Sie können nun gehen, wohin sie wollen
Montag, 25.05.2009
Die Esslinger Villa Merkel zeigt in der Ausstellung “Top 09″ Arbeiten von Karlsruher Meisterschülern.
Bevor die Karlsruher Eleven im Spätsommer ihren Meisterschülerbrief in Empfang nehmen und sich mit der rauen Wirklichkeit eines überfüllten Kunstmarktes auseinander setzen müssen, spendiert die Akademie mit der Gruppenausstellung „Top 09“ ein nachösterliches Schmankerl. Unter der Regie von Professor Ernst Caramelle präsentieren sich in der Esslinger Villa Merkel Benjamin Appel, Nastassia Atrakhovich, Daniela Baldelli, Benjamin Bernt, Yan Dong, Frank Fischer, Karsten Födinger, Ilona Gaikis, Katharina Grimbs, Stefan Jeske, David Jungnickel, Matthias Klappert, Carolina Kreusch, Nathalie Liu, Sylvia Maak, Dominika Rzychon, Andreas Schneider, Stefanie Schönberger, Mirjam Schwab, Gabriele Tibi und Johannes Vetter.
Für die aufwendige Katalogproduktion zeichnet Prof. Axel Heil verantwortlich, der in seinem Vorwort einen melancholischen Ausblick auf die künftige Kunstproduktion gibt. „Damit die Zukunft als digitale Boheme nicht ganz so schlimm wird“, bietet er den Jungkreativen T-Shirts mit dem Aufdruck „Rückwärts durch den Nebel“ an. Aber noch hängt der Himmel voller Geigen, vielleicht wartet ein preiswertes Atelier in Berlin. Und die Aussicht auf durchzechte Kreuzberger Nächte ist allemal netter als die abgeklärte Weltsicht alternder Professoren. So wurde in der Villa Merkel mit frischem Elan installiert, gehämmert und gehängt. Wer weiß schon, was morgen aktuell sein wird? Und wie sagte Martin Kippenberger auf einem seiner Werke so treffend-bedrohlich: „Sie haben ihre Prüfung bestanden. Sie können nun gehen, wohin Sie wollen.“
Carolina Kreusch, letztes Jahr noch mit einem Stipendium in Mexiko unterwegs und erst seit Januar Meisterschülerin bei John Bock, beschäftigt sich gerne mit ihrer privaten Wohnwelt. Eine zerzauste Kommode auf überlangen Beinen oder die Wohneinheit auf Rädern reflektieren ihre eigene Situation am Ende des geborgenen Akademiedaseins. „Ich sehe meine Generation in einer Orientierungsphase. Wir sind sehr eng an uns selber dran“, meint Kreusch. Die schwierige wirtschaftliche Situation versteht sie, wie viele ihrer Mitstudenten auch, eher als Chance: Vielleicht wird es einige Stipendien weniger geben, aber Künstler haben zu allen Zeiten versucht, aus einem prekären monetären Input viel kreativen Output zu erzeugen.
Belege für eine privatisierende Kunst, die sich aus Materialien des eigenen Lebensumfeldes speist und versucht, den intimen Moment über das Werk in die Gesellschaft zurückzuspiegeln, finden sich auch bei anderen Meisterschülern. So verbrachte Andreas Schneider für seine Performance „Walden“ drei Tage hinter einem geschlossenen Zaun auf einer Grundfläche von acht Quadratmetern und protokollierte seine Erlebnisse auf Video und Papier. Zur „Top 09“ präsentiert er den alten Opel Corsa seiner Freundin – eingeschweißt in schwarze PVC-Folie unter dem Titel „Include me out“.
Bei Frank Fischer geht es um Systeme, die interagieren, und um Dinge, die in Systemen agieren oder darin gefangen sind. Sein Werk reicht von raumgreifenden, kinetischen Installationen wie „Der Hund und das Meer“, einer Plattenkarre mit aufmontiertem Segel, bis zu kleinen Objekten wie „Held-Angst-Held“, das aus einer Bildcollage, Joghurtbecher, kleinem Ventilator und schwankendem Taschenspiegel besteht. Nur indirekt tauchen die Probleme der Welt in seinem künstlerischen Universum auf. Sich direkt an gesellschaftlichen Problemen abzuarbeiten, ist nicht angesagt.
