Kampfkuscheln im WKV
Montag, 22.02.2010
Eher an ein Sperrmülllager als an eine Kunstausstellung erinnert die unkuratierte Show der Künstlermitglieder des Württembergischen Kunstvereins – unkuratiert im schlimmsten Sinne des Wortes. Den theorieverliebten Direktoren Dressler und Christ dürften die Tränen in den Augen gestanden haben angesichts der aufeinandergetürmten Grausamkeiten.
Kunst und Gesellschaft sollen hier reflektiert und diskutiert werden. Es gibt eine Diskursarena und zahlreiche Vorträge, Gespräche und Performances. Stuttgart 21 wird ebenso auf- und angegriffen wie „Konsum- und Kapitalismuskritik, alternative Lebensmodelle, Formen der Partizipation oder Kunst als demokratischer Handlungsraum“. Mal so richtig Kampfkuscheln und Baden im abgestandenen Wasser gemeinsamer Überzeugungen.
Veröffentlicht auf sonnendeck.de
Die Welt ist schlecht, na und?
Samstag, 13.02.2010
Die Hardcore-Pandämonien Damien Deroubaix’ in der Villa Merkel in Esslingen.
„Echt lecker gemalt“, findet Andreas Baur und streicht liebevoll einem in Grisailletechnik gemalten skelettierten Gorilla über den bleichen Schädel. Der sich stets für zeitgenössische Kunst engagierende Leiter der Villa Merkel bleibt unwidersprochen: Malen kann er, der 1972 in Lille geborene Damien Deroubaix. Seine riesenhaften collagierten Zeichnungen, Skulpturen und Holzschnitte, die derzeit in Esslingen zu sehen sind, präsentieren sich als Hardcore-Pandämonium aus Versatzstücken des kollektiven Albtraum-Bildarchivs. Konsumschelte, Gewaltorgien und Pornozitate sind künstlerische Druckmittel von gestern. Kommt Deroubaix’ Werk einfach zu spät oder steht es am Scheitelpunkt, am „Peak Fear“ einer wütenden, verunsicherten Malerei?
Wer sich ständig den Kopf mit Death Metal und Grindcore-Musik zuballert, darf sich über nächtliche Albträume nicht wundern, und wer zu viele Pornos lädt, sieht bald in jeder Frau die Nutte. Damien Deroubaix produziert die ultimative Bilderübersättigung, ein aufwendig gestaltetes Horror-Porno-Punk-Szenario, das von allem zu viel bietet. Zu viele Skelette, Kriegsmaschinen, Waffen und Gekröse. Zu viel sadomasochistisches Monstergrinsen. Zu viele Titten, Schwänze und Schlagwortfetzen. Seine „Shit“, „Money“, „Dead Forever“, „Plague“, „Yeah“-Sprechblasen und Holztafeln, die er in den Bildern und an seinen Installationen verteilt, behaupten alles und belegen nichts. Sie nivellieren einen immer komplexer werdenden Weltenlauf umstandslos auf einige Worthülsen. Klar, die Welt ist schlecht – na und?
Die Katalogautoren geben sich uneinig: Während Andreas Baur die „Weltenstürze, Untergangsszenarien, Giftküchen, dunkle Prophezeiungen und allegorische Darstellungen“ Deroubaix’ als Kapitalismus- und Wertekritik deutet, sieht Ralf Melcher in den Horrorvisionen eine brillante Pathologie des Bildgedächtnisses der Kunst: „Man erkennt, dass der Horror und das Grauen, die tiefe Bedeutungsschwere, die Endzeitthemen tatsächlich nicht gemeint sind: Der Künstler hätte genauso gut idyllische Landschaften, Putti und Blumenwiesen als Exempel seiner Arbeiten wählen können.“ Und Konrad Bitterli erkennt „bei aller Virtuosität und allen subtilen Verweisen auf die Kunst- und Kulturgeschichte eine unmittelbare Aktualität und Dringlichkeit in seiner endzeitlichen Bildsprache: Utopia Burns – die innerweltliche Katastrophe wird bei Damien Deroubaix eindrückliche Kunst“.
Deroubaix’ Figuren erzählen keine Geschichten, sie beziehen keine Stellung und nehmen sich gegenseitig nicht zur Kenntnis. Sie leben nur durch unsere Erinnerungen an Bilder aus Horrorfilmen, Tagesschau-Katastrophen, Grimmschen Märchenbüchern und Museumsausflügen. So weit so gut. Perseus stellt den Drachen, doch wo bleibt der Kampf? Deroubaix dokumentiert in seinem Werk, am Scheitelpunkt der Angst stehend, alle Übel der Welt. Ist er auch bereit, die Albträume in einem fulminanten malerischen Finale zu bezwingen?
