Licht! Mehr Licht! Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen wagt sich mit einer kleinen Kerze in das Mysterium der Nacht
Donnerstag, 29.10.2009
An den Anfang hätten sie gehört, die beiden Werke von Philipp Haager, in denen Isabell Schenk-Weininger von der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen die kosmische Ursuppe schwappen sieht, die Gähnung grundlos und das archaische Nichts.
Aber auch der Beginn göttlichen Gestaltungswillens lässt sich in Haagers Tuschmalerei beobachten, denn nach einigem Hinsehen schälen sich rötliche Farbwolken aus dem schwärzlichen Wabern. Es ist, als ob sich die Schöpfung vollzieht, je länger man die Bilder betrachtet.
Doch statt dem Stuttgarter Jungmaler darf Altstar Thomas Ruff mit zwei seiner langweiligen Fotos des Sternenhimmels und einem etwas unmotiviert gehängten Bild der „Nächte“-Serie das Entree der Galerie bespielen. 1992 fotografierte Ruff als Reaktion auf die Medienbilder des Golfkriegs mit einem Restlichtverstärker im Düsseldorfer Hafen und schuf mit „Nächte“eine unwirklich-unheimliche Serie, deren Wirkung in Bietigheim verpufft, weil der Kontext „Nacht“ das Bild nicht gut trägt.
Es werde Dunkel! ist eine breit angelegte Ausstellung, die keine Fragen an die Werke stellt, sondern die Nacht als einen Zustand konstatiert, aus dem heraus sich eine Vielzahl von Konnotationen ergeben, die in der Städtischen Galerie kurz freigelegt und mit dem nächsten Werk wieder zugeschaufelt werden. Fünfzig Arbeiten von zwanzig beteiligten Künstlern bieten einen facettenreichen, aber unpräzisen Einblick in die Darstellung der Nacht in der zeitgenössischen Kunst.
Ein Kernaspekt der Schau ist die Verlangsamung der Zeit, die Auflösung der Realität und die Intensivierung von Empfindungen und Sehnsüchten. Ralf Bauer stürzt sich malerisch ins hektische Nachtleben, Simon Pasieka beschwört in seinen Tuschzeichnungen melancholisch die Jugendzeit mit Feriencamps, der ersten Liebe und lauschigen Grillabenden und Kate Waters Malerei erinnert an die Einsamkeit nächtlicher Großstadtfiguren bei Edward Hopper. Die Langzeitbelichtungen von Michael Schnabel versuchen, den Alpen bei tiefster Dunkelheit noch das letzte Restlicht abzutrotzen, und Maria Loboda spielt in ihrer Installation Four or five manifestations of a nightmare mit der Lust am Topos Gespenst.
Herausragend ist die Videoarbeit SHU (Blue Hour Lullaby) von Philipp Lachenmann, der ein isoliert in der kalifornischen Mojave-Wüste liegendes Hochsicherheitsgefängnis während der einsetzenden Dämmerung zeigt. Die surreale Wirkung der auf zwölf Minuten komprimierten Szene wird noch durch einige Bildflecken verstärkt, die zunächst wie helle Sterne wirken, sich schließlich aber als digital hinzugefügte Aufnahmen einfliegender Flugzeuge entpuppen.
Auffällig sind auch die Anspielungen einiger Künstler auf die Darstellung der Nacht im Film. Die Kreidezeichnungen von Achim Hoops zeigen verlassene Straßen, Treppenhäuser und Hotelzimmer, die wie Filmstills wirken. Auch die quälend langen Filme von Oliver Boberg spielen mit der Erwartungshaltung eines Kinobesuchers: Dreißig Minuten lang werden ein nächtlicher Wald, eine nächtliche Gasse und eine nächtliche Landstraße gezeigt und dann passiert schließlich – nichts.