„Jede Epoche hat ihre Kinder. Der Umgang mit Materialien entspricht unserer Zeit. Wir bewegen uns heute viel in der Öffentlichkeit, als Publikum, als Masse. Vielleicht suchen die Künstler deshalb ein Stück Intimität“, meint Daniela Baldelli. Sie fertigt winzige Skulpturen aus Porzellan und kombiniert sie mit Fundstücken und Zeichnungen zu Collagen und Rauminstallationen. Siebzig Einzelteile hat Baldelli, viele stammen aus ihrem Elternhaus, nach Esslingen gebracht. Hier verdichteten sie sich im Laufe der Aufbauarbeit zu einer autobiografischen Installation.
Natürlich finden sich in Esslingen auch zornige junge Künstler wie David Jungnickel, der heftig-expressive Bilder von Mensch-Monster-Mischwesen im angesagten Bad-Painting-Stil präsentiert. Doch der Trend entfernt sich von der großen Geste, hin zum Cocooning in privaten Befindlichkeiten.
Der Beitrag erschien im Kunstmagazin Regioartline, Ausgabe 6.2009.
http://www.regioartline.org/index.php?p=detail&id=9494&back=archive&L=0&o=0
Kunstgenuss in Unterhose.
Die Kunsthalle Karlsruhe bietet Bildbetrachtungen zum Thema „Zeit und Ewigkeit“ im virtuellen Konferenzraum
Freitag, 15.05.2009
Wer die Kunst liebt, aber seinen Kühlschrank gerne in der Nähe weiß oder die heimischen vier Wände wegen einer drohenden Schweinegrippeinfektion nur ungerne verlässt, dem bietet sich via Internet nun die Möglichkeit, an einer virtuellen Bildbetrachtung teilzunehmen. Veranstaltet von der Kunsthalle Karlsruhe in Kooperation mit dem Roncalli Forum sowie dem Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen und technisch betreut vom Weiterbildungsreferat des Kultusministeriums, vermitteln einmal im Monat ein Kunsthistoriker und ein Theologe Informationen zu Werken aus dem Bestand der Kunsthalle, die sich mit dem Thema „Zeit und Ewigkeit“ auseinandersetzen. Mitte Juli steht Hetum Grubers Installation „Etwas machen, dessen Fertigstellung unabsehbar ist, begonnen 1973“ auf dem Programm, gefolgt von Johann Liss’ „Venus und Adonis“ von 1625. Weiterlesen »
Neues Leben aus alten Pelzmänteln
Montag, 11.05.2009
Die animalischen Cut-Outs der Künstlergruppe NEOZOON können in Berlin und Paris hinter jeder Straßenecke lauern. Einzelne Tiere oder ganze Herden von Schafen, Rehen, Hasen und Bären, dazu in den Bäumen hängende faultierartige Wesen. Sie alle haben eine gemeinsame Herkunft: Es sind alte Pelzmäntel, die von NEOZOON künstlerisch bearbeitet und im Großstadtdschungel aussetzt werden. Michael Reuter führte ein Mailinterview mit den anonymen „Rekreationisten“. Weiterlesen »
Wer fürchtet sich vor der schwarzen Frau?
Sonntag, 10.05.2009
Leichen, tote und missbrauchte Frauen und Kinder, gewaltsam Verstorbene: Die Bilder von Heike Ruschmeyer (*1956) sind nichts für zartbesaitete Gemüter. Dabei zelebriert die Künstlerin weder satanischen Messen noch bevölkert sie ihre Bilderwelt mit erdachten Horrorszenarien. Ihre Inspiration entzündet sich vielmehr an Tatortfotos aus der gerichtsmedizinischen Literatur – vorgefundene Wirklichkeiten, die sie in eine bedrückende Malerei übersetzt. „In den Fotos finde ich etwas, das mich reizt, mit dem ich mich identifizieren kann“, versucht Ruschmeyer ihre Arbeitsweise zu verdeutlichen. „Es handelt sich häufig um Tote, weil deren Darstellung mir einen Freiraum bietet, in eine Geschichte einzutreten, die ich nicht kenne, aber die meine eigene sein könnte.“ Würde stattdessen ein Modell im Atelier sitzen, das seine eigene Geschichte erzählt, wäre der Widerstand viel größer, den die Malerin überwinden müsste, um an ihr Bild zu kommen. Weiterlesen »