Stefanie Krüger. Spiegelungen
Freitag, 31.07.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen, vom 13.03 – 26.04 2009. Hg. von der Kunststiftung der ZF Friedrichshafen AG. Mit Texten von Regina Michel und Clemens Ottnad. Verlag Robert Gessler, Friedrichshafen, 2009, ISBN 978-3-86136-135-0, 40 Seiten, 20 Farbabb., gebunden, Format 21,5 x 27 cm, € 19.—
Die Ausstellung der 1970 geborenen Stefanie Krüger, Absolventin der Kunstakademie Stuttgart, zeigt unter anderem Arbeiten, die während ihres Aufenthaltes als Stipendiatin der ZF Kunststiftung entstanden sind. Ihre ruhige Malerei, die sich vornehmlich den Themen „Wasserspiegelungen“ und „Menschen im Park“ widmet, konzentriert sich auf innerstädtische Wasserflächen wie Schwimmbäder und künstlich angelegte Seen, die sie mit anonymen, etwas verloren wirkenden Stadtbewohnern bevölkert. Den Hintergrund ihrer aufgeräumten Szenerie bildet oft eine dunkle Baumreihe, die den phlegmatischen Geschehnissen im Vordergrund einen Bühnencharakter gibt. Vermutlich ist es der Gemütsverfassung des jeweiligen Betrachters geschuldet, ob er die Bilder in ihrer schön gemalten Emotionslosigkeit als potenziell bedrohlich oder als in sich ruhende Momente des Augenblicks erkennen möchte. Gebrochen wird die perfekte Stille durch ungewöhnliche Lichtstimmungen und -spiegelungen. Eine allzu „offene“ Landschaft, wie der Blick auf den Bodensee oder eine Tankstelle im Irgendwo, tun den Bildern nicht gut. Die Malerei von Stefanie Krüger ist dort am stärksten, wo sie alle Bildelemente kontrollieren und konstruieren kann. Ihr Blick auf eine gegebene Naturszenerie wirkt dagegen eher unsicher und farblos.
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Wälder der Erde
Freitag, 31.07.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Fondation Beyeler, Basel, vom 19.08. 2007 – 06.01. 2008. Hg. von der Stiftung Wald-Klima-Umwelt. Mit Texten von Ulf Küster, Guido Magnaguagno und Reinhold Hohl. Magnum Verlag AG, Basel, 2007, ISBN 978-3-9523285-0-7, 176 Seiten, zahlr. Abb. in Farbe, Klappbroschur, Format 30 x 24 cm, € 25.—
Der Katalogband nebst zugehöriger Ausstellung „Wälder der Erde“ soll „Erinnerung an Schönheit und Würde der Natur“ sein. Viel Schöngeistiges von Goethe, Schiller und Alexander von Humboldt wird zitiert und viel Wald aus allen Teilen der Erde in ansprechenden Fotografien gezeigt. Viel Tau auf zarten Fichtensprösslingen wird besungen und so manche Träne unterdrückt, wenn vom Schwinden der letzten Waldreste zu berichten ist.
So richtig zu berühren vermag der Band aber nicht, denn weder taucht ein Mensch auf den Waldbildern auf, noch werden die verheerenden Abholzungen auf den Fotos thematisiert, noch wird die eurozentristische Sicht der kurzen Katalogbeiträge gebrochen.
Es bleibt bei einer optisch ansprechenden, aber eindimensionalen Bilderschau, die außer einem „Ach ist das schön“-Stoßseufzer keinen intellektuellen Mehrwert produziert. Muss ja auch nicht sein – ist aber immer besser.
