Die Stadt nach dem Öl: Zukunftsentwürfe zwischen schönen Illusionen und harten Fakten
Mittwoch, 13.01.2010
Die Ausstellung Post-Oil City – Die Stadt nach dem Öl in der ifa-Galerie Stuttgart stellt urbanistische Projekte vor, die im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Mobilität in Zeiten schwindender Ölreserven vorbildhaft und zukunftsweisend sind. Kooperationspartner ist die Architekturzeitschrift ARCH+, die neben der Ausstellung ein umfangreiches Katalogheft präsentiert. sonnendeck-Redakteur Michael Reuter sprach mit Christian Berkes, der zum Kuratorenteam der Ausstellung gehört. Weiterlesen »
Debütausstellung Xianwei Zhu an der Kunstakademie Stuttgart
Dienstag, 12.01.2010
Ganz an den Rand des Bildes „Searching for No Heaven“ setzte der 1971 in Qingdao/China geborene Xianwei Zhu einen kleinen Affen, der sich melancholisch das Remmidemmi in der Bildmitte betrachtet. Liest der Betrachter den Affen als klassische Reflexionsfigur für den die Natur „nachäffenden“ Künstler, so scheint sich auch Xianwei nicht ganz wohl zu fühlen in der lärmigen Gegenwart. Schon sein früheres malerisches Alter Ego, ein kugelköpfiger Knirps, stand immer etwas verloren im leeren Bildraum. Die Welt, das waren stets die Anderen, die jenseits des Keilrahmens bleiben sollten. Immerhin greift der Künstler nun in die Vollen, um sich den menschlichen Affenfelsen in seiner schönsten Verwirrtheit auszumalen, inklusive dem zähnefletschenden Alphatier als Sinnbild gesellschaftlicher Dominanz.
Trotzdem findet sich in den Bildern Xianwei Zhus stets ein ruhiger, abgelegener Felsen: Man muss ja nicht gleich alles mitmachen.
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Debütausstellung Friedemann Flöther an der Kunstakademie Stuttgart
Montag, 11.01.2010
Wo Damien Hirst mit seinem Diamantenschädel “For the Love of God” schon das eigene Ableben beklagt, geht es bei Friedemann Flöther noch ums Arbeiten. „Carve!“ klopfte er zur Freude der Hausmeister in eine Wand der Ausstellungshalle und legte sein Werkzeug gleich dazu, gebettet auf schwarzem Samt und mit Strasssteinen überzogen, zum Arbeiten nun gänzlich ungeeignet. Flöther stellt in der Kunstakademie Stuttgart noch bis zum 24. Januar unsere Vorstellungswelt infrage. Harte Superhelden dürfen sich auch mal küssen, Raketen tauschen ihre ölverschmierten Metallhüllen gegen ornamentale Tapetenmuster und ein friedfertiges Einhorn bohrt Selbiges wütend in eine Wand.
Die Verdrehung von Idealwelt und Realität kommt vielleicht etwas zu plakativ daher, ist dafür aber handwerklich perfekt und mit einem augenzwinkernden Blick auf das eigene Werk umgesetzt.
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Der Neon-Uterus
Freitag, 08.01.2010
Anselm Reyles Räume in der Tübinger Kunsthalle sind finster, dafür strahlt seine Kunst umso ungewöhnlicher.
Die Anselm Reyle GmbH beschäftigt je nach Auftragslage 15 bis 40 Mitarbeiter und gehört zu den international anerkannten Kunstfabriken. Firmenchef Reyle (*1970) hat sich auf die Kombination eigentlich simpler Einzelteile spezialisiert, die zusammen etwas merkwürdig Fremdes ergeben. So werden altertümliche Heuwagen, Wegkreuze oder schlichter Technikmüll mit grellen Neonfarben bestrichen und bunte Folien glitzern zerknittert in Plexiglaskästen, die wiederum mit changierender Folie beschichtet sind. Dramatisch ausgeleuchtet zeigen die dreiundzwanzig ausgestellten Werke in der Kunsthalle Tübingen unter dem punkigen Titel „Acid Mothers Temple“ den derzeitigen Stand technischen und künstlerischen Perfektionsstrebens der in Berlin-Kreuzberg ansässigen Gesellschaft. Um die Farbeffekte noch zu steigern, wurde die Decke der Kunsthalle mit schwarzen Stoffbahnen abgehängt und alle Wände mit schwarzer Folie verkleidet. Auf dem Boden verteilten die Mitarbeiter bahnenweise Teppichreste. So stolpert der neugierige Betrachter über Spiderman-Teppiche für Kinder und klebrige PVC-Beläge durch Reyles Neon-Uterus und wundert sich, dass für einen wilden Drogentraum das Ganze doch ein wenig zu gesittet daherkommt. Da helfen auch die ausgerissenen Stofffetzen an der Decke oder die gelegentlichen Lücken in der Wandfolie nicht. Die Inszenierung unterdrückt den Rausch, aber spannender als ein White Cube ist sie allemal.
