„Hast du heute schon dein Viagra gefressen?“
Die frühberufene Künstlerin Jana Kuznetsov malt bei ihren provokanten Performances am liebsten mit Schamröte

Sonntag, 28.06.2009

Kaum 150 cm hoch, haselnussbraune Kulleraugen und ein zartes Mini-Maus-Stimmchen: „Pffft“ denkt sich der Wolf und pustet die Frau ohne Anstrengung von den Klippen. Aber Obacht, verehrte Kunstfreunde, bevor diese Künstlerin sich wegblasen lässt, wird sie wandelbar wie ein Virus, anhänglich wie eine Zecke, bissig wie ein Rehpinscher und dickfellig wie ein Elefant. Ihr Name ist Jana Kuznetsov: Erdlinge, lauft weg oder kniet nieder.

Die 1987 in Moskau geborene Künstlerin bestritt mit zwölf Jahren ihre ersten Kunstausstellungen, schmiss vor dem Abitur die Schule und kam über die Begabtenprüfung als jüngste Studentin an die Kunstakademie Stuttgart. Fragen zum familiären Hintergrund hört Kuznetsov weniger gerne, wird doch hinter ihrem Rücken immer wieder verwundert getuschelt, ob man in so jungen Jahren tatsächlich solche Bilder malen könne. „Ich hab alles selbst gemalt und die Katze war mir auch keine Hilfe“, lautet ihre Auskunft.
Etwas anderes als Kunst kam für sie nie infrage. Genau genommen kam für Kuznetsov nie etwas anders infrage als Kuznetsov. Ihre Anregungen stammen weniger aus der bildenden Kunst, sondern aus Zeitschriften, dem Fernsehen oder dem Kino: „Ich war nie wirklich interessiert an anderen Künstlern. Eigentlich fand ich mich immer am besten“ flötet sie selbstbewusst und trommelt mit langen Fingernägeln ungeduldig auf der Tischplatte, in einer unnachahmlichen Mischung aus Ironie, Koketterie und Größenwahn.

Nach einigen Jahren der Malerei ist nun die Performance als neue Kunstgattung hinzugekommen. „Das eine ist das Konstruktive, das andere das Destruktive“ bemerkt Kuznetsov und es scheint, als hätte sie im öffentlichen Happening eine ihr gemäße künstlerische Ausdrucksform gefunden, obwohl sie der Malerei den gleichen Stellenwert einräumt. Ihre Kunstfigur „Baddy Dolly Jane“ bedrohte während einer Podiumsdiskussion den amerikanischen Bad-Painter John Currin mit einer Gurke oder traf als stadiontauglich verkleideter „JANAfan“ auf Jonathan Meese, den irren Vorkämpfer für eine Diktatur der Kunst. Dabei ist Peinlichkeit für Kuznetsov kein Thema. Für sie gibt es keine Grenze zwischen Podium und Publikum und was könnte peinlicher sein, als in einem kritiklosen Publikum zu sitzen, das sich von den Referenten einen Haufen Unsinn erzählen lässt, ohne aufzumucken?

Auch das Wiener Burgtheater wurde bereits von „Baddy Dolly Jane“ beglückt. Als „Staatlich geprüfte Anarchiekontrolle“ stürmte sie während eines Stückes von René Pollesch, dem Enfant terrible der Theaterszene, auf die Bühne, um zu überprüfen, ob Publikum und Akteure tatsächlich für den so oft postulierten radikalen Perspektivwechsel bereit sind.

Kuznetsov wählt aus. Nicht jeder wird einer Performance für würdig befunden. Es ist eine Art Ritterschlag für einflussreiche VIPs im Kunstbetrieb und für Kunstprovokateure, deren Haltung die Künstlerin mit teils brachialer Gewalt auf ihre Standfestigkeit testet und ironisch hinterfragt. Dabei geht jedem ihrer Auftritte eine langwierige Recherche voran. Die Kunstfigur, die sich dem prominenten Opfer dann während der Performance entgegenstellt, ist passgenau auf seine Aussagen und Ideologien zugeschnitten. Ein Sammler wie Harald Falckenberg, der seine Obsession für das Abgründige und Perverse wie eine Standarte vor sich trägt, muss sich also nicht wundern, wenn plötzlich eine peitschenschwingende Domina vor ihm steht. In diesen Moment zeigt sich, ob die inszenierte Hybris der Person Falkenberg gegen die inszenierte Nemesis der Jana Kuznetsov bestehen kann.

Informationen zur aktuellen Ausstellung von Jana Kuznetsov in der Villa Merkel, Esslingen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 72, Juli 2009.