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Victorine Müller / Frantiček Klossner
Donnerstag, 30.07.2009
Victorine Müller
Katalog zur Ausstellung Frantiček Klossner / Victorine Müller im Kunstmuseum Solothurn, vom 21.06. – 17.08. 2008. Hg. vom Museum. Mit einem Text von Christoph Vögele. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2008, ISBN 978-3-940748-57-7, 80 Seiten, 60 Abb. in Farbe, Klappbroschur, Format 23 x 16,5 cm, € 19.—
Frantiček Klossner
Katalog zur Ausstellung Frantiček Klossner / Victorine Müller im Kunstmuseum Solothurn, vom 21.06. – 17.08. 2008. Hg. vom Museum. Mit einem Text von Christoph Vögele. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2008, ISBN 978-3-940748-58-4, 80 Seiten, 60 Abb. in Farbe, Klappbroschur, Format 23 x 16,5 cm, € 19.—
Victorine Müllers Performances bestehen im Wesentlichen aus weihevollem Sitzen, Liegen und Stehen im Inneren von aufblasbaren Tierskulpturen aus transparenter Folie. In seinem Text beschreibt der Konservator des Kunstmuseums Solothurn Christoph Vögele die Wirkung des überdimensionierten Strandequipments als „kontinuierliche Verzauberung“ mit „magischer Wirkung“. In einem „animistischen Akt der Verzauberung“ werde die Künstlerin zu Vogel, Elefant oder Frosch. Das Publikum werde dabei in einen „Zustand des Sichtreibenlassens“ versetzt. Lichteffekte, Musik und die stets leicht abwesend blickende Künstlerin verwandeln den Ort der Performance in eine rituelle, pop-esotherisch angehauchte Weihestätte. Der Rückgriff von Vögele auf die schamanistischen Rituale von Joseph Beuys wirkt angesichts des süßlichen Klarsichtfolienzoos von Müller etwas bemüht. Die Künstlerin passt mit ihrer weiblichen Wohlfühlkunst besser in unsere Zeit als Beuys in die seine.
Die Videoinstallationen, Fotocollagen, Zeichnungen, Eisskulpturen und Scherenschnitte ihres Künstlerfreundes Frantiček Klossner wirken in ihrer experimentierfreudigen Vielfalt zerfasert und pendeln zwischen humoriger Spielerei und bierernster Innenschau. Der begleitende Text von Christoph Vögele hält sich eng an die ausgestellten Werke, kommt aber, abgesehen von der immer richtigen Feststellung, dass Klossners Werk die großen Lebens- und Sinnfragen behandele, nicht zu tieferen Einsichten und wirkt etwas gelangweilt. Zudem fühlt sich der Betrachter ständig an große Vorbilder erinnert: Die gefrorenen Selbstporträts ähneln den Wachsgüssen von Bruce Naumann oder dem Blutkopf „Self“ von Marc Quinn. Seine Performances mit Tätowierungen erinnern an Santiago Sierra oder Daniele Buetti, seine Porträt-Collagen, die aus Dutzenden von Ganzkörperfotos der Porträtierten bestehen, an Arcimboldo.
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Säen und Jäten. Volkskultur in der zeitgenössischen Kunst
Dienstag, 21.07.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Städtischen Galerie Ravensburg und der Columbus Art Foundation, vom 27.06. 2009 – 04.10. 2009. Hg. von Nicole Fritz und der Städtischen Galerie Ravensburg. Mit einem Text von Nicole Fritz. Snoeck Verlagsgesellschaft, Köln, 2009, ISBN 978-3-940953-13-1, 122 Seiten, ca. 130 Abb., Bbroschur, Format 24 x 19 cm, € 29,80
Volkskultur und Volkskunst, insbesondere die religiöse Volkskunst, entfaltent ihren ganz eigenen Reiz. Wer einmal den Rundgang mit Votivbildern an der Gnadenkapelle in Altötting oder in einer anderen süddeutschen Wallfahrtskirche gesehen hat, wird sich einem quasi-religiösen Gefühl des solidarischen Mitleidens kaum entziehen können. Diese über Jahrhunderte gewachsenen Bildwände zeigen ein ganz unmittelbares Verhältnis zur Religion. Viele Dinge waren damals heilig und auch der normale Bürger, Bauer oder Handwerker hatte einen direkten Draht zum Jenseits.
Broschen aus dem Haar von Toten, Amulette, Schutzsymbole, Marien- und Heiligenbildchen – gerade die magisch angehauchten Artefakte lassen die Fantasie des säkularisierten und von der totalen Aufklärung doch arg gelangweilten Jetztzeitlers aufblühen. Nur wenig von der alten Volkskultur ist uns geblieben, die kitschigen Devotionalien an Wallfahrtsorten treiben dem Betrachter allenfalls Tränen des Zorns in die Augen, traditionelles Brauchtum verkommt zur Sauforgie oder zum Gaudium für Touristen.
