Jakobsweg auf Japanisch
Dienstag, 11.05.2010
Mit dem Ausbau des Straßennetzes während der Edo-Zeit (1603-1867) wurde es auch für den Japaner von nebenan leichter, auf Schusters Rappen das Land zu entdecken. Wer nicht dienstlich unterwegs war, gab als Grund für die Reise das eigene Seelenheil an. Für eine Pilgerreise stellte die Tempel- und Schreinverwaltung gerne die nötigen Papiere aus und durch ausreichende Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten entlang der Strecke mussten die Reisenden auch nicht mehr um Leib und Leben fürchten.
Der Tōkaidō („östlicher Seeweg“) wurde in der Edo-Zeit zur wichtigsten Handelsstraße innerhalb Japans und verband Edo (das heutige Tōkyō) mit Kyōto. Die zunehmende Reisetätigkeit rief nicht nur fliegende Händler auf den Plan, sondern auch Kartographen, Schriftsteller, Maler und Zeichner. Zahlreiche Bildserien der 53 Stationen des Tōkaidō wurden veröffentlicht und fanden reißenden Absatz. Die farbigen Holzdrucke funktionierten für die begeisterten Käufer wie ein illustrierter Reiseführer, für den heutigen Betrachter sind die Hochdrucke “einzigartige Kaleidoskope nicht nur der japanischen Landschaft, sondern gleichzeitig auch des Edo-zeitlichen Lebens”. (Susanne Germann)
In der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen sind neben zahlreichen anderen Drucken der Edo-Zeit auch die Tōkaidō-Bildserien der ukiyo-e Ausnahmekünstler Andō Hiroshige (1797–1858) und Katsushika Hokusai (1760–1849) zu sehen. Ein Besuch lohnt sich. Die Holzdrucke haben nichts von ihrer Faszination eingebüßt.
Veröffentlicht auf sonnendeck.de
Die wandelnde Antithese
Montag, 10.05.2010
Als wandelnde Antithese zu sterilen künstlerischen Vermarktungsstrategien gibt der 1961 in Österreich geborene Rainer Ganahl unbekümmert den durchgeknallten Anarcho-Künstler, der mit Perumütze auf dem Kopf und Karl Marx‘ gesammelten Werken unter dem Arm durch die Welt vagabundiert. Seine Website geriert sich dabei ebenso unkonventionell wie ihr Schöpfer. Über den Text eines Interviews hatte Ganahl gerade noch Zeit „unedited – also unkorrigiert.. – nicht einmal durchgelesen“ zu setzen, schon eilt sein Geist zum nächsten Projekt. Seine Installationen, Videos, Skulpturen und Collagen verweisen über sieben Ecken auf alle möglichen Aspekte von Historie und Gegenwart. Er liest gerne öffentlich aus dem „Kapital“ und nimmt auch sonst kein Blatt vor den Mund. In die konzeptionelle Ecke möchte er sich trotz extrabreitem Arbeitsspektrum nur im äußersten Notfall gedrängt wissen. „Ich arbeite so wie ich denke, rede und schreibe: mit offenen Türen, Toren, Flügeln, und Deckeln“, erklärt er in einem Interview, das er auf die Site stellte, ohne sich unnötige Gedanken über Umlaute zu machen. Ganahl lehrt an der Kunstakademie Stuttgart, lebt in New York und ist stets irgendwo auf der Welt präsent und bei der Arbeit. Ein Weltenstaubsauger, dessen künstlerischer Ausstoß genussvoll den globalisierten Tempowahn spiegelt.
Im Hospitalhof Stuttgart zeigt Ganahl bis Ende Mai die Ausstellung Holzwege. Ein Passionsspiel, die mit vielen Querverweisen auf die wechselhafte Geschichte des Ortes Bezug nimmt. Ursprünglich ein Dominikanerkloster, wurde der Hospitalhof 1536 säkularisiert und ab dem 19. Jahrhundert als Polizeigefängnis genutzt. Unter der Bevölkerung kursierte der Name „Büchsenschmiere“, wegen seiner Lage in der Büchsenstraße. Mittlerweile hat sich der Hospitalhof als Ort der Bildung etabliert. Ohne geistige Vorarbeit ist für den Betrachter bei Ganahls Passionsspiel nichts zu holen, die Ausstellung ist aber im Netz komplett dokumentiert.
