Denk ich ans sonnendeck in der Nacht …

Samstag, 07.01.2012

Wer über Kunst schreibt, dachte ich, der darf gemeinsam mit Genies speisen, in verwunschenen, vom kreativen Geist getränkten Ateliers wandeln und erhascht so einen kleinen Zipfel der Unsterblichkeit, vielleicht sogar der eigenen, denn schließlich findet sich jedes Wort auf chlorfrei gedrucktem Papier wieder, vierfarbig bis in alle Ewigkeit. Zudem darf der Schreiberling alle Ausstellungen umsonst anschauen, haut anschließend rasch ein paar Worte ins Notebook und das üppige Zeilengeld klimpert auf dem Heimweg in den ausgebeulten Hosentaschen.
Als ich vor Jahren zaghaft an die Redaktionstür des sonnendecks klopfte, waren bereits einige Dutzend meiner Rezensionen über Kunstkataloge im Magazin ARTHEON des kunstverrückten Pfarrers Müller vom Hospitalhof erschienen und ich fühlte mich zu Höherem, zumindest aber zu einer Publikation berufen, die nicht nur Schwarzweiß-Bilder abdruckt und an zweihundert Vereinsmitglieder im Rentenalter ausgegeben wird.

Das sonnendeck erschien damals noch im handlichen Kleinformat, passte ungeknickt in jede Hosentasche und eignete sich damit bestens zum nächtlich Schmökern mit voller Blase in der letzten U-Bahn. Ambitionierte Texte aus der Region, mit feiner Ironie formuliert und doch: weit von Perfektion entfernt und eindeutig verbesserungswürdig durch meine Edelfeder.
Die eingereichten Schreibproben riefen euphorische Reaktionen beim Chefredakteur Hansjörg (The Brain) Fröhlich hervor, die sich weniger aus meinen Zeilen speisten als aus dem Umstand, dass einige Mitglieder des alten sonnendeck-Teams gerade den Bettel hingeworfen hatten und ein latenter Personalbedarf bestand. So wurde ich auch vom Herausgeber und damaligem Hinterhof-Galeristen Mario Strzelski abgenickt und durfte nach Tübingen eilen, um einen extra langen Bericht über die epochale Ausstellung auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften zu formulieren.

Und so kam es, wie es kommen musste, und wäre ich nicht Richtung München verzogen, würde ich vielleicht noch heute … aber, was ich eigentlich sagen wollte, ist etwas ganz anderes, nämlich:

Über Kunst lässt sich echt schwer schreiben! Und es interessiert echt keine Sau!

Klatschredakteur müsste man sein. Blitzt eine Brustwarze so recht unabsichtlich durch die ohnehin nur schwer als solche erkennbare Oberbekleidung einer amerikanischen Hupfdohle, staunt die Welt und tauscht sich nach einer Schrecksekunde erregt über Twitter und Fuckbook aus. Aber keinen Menschen würde es interessieren, wenn Matthew Barney tot über einem Zaun hängt. Auch die Causa Ai Weiwei wurde vom Publikum nur goutiert, weil China doof ist und jetzt auch noch Deutschlands Rolle als Exportweltmeister übernommen hat.

Die Frage ist doch: Wie soll sich ein Kunstmagazin präsentieren? Welche redaktionellen Novitäten lassen sich aus der Quelle der Kunst noch schöpfen, die wohl gar keine Quelle mehr ist, sondern seit Jahrzehnten das immer gleiche Wasser in einem geschlossenen Kreislauf hoch pumpt, bis es grün wird und stinkt. Welches Layout kann den Leser noch begeistern, wo doch Hunderte von Hochglanzmagazinen in den Bahnhofsbuchhandlungen vor sich hin dämmern und jede noch so krude Gestaltungsidee im Netz ausprobiert und breit getreten wurde.

Eine Weile habe ich für einen (inzwischen eingestellten) Blog geschrieben. Aber selbst dort, im einzigen deutschen und für jeden willigen Kunstautoren offenen Kunstblog (der auch noch aus Berlin kam) gelang es nicht, genügend Klicks für ein auskömmliches Dasein zu generieren. Schlimmer noch: Zeitweilig war ich der aktivste Autor mit Berichten aus der verschlafenen Stuttgarter Kunstszene. Schreibwillige aus der so überreichen Berliner Kunst- und Kulturszene: Fehlanzeige. Ergo: Das Schreiben über Kunst muss etwas Widerwärtiges haben und ein anständiges Magazin sollte lediglich die Funktion einer Programmzeitschrift erfüllen, deren beliebtester Teil der Vernissagen-Kalender, der sogenannte GRA oder Gratis-Rotwein-Anzeiger ist.

