Da wendet sich der Gast mit Grausen
Dienstag, 29.09.2009
Ganz so inniglich hatten sich die Stadtoberen in Ludwigsburg den Kontakt des Volkes zu ihrem steinernen Landesfürsten wohl nicht vorgestellt. Als Zeichen der vollzogenen Demokratisierung hat der Künstler Timm Ulrichs rund um die Statue des Herzogs Eberhard Ludwig einen Holzpavillon errichtet. Über eine Treppe haben nun auch Krethi und Plethi direkten Zugang zum hohen Herrn, begegnen ihm auf Augenhöhe und teilen mit ihm den Ausblick auf den barocken Marktplatz. Schon einen Tag nach Eröffnung der Ausstellung zeigte die Hand des zehnten Herzogs von Württemberg erste Risse. Im Rathaus wurde an warnende Hinweisschilder und sichernde Holztüren gedacht – umsonst, denn zum Besuch des Berichterstatters war die halbe Hand samt Marschallstab verschwunden. Der versehrte Adlige hat jedoch Glück im Unglück, denn sein Blick wendet sich gen Süden. Der dauernde Anblick des scheußlichen Marstall-Centers nördlich des Marktes bleibt im erspart.
Sieben Bildhauer versuchen noch bis zum 22. November gegen die Ludwigsburger Mischung aus monströsen Straßenschneisen, zerfallender historischer Bausubstanz, gnadenlos hässlicher Nachkriegsbebauung und prachtvoller Schlösserlandschaft anzuspielen. Mit wechselndem Erfolg.
Im Jubiläumsjahr 300 Jahre Ludwigsburg sollen sich die ausgestellten Werke laut Pressetext mit „historischen, sozialen, kulturellen und topografischen Aspekten der Stadt“ auseinandersetzen und zeigen, „was zeitgenössische Kunst im Stadtraum heute sein kann“. Nun, jeder Kunstfreund wird gerne antworten, dass Kunst alles sein kann, und so fällt positiv auf, dass keine Balkenhol-Adepten in Ludwigsburg zu finden sind.
Die großen Zeiträder aus Kaffeesatz und Beton von Heidi Schwöbel (*1955) am Hauptbahnhof bedienen die klassischen Anforderungen an Skulpturen im öffentlichen Raum: haltbar, zu groß, um darüber zu stolpern, und zu abstrakt, um Anstoß zu erregen. Aber schon die heruntergekommene Litfaßsäule in Form einer Vase von Hans Hemmert (*1960) bringt es auf den Punkt: Ludwigsburg zwischen barocker Schönheit und Rudis Reste Rampe.
In einer konkurrenzlos öden Ecke hinter dem C&A Kaufhaus am Reithausplatz baute die Gruppe Knowbotic Research eine gefaltete Betonmauer auf, aus der kurze Texte von Bürgern mit Migrationshintergrund zu hören sind, und die verblühte Wiese von Francesco Mariotti (*1943) beim Obelisken am Holzmarkt verwandelt sich allabendlich durch eine Vielzahl von künstlichen Blumen aus alten Plastikflaschen in ein kitschig-bunt-blinkendes, vorweihnachtliches Menetekel.
Die Ausstellung ist kein großer Wurf, öffnet aber die Augen für städtebauliche Sünden der Vergangenheit und zeigt, dass Bildhauer auch den Mut zur adaptiven Hässlichkeit haben.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 75, November 2009.
Startknopf? Welcher Startknopf?
Dienstag, 15.09.2009
Fotografien verblassen, Magnetbänder zerfallen zu Staub, Webseiten verschwinden im digitalen Nirvana und keiner weiß mehr, wie die antike Videoinstallation funktioniert. Der im Oktober 2006 gestartete zweijährige Master-Studiengang „Konservierung Neuer Medien und Digitaler Informationen“ (KNMDI) an der Kunstakademie Stuttgart verspricht Abhilfe. Mit dem Programmkoordinator Klaus Pollmeier sprach sonnendeck-Redakteur Michael Reuter. Weiterlesen »
In Zukunft ohne Papier
Sonntag, 13.09.2009
Das Designbüro Metahaven spekuliert im Künstlerhaus Stuttgart über den Stadtstaat als Anti-Utopie.
