Watchlist #3: Mona Ardeleanu
Montag, 26.04.2010
Es läuft gut für Mona Ardeleanu. Der Kunstverein Weil am Rhein zeigte über drei Etagen die Arbeiten der letzten Monate in einer Einzelausstellung, bei Rainer Wehrs Jubiläumsausstellung ist sie vertreten und Ende Mai stellt sie bei John Doe Projects in Karlsruhe aus. Dabei beendet die 26-jährige erst im Juli ihr Studium an der Kunstakademie Stuttgart. Viel Zeit zum Feiern bleibt nicht, denn als glückliche Gewinnerin des Stipendiums Junge Kunst zieht Ardeleanu bald für ein Jahr nach Lemgo in Ostwestfalen. Gegen hundert Wettbewerber hat sie sich mit ihren „altmeisterlich“ gemalten Bildern durchgesetzt.
Ein mehrmonatiger Aufenthalt in der Klasse Daniel Richter an der Kunstakademie Wien brachte die Wende im Werk der jungen Künstlerin. Wo vorher ein buntes Gewusel aus bühnenähnlichen Situationen mit Naturelementen, Menschen, Tieren, Tapetenstrukturen, Kissen und Decken ihre Gemälde beherrschte, zeigte sich nun eine radikale Neuinterpretation des Raums. Die anarchistische Grenzenlosigkeit verdichtete sich zu merkwürdigen Bündeln aus Stroh, Haarteilen und Textilien.
Wie eine Elster trägt Ardeleanu ihre Fundstücke zusammen: Hier ein besonders schöner Faltenwurf, dort eine Spitze aus feinster Seide, ein reizvolles Korbgeflecht, eine Perücke, teurer Schmuck oder einfaches Stroh – vor dunklem Hintergrund entstehen aus den einzelnen Elementen akribisch gemalte Nester und Stoffknäuel, in sich geschlossenen Räume aus scheinbar nicht zueinander passenden Materialien, die zu Sinnbildern für Geborgenheit werden.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 79, März 2010.
Sicher am Berg
Montag, 19.04.2010
Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner fand 1918 in der höchstgelegenen Stadt Europas einen vergänglichen Frieden. Zwanzig Jahre später beschloss er, Zuflucht an einen noch höher gelegenen Ort zu suchen: Kurz vor 10 Uhr am Morgen schoss er sich mit einer Browning zweimal in die Brust.
Schön ist sie gewesen, die Schweizer Bergwelt im Jahr 1920 rund um den schon damals beliebten Luftkurort Davos. Das Gras war grün, die Bauern knorrig, die Kühe willig und die romantisierende Sehnsucht abgestumpfter Großstadtbewohner nach dem echten Leben auf dem Lande genauso fragwürdig wie in heutiger Zeit. Besonders heftig erwischte es Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), deutscher Expressionist und Gründungsmitglied der Künstlergruppe Brücke . Als er sich 1915 als Freiwilliger zum Militär meldete, war die Brücke bereits Geschichte und Kirchner hatte in den letzten beiden Jahren seine berühmten Berliner Großstadtbilder gemalt. Gut bekommen ist ihm der Dienst in der Mansfelder Feldartillerie in Halle an der Saale nicht; ein Jahr später landete er, seelisch und körperlich am Ende, drogenabhängig und mit Lähmungserscheinungen erstmals in Davos, um sich auszukurieren. Nach zwei Wochen Zähneklappern in klirrender Kälte verließ er fluchtartig die Bergwelt, aber bereits 1918 ließ er sich für den Rest seines Lebens dort nieder. „Ich bin froh und glücklich hier zu sein und zu bleiben. Hier kann ich wenigstens in den guten Tagen etwas arbeiten und ruhig unter diesen einfachen und guten Menschen sein. Ich habe mir hier in der Einsamkeit den Weg erkämpft, der mir eine Fortexistenz bei diesen Leiden ermöglicht. Meine Zeiten des Zirkus, der Kokotten und der Gesellschaft sind vorbei.“
In der Region gibt es gerade reichlich Gelegenheit, sich mit Kirchner zu beschäftigen. Neben einer großen Retrospektive im Städel Museum in Frankfurt zeigt die städtische Galerie Stihl Waiblingen in Kooperation mit dem Kirchner Museum Davos die Ausstellung Erlebnis der Berge, die sich auf grafische Arbeiten aus den zwanzig Jahren in der Schweiz konzentriert. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt unter dem Titel Brücke Bauhaus Blauer Reiter 180 Werke aus der Sammlung des Unternehmers Max Fischer (1886-1975). Neben Arbeiten von Nolde, Munch, Beckmann, von Jawlensky, Schlemmer und Klee bilden die vielen Bilder von Kirchner einen deutlichen Schwerpunkt.