Kein Wunder, dass Hansjörg mittlerweile lieber Reiseberichte verfasst oder im Drogenrausch surreale Geschichten zum besten gibt, als über die letzten Ausstellungseröffnungen zu räsonieren. Sind doch nur immer die gleichen Bilder und die gleichen Nasen. (Nichts gegen die P. von O., aber bitte: Jeder Stuttgarter Kunstfreund fühlte sich schon einmal wie Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier, wenn sie die Bühne betrat.)

Was zählt, so scheint es dem Autoren dieser Jubiläumszeilen, und das gilt nicht nur für das sonnendeck, ist nicht die vermeintliche Innovation im Layout, die Entdeckung genialischer Nachwuchskünstler oder die superkrasse Schreibe. Es ist die Fähigkeit, sich eine treue Leserschaft aufzubauen, die jeden Monat beglückt das neue Heft in den Händen halten möchte. Also die wahren sonnendeck-Freunde, die nicht erwarten, dass jeden Monat das Rad neu erfunden wird, sondern sich auch über kleine Überraschungen im Heft freuen können und die gerne übers Jahr mitgenommen werden in die Welt der Stuttgarter Kunstszene.

Mario sitzt mittlerweile in repräsentativen Galerieräumen am Rotebühlplatz, Hansjörg sorgt im Heft weiterhin für thematische Abwechslung und Hausgrafiker Christian Steeneck zaubert auch aus den schlechtesten Bildvorlagen noch ein ansprechendes Layout. Redakteure, Praktikantinnen und Gastautoren kommen und gehen, aber das Triumvirat, die Weird Brothers oder Tick, Trick und Track, wie immer man sie auch nennen will, are still going strong.

Das sonnendeck zu Monatsbeginn wieder an gewohnter Stelle, wie immer total gratis, 4c-farbenfroh, gemäßigt chaotisch, zum Glück selten seriös, aber unbändig experimentierfreudig. An dieser Stelle spontan aufstehen, in die Hände klatschen und Tränchen verdrücken.

400.000 Blätter (mindestens)

Freitag, 07.05.2010

Na schön, wenn die Staatsgalerie so fleißig kleine Pressehäppchen als Appetizer zur anstehenden Jubiläumsausstellung ihrer Graphischen Sammlung versendet, wollen wir uns nicht zieren. Ab 17. Juli also werden sich die Pforten öffnen und die über 400.000 Blätter der Sammlung werden in einem Triumphzug, angeführt von Lord Regenvogel in Begleitung eines sonnendeck-Redakteurs („Respice post te, hominem te esse memento“) einmal durch die Stadt getragen. Wer dabei sein und trotz der zu erwartenden Menschenmassen etwas sehen möchte, der wähle, wie der Herr auf dem Bild, einen erhöhten Standort.

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Neuaufstellung in der Stirling-Halle der Staatsgalerie

Donnerstag, 15.04.2010

Nun gut, der Kran sieht aus wie ein prähistorisches Fundstück, die Arbeit Two Plate Prop des Künstlers Richard Serra ist von 1969 und die Jungs in charge sind auch nicht gerade Frischlinge, aber trotzdem verspricht die Neuaufstellung in der Stirling-Halle der Staatsgalerie ganz interessant zu werden. (Wer mehr über das Jahr 1969 erfahren möchte, sollte das nächste sonnendeck und die aktuelle Ausstellung in der Villa Merkel nicht verpassen.)

Ab Anfang Mai gibt es Werke von Carl Andre, Donald Judd, Joseph Kosuth, Blinky Palermo,
Bruce Nauman, Dan Flavin, Ulrich Rückriem und Richard Serra zu sehen, die einen Bogen von der Minimal Art der 1960er Jahre bis zum Postminimalismus der 1980er Jahre spannt.

Auch besagte Skulptur Two Plate Prop von Richard Serra wurde eigens für die neue Schau mal wieder aus dem Depot geborgen. Aber wozu brauchen die für zwei kleine Vierecke einen Kran? Ein Anruf in der Redaktion, fünf Minuten Zeit und zwei Kästen Bier – schon hätten die Seebären des sonnendecks die läppischen 400 kg Bleiplatten an Ort und Stelle und die Schau wäre schon vor vierzehn Tagen eröffnet worden.

