Denk ich ans sonnendeck in der Nacht …

Samstag, 07.01.2012

Wer über Kunst schreibt, dachte ich, der darf gemeinsam mit Genies speisen, in verwunschenen, vom kreativen Geist getränkten Ateliers wandeln und erhascht so einen kleinen Zipfel der Unsterblichkeit, vielleicht sogar der eigenen, denn schließlich findet sich jedes Wort auf chlorfrei gedrucktem Papier wieder, vierfarbig bis in alle Ewigkeit. Zudem darf der Schreiberling alle Ausstellungen umsonst anschauen, haut anschließend rasch ein paar Worte ins Notebook und das üppige Zeilengeld klimpert auf dem Heimweg in den ausgebeulten Hosentaschen.

Als ich vor Jahren zaghaft an die Redaktionstür des sonnendecks klopfte, waren bereits einige Dutzend meiner Rezensionen über Kunstkataloge im Magazin ARTHEON des kunstverrückten Pfarrers Helmut A. Müller vom Hospitalhof erschienen und ich fühlte mich zu Höherem, zumindest aber zu einer Publikation berufen, die nicht nur Schwarzweiß-Bilder abdruckt und an zweihundert Vereinsmitglieder im Rentenalter ausgegeben wird.

Das sonnendeck erschien damals noch im handlichen Kleinformat, passte ungeknickt in jede Hosentasche und eignete sich damit bestens zum nächtlich Schmökern mit voller Blase in der letzten U-Bahn. Ambitionierte Texte aus der Region, mit feiner Ironie formuliert und doch: weit von Perfektion entfernt und eindeutig verbesserungswürdig durch meine Edelfeder.
Die eingereichten Schreibproben riefen euphorische Reaktionen beim Chefredakteur Hansjörg (The Brain) Fröhlich hervor, die sich weniger aus meinen Zeilen speisten als aus dem Umstand, dass einige Mitglieder des alten sonnendeck-Teams gerade den Bettel hingeworfen hatten und ein latenter Personalbedarf bestand. So wurde ich auch vom Herausgeber und damaligem Hinterhof-Galeristen Mario Strzelski abgenickt und durfte nach Tübingen eilen, um einen extra langen Bericht über die epochale Ausstellung auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften zu formulieren.

Und so kam es, wie es kommen musste, und wäre ich nicht Richtung München verzogen, würde ich vielleicht noch heute … aber, was ich eigentlich sagen wollte, ist etwas ganz anderes, nämlich:

Über Kunst lässt sich echt schwer schreiben! Und es interessiert echt keine Sau!

Klatschredakteur müsste man sein. Blitzt eine Brustwarze so recht unabsichtlich durch die ohnehin nur schwer als solche erkennbare Oberbekleidung einer amerikanischen Hupfdohle, staunt die Welt und tauscht sich nach einer Schrecksekunde erregt über Twitter und Fuckbook aus. Aber keinen Menschen würde es interessieren, wenn Matthew Barney tot über einem Zaun hängt. Auch die Causa Ai Weiwei wurde vom Publikum nur goutiert, weil China doof ist und jetzt auch noch Deutschlands Rolle als Exportweltmeister übernommen hat.

Die Frage ist doch: Wie soll sich ein Kunstmagazin präsentieren? Welche redaktionellen Novitäten lassen sich aus der Quelle der Kunst noch schöpfen, die wohl gar keine Quelle mehr ist, sondern seit Jahrzehnten das immer gleiche Wasser in einem geschlossenen Kreislauf hoch pumpt, bis es grün wird und stinkt. Welches Layout kann den Leser noch begeistern, wo doch Hunderte von Hochglanzmagazinen in den Bahnhofsbuchhandlungen vor sich hin dämmern und jede noch so krude Gestaltungsidee im Netz ausprobiert und breit getreten wurde.

Eine Weile habe ich für einen (inzwischen eingestellten) Blog geschrieben. Aber selbst dort, im einzigen deutschen und für jeden willigen Kunstautoren offenen Kunstblog (der auch noch aus Berlin kam) gelang es nicht, genügend Klicks für ein auskömmliches Dasein zu generieren. Schlimmer noch: Zeitweilig war ich der aktivste Autor mit Berichten aus der verschlafenen Stuttgarter Kunstszene. Schreibwillige aus der so überreichen Berliner Kunst- und Kulturszene: Fehlanzeige. Ergo: Das Schreiben über Kunst muss etwas Widerwärtiges haben und ein anständiges Magazin sollte lediglich die Funktion einer Programmzeitschrift erfüllen, deren beliebtester Teil der Vernissagen-Kalender, der sogenannte GRA oder Gratis-Rotwein-Anzeiger ist.

Kein Wunder, dass Hansjörg mittlerweile lieber Reiseberichte verfasst oder im Drogenrausch surreale Geschichten zum besten gibt, als über die letzten Ausstellungseröffnungen zu räsonieren. Sind doch nur immer die gleichen Bilder und die gleichen Nasen. (Nichts gegen die P. von O., aber bitte: Jeder Stuttgarter Kunstfreund fühlte sich schon einmal wie Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier, wenn sie die Bühne betrat.)

Was zählt, so scheint es dem Autoren dieser Jubiläumszeilen, und das gilt nicht nur für das sonnendeck, ist nicht die vermeintliche Innovation im Layout, die Entdeckung genialischer Nachwuchskünstler oder die superkrasse Schreibe. Es ist die Fähigkeit, sich eine treue Leserschaft aufzubauen, die jeden Monat beglückt das neue Heft in den Händen halten möchte. Also die wahren sonnendeck-Freunde, die nicht erwarten, dass jeden Monat das Rad neu erfunden wird, sondern sich auch über kleine Überraschungen im Heft freuen können und die gerne übers Jahr mitgenommen werden in die Welt der Stuttgarter Kunstszene.

Mario sitzt mittlerweile in repräsentativen Galerieräumen am Rotebühlplatz, Hansjörg sorgt im Heft weiterhin für thematische Abwechslung und Hausgrafiker Christian Steeneck zaubert auch aus den schlechtesten Bildvorlagen noch ein ansprechendes Layout. Redakteure, Praktikantinnen und Gastautoren kommen und gehen, aber das Triumvirat, die Weird Brothers oder Tick, Trick und Track, wie immer man sie auch nennen will, are still going strong.

Das sonnendeck zu Monatsbeginn wieder an gewohnter Stelle, wie immer total gratis, 4c-farbenfroh, gemäßigt chaotisch, zum Glück selten seriös, aber unbändig experimentierfreudig. An dieser Stelle spontan aufstehen, in die Hände klatschen und Tränchen verdrücken.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 100, Februar 2012.