Kunstgenuss in Unterhose.
Die Kunsthalle Karlsruhe bietet Bildbetrachtungen zum Thema „Zeit und Ewigkeit“ im virtuellen Konferenzraum
Freitag, 15.05.2009
Wer die Kunst liebt, aber seinen Kühlschrank gerne in der Nähe weiß oder die heimischen vier Wände wegen einer drohenden Schweinegrippeinfektion nur ungerne verlässt, dem bietet sich via Internet nun die Möglichkeit, an einer virtuellen Bildbetrachtung teilzunehmen. Veranstaltet von der Kunsthalle Karlsruhe in Kooperation mit dem Roncalli Forum sowie dem Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen und technisch betreut vom Weiterbildungsreferat des Kultusministeriums, vermitteln einmal im Monat ein Kunsthistoriker und ein Theologe Informationen zu Werken aus dem Bestand der Kunsthalle, die sich mit dem Thema „Zeit und Ewigkeit“ auseinandersetzen. Mitte Juli steht Hetum Grubers Installation „Etwas machen, dessen Fertigstellung unabsehbar ist, begonnen 1973“ auf dem Programm, gefolgt von Johann Liss’ „Venus und Adonis“ von 1625.
Das Projekt basiert auf dem Programm „vitero“ (für „virtual team room“), das gratis zum Download bereit liegt. Der Kunstfreund erhält nach geglückter Installation Zugang zum Konferenzraum. Der glücklose Autor dieser Zeilen musste erst einmal mysteriösen Systemabstürzen auf die Spur kommen. Der Fehler fand sich schließlich in der aktivierten S/P-DIF-Schnittstelle der Audiokarte. Der störrische Mikrofoneingang des Headsets musste anschließend durch Ausbau ebenjener Karte und Neusetzung eines Jumpers aktiviert werden. Solche technischen Kleinigkeiten sind für heutige Kids Routine, aber hey, mit Mitte Vierzig erfreut sich der technisch Unversierte eines gesteigerten Selbstwertgefühls, wenn die Klippen der Technik umschifft sind.
Die virtuelle Führung gestaltet sich schließlich eher konventionell – einer redet, die anderen hören zu. Viele Bilder werden gezeigt und Fragen sind erwünscht, doch die ungewohnte Situation sorgt für Sprachlosigkeit und die heilige Aura musealer Räume lässt sich nicht durch einen schmucklosen Konferenztisch auf virtuellem Parkettboden ersetzen. Ein wenig inhaltliche Vorbereitung der Teilnehmer könnte auch nicht schaden. Es gibt zu jedem besprochenen Bild auf der Webseite der Kunsthalle einen einleitenden Text und einen kurzen Film.
Die Gegenwart von Katzen während der Führung gilt es zu vermeiden. Des Schreibers Getier ließ sich maunzend auf die Tastatur fallen und löste im Programm das fragende Heben einer virtuellen Hand aus, woraufhin sich acht virtuelle Augenpaare zu ihm drehten, in Erwartung einer qualifizierten Frage, die nicht kam, weil er, der Autor, gleichzeitig auf dem Desktop der Führung folgend und auf seinem Laptop die ersten Gedanken skizzierend, nicht ganz bei der Sache war und außerdem das Mikro runtergeregelt hatte, um schmatzende Geräusche während der Krapfenverkostung zu unterdrücken. Im virtuellen Raum wird auch die Konzentration schnell virtuell.
Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 72, Juli 2009.