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Dienstag, 15.09.2009

Fotografien verblassen, Magnetbänder zerfallen zu Staub, Webseiten verschwinden im digitalen Nirvana und keiner weiß mehr, wie die antike Videoinstallation funktioniert. Der im Oktober 2006 gestartete zweijährige Master-Studiengang „Konservierung Neuer Medien und Digitaler Informationen“ (KNMDI) an der Kunstakademie Stuttgart verspricht Abhilfe. Mit dem Programmkoordinator Klaus Pollmeier sprach sonnendeck-Redakteur Michael Reuter.

Wie ist die Idee zum Master-Studiengang entstanden?

Ich habe eine Ausbildung als Fotoingenieur, war zehn Jahre Leiter der Fotowerkstatt eines großen Museums und habe als Lehrer für Fotografie an einer Fachhochschule gearbeitet. Neben der angewandten Fotografie wurden für mich aber seit Mitte der 1980er Jahre Fragen der Konservierung und Restaurierung immer wichtiger.

Der Studiengang KNMDI war eine Idee von Prof. Dr. Gerhard Banik, dem ehemaligen Leiter des Studiengangs „Konservierung und Restaurierung von Grafik-, Archiv und Bibliotheksgut“ und mir. Sie entstand, als ich voller Ideen von einem zweijährigen Studien- und Forschungsaufenthalt zur Konservierung und Restaurierung in den U.S.A. zurückkehrte. Seit 2002 haben wir das Konzept für einen Studiengang entwickelt, der sich mit der Konservierung und Restaurierung von Fotografien, Videos und digitalen Informationen beschäftigen sollte. Im Oktober 2006 wurde der Lehrbetrieb aufgenommen.

Wie war die Resonanz auf das neue Ausbildungsangebot?

In der Fachwelt sehr positiv, doch die Zielgröße von 8-12 Studenten pro Jahr haben wir bisher noch nicht erreicht. Es ist nicht leicht, einen solchen Studiengang außerhalb der Fachkreise bekannt zu machen. Die potenziellen Studenten kommen aus sehr unterschiedlichen Bereichen und lassen sich nur schwer gezielt ansprechen. Ob Historiker, Informatiker, Kulturwissenschaftler oder Restaurator: Jeder, der mit Bestandserhaltung in seinem Bereich zu tun hat, ist bei uns gerne gesehen.

Unsere Dozenten sind Fachleute aus den verschiedensten Gebieten, zum Teil aus dem Ausland. Von Videotechnikern und Informatikern über Archiv- und Museumsleute bis hin zu Projektmanagern und Philosophen. Es gibt noch keine etablierte Szene, aus der man sich bedienen könnte, nur einzelne Institutionen, die in ihrem Bereich sehr weit fortgeschritten sind, wie das ZKM in Karlsruhe bei der Videokonservierung.

Welche Probleme der Konservierung treffen Sie am häufigsten an und in welchen Bereichen ist besondere Eile geboten?

Ein Hauptproblem ist, dass die Konservierung Neuer Medien bei vielen Häusern vernachlässigt wird. Es gibt noch große Unkenntnis und Naivität. Viele Museen tun jetzt den ersten Schritt und kommen auf uns zu, weil sie merken, dass etwas getan werden muss.
Wir sind aber keine klassischen Restauratoren, wir sind Bestandserhaltungs-Manager. Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Sammeln und Zugänglichmachen von Informationen, damit man z. B. eine Videoinstallation wieder so aufbauen kann, wie sie gedacht war, und organisieren die Maßnahmen für ihren langfristigen Erhalt.
Ein großes Problem sind die analogen Videobänder, die sich langsam zersetzten. Die Digitalisierung ist hier das einzige Mittel, um die Informationen zu retten und um sie von der obsoleten Technik abzulösen. Das ist häufig ein Problem zwischen den Restauratoren und uns. Sie sind es gewohnt, Originalobjekte möglichst unverändert zu erhalten, wir dagegen sagen, dass die Information bei elektronischen Medien vom Originalobjekt getrennt und rechtzeitig an neue Technologien angepasst werden muss. Um an die Informationen zu gelangen, vermitteln wir im Studium auch viele praktische Kenntnisse z. B. zu fotografischen Verfahren, Videoformaten, Gerätetechnik und Digitalisierungsstandards.

Was sagen die Künstler, wenn sie vor ihren eigenen, analog-verrauschten Frühwerken stehen?

Die Künstler haben in den 70er und 80er Jahren vor allem mit semi-professioneller Videotechnik gearbeitet, die nicht zu teuer und leicht zu bedienen war. Viele würden heute gerne ihre alten Arbeiten mit moderner Technik überarbeiten, aber im Interesse einer authentischen Überlieferung wollen wir möglichst vermeiden, dass nachgebessert wird. Die ersten Museen geben inzwischen genormte Fragebögen an Künstler aus, um den Bestandserhaltungsprozess so fortzuführen, dass ihre ursprüngliche Intention gewahrt bleibt.

Im Neubau II der Stuttgarter Kunstakademie steht seit 1996 die Installation Two Way Communication (KURSIV) von Nam June Paik. Funktionieren die 90 Röhrenmonitore noch?

Die Installation von Paik ist ein typisches Beispiel für ein Videokunstwerk, das seine physische Lebenserwartung langsam erreicht. Die ersten defekten alten Röhrenmonitore konnten noch gegen identische Ersatzgeräte ausgewechselt werden. Das Steuerpanel wird durch Oxidation langsam klapprig und muss bald ersetzt werden und die alten Laserdisk-Player haben wir kurzem gegen Flash-Player getauscht, weil die originalen Bildplatten anfingen, sich zu zersetzen. Wir haben die Arbeit dokumentiert, die Videos digitalisiert, notwendige Maßnahmen zur Erhaltung besprochen und werden jetzt ein Konservierungskonzept vorlegen.
Mac Kobus, einer ihrer ersten Absolventen, hat während eines Projektes Vorschläge zur authentischen Archivierung von Websites ausgearbeitet. Bezüglich des Internets drängt sich eine Frage besonders auf: Welche Inhalte sind erhaltenswert und welche nicht?

Was erhaltenswert ist, entscheidet die auftraggebende Institution. Mac Kobus arbeitet zurzeit bei der Schweizerischen Nationalbibliothek und archiviert dort Webseiten, die sich mit Schweizer Kulturgut beschäftigen. Es gibt aber viele Bereiche des Internets, die nicht archiviert werden können, z. B. passwortgeschützte Seiten oder urheberrechtlich geschützte Informationen. Auch die Browser und viele Applikationen ändern sich. Die volle Funktionalität von Webseiten wird vermutlich nicht für ewige Zeiten zu gewährleisten sein.

Der Studiengang finanziert sich aus Projektmitteln der Landesstiftung Baden-Württemberg. Ist die weitere Finanzierung gesichert?
Wir warten noch auf eine Zusage des Ministeriums, und mit uns sieben neue Studienanwärter. Aber je länger die Entscheidung dauert, desto größer ist die Gefahr, dass sie wieder abspringen. Dieser Studiengang ist einmalig und es wäre für die gesamte Fachwelt unverständlich, wenn er aufgegeben werden würde.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 74, Oktober 2009.