In Waiblingen sind rund hundert Exponate an dezent farbig gestalteten Wänden am Start: Sie bieten mit Themen wie „Bergleben“, „Porträt“ oder „Akt in der Landschaft“ einen unangestrengten Einblick in das grafische Werk Kirchners. In den ersten Schweizer Jahren widmete er sich fast ausschließlich den Motiven der Bergwelt und ihrer Bewohner. Hier schien er gefunden zu haben, wonach viele seiner von lebensreformerischen Vorstellungen durchdrungenen Malerkollegen immer gesucht hatten: Das einfache Leben im Rhythmus der Natur. Neben den Lithografien, Radierungen, Holzschnitten, Bleistift- und Kohlezeichnungen von mächtigen Berglandschaften, dunklen Wäldern und flinken Hirtenbengeln sind auch die ausgestellten Druckstöcke des Holzschnitts Kühe im Frühling von 19933/34 und die Radierplatte der Arbeit Bergwald von 1920 sehenswert.
Was der Ausstellung fehlt, ist ein wenig ungeschminkte Wirklichkeit als Gegengewicht zu Kirchners schwärmerischer Verklärung des Lebens am Berg. Der harte Arbeitsalltag jenseits perwollgewaschener Naturparadiesvorstellungen spricht zwar stellenweise aus den wettergegerbten Porträts, aber man merkt den Arbeiten Kirchners an, dass er nicht in der bäuerlichen Gesellschaft integriert war. „Ich habe nicht die Art, unter Menschen warm zu werden, (…) das ist Schicksal und vielleicht einer der schwersten Gründe, weshalb ich Maler wurde. Die Kunst ist ein guter Weg, seine Liebe zu den Menschen zu bezeugen, ohne sie zu incommodieren.“ Eine Fotografie zeigt den Künstler bei einer Tanzveranstaltung in seinem Haus. „In den letzten Tagen haben wir durch das Grammophon viel Besuch gehabt. Es wurde getanzt. Diese Naturkinder sind berauscht von der Musik. Ich werde interessante Sachen zeichnen können.“ Kirchner ist zwar dabei, steht aber abseits und wirkt eher wie ein freundlich gesinnter Ethnologe, der vorindustrielle Stammesriten betrachtet.
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Interview Astrid Nippoldt
Donnerstag, 15.04.2010
In ihren Foto- und Videoarbeiten untersucht Astrid Nippoldt (*1973) die „Fallen und Fährten“ unseres medial geprägten Alltags. An optischer und akustischer Inspiration besteht in ihrer Wahlheimat Berlin kein Mangel und bei drohender Reizüberflutung hilft der Rückzug in die Einsamkeit. sonnendeck- Redakteur Michael Reuter führte ein Email-Interview mit der Künstlerin.
Sind Sie eigentlich richtig bei der Foto-Triennale? Sie machen doch Videos?
Sicher bin ich in zuletzt vorwiegend mit Videoarbeiten in Erscheinung getreten. Dennoch kommt es immer häufiger vor, dass ich bildverwandte Medien wie Fotografie oder Zeichnung hinzuziehe.
Gerade, wenn es wie hier in der Serie “Parioli” einen filmischen Charakter gibt und sich Einzelbilder zu Sequenzen zusammenziehen lassen, empfinde ich den Unterschied zur Videokunst als minimal.
Schließlich findet jede Arbeit letztlich im Kopf des Betrachters statt, da spielt das ursprüngliche Medium kaum noch eine Rolle.
Hinzu kommt, dass ich für diese Fotoserie Videoaufnahmen als Quellmaterial verwendet habe.
Den Sprung zwischen den Medien finde ich außerordentlich spannend, so kann ich mir kaum eine medienspezifische Ausstellung vorstellen, zu der ich mich nicht hingezogen fühle.
Die Fotoserie „Parioli“ beschäftigt sich mit Prominenz, mit Menschen in der Anonymität, mit beobachten und beobachtet werden. Auch Ihr Video “Getaway Inn”, das 2006/07 während eines Stipendiums in der Villa Massimo in Rom entstand, spielt mit diesen Themen. Es erscheint mir schwer, auf diesem abgegrasten Terrain neue Aspekte aufzufinden. Worum geht es Ihnen genau?
