Neues aus Ulm
Sonntag, 30.08.2009
Das Museum Ulm eröffnet im September gleich drei sehr unterschiedliche Ausstellungen. Zu besichtigen ist eine riesige Wandmalerei von Jörg Eberhard, eine Schau mit Ankäufen aus der Zeit der Museumsdirektorin Dr. Brigitte Reinhardt, und Schnitzereien des 1477 geborenen Ulmer Bildhauers Daniel Mauch.
Jörg Eberhard (Jahrgang 1956) verarbeitet in seinem Wandbild Objekte des Museums und dessen Einrichtung, die er in farbigen, scherenschnittartigen Silhouetten wiedergibt. Eberhard reduziert Formen wie Vasen, Tischlampen, Pflanzen, Musikinstrumente oder technische Geräte zu zweidimensionalen Schablonen, die er in einem tiefen Bildraum verteilt. Dieser ist durch geometrische Formen und Farbfelder, teilweise perspektivisch verzerrt, unterteilt. Es entstehen komplexe Bildwelten, die ein wenig zu glatt daherkommen, aber hochästhetisch sind und eine Menge Augenfutter bieten.
Die Ausstellung „Damenwahl“ lässt die Ankäufe der scheidenden Direktorin Dr. Brigitte Reinhardt Revue passieren. Seit 1990 leitet sie das Ulmer Museum und verabschiedet sich nun zum Ende des Jahres in den Ruhestand. Zeitgenössische Kunst ist ebenso vertreten wie Werke aus der Zeit vor 1800. Zu sehen sind Arbeiten von Heinrich Campendonk, Eva Hesse, Johannes Hüppi, Dieter Krieg, Tracey Moffatt, Carol Rama und Kiki Smith, um nur einige zu nennen. Künftig wird der gebürtige Westfale Thorsten Sadowsky, derzeit noch Direktor eines im Aufbau befindlichen Museums zum Thema Meer auf der Nordseeinsel Föhr, die Geschicke des Museums leiten. Berufen wurde er zunächst für vier Jahre, mit der Option der späteren unbefristeten Übernahme. Abgesehen von einem gewissen Unverständnis, die schöne Nordseeinsel gegen die schwäbische Provinz zu tauschen, wünscht das sonnendeck dabei viel Erfolg.
Kunstgeschichtliches Kontrastprogramm findet der Betrachter schließlich in den rund siebzig Skulpturen des Ulmer Bildhauers Daniel Mauch. Er werkelte sehr erfolgreich an der Schwelle von der Spätgotik zur Renaissance, litt jedoch in Folge reformatorischer Bilderunlust unter galoppierendem Auftragsschwund, der ihn schließlich aufs Pferd und ins katholische Lüttich führte, wo er bis zu seinem Tod 1540 arbeitete.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 73, September 2009.
Meine Musik bleibt
Sonntag, 30.08.2009
Der Zugang zur Ausstellung „Kunst = Leben. John Cage“ in der Stihl Galerie Waiblingen führt durch eine innen verspiegelte Black Box, in der Henning Lohners Film „One11“ zusammen mit dem Orchesterwerk „103“ gezeigt wird. Es ist ein Schwarzweißfilm ohne Thema, der einzige Langfilm von John Cage, gedreht 1992, im Jahr seines Todes. Es gibt keine Personen oder Handlungen, nur wanderndes Licht. Film und Musik bestehen aus siebzehn Teilen und laufen parallel, obwohl sie nicht direkt zusammen gehören. Jeder Teil von „One11“ besteht aus ca. 1.200 Zufallsoperationen eines Computers, der das Licht und den Kamerakran steuert.
Der Zufall spielt auch im grafischen Werk eine große Rolle. Zufall und Schicksal. Cage war ein großer Anhänger des alten Weisheitsbuches „I Ging“, das in China seit Jahrtausenden als Orakel befragt wird. Das Papierformat, die Farbmischung, die Zahl der Striche, die Wahl der Motive und ihre Anordnung – bei allen Entscheidungen ließ sich Cage durch das „Buch der Wandlungen“ leiten und inspirieren.
Das Beeindruckendste der Ausstellung sind nicht die einzelnen Exponate, sondern der universelle Geist, der in ihnen zum Ausdruck kommt. „Ich habe den Wunsch, den Unterschied zwischen Kunst und Leben einfach auszulöschen …“, sagte Cage und nutzte dabei die skurrilsten Wege. Er steckte Schrauben, Radiergummis und Scheren zwischen die Saiten eines Flügels, komprimierte den Text von James Joyes‘ Buch „Finnegan‘s Walk“ mithilfe des „I Ging“, brachte die Kakophonie der uns ständig umgebenden Schwingungen, Töne und Frequenzen zur Aufführung, interessierte sich für japanische Haikus, Literatur, Tanz, eigentlich für alles – und für Pilze. 1958 gewann Cage als Pilzexperte 6.000 Dollar in einer italienischen Quizsendung. Der legendäre Schlussdialog mit Moderator Mike Bongiorno:
„Bravo, Signor Cage, Arrivederci und gute Reise, kehren Sie nach Amerika zurück oder bleiben Sie hier?“
„… Meine Musik bleibt.“
„Ah, Sie gehen weg und Ihre Musik bleibt, aber das Gegenteil wäre besser: wenn Ihre Musik weggehen und Sie bleiben würden.“
Seine Freude am Experimentieren scheint unerschöpflich und so ist die Kunst von John Cage, trotz aller Schwierigkeiten beim Hören seiner Musik und der großen Komplexität seiner Gedankenwelt, sehr dicht am Leben – der Betrachter muss nur den ersten Schritt tun und sich ohne Vorurteile dem Rausch der Welt hingeben.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 73, September 2009.