Veröffentlicht auf sonnendeck.de
400.000 Blätter (mindestens)
Freitag, 07.05.2010
Na schön, wenn die Staatsgalerie so fleißig kleine Pressehäppchen als Appetizer zur anstehenden Jubiläumsausstellung ihrer Graphischen Sammlung versendet, wollen wir uns nicht zieren. Ab 17. Juli also werden sich die Pforten öffnen und die über 400.000 Blätter der Sammlung werden in einem Triumphzug, angeführt von Lord Regenvogel in Begleitung eines sonnendeck-Redakteurs („Respice post te, hominem te esse memento“) einmal durch die Stadt getragen. Wer dabei sein und trotz der zu erwartenden Menschenmassen etwas sehen möchte, der wähle, wie der Herr auf dem Bild, einen erhöhten Standort.
Veröffentlicht auf sonnendeck.de
Der Mensch als Kulturträger
Donnerstag, 06.05.2010
Die Migration der Form(en), Dreh- und Angelpunkt der umstrittenen documenta 12, ist für ifa-Leiterin Iris Lenz der Startpunkt, um sich über gegenseitige Beeinflussungen zwischen Orient und Okzident Gedanken zu machen. In Kooperation mit der Akademie Schloss Solitude, die heuer ihren XX. Geburtstag feiert, eröffnen Werke von sieben internationalen Künstlern die neue Reihe Kulturtransfers in der ifa-Galerie Stuttgart. „KuratorInnen und KünstlerInnen aus dem In- und Ausland untersuchen exemplarisch anhand der Migration der Formen, Gattungen und Techniken sowie unterschiedlicher Zentrum-Peripherie-Relationen Strategien der Einverleibung aber auch des Ausschlusses von anderen, „fremden“ Vorstellungen und Werten“, so Iris Lenz im Vorwort zur Ausstellung Another Country.
Ja ja, irgendwie hängen wir alle mit drin, egal ob der Bub am giftigen Spielzeug aus China nuckelt, Stararchitekt Jean Nouvel eine Filiale des Louvre in Abu Dhabi baut oder mal wieder ein paar Leichen an die Mittelmeerküsten gespült werden. Gerade die reisefreudigen Nomaden der Kulturvermittlungsbranche („Ich fliege, also bin ich“) zaubern nun rasch Diskurse wie Exklusion und Inklusion, Zentrum und Peripherie, Migration und Ähnliches mehr aus dem Bordcase. Aber ganz so taufrisch ist das Kaninchen nicht mehr. Erst im letzten Jahr standen die gleichen Themen bei der ifa-Schau zur 8. Biennale zeitgenössischer afrikanischer Kunst zur Diskussion. What’s the news?
Doch in der Ausstellung stecken interessante Fragen, die im Katalogbeitrag der türkischen Kuratorin Övül Durmuşoğlu (*1978 Ankara) und in den ausgestellten Werken diskutiert werden: Welche kulturellen Unterschiede sind real? Welche werden künstlich geschaffen, um welche Ziele zu erreichen? Der Mensch ist ein Kulturträger, aber bedeutet diese Tatsache, dass er dadurch in die Lage versetzt wird, sein Umfeld selbstbewusst zu gestalten? Oder prägt ihn die Kultur so stark, dass sie zum geistigen Gefängnis wird? Wie und warum grenzen sich die Kulturen gegeneinander ab? Wie gehen Gesellschaften mit Minderheiten um? Und wie entstehen Minderheiten überhaupt?
Ob und wer in einer vermeintlich globalisierten Welt noch Kulturtransfer und -austausch brauche, fragt sich die Kuratorin: „Wir fliegen, wir telefonieren per Skype, wir informieren uns im Internet über das Weltgeschehen, wir machen Einträge auf Facebook, wir schreiben, lesen und kommentieren in der Blogoshäre“. So beschreibt Durmuşoğlu die Arbeit in internationalen Netzwerken. Schöne, neue Welt, die freilich nur die Realität einer winzig kleinen Gesellschaftsschicht ist, die zudem oft genug inzestuös um sich selbst kreist. Die meisten Menschen hocken in ihrer Kammern und sind froh, wenn das Dach nicht wegfliegt.