Das Ausstellungsprojekt „Stadtstaat. Szenario für das Verbinden von Städten“ im Künstlerhaus Stuttgart entwirft eine gesellschaftliche Utopie, ein Gemeinwesen, das aus den fusionierten Städten Utrecht und Stuttgart besteht. Konzipiert wurde die Schau, die in Utrecht fortgesetzt wird, vom Design- und Forschungsbüro Metahaven aus Amsterdam und Brüssel. Die theoretische Grundlage für ihre spekulative Es-könnte-eines-Tages-sein-Geschichte sind sechs kurze fiktive Briefe, die alle mit „Freund“ unterzeichnet sind, aber offensichtlich von verschiedenen Personen geschrieben wurden. Die Texte fangen den menschenleeren Spekulationsraum der Ausstellung auf, ohne sie sind die einzelnen Arbeiten nicht zu dechiffrieren.
Den Kern dieses Stadtstaates bildet ein soziales Netzwerk mit dem Namen „Trust“, das gleichzeitig eine Plattform für direkte Demokratie und ein Überwachungssystem ist. Ein geniales System, meint einer der Freunde: „Wenn man eine ganze Gesellschaft dazu einlädt, sich zu vernetzen, bilden sich gemeinsame Werte von selber heraus, während gleichzeitig Einsamkeit verunmöglicht wird. Die Bürger werden von tausenden ihrer besten Freunde im Auge behalten.“ Metahaven konstruiert einen durchgestylten, hoch technisierten, pseudodemokratischen Staat, der soziale Netzwerke, globalisierte Marken und Informationstechnologie nutzt, um die Bevölkerung auf Linie zu halten, ohne dass dies ihr bewusst wird. Seit 2004 beschäftigen sich Daniel van der Velden, Vinca Kruk und der Architekt Gon Zifroni mit dem „politischen Potenzial von Grafikdesign“. Sie entwarfen für ihren Stadtstaat Teile eines Corporate Designs, das aktuelle gesellschaftliche Diskurse spiegeln und analysieren soll.
So finden sich in der Ausstellung einige Poster, die sich mit den visuellen Auswüchsen urbaner Problemzonen auseinandersetzen. Der Aussage, dass die Werbung von Dönerbuden, Callshops, Pizzataxis und Mini Markets europaweit ähnlich und auf dem Vormarsch ist, wird niemand widersprechen wollen, allerdings ist die dahinter stehende These, dass moderne Stadtarchitektur, Konsumwelten und politische Ideologien in Europa kaum noch voneinander zu unterscheiden sind, inzwischen Allgemeingut. Auch die ausgelegten Magnetstreifenkarten aus Papier sind als Synonym für Inklusion/Exklusion nicht mehr taufrisch. Und warum das offizielle, gelb-rote Briefpapier des Stadtstaates Stuttgart/Utrecht achtlos auf dem Boden verteilt wurde, bleibt ebenso unerklärt wie der Wald aus Posterrollen im hinteren Teil der Ausstellung. Es wird auch nicht klar, wozu das Stadtkonstrukt inhaltlich benötigt wird, von den verlockenden Möglichkeiten europäischer Kulturförderung mal abgesehen.
Erstaunlich ist jedoch, dass Papier in dieser Zukunft noch eine bedeutende Rolle spielen soll. Denn es ist nur Papier, was ausgestellt wird, und es sind Briefe, die verfasst werden. Aus dem Kino kennen wir seit Jahrzehnten futuristische Gesellschaften, die weder Zeitung noch Ausweis noch Zugangskarte brauchen. Identifikation, Zugang und finaler Abgang werden durch Fingerprints oder Retina-Scans ermöglicht – aber Papier?! So wird im Künstlerhaus eine ganze Reihe von Themen angeschnitten, die ungeklärt im Raum verbleiben. Das typografieverliebte Grafikdesign von Metahaven gibt der gesellschaftlichen Dystopie des Stadtstaates ein Gesicht, bietet aber keine Lösungsansätze und vermag sich nicht von heutiger Ästhetik zu lösen. Was unsere krisengeschüttelte Gesellschaft braucht, ist nicht das wiederholte Beschwören eines Überwachungsstaates (der dazu noch unentschlossen zwischen High- und Lowtech pendelt), sondern die Förderung einer partizipativen Geisteshaltung bei seinen Bürgern, die Demokratie mitgestalten und mitverantworten wollen. Und der Baum bleibt Baum. Papier brauchen wir im Stadtstaat nicht mehr.
Der Beitrag erschien im Kunstmagazin Regioartline, Ausgabe 8.2009.
