Die Routine des Alltags durchbrechen. Im Künstlerhaus Stuttgart werden die Möglichkeiten einer zeitgemäßen Kunstvermittlung in Kunstvereinen und Museen untersucht

Montag, 02.03.2009

In Abwandlung eines Bonmots des Malers Ad Reinhardt könnte man sagen, dass Kunstvermittlung der Zwerg ist, über den man stolpert, wenn man zurücktritt, um ein Gemälde zu betrachten. Ganze Horden von Schulklassen und Kindergartengruppen werden regelmäßig – und zum Schrecken des dünnhäutigen Aufsichtspersonals – mit Buntstiften und Papier durch die Bildertempel der Post-Postmoderne getrieben. Die Museumspädagogik spricht hier von dynamischen Formen der Kunstpräsentation.
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine bietet Mitte März im Künstlerhaus Stuttgart Vorträge und Workshops zur zeitgemäßen Kunstvermittlung an. Unter dem Titel VERMITTELN/VERHANDELN beschäftigt sich die zweitägige Tagung mit der Rolle des Publikums und gibt Einblicke in experimentelle Formen der Vermittlung. Wie kann es gelingen, die Besucher zu Co-Produzenten, Kritikern oder gar Komplizen zu machen?

Es ist nicht eben leicht für einen Ausstellungsmacher, sich in Konkurrenz zu Videogames, Web 2.0 und den klassischen Unterhaltungsmedien ein Stück aus dem Zeitkuchen potenzieller Kunstfreunde herauszuschneiden: Das Schopenhauersche Diktum, der Betrachter möge sich dem Kunstwerk nähern wie einem Fürsten, „abwartend, ob und was es zu ihm sprechen werde“ ist glücklicherweise passé. Nachdem die Kunst seit dem 18. Jahrhundert mit universeller Bedeutsamkeit aufgepumpt wurde und ihren finalen Ritterschlag durch schwindelerregende Preise um die Jahrtausendwende erhielt, wird nun die Luft langsam wieder abgelassen. Die Kunst kehrt zurück zum emanzipierten Betrachter und dieser möchte nicht mehr nur staunen, sondern involviert sein. Nur wie?

Die Informationsdichte durch öffentliche Datenbanken und digitalisierte Museumsbestände nimmt immer weiter zu. Die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hat seit zwei Jahren ein virtuelles Gegenstück in der Online-Welt von Second Life. Audioguides und Podcasts gehören mittlerweile zum Standard und verwandeln die Museumsbesucher in ferngesteuerte Zombies, die auf festgelegten Routen durch die Hallen kreuzen. Doch der eindimensionale Einsatz von Gadgets kann kein Ersatz für die Interaktion zwischen Menschen sein. Erst im multidimensionalen Miteinander werden Menschen die Kunst als Möglichkeit entdecken, die Routine des Alltags zu durchbrechen.
“People don’t want to connect to art, they want to connect to other people”, lautet ein unter Kunstvermittlern gern zitierter Satz. Doch der Social-Networking-Gedanke scheint noch nicht in allen Institutionen angekommen zu sein.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 68, März 2009.