorbenen Günter Saree, der im Jahr seines Todes ein selbstentworfenes Sterbetuch mit dem Satz „Kein Arzt darf meinen Tod durch Drogen verfälschen“ bei sich trug: Das „reale“ Sterben wird im ZKM unaufgeregt den irreal-verworrenen Glaubenskämpfen der Welt gegenübergestellt. Die Kunst hilft zwar nicht, wenn es einem schlecht geht, aber sie ermöglicht jenseits von Zorn und Hass einen melancholischen, aber kreativen und lebensfreundlichen Umgang mit den Umständen.
Der Mensch macht halt weiter. Was soll er sonst tun?

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 67, Februar 2009.