The Institute for Social Research (ISR): 1730 Great Highway
Sonntag, 13.09.2009
Publikation zu einer Kooperation der Klassen Jankowski und Cluss mit dem Graduate Fine Arts Program at California College of Arts in San Francisco. Hg. vom Institut für Buchgestaltung und Medienentwicklung an der Staatlichen Akademie der
Bildenden Künste Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-931485-91-7, 448 Seiten, zahlreiche Abb., Klappbroschur, Format 26 x 21 cm, ohne Preisangabe
Studieren an der Kunstakademie Stuttgart kann schön sein. Besonders mit engagierten Professoren. Im Herbstsemester 2007 verbrachte die Klasse Jankowski neunzig Tage in San Francisco und verarbeite ihre Erlebnisse mithilfe des Instituts für Buchgestaltung zu einem voluminösen Werk. Genauso möchten wir uns das Leben der Kunststudenten vorstellen: Zwölf Chaoten, die feuchtfröhlich eine Stadt entdecken und dabei alles zu Kunst machen, was ihnen unter die Finger kommt. Mit dem Thema „Leben in der Kommune“ ließ sich wunderbar arbeiten.
Auch wenn die einzelnen Performances der Klasse im Chaos der Fotos, Notizen und Zeichnungen untergehen (im Appendix sind alle Aktionen noch einmal aufgelistet) wird die eigentliche Aussage des Bandes schnell deutlich: War eine geile Zeit und wir hatten Spaß ohne Ende. Weil das Ganze aber ein Studienprojekt ist, gibt es auch einen theoretischen Teil mit Essays, die keiner jemals lesen wird. Warum sich die Laune verderben, der Ernst des Lebens kommt noch früh genug.
„FEEL FREE, DON’T BE AFRAID, OPEN YOUR MIND, JUMP OVER YOUR LIMIT, LOOK FOR NEW INTENTIONS, FORGET PROJECTS AND PRESENTATIONS, USE JOSS STICKS (PREFER PATCHOULI).”
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Rotar – Kosmos und Kosmologie
Freitag, 11.09.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau vom 27.09. 2009 – 17.01. 2010. Hg. von der Stiftung Museum Schloss Moyland. Mit Texten von Laura Baumann, Heinrich Heil und Alberto Saviello. Eigenverlag, Bedburg-Hau, 2009, ISBN 978-3-935166-48-5, 92 Seiten, ca. 60 Farbabbildungen, Broschur, Format 27 x 23 cm, € 17,50
Immer wieder taucht die Spirale in den Bildern von Robert Rotar (1926-1999) auf. Sie windet sich als Sinnbild für Wandlungs- und Entwicklungsprozesse nach außen in den unendlichen Kosmos und verdichtet sich nach innen in den ebenso grenzenlosen Mikrokosmos. Als Holger Skiebe geboren, nahm er 1966 den Namen Robert Rotar an und verkürzte ihn schließlich auf Rotar. Seine Obsession für die wirbelnden Fliehkräfte der Spirale wurde so auch in seinem Namen zum Markenzeichen.
Das Museum Schloss Moyland widmete ihm Ende 2009 mit „Kosmos und Kosmologie“ die erste retrospektive Ausstellung. Seine Kreisbilder entstanden anfangs auf einem umgebauten Plattenspieler, dann konstruierte er einen großen Drehteller und ließ ihn als „Maschine zum voll- und halbautomatischen Malen von Kunstgegenständen und Zeichnungen“ patentieren. Es entstanden psychedelische Werke, die an astronomische Aufnahmen erinnern, an Spiralnebel, Supernovä und Spektralanalysen.
In späteren Jahren widmete Rotar sich dem Studium von Astronomie, Alchemie, der Kabbala und anderen okkulten Lehren und entwarf daraus ein Formenrepertoire aus Symbolen, Stempeln und Zahlen, das er in seinen Collagen, Zeichnungen und Skulpturen immer wieder neu variierte.
Obwohl esoterische Themen sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen, wirkt das Œuvre Rotars veraltet. Auch dem engagiertesten Kabbalisten würde es wohl nicht mehr einfallen, seine Schriften mit „Das Chaos schrie: Forme mich!“ oder „Den Zerbrechenden berührt Gott das Herz …“ zu beginnen. Rotar lebte seine Obsession, er war von seinem Thema besessen und reflektiert in seinen Arbeiten auch die Begeisterung der 1970er Jahre für Ufologie, außersinnliche Wahrnehmungen und skurrile Esoteriker wie Aleister Crowley.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de