Auch der Katalog im Elf-Farben-Druck ist ein echter Hingucker. Kurz vor Ausstellungseröffnung erreichte den Kurator Daniel J. Schreiber ein Anruf vom DuMont Verlag: Der Katalog könne rechtzeitig ausgeliefert werden – allerdings nur „en bloc“, da alle Seiten der Auflage zusammengeklebt sind. Es klappt nicht sofort alles in Reyles Welt, aber es wird alles sofort ausprobiert.
Klumpige Tonskulpturen werden in Bronze gegossen, verchromt und mit fliederfarbenem Scarabeo-Lack überzogen, fingerdicke Acrylpaste auf Leinwände gerakelt und mit Perlmuttlack veredelt. Technikschrott verwandelt sich mit Reißlack und schillernden Neonfarben in Materialbilder, die auf dem Kunstmarkt reißenden Absatz finden. Anselm Reyle hechelt durch die Kunstgeschichte, nippt von der Abstraktion, verkostet Informel, Zero, Op-Art, Action Painting und Nouveau Réalisme, zerkaut genüsslich die 70er, 80er, 90er Jahre, zerbröselt Punk, Pop und New Age in seiner ehemaligen Schreinerwerkstatt. Und was er berührte, ward zu Gold. Na ja – fast alles.
Die überdimensionierten Kerzenhalter aus verchromten Stahlprofilen, deren Vorbilder der Künstler im dilettierenden Milieu Berliner Hobbyschweißer fand, wirken mit ihrer bunten LED-Beleuchtung doch arg daneben und auch das auf eine dicke Scheibe gestreiften Marmors montierte neonfarbene Wegkreuz ist scheinbar jenseits aller Geschmacksgrenzen. Doch welcher Geschmacksgrenzen? In Tübingen steht die spielerische Experimentierlust der Firma Reyle im Mittelpunkt. Hier gibt es keine kunsthistorisch abgesegneten Werke, sondern pure Zeitgenossenschaft mit allen Risiken. Der eigene Ausdruck, die Sichtbarkeit einer individuellen Künstlerpersönlichkeit im Werk, also die romantische Vorstellung des genialisch, aber einsam in seinem kalten Atelier werkelnden Kreativen, bedient die Firma nicht. „Ich möchte mit meiner Person nicht soviel besetzen“, erklärt der Geschäftsführer. Ihn interessiere weniger der eigene, sondern der Ausdruck der Zeit, der Lebensumstände und der Moden, mit denen er lebe.
Trotz personaler Egalisierung verweilten Künstler und Kurator beim gemeinsamen Rundgang immer wieder sinnierend vor den glitzernden Materialbildern und fragten sich, welche genuinen Innovationen der jugendlich wirkende Konzernlenker in Kapuzenshirt und Turnschuhen denn nun in die Kunstgeschichte eingeführt haben könnte. Beruhigend zu wissen, dass der Innovationszwang noch nicht zum verstaubten Repertoire der Moderne gehört, sondern verchromt, blank geputzt und bunt beleuchtet auf einem Sockel mit Makassarholzfurnier ruht.
Der Beitrag erschien im Kunstmagazin Regioartline, Ausgabe 11. 2009.
Jennifer John, Dorothee Richter, Sigrid Schade (Hg.): Re-Vision des Displays
Mittwoch, 06.01.2010
Ausstellungs-Szenarien, ihre Lektüren und ihr Publikum
JRP|Ringier, Zürich, 2008, ISBN 978-3-03764-001-2, 224 Seiten mit 60 s/w-Abb., kartoniert, Format 23 x 16, € 20,–
Beim Symposium „Re-Vision des Displays“ Ende Juni 2007 in Zürich ging es im weitesten Sinn um die Inszenierung von Kunstausstellungen. Das Display fungiert als Schnittstelle zwischen Mensch und Ausstellung, als Teil eines Medienverbunds, der Bedeutung und Wissen, Normen und Werte produziert. Dabei lässt es sich nie ganz vermeiden, dass die Inszenierung, bewusst oder unbewusst, auch fragwürdige ideologische Konzepte transportiert.
So besteht der Kern der vorliegenden Anthologie in der Frage, wie sich ein Kurator an sein Ausstellungskonzept herantasten kann, ohne in die Falle unbewusster „Herrschaftsdiskurse“ zu stolpern, sei es die Unterrepräsentanz von Künstlerinnen, „das Problem der subtilen Manifestation überkommener Geschlechterrollen“ (R. Muttentahler), die Vorherrschaft westlicher Kunst oder die kritiklose Verwendung des White Cube, dessen ideologische Wirkung sehr anschaulich von Elena Filipovic beschrieben wird.