Natürlich geht es mir um das Sehen. Um Sehgewohnheiten. Um die Konditionierung des Blicks und den Kontrollverlust über das Bild. Um die Fallen und Fährten, in die uns unsere medial geprägte Wahrnehmung führt.
Szenen und Stimmungen, hier bei abendlichen Veranstaltungen im Park der Villa Massimo, bilden dazu die perfekte Projektionsfläche.
Wie Protagonisten an einem düsteren Filmset begeben sich die Gäste willig ins Scheinwerferlicht.
Auch wenn die Szenen inszeniert scheinen, gehen die Bilder auf rein dokumentarische Aufnahmen zurück. Dieses Spannungsfeld zwischen den Genres interessiert mich sehr.
Ihre Videos und Stills sind nicht eigentlich narrativ, haben aber eine dramatische Grundstimmung. Als was funktioniert der „Suspense“ in Ihrer Arbeit?
Ich versuche, mit möglichst wenig möglichst viel zu zeigen. Das funktioniert aber nur dann, wenn sich der Film im Kopf des Betrachters weitererzählt. Ich denke, dass diese Mischung aus Lakonie und atmosphärischer Aufladung eben dazu beiträgt.
Dienen die Farbschwankungen, flackernden Bilder und starken Licht- und Schattenkontraste nur dem Aufbau einer inhaltlichen Atmosphäre oder reflektieren Sie damit auch Technik und Geschichte der Filmkunst?
In dieser Hinsicht bin ich Anachronist. Das heißt, ich agiere zwischen den Zeiten, indem ich mich der Bildästhetiken verschiedener Zeiten und Herkünfte bediene. Diese Bastarde aus disparaten Bildwelten faszinieren mich.
Hinzu kommt, dass ich die Herausforderung technischer “Fehlleistungen” gerne annehme, um so zu unkonventionellen Ergebnissen zu kommen. Hier lässt sich ein Subtext in die Arbeit einflechten, der sich über die einfache Abbildung so nicht darstellen ließe.
Wie stemmt sich eine zeitgenössische Medienkünstlerin gegen die Bildermassen? Wirkt die visuelle Vielfalt, die uns 24/7 umgibt, eher einschüchternd oder inspirierend?
Manchmal ermüdend, da geht es mir nicht anders als anderen Leuten.
Trotzdem gibt es da eine Leidenschaft fürs Visuelle, die mir trotz des gelegentlichen Überdrusses nicht abhanden gekommen zu sein scheint.
Wenn ich einen Film mit guten Bildern und starker Atmosphäre oder eine inspirierende Dokumentation sehe, begeistert mich das jedesmal, als gäbe es diesen ganzen Schrott ringsherum nicht, vielleicht aber auch gerade deswegen, als Insel der Erholung.
Schwieriger finde ich in dieser Hinsicht den realen Alltag in einer Großstadt wie zum Beispiel Berlin, wo man täglich Tausenden von Menschen begegnet und man überall mit visuellen und akustischen Reizen bombardiert wird. Für die Inspiration ist das eher kontraproduktiv.
Da bevorzuge ich die Monotonie und die totale Begrenzung der Mittel, deshalb fahre ich demnächst für eine Woche nach Island, nur wandern und filmen.
Die Technik wird immer besser, die Fotografie der Laien immer schlechter, weil ein Foto nur mehr eine schnell konsumierbare Erinnerung ohne Reflexion und Dauer sein muss: schnell geschossen – schnell verbreitet – schnell vergessen. Ist die Dauer, das bewusste Innehalten, ein Anachronismus?
Da bin ich Optimist und glaube zu einem gewissen Grad an die Selbstregulierung der Bedürfnisse, in dem Sinne, als dass es zu jeder Entwicklung eine Gegenentwicklung gibt. Nach der Invasion digitaler Kompaktkameras erleben gerade die Spiegelreflexkameras eine kleine Rennaissance. Handys können mittlerweile HD-Filme drehen. Bildqualitäten spielen auch im Amateurbereich eine immer größere Rolle. Immerhin steigen also die Ansprüche, ob der Umgang mit dem einzelnen Bild dadurch aber bewusster wird, darf bezweifelt werden. Andererseits setzen Werbung und Design Bilder mit zum Teil brillianter Virtuosität ein, was unsere Sehgewohnheiten durchaus positiv prägen kann.