Was also hat sich in die Gegenwart retten können? Gibt es Künstler, die mit Motiven aus der Volkskunst weiterhin arbeiten? Gibt es tatsächlich eine erneute Hinwendung zu überlieferten Bräuchen, die sich in Jodelkursen, Schamanengetrommel, Dirndlexzessen auf dem Oktoberfest und letztlich auch in der Kunst zeigt? Oder bedienen sich die Maler und Bildhauer einfach aus einem verfügbaren Bildfundus, der vermeintlich leicht zu entschlüsseln ist und optisch etwas hergibt? Erste Antworten liefert der Katalog zur Ausstellung „Säen und Jäten“, der dreiundzwanzig Künstler präsentiert, die sich mit Aspekten der Volkskultur auseinandersetzten.
Hier kombinieren die Brüder Gert & Uwe Tobias in großen Holzschnitten Motive der Volkskunst mit Bildelementen der russischen Avantgarde, Michael Mundig kopiert altmeisterlich kitschige Touristenpostkarten auf Kupferplatten und Mariella Moser fertigt Masken aus industriellen Verpackungen, Luftpolsterfolien und Kartonagen. Hier erklimmt Gabriela Oberkofler die Stuttgarter Hügelwelt, um vom Gipfel kräftig zu jodeln. Monika Nuber zeigt ihren Animationsfilm Maria durch einen Dornwald ging (KURSIV), der amüsant und beunruhigend im Comicstil ihre volksfromme Kindheit in Oberschwaben bebildert und Anselm Reyle zeigt als Objet trouvé einen neonfarben lackierten Pflug.
Die Kleinplastiken der Ausstellungssenioren Joseph Beuys und Franz Eggenschwiler wirken zwischen der jungen Kunst allerdings deplatziert. Hier sollte wohl ein kunsthistorischer Bogen zum letzten wirklichen Schamanen der bundesdeutschen Kunstszene geschlagen werden. Leider endet der Bogen im Nirgendwo, denn ernst gemeinte Spiritualität findet sich bei keinem unserer Zeitgenossen. Die Künstler ironisieren ohne wirklichen Bezug zu den Quellen der vergangenen Kultur, die nicht mehr die eigene sein kann. Allenfalls lässt sich ein melancholisches Gefühl der Heimatlosigkeit konstatieren. Keines der ausgestellten Werke kann und will sich mit der beuysschen Spiritualität messen. Sein Multiple „Wirtschaftswert Brusttee“ hat so allenfalls die Funktion eines dreidimensionalen Ausrufezeichens.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 73, September 2009.
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Barbara Kruger: Desire Exists Where Pleasure Is Absent
Montag, 13.07.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kestnergesellschaft, Hannover vom 01.09. – 05.11. 2006. Hg. von Veit Görner, Hilke Wagner und Frank-Thorsten Moll. Mit Texten der Herausgeber. Kerber Verlag, Bielefeld, 2006, ISBN 3-938025-95-6, 103 Seiten, ca. 66 Farbabbildungen, gebunden, Format 27 x 22 cm, € 28.—
Die 1945 geborene US-Künstlerin Barbara Kruger hat die Mechanismen der Werbung als Mitarbeiterin einiger Modezeitschriften gründlich kennengelernt, bevor sie sich entschloss, als Künstlerin zu arbeiten. „Kruger konfrontiert die Stereotypen und Klischees von Macht, Konsum, Sexualität und Ideologie miteinander“ und „unterwandert das System der gewohnten und für gewöhnlich erwartbaren Werbebotschaften durch paradoxe, intelligente, scharfsinnige und witzige Bezüge zwischen gesehenem Bild und gelesenem Wort“ schreibt Veit Görner in seiner Einführung.
