Zwischen Traum, Fantasie und kühler Berechnung
Fünf aktuelle Ausstellung in Stuttgart und Umgebung

Donnerstag, 05.03.2009

Kunsthalle Karlsruhe – Tony Cragg

Neben vielen Zeichnungen und Radierungen zeigt das Kunstmuseum Karlsruhe meterhohe Handschmeichler aus Holz, Bronze und Fiberglas des 1949 in Liverpool geborenen Wahl-Wuppertalers Tony Cragg. In den gediegenen Räumlichkeiten des Museums kommen die in sich verschlungenen, organischen Arbeiten wunderbar zur Geltung. Die Ausstellung bezieht auch die benachbarte Orangerie mit ein, in deren Rotunde drei Großskulpturen Platz finden.
Aus Craggs endlosem Formenreichtum lässt sich vieles herauslesen. Von mutierten Schneckengehäusen über in sich verdrehte Gesichter, die sich rotierend im Raum entfalten bis zu extravaganten Vasen, die sich abenteuerlich ein- und ausstülpen. Der Ausstellungstitel Second Nature verweist auf den andauernden Versuch des Menschen, sich durch seine Kultur eine eigene, eine „verbesserte“ Natur überzustülpen. Im Gegensatz zu manch deutschem Berufsgrantler steht Cragg dem wissenschaftlichen Fortschritt wohlgesonnen gegenüber. Verträumt spielt er in seinen Zeichnungen mit der Doppelhelix der DNS oder dem Binärcode des Informationszeitalters. Er scheint Natur weniger als gesellschaftspolitisches Schlachtfeld, sondern als Quelle immer neuer, fantastischer Formen zu verstehen.

Auch der Stuttgarter Lokalpatriot kommt in Karlsruhe auf seine Kosten. In der neu eröffneten Jungen Kunsthalle stellt zurzeit der Bildhauer Thomas Putze zusammen mit Irmela Maier Tierskulpturen und Grafiken aus. Zusammen mit den benachbarten Gewächshäusern des Botanischen Gartens und dem Schloss ist Karlsruhe, zumal bei schönem Wetter, unbedingt einen Ausflug wert.

Kunstmuseum Stuttgart – Das Triptychon in der Moderne

Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt dagegen die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart. Der scheidenden Direktorin Marion Ackermann gebührt aller Lob für ihre kuratorisch-logistische Meisterleistung, sechzig Triptychen der Moderne und der zeitgenössischen Kunst unter ihrem Dach versammelt zu haben. Um Otto Dix` Meisterwerk Großstadt gruppieren sich Werke von Jonathan Meese, Damien Hirst, Francis Bacon, Hermann Nitsch, Niki de Saint Phalle und Robert Longo. Aber gibt es eine interessante These, die erörtert werden soll, oder geht es nur um die Akkumulation von bekannten Namen und damit um einen weiteren Kassenschlager? Dass die „Pathosformel“ des Triptychons auch im 20. und 21. Jahrhundert immer wieder genutzt wurde, um säkularisierte Bildinhalte mit christlicher, mithin „ewiger“ Bedeutung aufzublasen, darf als wichtigste Erkenntnis stehen bleiben. Interessant ist der kritische Textbeitrag von Wolfgang Ullrich im Luxuskatalog mit Goldschnitt, dessen Erwerb einen freien Eintritt in die Ausstellung sichert. Er beschreibt das Triptychon als „autoritäre Bildform“, mit der sich jedes Thema ins Erhabene transformieren lasse und die es dem Künstler erlaube, sich als „Meister der Nobilitierung“ zu etablieren. Das bundesdeutsche Feuilleton war begeistert, das sonnendeck gibt lieber den Spielverderber.