Was als Herausforderung für die Kunst bleibt, ist in der Tat die Reflektion, das permantente Hinterfragen der Erscheinungsweisen der Welt, egal wie viel Zeit es kosten mag. Da darf man ruhig ein wenig „unzeitgemäß“ sein.
Ist die Fotografie ein Leitmedium in Kunst und Design geworden und was bedeutet das für die Fotografie?
Zusammen mit der Videokunst ist die Fotografie ein Medium, das “wahrnimmt”, das quasi als drittes Auge eine Verbindung zur Umwelt herstellt und diese aufzeichnet. Was ihr (im wertfreien Sinne!) manipulatives Potential betrifft, steht sie dabei keinem anderen künstlerischen Medium nach. Und letztlich geht es ohnehin darum, was daraus gemacht wird, was hinten dabei raus kommt.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 83, Juli 2010.
Neuaufstellung in der Stirling-Halle der Staatsgalerie
Donnerstag, 15.04.2010
Nun gut, der Kran sieht aus wie ein prähistorisches Fundstück, die Arbeit Two Plate Prop des Künstlers Richard Serra ist von 1969 und die Jungs in charge sind auch nicht gerade Frischlinge, aber trotzdem verspricht die Neuaufstellung in der Stirling-Halle der Staatsgalerie ganz interessant zu werden. (Wer mehr über das Jahr 1969 erfahren möchte, sollte das nächste sonnendeck und die aktuelle Ausstellung in der Villa Merkel nicht verpassen.)
Ab Anfang Mai gibt es Werke von Carl Andre, Donald Judd, Joseph Kosuth, Blinky Palermo,
Bruce Nauman, Dan Flavin, Ulrich Rückriem und Richard Serra zu sehen, die einen Bogen von der Minimal Art der 1960er Jahre bis zum Postminimalismus der 1980er Jahre spannt.
Auch besagte Skulptur Two Plate Prop von Richard Serra wurde eigens für die neue Schau mal wieder aus dem Depot geborgen. Aber wozu brauchen die für zwei kleine Vierecke einen Kran? Ein Anruf in der Redaktion, fünf Minuten Zeit und zwei Kästen Bier – schon hätten die Seebären des sonnendecks die läppischen 400 kg Bleiplatten an Ort und Stelle und die Schau wäre schon vor vierzehn Tagen eröffnet worden.
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Essenz und Überfluss
Dienstag, 13.04.2010
Merkwürdige Kontraste findet der interessierte Besucher auf dem Gelände der Firma Vitra in Weil am Rhein. Im Museum sind die 160 Objekte der Ausstellung Die Essenz der Dinge zu bewundern, ein paar Schritte weiter türmt sich der gigantische neue Vitra-Showroom der Star-Architekten Herzog und de Meuron. Auf vier Etagen plus Shop, Café und Business Lounge lassen sich alle Vitra-Möbel und Accessoires bewundern, direkt kaufen oder bestellen. Am Empfang bekommt der Besucher eine Chipkarte, die auf jeder Etage Zugang zum digitalen Katalog mit Produktinformationen und Preisen bietet. Auch eine Händleranfrage kann gleich abgesendet werden. Und das Gebäude … ein Wahnsinn! Crisis? What Crisis?
Nach einem Großbrand im Jahr 1981 entstand peu à peu ein beeindruckender Architektur-Campus mit dem Feuerwehrhaus von Zaha Hadid (1993), dem Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), dem Vitra Design Museum von Frank Gehry (1989) und schließlich dem neuen VitraHaus von Herzog und de Meuron (2010), um nur die Höhepunkte der kleinen und großen Architektenbauten auf dem Produktionsgelände zu nennen.
Nicht ganz so gelungen ist die Ausstellung Die Essenz der Dinge. Untersucht werden soll hier die Reduktion in der Gestaltung „unter ökonomischen, funktionalen, ästhetischen und ethischen Aspekten“. Damit machen die Kuratoren ein 5-Liter-Partyfass mit integriertem Zapfhahn auf, das glaubt, es wäre der Wiesn Anstich. Die Schau bietet vor allem eine Menge Stühle aus der riesigen Museumssammlung und Kleinzeugs von Sparschälern bis zum iPod, die alle zeigen sollen, das weniger mehr ist. (Der nagelneue und quietschgelbe Tata Nano soll hier natürlich nicht unerwähnt bleiben.) Funktioniert durchaus, aber nicht so richtig, denn ein Haufen Stühle bleibt ein Haufen Stühle, auch wenn er museal präsentiert wird und mit der Aura des „Originals“ oder gar des „Prototyps“ gehandelt wird, weil offensichtlich alt und angerostet.