Der Beitrag erschien auf der Website des Kunstmagazins Regioartline.
Bernhard Kahrmann: volatile tenderness
Samstag, 13.02.2010
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen vom 13.07. – 14.09. 2008. Hg. von Werner Meyer. Mit Texten von Rodney LaTourelle, Oliver Tepel und Werner Meyer. Eigenverlag, Göppingen, 2008, ISBN 978-3-927791-65-7, 78 Seiten, 28 Farbabbildungen, Klappbroschur, Format 30 x 23 cm, € 15.—
Schwere Kost für Bilderfreunde publizierte die Kunsthalle Göppingen mit dem Katalog zur Ausstellung „volatile tenderness“ des 1973 geborenen Bernhard Kahrmann. Der Künstler arbeitet nun, nach einer Phase visueller Aufgeregtheit mit hektischen Projektionen von Wörtern, Symbolen und alltäglichen Bildern, mit extremer Reduktion. Die Katalogtexte reagieren darauf umso wortreicher. Dabei gibt es fast nichts zu sehen. Sieben Diaprojektoren ohne Dias werfen ihr Licht auf eine gefaltete Fläche und produzieren durch die unterschiedliche Qualität der Objektive schwache Farbdifferenzen auf die Projektionsfläche. Die Installation „Hubble“ wirft wandernde Lichtpunkte in den Raum. Die Projektion eines Digitaluhr-Displays verlässt – als Reaktion auf ein minimalistisches Musikstück – den linearen Zeitfluss. Kahrmann bedient einen philosophischen Diskurs über Raum, Licht und Zeit, der sich einer fotografischen Abbildung heftig widersetzt.
Das Beste sind einige scheinbar leere Seiten im Katalog, die aber mitnichten leer sind, sondern das Licht zeigen, „das ein Blatt Papier auffängt und wieder von sich gibt, aufgenommen in einer (digitalen) Fotografie und wieder auf ein Papier eingebrannt.“ (Werner Meyer) Ob die kaum merklichen Knicke in den Blättern real sind (auf dem dünnen Papier entstehen spätestens nach dem ersten Durchblättern unweigerlich die ersten Knicke) oder nur reproduziert sind, lässt sich kaum feststellen. Ohne den erläuternden Text glaubt der Betrachter an einen Fehler der Druckerei, aber beim Blättern zwischen den Seiten stellt sich der Effekt ein, dass er etwas sehen will, egal ob real vorhanden oder nicht.
Michael Reuter
Madeleine Dietz: Verbergen und entbergen 2004 – 2009
Samstag, 13.02.2010
Hg. vom Kunstverein Buchholz/Nordheide. Mit Texten von Sven Nommensen, Andreas Mertin und Reiner Sörries. Eigenverlag, Buchholz, 2009, ISBN 978-3981017922, 80 Seiten, ca. 70 Farbabb., gebunden, Format 30 x 21 cm, € 15.—
Bis in sauerstoffarme Höhen bläst Autor Sven Nommensen die Skulpturen der 1953 in Mannheim geborenen Madeleine Dietz auf. Nicht weniger als die bannende „Kraft der geheimnisvollen Aura romanischer Kirchen“ entdeckt er in den kleinen Stahlkuben der Serie „Hier ist Niemand“, die durch eine Öffnung den Blick auf eine Schicht getrockneter Erde freigeben. Ob der Betrachter tatsächlich „gebannt“ einer himmlische Raumoffenbarungen beizuwohnen glaubt, wenn er seine Knie anwinkelt, um einen Blick in die Tiefen der Skulptur zu erhaschen, lässt sich anhand der Abbildungen im Katalog nicht nachvollziehen, aber zumindest sind sowohl Dietz‘ Kuben als auch ihre Säulen, Wandschuber, Tresore und Rauminstallationen perfekt ausgearbeitet, unverwechselbar und a bissel fade.
Mal türmt sie Erdziegel hinter einer Stahltruhe, dann formt sie Fundamente, die an archäologische Ausgrabungen erinnern, dann schüttet sie Erde in offene Stahltruhen oder zeigt Grabplatten aus Stahl mit pathetischen Worthülsen – eine jahrelange, typisch weibliche Auseinandersetzung mit Staub, Trauer, Erde, Vergänglichkeit, Leben und Tod, frei von männlicher Aggressivität. Sieht gut aus, kommt aber entschieden zu dekorativ daher und entwickelt sich nicht weiter.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Henrik Oleson: Some Faggy Gestures
Samstag, 13.02.2010
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, vom 02.06. – 12.08. 2007. Hg. von Heike Mulder. Mit Texten von Henrik Oleson und Heike Mulder. JRP Ringier, Zürich, 2007, ISBN 978-3-905829-46-4, 176 Seiten, 96 Farbabb., Broschur, Format 30 x 21 cm, € 40.—
Ein schöner und wirklich mal kaufenswerter Band erschien 2008 zur Ausstellung „Some Gay-Lesbian Artists and/or Artists Relevant to Homo-Social Culture Born between c. 1300-1870 / SEX-MUSEUM 2005-2007“ des 1967 in Dänemark geborenen Henrik Olesen im Migros Museum. Seine Installation besteht aus sieben großen Tafeln, auf denen Hunderte Abbildungen von Werken aus verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte zu finden sind, die Oleson in zweijähriger Recherche zusammengestellt hat.