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Editorial: Feuer, Ausgabe 80, April 2010

Donnerstag, 01.04.2010

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Freunde des flammenden Infernos,

im leicht angestaubten US-Triller Sieben spricht sich der alternde Cop William Somerset seinen City-Blues von der Seele: „In Großstädten ist es üblich, dass sich kein Mensch um den Anderen kümmert. Bei der Selbstverteidigung wird Frauen beigebracht, nie um Hilfe zu rufen, wenn sie vergewaltigt werden, sondern ‚Feuer‘. Auf Hilfe reagiert keiner. Bei Feuer kommen sie gerannt.“

In unserer kleinen Reihe über die vier Elemente beschäftigt sich das sonnendeck im April mit eben diesem magischen Brennen, das wir gleichzeitig fürchten und wie hypnotisiert bewundern. Wir sind dankbar, dass die Malereiklasse von Holger Bunk an der Kunstakadmie Stuttgart sich spontan bereit erklärte, uns trotz eines vollen Terminkalenders bei der Illustration des Themas Feuer zu unterstützen.

Nachdem wir im März eine kontemplative Folge von Kunstwerken zum Thema Wasser der Klasse von Andreas Grunert im Heft hatten, die besonders vom Meer, von der Struktur der Wellen und ihren ornamentalen Möglichkeiten beeinflußt waren, erhofften und erwarteten wir nun, passend zum feurigen Element, ein drastisches Kontrastprogramm. Und tatsächlich, obwohl die angekündigten Variationen über Professor Bunk auf dem Scheiterhaufen leider doch nicht umgesetzt wurden, zeigt die Klasse ein breites Spektrum zum Element Feuer, das sich nicht in der Darstellung von züngelnden Flammen erschöpft, sondern auch mit der Farbe Rot oder dem Feuer der Leidenschaften spielt.

Oliver Feigls BRAVO-Fankarte von Joey Kelly, Ex-Teenischwarm, Marathonmann und Motivationstrainer von Schwergewicht Reiner „Calli“ Calmund, haben wir zunächst mal umgedreht, um über seine wilde Haarpracht dem Thema vielleicht näherzukommen. Auf Nachfrage erklärte Feigl jedoch, er habe das Thema Feuer eher als emotionalen Zustand gesehen, so in Richtung „Ich bin Feuer und Flamme für…!“ oder „Mein Herz ist entbrannt für …“. An sich nur ein Stück Papier, wird die Fankarte zum Stellvertreter der Person, und kann sowohl materiell als auch emotional einen großen Wert entwickeln.

Das ausgelassene Tänzchen der Frau auf dem Bild WW (HSC) von Alberto Zamora Ruiz erklärt sich nicht durch Emotionen, sondern durch eine beginnende spontane menschliche Selbstentzündung (engl. Spontaneous human combustion, SHC), einer urbanen Legende, die für den Betroffenen stets unschön endet, im Fall der älteren Dame aber die Rentenkasse schont. Was übrig bleibt, malt sich Alec Barth drastisch in seinem Werk breath in combust aus. Also nein, wirklich – genau so wollten wir es haben! Und wer mehr von Holger Bunks Eleven sehen möchte, sei an die Städtische Galerie Reutlingen verwiesen, die noch bis Anfang Mai plastische und raumbezogene Arbeiten der Klasse zeigt.

Und auch unser verschollen geglaubter Chefredakteur Hansjörg Fröhlich meldete sich per Dschungelfunk aus dem rauch- und rauschgeschwängerten Herz der Finsternis zurück, um uns aus dem fernen Indien in einer kurzen Phase geistiger Klarheit seine Ansichten zu den vier Elementen Wasser, Feuer, Erde, Luft kundzutun.

Hang loose, Alter, und pyromanische Grüße vom sonnendeck

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 79, März 2010.