Meisterschüler
Dienstag, 13.10.2009
Katalog zur Ausstellung der Meisterschüler der HBK 2006 in Braunschweig. Hg. von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Mit Texten von u.a. Hannes Böhringer und Sarah Frost. Eigenverlag, Braunschweig, 2007, ISBN 3-88895-049-X, 100 Seiten, ca. 60 s/w-Abb., Klappbroschur, Format 32 x 23 cm, € 10.–
An diesem Katalogfund aus den zerklüfteten artheonschen Kataloggebirgen fällt erstmal das rot-weiße Streifenmuster auf, dass hiesige Eleven der Kunstakademie sehr ähnlich heuer für die grafische Gestaltung des Akademierundgangs nutzen. Alles schon mal da gewesen.
Ähnlich ergeht es dem Betrachter bei der Durchsicht des Bandes. In historischen Zeiten mag die Aussicht auf eine Präsenz in einem Papierband Anreiz genug für einen jungen Meisterschüler gewesen sein, ein paar schwarz-weiße Werkfotos zwischen die sechzig anderen schwarz-weißen Werkfotos zu werfen, und das Beste zu hoffen.
In Zeiten uferloser Internetpräsenzen und spottbilliger Datenträger darf es schon ein bisschen mehr Einfallsreichtum sein, alldieweil Barbara Stzraka, Präsidentin der Braunschweiger Hochschule, in ihrem Vorwort vom Kunststudium als einem „Proberaum für die Echtzeit“ spricht, der auch „Kommunikations- und ‚Überlebensstrategien‘ im Kunstbetrieb“ umfassen solle. Für sie ist der Katalog zu einem „Gesamtkunstwerk“ geworden, der belege, „dass sich die ‚Schüler‘ von ihren Lehrern längst emanzipiert haben.“
Nun ja, auch dem Rezensenten ist klar, dass die Kassen leer sind und jede erfolgreiche Sponsorensuche Lob verdient, aber diese krude Mischung von Kurztexten zum schwammigen Thema „Bitte irgendwas mit Meisterschüler und Kunst“ und ein kommentarloses Sammelsurium von Abbildungen der einundzwanzig Absolventen kann es wirklich nicht sein.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Von Knausbira, Käskippern und Blaustrümpflern
Unterwegs für das geplante Stuttgarter Stadtmuseum
Montag, 12.10.2009
Ende 2012 soll das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais eröffnet werden. Ob der Termin zu halten ist, muss sich zeigen, aber es wird bereits fleißig nach Bildern, Themen und Exponaten recherchiert und geforscht. Der folgende Text basiert auf einem Gespräch von sonnendeck-Redakteur Michael Reuter mit der Kunsthistorikerin Barbara Hornberger (47), die im Auftrag des Planungsstabes Stadtmuseum zurzeit oft im Lesesaal der Landesbibliothek anzutreffen ist, auf der Suche nach Geschichten aus der Stuttgarter Vergangenheit.
Ich arbeite seit vielen Jahren als selbstständige Kunsthistorikerin, vor allem im kulturgeschichtlichen Bereich. Als der Planungsstab für das Stadtmuseum gegründet wurde, habe ich Interesse bekundet, bei den Recherchen mitzuwirken. Die Leiterin, Dr. Anja Dauschek, hat mich auf die Geschichte der einzelnen Stadtteile angesetzt.
Es gab schon früher eine kleine Ausstellung zur Stadtgeschichte im Wilhelmspalais und seit 1994 die stadtgeschichtliche Sammlung im Tagblattturm, die vom Stadtarchiv eingerichtet wurde. Durch den Umbau des Areals zu einem Theater-Zentrum wurde die Sammlung Ende 2000 geschlossen. Seitdem forderten viele Bürger und Interessengruppen ein zeitgemäßes, leistungsfähiges Stadtmuseum.
In jedem Stadtteil gibt es Leute, die sich intensiv mit ihrem Viertel beschäftigen, Heimatbücher verfassen oder kleine Museen leiten. Meine Aufgabe wird es auch sein, dieses Expertenwissen von einem neutralen Standpunkt aus für die Ausstellung im Wilhelmspalais zu bündeln.