Lassen sich die ökonomischen und funktionalen Aspekte eines Stapelstuhls oder eines IKEA-Regals noch einfach vermittlen, müssen sich die Kuratoren winden wie ein Python, um nicht in den Graben zwischen Luxusleere und blanker Not zu fallen. „Ob es sich um Luxus, Armut oder Askese handelt, um Verzicht als Variante des Überflusses, um Entbehrung, etwa unter Bedingungen der Haft, um Enthaltsamkeit als spirituelle Haltung im Kloster oder spartanische Strenge als totalitäre Unterdrückung – die Semantik reduzierter Formen ergibt sich vor allem aus dem Kontext, in dem sie uns erscheinen.“ Und dieser Kontext ist bei Vitra allemal der verschwenderische Luxus einer Möbelindustrie, die aus sich leisten kann, mehr auf das Autoren-Prinzip zu setzten als auf die pure Funktionalität. Bei Vitra kauft sich keiner einen Sessel, man kauft sich einen Eames, einen Le Corbusier oder einen Breuer. Da ist nichts gegen einzuwenden, aber der Besucher sollte keinen soziologischen Diskurs erwarten. Bei Vitra geht es immer um Schönheit, um Stolz auf das Erreichte (mit Recht) und ein bisschen Angeberei ist auch dabei (sei’s drum).
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Die Erweiterung des gedanklichen Horizontes
Montag, 12.04.2010
Klimawandel? Nicht schon wieder! Und vor allem: Was hat die Kunst damit zu tun? Welcher Maler, Bildhauer oder Konzeptkünstler wagt sich aus der kuscheligen Ecke formaler und konzeptioneller Unverbindlichkeit, um sich mit Erderwärmung und steigendem Meeresspiegel zu beschäftigen?
Mitte des Jahres erscheint bei DuMont das Buch Kunst und Klimawandel von Raimar Stange. Die Kunst kann und muss, so seine Überzeugung, angesichts der Klimakatastrophe warnen, aufrütteln und kritisieren. sonnendeck -Redakteur Michael Reuter rührte sich angesichts steigender Benzinpreise nicht vom Fleck und führte ein energiesparendes Email-Interview mit dem freien Kurator und Kunstpublizisten.
In der Regel sind Bildende Künstler ja übervorsichtig mit politischen Aussagen, um nicht Gefahr zu laufen, in der Agitprop-Ecke zu versauern. Wie zaghaft verhalten sich die Kreativen beim Thema Klimawandel?
Ich denke nicht, dass Künstler in der Regel übervorsichtig mit politischen Aussagen sind. Außerdem: Wenn wir mal überlegen welche Künstler z. B. aus den 1960er Jahren jetzt noch relevant sind, dann sind es eben vor allem die “politischen Künstler” wie Allan Sekula, Hans Haake, Martha Rosler oder Gustav Metzger. Und so ist es auch heute: Viele Künstler und Künstlerinnen engagieren sich zum Thema Klimakatastrophe, z. B. Tue Greenfort, Anna Meyer, Manfred Pernice, Dan Peterman, Ai Weiwei, Christine Würmell, Olaf Nicolai, Almut Linde …
Für mich war es auch eine einschneidende Erfahrung, dass ein Künstler wie Douglas Gordon, einer der weltweit erfolgreichsten Künstler seiner Generation, mich angerufen hat und fragte: “Raimar, du kuratierst doch gerade was zu Kunst und Klimawandel. Kann ich mitmachen?”
Die Fakten zum Klimawandel liegen seit geraumer Zeit auf dem Tisch. Im Hinblick auf das bildungsbürgerliche Kunstpublikum scheint mir eine weitere Sensibilisierung eher unnötig. An welchen Punkten der Klima-Diskussion setzen die Künstler an? Was kann die Kunst, was andere Medien vielleicht nicht können?