Ende der 80er Jahre war an Literatur zur Konsumkritik wahrlich kein Mangel. Der eifrig studierende Werbewirt lass Eva Hellers „Wie Werbung wirkt“ oder mal wieder das paranoide Standardwerk „Die geheimen Verführer“ von Vance Packard aus dem Jahr 1957. Mit „Rosalie Goes Shopping“ kam 1989 ein wunderbarer Spielfilm von Percy Adlon in die Kinos, der den ungebremsten amerikanischen Konsum aufs Korn nahm und Barbara Kruger zeigte 1987 ein Foto mit dem grellrot unterlegten Slogan „I shop therefore I am“.
Und was hat sich seitdem geändert. Nüscht! Oder doch! Es ist alles viel schlimmer geworden. Konsum als Lebenshaltung wird mal positiv, mal negativ analysiert. Ob eine Ware nun ein sinn- und identitätsstiftendes Moment besitzt, oder ob alles nur durch die Medien indoktriniert ist – die Diskussion ist abgestanden wie kalter Tee und schmeckt auch in der nostalgischen Rückschau nicht mehr. Gerade an den Themen von Kruger, den gesellschaftlichen Machtstrukturen, Stereotypen in den Medien und Geschlechterbeziehungen, zeigt sich, dass es immer noch nur zwei gesellschaftliche Schichten gibt: Die Dummen, die sich von Werbung und Unterschichtenmedien verblenden lassen und die Gebildeten, die Werbung und Unterschichtenmedien gewinnbringend produzieren und sich selbst schamhaft davon zu distanzieren suchen. Die Kunst hat hier gar nichts zu vermelden. Die „Unterwanderung“ gesellschaftlicher Phänomene ist eine kunsthistorische Leerstelle: Immer gerne zitiert aber praktisch vollkommen unwirksam.
Michael Reuter
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Kaleidoskop. Hoelzel in der Avantgarde
Freitag, 10.07.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart vom 11.07. 2009 – 01.11. 2009. Hg. von Marion Ackermann, Gerhard Leistner und Daniel Spanke. Mit Texten von u.a. Noemi Smolik und Peter Weibel. Kehrer Verlag, Heidelberg, 2009, ISBN 978-3-86828-089-0, 400 Seiten, ca. 500 Farbabb., gebunden, Format 30 x 25 cm, € 39,90
Eher von akademischem Interesse war die Ausstellung „Kaleidoskop. Hoelzel in der Avantgarde“ im Kunstmuseum Stuttgart. Als stolze Besitzer von 400 Werken, und damit der weltgrößten Sammlung des 1905 als Professor an die Königlich Württembergische Akademie in Stuttgart berufenen Adolf Hölzels, sahen sich die scheidende Direktorin Marion Ackermann und ihre Mannen in der Bringschuld, „einen der Pioniere der Avantgarde von europäischem Rang, den es als Wegbereiter der Moderne neu zu entdecken gilt,“ angemessen zu präsentieren.
Der 400-seitige Riesenkatalog, eine wunderbare Urlaubslektüre, die auch als Auffahrkeil für Wohnmobile geeignet scheint, bietet dreizehn AutorInnen die Gelegenheit, Hoelzel aus dem Nebel des Vergessens hervorzuzerren und ihn als Avantgarde der Avantgarde zu präsentieren. Ein verkannter Revolutionär, der bereits 1905 mit der „Komposition in Rot I“ eines der frühesten Beispiele abstrakter Malerei schuf, ein bedeutender Theoretiker, der schon 1901 mit seinem Aufsatz „Über Formen und Massenverteilungen im Bilde“ einen der Schlüsseltexte der Moderne schrieb, und ein wegweisender Lehrer, der Künstler wie Johannes Itten, Oskar Schlemmer oder Willi Baumeister maßgeblich beeinflusste.
Tja, woran mag es liegen, dass Hölzel (noch) nicht in den Kanon der wichtigen Großmaler aufgenommen wurde? Zurückhaltend ist er gewesen. Nicht seine eigene Person war ihm wichtig, sondern die Malerei, und seine Arbeiten stellen das „progressiv verlaufende Konzept der Moderne infrage“. Drei Todsünden, die auch heute noch ins kunsthistorische Nirvana führen können.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 73, September 2009.
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