Editorial: Wasser, Ausgabe 79, März 2010

Montag, 01.03.2010

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Freunde des tiefsten Grundes,

war ja wieder klar: Kaum verdünnisiert sich der Chefredakteur in den wohlverdienten Jahresurlaub, lassen die Hofschranzen die Netbooks fallen und suchen nach Möglichkeiten, den Arbeitspegel zu senken. Besser noch, erträumt sich das Rumpfteam beim abendlichen Schiffchenfalten, ein anderer würde die lästige Schreiberei erledigen, oder – Das wäre es doch! – gar nichts mehr schreiben, sondern das Heft kräftig bebildern. Schließlich sagt ein Bild ja bekanntlich mehr als tausend Worte und das sonnendeck ist als Kunstmagazin geradezu moralisch verpflichtet, nicht den Autoren sondern den Künstlern ein Forum zu bieten.

Nun lassen sich in der Regel vor den Redaktionsräumen keine größere Ansammlungen publikationswilliger Kreativer finden. Die wenigen Grafikmappen, die demütig an der verriegelten Tür hinterlegt werden, reichen gerade mal für eine Handvoll Schiffchen, und die paar Bildhauer vertreibt zuverlässig unser Pitbull „Hrdlicka“. Es half nichts, einer musste los, um Hilfe ersuchen im Adlerhorst der Kreativität, in der Brennkammer Stuttgarter Kunstproduktion, kurz: in der Kunstakademie auf dem Killesberg. Im Gepäck nur eine vage Idee, die alle Ismen der vergangenen Jahrhunderte hinter sich lassen und zum Grund menschlicher Erkenntnis zurückfinden sollte: die vier Elemente – Feuer, Wasser, Erde, Luft!

Dass nun ausgerechnet die Klasse für Glasgestaltung und Malerei mit dem Thema „Wasser“ das erste Teilstück unseres Experiments umsetzt, ist zum einen dem Wohlwollen gegenüber ihrem künstlerischen Œuvre geschuldet, zum anderen umfasst das Material Glas wundersamerweise alle vier Elemente. Es besteht hauptsächlich aus Quarzsand (nicht gerade Erde im klassischen Sinn, aber durchaus etwas, auf dem man herumlaufen kann), der mit anderen Rohstoffen vermischt und eingeschmolzen wird – womit wir schon beim Feuer wären. Glasklar: ohne Luft kein Feuer! Und wer abends seinen Wein ungerne aus dem Tetrapack trinkt, freut sich über die Blas-Blas-, Saug-Blas- oder Blas-Press-Verfahren zur automatischen Flaschenproduktion und die unendlichen Möglichkeiten schlüpfriger Wortspiele. Der Schritt von der Flasche zum Wasser ist nur kurz – fertig ist die holprige Begründung eines nicht erklärungsbedürftigen Umstands, denn im Kern geht es bei den vier Elementen lediglich um eine maximal große Wolke möglicher Assoziationen und die redaktionelle Neugier, wie heutige Kunststudenten sich diesen basalen Themen menschlicher Existenz nähern.

Nach dem plötzlichen Tod von Johannes Hewel, der die Studienrichtung Glasgestaltung und Malerei im Studiengang Bildende Kunst sechszehn Jahre lang geleitet hat, übernahm Andreas Grunert die Klasse. Hewel interpretierte die Glasgestaltung als ein Medium, das alle Aspekte der Kunst anspricht. Unter seiner Ägide beteiligte sich die Klasse an zahlreichen Wettbewerben der Glasgestaltung in der Architektur. Sogar in Afghanistan gibt es seit 2005 ein Kinderkrankenhaus, das mit Glasarbeiten aus Stuttgart ausgestattet ist. „Professor Hewel hat immer viel von seinen Studenten gefordert“, sagt Claudia Heinzler. Sie leitet seit 2001 die Werkstatt für Glasmalerei und Glasbearbeitungstechniken. Die Einbettung der Studienrichtung Glasgestaltung in den Studiengang Bildende Kunst ist für Heinzler eine notwendige Abgrenzung gegenüber Design und Kunstgewerbe.
Auch Andreas Grunert sieht in der breiten Aufstellung der Klasse mit Glasgestaltung, Malerei, Druckgrafik und Zeichnung einen großen Vorteil. Da er die Klasse nur bis zum Herbst betreuen wird, ist die Zeit zum Setzen eigener Akzente kurz. Er unterstützt die stilistische Vielfalt und fördert die Studenten auf der Suche nach ihrem eigenen Weg.