Zwar ist es richtig, dass die Fakten zur Klimakatastrophe seit längerem bekannt sind, steht das Thema doch bereits seit 1972 (!) auf der offiziellen Agenda der UN. Das heißt aber noch lange nicht, dass das bildungsbürgerliche Kunstpublikum tatsächlich sensibilisiert ist. So fahren ja auch diese Leute weiterhin fröhlich Auto, fliegen mit einem Jet zu großen Ausstellungen, wählen beinahe zur Hälfte die „Umweltverbrecher“ CDU (die z. B. gerade ihre Zusagen in Kopenhagen nicht einhalten und im Haushalt nur einen Bruchteil der dort zugesagten finanziellen Mittel zum Kampf gegen die Klimakatastrophe bereitstellen) und vor allem meinen all zu viele im Kunstvolk, dass die Kunst sich doch eher um “ästhetische Fragen” kümmern sollte und damit meinen sie meist formale und konzeptionelle Spielereien.
Da kann Kunst sehr wohl noch sensibilisieren, indem sie warnt, aufklärt, schockiert, Alternativen entwickelt. Und ich befürchte, nur noch die Kunst kann dies, denn trotz aller Kommerzialisierung ist ihr Betriebssystem noch relativ frei und unabhängig von den real-existierenden Zwängen, denen z. B. die Mainstream-Presse allein dadurch unterliegt, weil sie von Anzeigenkunden abhängig ist. Und auch die Universitäten, um nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen, sind längst abhängig von den Zuwendungen der Industrie.
Die Kuratorin der Ausstellung “Earth”, die bis Ende Januar in der Royal Academy of Arts in London stattfand, sagte, sie wolle keine Pinguine, Eisberge oder Informationen, sie wolle “eine ästhetische Resonanz”. Das dürfte Ihnen dann ja entschieden zu wenig sein. Könnten Sie einige Arbeiten kurz beschreiben, die Sie für besonders gelungen halten im Hinblick auf konkrete Lösungsansätze oder mögliche gesellschaftliche Alternativen?
Sehen Sie, genau dies ist zu kurz gedacht: Es geht in der Kunst nicht um konkrete Lösungsansätze oder gesellschaftliche Alternativen. Da sind die Wissenschaft und die Politik gefordert und beide sollten da auch nicht aus der Pflicht genommen werden. Genau darum muss man denen halt immer wieder sagen, dass das, was da im Moment real-politisch geleistet wird, ein sehr schlechter Witz ist, der von den Global Playern finanziert wird und BEWUSST den möglichen Tod unzähliger Menschen in Kauf nimmt (nicht das erste Mal in der Geschichte!). Dieses Anmahnen ist aber nicht vorrangig die Aufgabe der Kunst, sondern die Pflicht eines jeden!
Die Kunst kann “utopische”, aber dennoch denkbare Modelle, etwa von Architektur, erarbeiten, siehe z. B. Marjetica Potrc, Dan Peterman, Peter Fend oder Tue Greenfort, die auf eine Erweiterung des gedanklichen Horizontes zielen und damit langfristig auch pragmatische Veränderungen in unserer Lebensgestaltung ermöglichen. Die Erweiterung des gedanklichen und bewusstseinsmäßigen Horizontes voranzutreiben, weg von einer egoistischen Erhabenheit über die Natur hin zu einem gleichberechtigten Miteinander, wie z. B. Bruno Latour es in seinem “Parlament der Dinge” beschreibt, dies ist eine Aufgabe der Kunst jetzt.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 81, Mai 2010.
Die Macht des Bösen ist die Ohnmacht des Opfers. Die Ausstellung Man Son 1969 in der Villa Merkel verliert sich im Kult um Charles Manson
Mittwoch, 07.04.2010
Erstaunlich, wie viel Zündstoff der „deutsche Herbst“ über 30 Jahre nach seinem Ausklingen immer noch birgt. Noch erstaunlicher, wie leicht sich die Reliquien des deutschen Links-Terrorismus von einem Verbund konservativer Medien mit Geschichtsbewältigungsverweigerern aus der Politik instrumentalisieren lassen. Drei Totenmasken der RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe, die gemeinsam mit mehr als dreißig anderen künstlerischen Beiträgen in der Ausstellung Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation noch bis Anfang Juni in der Villa Merkel zu sehen sind, waren Ende März Anlass für einen kleinen medialen Aufreger. Eine Mitarbeiterin des städtischen Kulturamtes kam nicht zur Vernissage, weil sie die Villa „entweiht“ sah, und BILD versuchte sich daraufhin an einem Skandälchen. Andreas Baur, Leiter der Esslinger Institution, steht mannhaft zu seiner Entscheidung, ahnte aber schon länger, dass die Masken für einigen Ärger sorgen könnten. Für Menschen unter fünfzig mag sich das Problem nicht recht erschließen, aber die Wunden sitzen scheinbar, gerade im Stammheim-Ländle, tief und auch wenn der RAF-Empörungsreflex geriatrische Züge zeigt, kann er sich gelegentlich noch in die alten Medien hüsteln.