Nicht immer nur Krieg
Sonntag, 30.08.2009
Das Werk von Otto Dix zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellungstätigkeit der Städtischen Galerie Albstadt. Kein Wunder, das 1975 gegründete Haus besitzt den weltweit größten Bestand von Arbeiten auf Papier des 1891 in Gera geborenen Künstlers.
Dr. Veronika Mertens, die Kuratorin der aktuellen Schau mit neunzig Zeichnungen von Dix
– alle aus dem eigenen Bestand –, möchte den Künstler nicht nur als Kriegszeichner dargestellt sehen. Im grafischen Werk spiele die „Kriegsmappe“ natürlich eine große Rolle, aber die Zeichnungen seien sehr vielfältig: „Da ist ein großer Schwerpunkt auf dem Akt in allen Variationen, von akademisch bis expressionistisch. Es gibt auch hinreißende, ganz fein gezeichnete Porträts aus den 20er Jahren oder mythologisch-symbolistische Frauendarstellungen aus dem Frühwerk.“ Auch serielle Arbeiten werden gezeigt, ebenso Dix’ Auseinandersetzung mit dem Kubismus und Landschaften im futuristischen Stil.
Ihm zur Seite stehen zwei zeitgenössische Zeichner mit eigenständigen Ausstellungen: Die 1960 in Rüsselsheim geborene Martina AltSchäfer korrespondiert mit Dix über den Topos der Figur. Auch über den Kubismus gibt es interessante Berührungspunkte. Der 1944 geborene Ulf Cramer kommt von der Landschaft. „Wenn man sich das Farnkraut von Dix anschaut und dann eine Federzeichnung von Cramer, dann merkt man, wie das Landschaftliche aus dem Strich entsteht, wie der Tuschestrich das Blatt langsam zuwachsen lässt“, bemerkt die Kuratorin.
Die Galerie zeigt Arbeiten von Dix aus allen Schaffensphasen. Das Frühwerk vor dem Ersten Weltkrieg, Zeichnungen aus dem Schützengraben, die Landschaften aus der Zeit der inneren Emigration nach 1933 in Hemmenhofen am Bodensee, altmeisterliche Silberstiftzeichnungen und viele Porträts. Dix als Zeichner ist der Kuratorin besonders wichtig: „Die Vielfalt seiner Strichmodi und sein facettenreiches Menschenbild sind beeindruckend. Wir haben auch viele Entwurfszeichnungen und Kartons zu Gemälden und mir ist es oft so gegangen, dass ich von den Gemälden enttäuscht war. Die Zeichnungen sind viel spannender!“
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 73, September 2009.
Bernhard Kahrmann: volatile tenderness
Donnerstag, 13.08.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen vom 13.07. – 14.09. 2008. Hg. von Werner Meyer. Mit Texten von Rodney LaTourelle, Oliver Tepel und Werner Meyer. Eigenverlag, Göppingen, 2008, ISBN 978-3-927791-65-7, 78 Seiten, 28 Farbabbildungen, Klappbroschur, Format 30 x 23 cm, € 15.—
Schwere Kost für Bilderfreunde publizierte die Kunsthalle Göppingen mit dem Katalog zur Ausstellung „volatile tenderness“ des 1973 geborenen Bernhard Kahrmann. Der Künstler arbeitet nun, nach einer Phase visueller Aufgeregtheit mit hektischen Projektionen von Wörtern, Symbolen und alltäglichen Bildern, mit extremer Reduktion. Die Katalogtexte reagieren darauf umso wortreicher. Dabei gibt es fast nichts zu sehen. Sieben Diaprojektoren ohne Dias werfen ihr Licht auf eine gefaltete Fläche und produzieren durch die unterschiedliche Qualität der Objektive schwache Farbdifferenzen auf die Projektionsfläche. Die Installation „Hubble“ wirft wandernde Lichtpunkte in den Raum. Die Projektion eines Digitaluhr-Displays verlässt – als Reaktion auf ein minimalistisches Musikstück – den linearen Zeitfluss. Kahrmann bedient einen philosophischen Diskurs über Raum, Licht und Zeit, der sich einer fotografischen Abbildung heftig widersetzt.
Das Beste sind einige scheinbar leere Seiten im Katalog, die aber mitnichten leer sind, sondern das Licht zeigen, „das ein Blatt Papier auffängt und wieder von sich gibt, aufgenommen in einer (digitalen) Fotografie und wieder auf ein Papier eingebrannt.“ (Werner Meyer) Ob die kaum merklichen Knicke in den Blättern real sind (auf dem dünnen Papier entstehen spätestens nach dem ersten Durchblättern unweigerlich die ersten Knicke) oder nur reproduziert sind, lässt sich kaum feststellen. Ohne den erläuternden Text glaubt der Betrachter an einen Fehler der Druckerei, aber beim Blättern zwischen den Seiten stellt sich der Effekt ein, dass er etwas sehen will, egal ob real vorhanden oder nicht.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de