Nun liegen die Arbeiten der Klasse vor und der künstlerische Schwerpunkt hebt sich wie Aphrodite aus den Fluten vor Kythera: Besonders angetan sind die Jungkünstler vom Meer, von der Struktur der Wellen und ihren ornamentalen Möglichkeiten. Leonora Ruchay türmt in ihrer Glasarbeit kristalline Wellenberge auf. Leonie Brenners Gischt hat etwas Musikalisches und Edith Landwehr nähert sich dem Chaos streng mathematisch. Ganz andere Interpretationen finden Diana Dzagnidze, die Schluckgeräusche auf ein Glas graviert, oder Christiane Prehn, die einen Eisbrocken mit Tesafilm umwickelte, das Eis schmelzen ließ und die leere Hülle wieder in der Natur plazierte. Besonders gut gefiel uns das Einmachglas mit Schwimmer von Olga Sittner, das einen Ehrenplatz auf dem Cover erhält.

Konzeptionell arbeitet Manuel Iwansky mit seinem Gedichtgenerator unter der Adresse http://manuel.endofpainting.de/geisha.php, der Zeilen produziert wie:
In eine Seele versunken sein,
Ein Anwalt, der durchs niedere Laubdach rauschte,
Was dort um Hintergründe braust und braut,
Des Stromes strenge Wogen meerwärts rauschen.

Im Sinne partizipativer Kunst steuert Jan-Hendrik Pelz den nebenstehenden Gutschein bei, der jedem Einsender gegen die Erstattung der Portokosten einen in Wasser eingelegten „echten Pelz“ verspricht. Nun, bei einer Auflage von 10.000 Exemplaren könnte er eine Menge zu tun kriegen und so ermutigen wir die geneigten Leser, sich zahlreich an der Aktion zu beteiligen – wer weiß, was aus dem Jungen mal wird!

Herzlichen Dank an die Klasse Grunert für die Beteiligung an unserem Experiment und feuchte Grüße vom sonnendeck

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift sonnendeck, Ausgabe 79, März 2010.

Bernhard Kahrmann: volatile tenderness

Samstag, 13.02.2010

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen vom 13.07. – 14.09. 2008. Hg. von Werner Meyer. Mit Texten von Rodney LaTourelle, Oliver Tepel und Werner Meyer. Eigenverlag, Göppingen, 2008, ISBN 978-3-927791-65-7, 78 Seiten, 28 Farbabbildungen, Klappbroschur, Format 30 x 23 cm, € 15.—

Schwere Kost für Bilderfreunde publizierte die Kunsthalle Göppingen mit dem Katalog zur Ausstellung „volatile tenderness“ des 1973 geborenen Bernhard Kahrmann. Der Künstler arbeitet nun, nach einer Phase visueller Aufgeregtheit mit hektischen Projektionen von Wörtern, Symbolen und alltäglichen Bildern, mit extremer Reduktion. Die Katalogtexte reagieren darauf umso wortreicher. Dabei gibt es fast nichts zu sehen. Sieben Diaprojektoren ohne Dias werfen ihr Licht auf eine gefaltete Fläche und produzieren durch die unterschiedliche Qualität der Objektive schwache Farbdifferenzen auf die Projektionsfläche. Die Installation „Hubble“ wirft wandernde Lichtpunkte in den Raum. Die Projektion eines Digitaluhr-Displays verlässt – als Reaktion auf ein minimalistisches Musikstück – den linearen Zeitfluss. Kahrmann bedient einen philosophischen Diskurs über Raum, Licht und Zeit, der sich einer fotografischen Abbildung heftig widersetzt.

Das Beste sind einige scheinbar leere Seiten im Katalog, die aber mitnichten leer sind, sondern das Licht zeigen, „das ein Blatt Papier auffängt und wieder von sich gibt, aufgenommen in einer (digitalen) Fotografie und wieder auf ein Papier eingebrannt.“ (Werner Meyer) Ob die kaum merklichen Knicke in den Blättern real sind (auf dem dünnen Papier entstehen spätestens nach dem ersten Durchblättern unweigerlich die ersten Knicke) oder nur reproduziert sind, lässt sich kaum feststellen. Ohne den erläuternden Text glaubt der Betrachter an einen Fehler der Druckerei, aber beim Blättern zwischen den Seiten stellt sich der Effekt ein, dass er etwas sehen will, egal ob real vorhanden oder nicht.