Aber auch ohne die künstlerisch belanglosen Gipsabdrücke hat die Ausstellung Potenzial für kontroverse Auseinandersetzungen. Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation will sich laut Katalog dem „Reiz und der Gefahr der Extreme“ widmen. Rund zwei Dutzend Künstler bespielen die Villa und das Bahnwärterhaus. Anfang 2009 war die Schau bereits in anderer Form in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Es geht weniger um das spezielle Jahr 1969, sondern vielmehr um eine Ereigniswolke, die sich an den Polen Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkrieg, Friedensbewegung und Studentenrevolte auf beiden Seiten des Atlantiks langsam aufbläht, um 1969 mit der Mondlandung, den Woodstock/Altamont-Festivals und den Tate/La Bianca-Morden der durchgeknallten Terrorbande um Charles Manson ihre kritische Masse zu erreicht. Fröhliche Utopien von Weltfrieden, Selbstverwirklichung und freier Liebe verwandelten sich zu mörderischen Dystopien. Was der Studentenprotest auf deutschen Straßen nicht erreichen konnte, sollten nun die Waffen der RAF richten und auch die sektenähnliche „Family“ von Charles Manson in Amerika sah in der Vernichtung menschlichen Lebens ein probates Mittel, um mediale Aufmerksamkeit für ihre wirren Überzeugungen zu finden.
Die Kuratoren behaupten im Pressetext, die Person und die Geschehnisse um Charles Manson würden nur am Rande gestreift, was allerdings eine kuriose Untertreibung ist. Logisch, sie wollen sich nicht den Vorwurf einhandeln, den grassierenden Kult um Serienmörder, Psychopathen und Terroristen zu unterstützen. Nice try, die Herren, aber wenn der Besucher im Lichthof der Villa Merkel gleich von dem 220 x 440 cm großen Fototryptichon `69 von Stefan Hunstein begrüßt wird, das Manson prominent in Szene setzt, scheinen Wunsch und Wirklichkeit arg auseinanderzudriften. Der Herr mit dem markanten Hakenkreuz auf der Stirn durchpflügt die Ausstellung wie eine rote Ankerkette. Das abgefahrene Marionettentheater Love and Peace von Stephan Huber will ebenso wenig auf ihn verzichten wie die DVD Man’s on Moon von Mario Asef, Achims Bitters Materialcollage Tresen oder die skurrilen Leinwände von Joe Coleman. Dieser Manson: Pfui, was für ein Kerl!
Was den ausgestellten Werken total abgeht, ist die Perspektive der Opfer. Nur Joe Colemans Portrait of Charles Manson erzählt von den Morden an Sharon Tate und sechs weiteren Menschen im Blutrausch der Tate/La Bianca-Morde. Opfer sein ist uncool. Sie tauchen in der Ausstellung nicht auf, dafür sind die Mörder umso präsenter. Der Katalog kommt immerhin hier und dort auf die Nacht im August 1969 zu sprechen, als die „Family“-Mitglieder Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Linda Kasabian und Charles Watson über die schwangere Schauspielern Sharon Tate und ihre Freunde herfielen. Eine Nacht später ermordeten Atkins, Krenwinkel, Watson und Leslie van Houten das Ehepaar Leno und Rosemary LaBianca.
In der Villa Merkel geht es dagegen recht unblutig zu. Susanne Weirich stellt in einer Ton-Dia-Schau die drei „bösen Engel“ (Saalzettel) Atkins, Krenwinkel und van Houten den drei guten Engeln aus der Fernsehserie „Charlie’s Angels“ gegenüber. Dass die Verbrecherinnen auf dem Saalzettel auch als „moderne Amazonen“ tituliert werden, sollten sich die Amazonen nicht gefallen lassen. Und auch die Installation Quilts für Susan Atkins von Susanne Klein, die sich auf die angebliche Läuterung Atkins‘ zur „Wiedergeborenen Christin“ bezieht, bleibt anekdotisch. Die seichten Kunstwerke stehen in keinem gesunden Verhältnis zu den blutigen Taten.