Kunsthalle Tübingen – Thomas Huber – rauten traurig

Thomas Huber (*1955) malt museale Räume, in denen Bilder und Skulpturen präsentiert werden. Die menschenleeren Hallen wirken kühl und abweisend, doch sie besitzen magische Kräfte. Alles, was sich in ihnen befindet, ist Kunst und verlangt, als solche wahrgenommen zu werden. Stühle für Besuchergruppen stehen in Reih und Glied. Sie sind nicht für das Gespräch untereinander, sondern für ein Lehrer-Schüler-Gespräch ausgerichtet, denn Kunst will erklärt sein. Huber konfrontiert den Betrachter mit Fragen der Kunst, ihrer Rezeption und ihrer Funktion in der Gesellschaft. „Das Bild ist ein uneinlösbares Versprechen, es ist eine wehmütige, eine traurige Sache.“ Doch ganz so traurig ist sein Geschäft nicht. Er spielt mit dem Ort, dem Bild und dem Betrachter. Er lästert, er schmunzelt, er malt.
Der Bildaushub von 2003 zeigt ein hochkant gedrehtes Bild, das an einer Wand lehnt, und einen Betrachter, der den Kopf schräg hält. Der reale Betrachter muss aber auch den Kopf schräg halten, damit er die gekippte Schrift im Bild lesen kann: „Dieses Bild zeigt den Bildaushub, das Negativ der Bildtiefe. Ohne Hinweis ist das nicht gleich zu erkennen. Dass der Betrachter seinen Kopf schräg hält, liegt daran, dass das Bild um 90 Grad gedreht ist.“
Thomas Huber überlässt es dem Besucher, sich der Gängelung durch die Kunst hinzugeben oder aufzubegehren. Er tut dies rauten traurig aber angriffslustig.

Villa Merkel, Esslingen – Christian Vetter – Disappearing Eye

Nichts für schwache Nerven ist die Ausstellung von Christian Vetter. Das Treppenhaus ist mit einer dreidimensionalen Bildskulptur verstellt, deren unansehnliche Rückfront sich dem Besucher beim Eintritt als Statement präsentiert: Hier wird dir nichts geschenkt! Die Schauseite zeigt eine große Mauer mit einem kurzen Gang aus leeren Bücherregalen, Styroporplatten und verstreutem Porzellan. Verschmierter Gips bedeckt die Regale. Stillstand und Verfall, von den imaginären Bewohnern seit Langem verlassen. Dazu ein bedrohlicher Soundtrack aus den anderen Räumen der Villa.
Im nächsten Raum die Installation Eismeer . Fünf Hochtische, bedeckt mit zerbrochenen Gipsplatten wie aufeinander getürmte Eisschollen. Unter dem kalten Licht einiger Neonröhren zeigt ein Video verrauschte Sonarbilder untergegangener Schiffe. Die ganze Ausstellung ist ein Pandämonium in fahlem Licht. Christian Vetter findet beeindruckende Bilder für eine aus dem Lot geratene Welt. Empfindsame Naturen sollten lieber gleich in das benachbarte Bahnwärterhaus abbiegen.
Hier haben sich das Esslinger Künstlerduo Sabine Holz und Jürgen Kleinmann, alias Barriolindo, ausgetobt und das Haus in eine bunte, subversive Welt verwandelt. Sogar die Wände sind mit lichten, mediterranen Farben bemalt. Auf ihren Bildern tummeln sich Fantasiefiguren in einer surrealen Welt, die voller versteckter Bezüge zum Ausstellungsort, zur Stadt Esslingen und zur Kunstgeschichte sind.

WKV Stuttgart – Teresa Hubbard / Alexander Birchler – No Room to Answer – Projections

Verträumt mit melancholischem Unterton lässt sich die künstlerische Atmosphäre im WKV beschreiben. Teresa Hubbard (*1965) und Alexander Birchler (*1962) zeigen sieben Videoinstallationen und begleitende Materialen wie Requisiten, Drehpläne und Fundstücke aus der Recherche. Als europäische Premiere wird die Videoinstallation Grand Paris Texas gezeigt, eine dokumentarische Reflexion über das Filmemachen.
Mehr Sitzgelegenheiten wären nicht schlecht gewesen und der lichte Saal des Kunstvereins hat sich in ein Schachtelkino-Labyrinth verwandelt, aber die meist kurzen Videos entschädigen für die spartanische Ungemütlichkeit. Als Loops konstruiert, sind die Geschichten des Künstlerpaares komplexe, zeitlich und räumlich verklammerte Stimmungsbilder, die mit fließenden Kamerafahrten und einer offenen Erzählweise eher an Träume oder Gedankenspaziergänge im Halbschlaf erinnern. Die Videos sind handwerklich perfekt inszeniert, wobei die Schauspieler nicht immer überzeugen können, und zeigen einige Parallelen zu den Arbeiten von Stan Douglas, der Ende 2007 zu Gast im Kunstverein war.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 69, April 2009.