Michael Reuter

Von Knausbira, Käskippern und Blaustrümpflern
Unterwegs für das geplante Stuttgarter Stadtmuseum

Montag, 12.10.2009

Ende 2012 soll das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais eröffnet werden. Ob der Termin zu halten ist, muss sich zeigen, aber es wird bereits fleißig nach Bildern, Themen und Exponaten recherchiert und geforscht. Der folgende Text basiert auf einem Gespräch von sonnendeck-Redakteur Michael Reuter mit der Kunsthistorikerin Barbara Hornberger (47), die im Auftrag des Planungsstabes Stadtmuseum zurzeit oft im Lesesaal der Landesbibliothek anzutreffen ist, auf der Suche nach Geschichten aus der Stuttgarter Vergangenheit.

Ich arbeite seit vielen Jahren als selbstständige Kunsthistorikerin, vor allem im kulturgeschichtlichen Bereich. Als der Planungsstab für das Stadtmuseum gegründet wurde, habe ich Interesse bekundet, bei den Recherchen mitzuwirken. Die Leiterin, Dr. Anja Dauschek, hat mich auf die Geschichte der einzelnen Stadtteile angesetzt.

Es gab schon früher eine kleine Ausstellung zur Stadtgeschichte im Wilhelmspalais und seit 1994 die stadtgeschichtliche Sammlung im Tagblattturm, die vom Stadtarchiv eingerichtet wurde. Durch den Umbau des Areals zu einem Theater-Zentrum wurde die Sammlung Ende 2000 geschlossen. Seitdem forderten viele Bürger und Interessengruppen ein zeitgemäßes, leistungsfähiges Stadtmuseum.

In jedem Stadtteil gibt es Leute, die sich intensiv mit ihrem Viertel beschäftigen, Heimatbücher verfassen oder kleine Museen leiten. Meine Aufgabe wird es auch sein, dieses Expertenwissen von einem neutralen Standpunkt aus für die Ausstellung im Wilhelmspalais zu bündeln.
Alle Stadtteile, bis auf die, die jetzt zu Stuttgart-Mitte gehören, waren eigenständige Dörfer und wurden erst im 20. Jahrhundert eingemeindet. Die Stadt Feuerbach z. B. wurde 1933 zwangseingemeindet, obwohl die Bewohner nicht sonderlich begeistert waren. Auch mit der selbstbewussten Stadt Cannstatt dauerten die Verhandlungen lange, bis es 1905 zur Vereinigung kam. Die Stadt Stuttgart war vor allem an einer Ausdehnung Richtung Neckar interessiert, denn im Stuttgarter Westen, wo sich viele aufstrebende Firmen angesiedelt hatten, wurde es schnell zu eng. Am Neckar gab es viel Platz und die Wasserkraft. Zudem gab es seit 1845 die Eisenbahnlinie zwischen Cannstatt und Untertürkheim, die später bis nach Esslingen weitergeführt wurde. Auf der anderen Seite bemühten sich viele ärmere Dörfer bereits zwischen 1900 und 1920, eingemeindet zu werden. Sie profitierten von neuen Wasserleitungen und der Elektroversorgung.

Im Moment beschäftige ich mich mit Rohracker, früher ein ganz kleines Weinbauerndorf und auch heute noch etwas abgelegen. Der bewirtschaftetet Besitz zog sich vom Tiefenbachtal bis zum Frauenkopf, absolute Steillagen, die schwer zu bearbeiten waren.
Der Frauenkopf entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem Nobelort mit Landhäusern, aber die armen Leute in Rohracker, die von ihrer Landwirtschaft nicht leben konnten, mussten nach Hedelfingen oder bis nach Esslingen gehen, um Arbeit zu finden. Die Bevölkerung war deshalb politisch stark linksorientiert. Vor 1933 konnte die NSDAP hier nur mit Schutzpersonal Veranstaltungen abhalten und eine Laientruppe aus Rohracker führte das Theaterstück „Cyankali“ von Friedrich Wolf auf, das sich mit damals illegalen und oft tödlichen Abtreibungen beschäftigt.

Spannend sind auch die Spitznamen für die Bürger der einzelnen Stadtteile. Die Rotenberger heißen „Käskipper“, die Hedelfinger „Knausbira“. Dazu gibt es mehr oder weniger haltbare Legenden. So wurde angeblich 1518 der flüchtige württembergische Herzog Ulrich von Württemberg von den Heslachern verraten. Nach seiner Rückkehr mussten sie zur Strafe sonntags zum Kirchgang blaue Strümpfe tragen – daher ihr Spitzname „Blaustrümpfler“. Die Bürger in Rohracker heißen „Welschkorneber“, weil sie früher für den eigenen Gebrauch Mais angebauten.
Möhringen gehörte seit dem Mittelalter zum Besitz des Katharinenspitals in Esslingen. Dort gab es um 1660 einen fanatischen Hexenjäger, Daniel Hauff, der besonders gerne in Möhringen wütete. Es geht die Sage, dass er plötzlich starb, als er anfing, auch Esslinger Bürger der Hexerei zu beschuldigen. Vermutlich wurde er vergiftet. Die Möhringer haben seither den Spitznamen „Hexen“.