Der White Cube als neutraler Museumsraum mit weißen Wänden und gleichmäßiger Beleuchtung durch Oberlichter, ist eben alles andere als neutral. Er ist pure Ideologie und hat unsere Ansichten über Kunst und deren Präsentation stärker geprägt als die Kunstwerke selbst! Er konstituiert nicht nur unser Verhältnis zur Kunst, sondern formt auch einen bestimmten Typ von Betrachter – „wohlerzogen, ernst, entkörperlicht und in der Lage, sich mit ununterbrochenem Blick auf die Einzigartigkeit des Kunstwerks zu konzentrieren.“ (E. Filipovic)
Dorothee Richter beschreibt im Rückgriff auf Mary Anne Staniszewski drei normative Ausstellungstypen: die propagandistisch-emotionale Ausstellung, die nobilitierende Kunstausstellung und die pädagogisch-animierende Designausstellung. Eine vierte Kategorie bezeichnet sie als „selbstkritische“ Ausstellung.
Dieser vierten Kategorie dürften sich wohl alle beteiligten Kuratoren des Züricher Symposiums zugehörig fühlen. Sie alle sind in der Pflicht, sich den ideologischen Fallen zu stellen und versuchen, in einer selbstkritischen Ausstellungspraxis eine offene Lesart der Ausstellung zu ermöglichen, ohne sich dem Vorwurf der Beliebigkeit auszusetzen. So betont das Direktorenteam Iris Dressler und Hans D. Christ des Württembergischen Kunstvereins in einem Interview: „Bei aller Vermittlung ist und war es uns allerdings wichtig, diese offen und angreifbar zu halten. Für die Textdisplays bedeutet dies zum Beispiel, Interpretationen zu vermeiden und eher auf die Komplexität von Sachverhalten zu verweisen, als diese zu simplifizieren, im besten Falle also Fragen offen zu lassen oder gar zu provozieren. (…) Wir möchten die Besucher/innen nicht mit einer schlüssigen Botschaft überwältigen, sondern ihnen divergierende Leseweisen anbieten.“
Streng genommen wird das eigentliche Thema „Display“ in der Anthologie nicht richtig greifbar. Es bezeichnet alles und nichts und so sind die einzelnen Textbeiträge eher einer Sammlung kuratorischer und künstlerischer Positionen in Zeiten fortschreitender gesellschaftlicher Vereinzelung und Verunsicherung.
Michael Reuter
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Das Glück dieser Erde: Hans Pfrommer
Dienstag, 05.01.2010
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie der Stadt Backnang vom 16.05. – 16.08. 2009. Hg. von der Stadt Backnang. Mit einem Text von Martin Schick. Eigenverlag, Backnang, 2009, ISBN 978-3-9810738-7-4, 48 Seiten, 36 Farbabbildungen, Broschur, Format 24 x 16,5 cm
Mit Humor tut sich die zeitgenössische Kunst schwer und so ist auch dem Werk von Hans Pfrommer keine übermäßig große Aufmerksamkeit beschieden. Immerhin hat er zwei Galeristen, die sich redlich um sein Oeuvre kümmern, und die Galerie der Stadt Backnang würdigte den 1969 in Stuttgart geborenen und hier immer noch wirkenden Pfrommer jüngst mit einer Einzelausstellung. Dermaßen und im tiefsten Sinnen des Wortes in der künstlerischen Provinz verwurzelt (sein Atelier befindet sich im Tiefparterre) verwundert es nicht, das Pfrommer in seinen mit kontinuierlicher Beharrlichkeit entstehenden Kleinformaten, einen lakonisch-bissigen Humor entwickelte, der ihn so manch schwäbische Familienfeier ohne bleibende psychische Schäden überwinden ließ.
Wunderbar vor allem sein Wortwitz, der in den überlangen Bildtiteln aufblitzt, und der zusammen mit den Bildinhalten die Sinne des Betrachters verdreht. Martin Schick spricht in seinem Text vom „Pfrommer-Virus“, der den Infizierten dazu verleite, jede schräge Lebenssituation, und derer sind Legionen, mit einem „Pfrommer-Bildtitel“ versehen zu wollen. Unerreicht die Serie „Silvester bei Bekannten, die auch ohne Alkohol fröhlich sein können“, die den finalen Schrecken von Bleigießen, Kleinstfeuerwerk und Fernsehabend vor die Augen des erschütterten Betrachters führt. Wir alle haben dergleichen bereits durchlitten, aber erst Pfrommer gelingt es, das archetypische Grauen einer Silvesternacht zu Hause auf die Leinwand zu bannen. Mein persönlicher Favorit ist allerdings: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück! (Blick des Krümels aus dem Toaster)
Michael Reuter
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