Alle Stadtteile, bis auf die, die jetzt zu Stuttgart-Mitte gehören, waren eigenständige Dörfer und wurden erst im 20. Jahrhundert eingemeindet. Die Stadt Feuerbach z. B. wurde 1933 zwangseingemeindet, obwohl die Bewohner nicht sonderlich begeistert waren. Auch mit der selbstbewussten Stadt Cannstatt dauerten die Verhandlungen lange, bis es 1905 zur Vereinigung kam. Die Stadt Stuttgart war vor allem an einer Ausdehnung Richtung Neckar interessiert, denn im Stuttgarter Westen, wo sich viele aufstrebende Firmen angesiedelt hatten, wurde es schnell zu eng. Am Neckar gab es viel Platz und die Wasserkraft. Zudem gab es seit 1845 die Eisenbahnlinie zwischen Cannstatt und Untertürkheim, die später bis nach Esslingen weitergeführt wurde. Auf der anderen Seite bemühten sich viele ärmere Dörfer bereits zwischen 1900 und 1920, eingemeindet zu werden. Sie profitierten von neuen Wasserleitungen und der Elektroversorgung.
Im Moment beschäftige ich mich mit Rohracker, früher ein ganz kleines Weinbauerndorf und auch heute noch etwas abgelegen. Der bewirtschaftetet Besitz zog sich vom Tiefenbachtal bis zum Frauenkopf, absolute Steillagen, die schwer zu bearbeiten waren.
Der Frauenkopf entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem Nobelort mit Landhäusern, aber die armen Leute in Rohracker, die von ihrer Landwirtschaft nicht leben konnten, mussten nach Hedelfingen oder bis nach Esslingen gehen, um Arbeit zu finden. Die Bevölkerung war deshalb politisch stark linksorientiert. Vor 1933 konnte die NSDAP hier nur mit Schutzpersonal Veranstaltungen abhalten und eine Laientruppe aus Rohracker führte das Theaterstück „Cyankali“ von Friedrich Wolf auf, das sich mit damals illegalen und oft tödlichen Abtreibungen beschäftigt.
Spannend sind auch die Spitznamen für die Bürger der einzelnen Stadtteile. Die Rotenberger heißen „Käskipper“, die Hedelfinger „Knausbira“. Dazu gibt es mehr oder weniger haltbare Legenden. So wurde angeblich 1518 der flüchtige württembergische Herzog Ulrich von Württemberg von den Heslachern verraten. Nach seiner Rückkehr mussten sie zur Strafe sonntags zum Kirchgang blaue Strümpfe tragen – daher ihr Spitzname „Blaustrümpfler“. Die Bürger in Rohracker heißen „Welschkorneber“, weil sie früher für den eigenen Gebrauch Mais angebauten.
Möhringen gehörte seit dem Mittelalter zum Besitz des Katharinenspitals in Esslingen. Dort gab es um 1660 einen fanatischen Hexenjäger, Daniel Hauff, der besonders gerne in Möhringen wütete. Es geht die Sage, dass er plötzlich starb, als er anfing, auch Esslinger Bürger der Hexerei zu beschuldigen. Vermutlich wurde er vergiftet. Die Möhringer haben seither den Spitznamen „Hexen“.
Ich denke, trotz der momentanen finanziellen Situation wird das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais auf jeden Fall kommen. Vielleicht etwas später als geplant. Die beiden Siegerentwürfe des Architekturwettbewerbs werden gerade überarbeitet, die Forschungen laufen auf Hochtouren und das Museum hat mit etwa 5000 Exponaten noch einen recht kleinen Sammlungsbestand. Das Württembergische Landesmuseum besitzt zwei Millionen Exponate. Aber es geht voran und ich bin gespannt, was ich in den Bibliotheken und Archiven noch über Stuttgart und seine Bürger herausfinden werde.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 77, Januar 2010.