Maler Joe Coleman, der über Jahre Kontakt zu verschiedenen Mördern pflegte und offensichtlich selbst nicht ganz dicht ist, bekennt im Interview: „Ich glaube wirklich, dass Serienmörder etwas von Heiligen haben. Sie sind Schamanen, die sich an dunkle Orte begeben.“ Besonders Manson hat es ihm angetan. Er habe es auf seine Weise verstanden, seinen Schmerz auszudrücken und habe „einen Weg gefunden, gegen genau die Gesellschaft, aus der er rausgeschmissen wurde und die ihn ausgrenzte, zurückzuschlagen“. Na wunderbar. Aber der Maler steht mit seiner Begeisterung nicht allein da – Manson hält den Rekord als Strafgefangener mit den meisten E-Mails, Briefen und Grußkarten.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 81, Mai 2010.
Editorial: Feuer, Ausgabe 80, April 2010
Donnerstag, 01.04.2010
Liebe Leserinnen, liebe Leser, Freunde des flammenden Infernos,
im leicht angestaubten US-Triller Sieben spricht sich der alternde Cop William Somerset seinen City-Blues von der Seele: „In Großstädten ist es üblich, dass sich kein Mensch um den Anderen kümmert. Bei der Selbstverteidigung wird Frauen beigebracht, nie um Hilfe zu rufen, wenn sie vergewaltigt werden, sondern ‚Feuer‘. Auf Hilfe reagiert keiner. Bei Feuer kommen sie gerannt.“
In unserer kleinen Reihe über die vier Elemente beschäftigt sich das sonnendeck im April mit eben diesem magischen Brennen, das wir gleichzeitig fürchten und wie hypnotisiert bewundern. Wir sind dankbar, dass die Malereiklasse von Holger Bunk an der Kunstakadmie Stuttgart sich spontan bereit erklärte, uns trotz eines vollen Terminkalenders bei der Illustration des Themas Feuer zu unterstützen.
Nachdem wir im März eine kontemplative Folge von Kunstwerken zum Thema Wasser der Klasse von Andreas Grunert im Heft hatten, die besonders vom Meer, von der Struktur der Wellen und ihren ornamentalen Möglichkeiten beeinflußt waren, erhofften und erwarteten wir nun, passend zum feurigen Element, ein drastisches Kontrastprogramm. Und tatsächlich, obwohl die angekündigten Variationen über Professor Bunk auf dem Scheiterhaufen leider doch nicht umgesetzt wurden, zeigt die Klasse ein breites Spektrum zum Element Feuer, das sich nicht in der Darstellung von züngelnden Flammen erschöpft, sondern auch mit der Farbe Rot oder dem Feuer der Leidenschaften spielt.
Oliver Feigls BRAVO-Fankarte von Joey Kelly, Ex-Teenischwarm, Marathonmann und Motivationstrainer von Schwergewicht Reiner „Calli“ Calmund, haben wir zunächst mal umgedreht, um über seine wilde Haarpracht dem Thema vielleicht näherzukommen. Auf Nachfrage erklärte Feigl jedoch, er habe das Thema Feuer eher als emotionalen Zustand gesehen, so in Richtung „Ich bin Feuer und Flamme für…!“ oder „Mein Herz ist entbrannt für …“. An sich nur ein Stück Papier, wird die Fankarte zum Stellvertreter der Person, und kann sowohl materiell als auch emotional einen großen Wert entwickeln.
Das ausgelassene Tänzchen der Frau auf dem Bild WW (HSC) von Alberto Zamora Ruiz erklärt sich nicht durch Emotionen, sondern durch eine beginnende spontane menschliche Selbstentzündung (engl. Spontaneous human combustion, SHC), einer urbanen Legende, die für den Betroffenen stets unschön endet, im Fall der älteren Dame aber die Rentenkasse schont. Was übrig bleibt, malt sich Alec Barth drastisch in seinem Werk breath in combust aus. Also nein, wirklich – genau so wollten wir es haben! Und wer mehr von Holger Bunks Eleven sehen möchte, sei an die Städtische Galerie Reutlingen verwiesen, die noch bis Anfang Mai plastische und raumbezogene Arbeiten der Klasse zeigt.
Und auch unser verschollen geglaubter Chefredakteur Hansjörg Fröhlich meldete sich per Dschungelfunk aus dem rauch- und rauschgeschwängerten Herz der Finsternis zurück, um uns aus dem fernen Indien in einer kurzen Phase geistiger Klarheit seine Ansichten zu den vier Elementen Wasser, Feuer, Erde, Luft kundzutun.
Hang loose, Alter, und pyromanische Grüße vom sonnendeck
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 79, März 2010.