Hier noch ein Stückchen Text des indischen Ethnologen Arjun Appadurai (*1949): „Normalerweise ist nur schwer zu ahnen, welche Minderheit in die undankbare Rolle des unglückseligen Fremden geraten wird. (…) Der Grund dafür ist, dass Minderheiten, historisch gesehen, nicht vorgefunden, sondern gemacht werden. Bestimmte, bis dato unsichtbare Gruppen werden aufgrund besonderer Entscheidungen und Strategien, die oftmals staatliche Eliten oder politische Führer zu verantworten haben, als Minderheiten sichtbar gemacht und mit Rufmordkampagnen überzogen, die bis zum Ausbruch von Ethnoziden führen können. Eigentlich sind es also nicht die Minderheiten, die Gewalt provozieren, es ist vielmehr, gerade auf der nationalen Ebene, die Gewalt, die Minderheiten braucht.“
Veröffentlicht auf sonnendeck.de
Das schönste Schwarz der Welt …
Montag, 03.05.2010
Ein bisschen Interesse für künstlerische Drucktechniken sollte der Betrachter schon mitbringen, um die Ausstellung Schwarze Kunst – Geheimnis, Faszination und Sinnlichkeit einer Drucktechnik genießen zu können. Mit Schwarzer Kunst ist das Mezzotintoverfahren gemeint, das im 17. Jahrhundert entwickelt wurde und sich, anders als etwa der Holzschnitt oder der Kupferstich, sogar mit einem namentlich bekannten Erfinder schmücken kann. Der Adlige Ludwig von Siegen hatte 1642 die zündende Idee, eine Kupferplatte vor der weiteren Bearbeitung komplett aufzurauen – zumindest datiert das erste bekannte Blatt, ein Porträt der Landgräfin Elisabeth von Hessen-Kassel, aus diesem Jahr. Diese Granierung wurde am Anfang mit Zacken- oder Spornrädchen angelegt, die in verschiedenen Richtungen über die Platte geführt wurden. Ein ziemlich mühseliger Vorgang, der je nach Größe der Platte mehrere Tage bis Wochen in Anspruch nehmen konnte, bis diese möglichst vollständig und vor allem gleichmäßig aufgeraut war.
Ohne weitere Veränderungen würde die Platte eine komplett schwarze Fläche drucken. Durch Glättung des Rasters kann der Künstler nun weiche, malerische Effekte mit vielen Zwischentönen herausarbeiten; deshalb wird die Technik auch als Schabkunst bezeichnet. Es wird aus dem Dunkeln ins Helle gearbeitet. Beim Kupferstich oder der Radierung müssen Flächen, die im Druck dunkel erscheinen sollten, schraffiert oder gepunktet werden. Hier arbeitet der Stecher vom Hellen ins Dunkle.
Standen am Anfang überwiegend Porträtbilder, erkannten die experimentierfreudigen Künstler schnell, dass sich die Schwarze Kunst auch prima für die Reproduktion von Gemälden eignete. Nach dem Export der Technik nach England durch den adligen Maler Prinz Ruprecht von der Pfalz erreichte das Mezzotinto dort als English manner im 18. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Beliebtheit.
Wer intensiver in die Materie einsteigen will, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen, der zum Standardwerk für Tiefdruck-Freaks avancieren dürfte. Die zentralen Textbeiträge stammen vom Künstlerehepaar Martina AltSchäfer und Bernd Schäfer, das in jahrelangem Engagement Geschichte und Technik des Mezzotintos aufarbeitete.
Die Städtische Galerie Albstadt zeigt die Entwicklung der Schabkunst von den Anfängen bis zur Gegenwart, denn auch zeitgenössische Künstler haben sich in der Technik erfolgreich ausprobiert. Hier zeigte sich die graphische Sammlung der Galerie mal wieder als ergiebige Fundgrube. Arbeiten von Martina AltSchäfer, Wolfgang Gäfken, Alfred Hrdlicka und anderen zeigen, was man alles mit Schaber und Polierstahl anstellen kann.
Zur Europäischen Nacht der Museen am 15. Mai findet ab 18 Uhr ein Künstlergespräch an der Tiefdruckpresse mit Martina AltSchäfer, Udo Claaßen, Wolfgang Gäfgen und Bernd Schäfer statt und zum Internationalen Museumstag am 16. Mai ist der Eintritt frei.
Veröffentlicht auf sonnendeck.de