Ähnlich dem umfassenden Bilderatlas-Projekt „Mnemosyne“ von Aba Warburg, der das Bildgedächtnis der europäischen Kultur zu rekonstruieren suchte, sammelte Oleson Bilder, Skulpturen und Texte, die den Spuren schwuler und lesbischer KünstlerInnen folgen. Außerdem stellte er umfangreiche Bildtafeln zusammen, die eigentlich gar nichts mit Homosexualität zu tu haben, die aber im Kontext der Gesamtschau einen inhaltlichen Bedeutungswandel erfahren. Das Panel II umfasst zum Beispiel Kunstwerke zu den Themen „Fathers“, „Masculinity“, „Dominance“, „Violence“, „Bondage“, „Bodies“ und „Männerfreundschaft“. Zu sehen sind jede Menge Skulpturen kräftiger, nackter Kerle von der Renaissance bis zum Historismus, gequälte Märtyrer, männliche Aktfotografien aus dem 19. Jahrhundert und eine bunte Sammlung sich umfassender Männer in Zeichnung und Malerei. Im Kontext der Ausstellung wirkt nun die ganze Kunstgeschichte wie eine Ansammlung von „some faggy gestures“.
Der Katalog nimmt graphisch das Ausstellungsdisplay des Künstlers auf und erhielt verdientermaßen die Auszeichnung als eines der schönsten Schweizer Bücher 2008.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Katharina Ferus und Dietmar Rübel (Hg.): „Die Tücke des Objekts“
Samstag, 13.02.2010
Vom Umgang mit Dingen
Reimer Verlag GmbH, Berlin, 2009, ISBN 978-3-496-02807-9, 253 Seiten mit m. 16 Farb- u. 80 s-w-Abb., gebunden, Format 24 x 17cm, € 29,–
Erstaunlich, welche Fülle an Themen zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden kann. Der Umgang mit „Dingen“ beinhaltet ein schier unendliches Reservoir an wissenschaftlichen Fragestellungen und so finden sich in dem Sammelband „Die Tücke des Objekts“ unter anderem Artikel über die Freischwinger von Marcel Breuer, über Windkrafträder, Pflastersteine, künstlerische Objets trouvés, Kultgegenstände aus Papua Neuguinea und über die Totenmaske von Friedrich Schiller. Ob Naturwissenschaftler, Kunsthistoriker oder Techniker: Irgendetwas von Interesse findet jeder in diesem interdisziplinären Band, der aus einer Tagung im Februar 2007 der Isa Lohmann-Siems Stiftung im Warburg-Haus, Hamburg hervorgegangen ist. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem kreativen Umgang mit der Dingwelt in der Bildenden Kunst. Die Artikel über Maskenmotive im deutschen Stillleben, Pflastersteine zwischen „Ready made“-Kunstwerk und revolutionärem Wurfgeschoss oder Freischwinger als Antwort der Designer auf den beschleunigten Lebensstil der 1920er Jahre bilden den Kern des Bandes und kehren immer wieder zu den unruhigen Jahren zwischen den Kriegen zurück.
Der einleitende Beitrag von Christoph Asendorf „Verlust der Dinge? Stationen einer endlosen Diskussion“ hält die ungleichen Beiträge des Bandes zusammen und beschreibt kurz, wie der Umgang mit Dingen sich über die letzten Jahrhunderte veränderte. Er skizziert im Ergebnis ein Dreistufenmodell: die vorindustrielle Zeit mit einer eher geringen Zahl langlebiger Objekten, mit denen die Besitzer stark verbunden waren. Dann die Zeit nach 1900 mit Industrialisierung und beginnender Massenproduktion, die zum Zerfall des Dingwertes und einer Erfahrung des Verlustes und der „Verzicht auf Dauerndes“, wie Paul Valéry im Hinblick auf die Kunst schrieb, einherging. Und schließlich die 1950er Jahre, „eine Epoche des Übergangs, wo die Praxis eines lang andauernden vertrauten Umganges mit den immer gleichen Dingen der Lebenswelt, welche schon durch den Krieg erschüttert war, nun mit der Entfaltung der Konsumgesellschaft endgültig obsolet zu werden droht.“
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de