Ich denke, trotz der momentanen finanziellen Situation wird das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais auf jeden Fall kommen. Vielleicht etwas später als geplant. Die beiden Siegerentwürfe des Architekturwettbewerbs werden gerade überarbeitet, die Forschungen laufen auf Hochtouren und das Museum hat mit etwa 5000 Exponaten noch einen recht kleinen Sammlungsbestand. Das Württembergische Landesmuseum besitzt zwei Millionen Exponate. Aber es geht voran und ich bin gespannt, was ich in den Bibliotheken und Archiven noch über Stuttgart und seine Bürger herausfinden werde.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 77, Januar 2010.

Kunstgenuss in Unterhose.
Die Kunsthalle Karlsruhe bietet Bildbetrachtungen zum Thema „Zeit und Ewigkeit“ im virtuellen Konferenzraum

Freitag, 15.05.2009

Wer die Kunst liebt, aber seinen Kühlschrank gerne in der Nähe weiß oder die heimischen vier Wände wegen einer drohenden Schweinegrippeinfektion nur ungerne verlässt, dem bietet sich via Internet nun die Möglichkeit, an einer virtuellen Bildbetrachtung teilzunehmen. Veranstaltet von der Kunsthalle Karlsruhe in Kooperation mit dem Roncalli Forum sowie dem Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen und technisch betreut vom Weiterbildungsreferat des Kultusministeriums, vermitteln einmal im Monat ein Kunsthistoriker und ein Theologe Informationen zu Werken aus dem Bestand der Kunsthalle, die sich mit dem Thema „Zeit und Ewigkeit“ auseinandersetzen. Mitte Juli steht Hetum Grubers Installation „Etwas machen, dessen Fertigstellung unabsehbar ist, begonnen 1973“ auf dem Programm, gefolgt von Johann Liss’ „Venus und Adonis“ von 1625. Weiterlesen »

BE A KILLER! FICK, PENG UND WEG! DIE LETZTEN TULPEN IM BUND FÜR FÜNF EURO!
Die Menschheit im Zielkonflikt zwischen der Lust am Untergang und der Flucht in Staatsanleihen

Donnerstag, 02.04.2009

Welcome to the Pleasuredome! Einfach nur geil! Der Ironman mit Steroid-Muskulatur und EPO-Turboblut trägt Armani und fühlt sich zu Unrecht verfolgt. Ich komme wieder. Reaganomics, Thatcherismus, Neoliberalismus, Geschwindigkeitsrausch und die stimulierende Wirkung der Gefahr. Der Bungeesprung als Lebensziel, der lockende Mix aus Box- und Leichensack. Prosperität, Wohlstand und grenzenloses Wachstum.

Suchbegriffe: Apple, Bank of America, Coca Cola, China Mobile, Disney, General Electric, Google, Honda, IBM, Louis Vuitton, Mc Donalds, Microsoft, Toyota, Wal-Mart … Weiterlesen »

Ode an die Natur #2
Alba, das GFP Bunny

Mittwoch, 18.03.2009

Hallo. Mein Name ist Alba. Ich bin ein Albinokaninchen. Ich mag Gras, Gemüse und Salat. Wenn ich mit Schwarzlicht angeleuchtet werde, leuchte ich hellgrün zurück. Krass, nicht? Es ist keine Krankheit und es liegt auch nicht am vielen Grünzeug: Ich bin das GFP Bunny! Ich bin das erste transgene Kunstwerk der Welt.
Sie wundern sich? Nun, die Schöpfung ist eine drollige Mischung aus Fehlerhaftem und Unvollkommenem. Es ist nur verständlich, dass der Mensch zu seinen Gunsten an der einen oder anderen Stellschraube im Getriebe der Natur dreht. Und auch für ein Kaninchen muss es doch mehr geben, als abends auf der Wiese … Sie wissen schon. Weiterlesen »