Ode an die Natur #1
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Naturfreunde und Wandervögel,

Mittwoch, 11.03.2009

einfach mal in der Natur die Seele baumeln zu lassen, ist ein Wunsch, den sich der gestresste Großstädter gerne im verdienten Jahresurlaub erfüllt. Gemeint ist damit der romantische Blick vom Whirlpool auf majestätische Bergketten oder die fototaugliche Stampede einer Gnu-Herde, beobachtet aus dem gut gefederten Safari-Bus. Keinesfalls ist damit das leibliche Baumeln an einem Ast im Urwald gemeint, mit den Tatzen eines Leoparden im menschlichen Gekröse. Weiterlesen »

Liebe Leserinnen und Leser,
verehrte Innovatoren, frühe Anwender, frühe Mehrheit, späte Mehrheit und Trödler

Sonntag, 08.03.2009

Mit neuen Hypes und Trends im Betriebssystem Kunst ist es so eine Sache. Wer sich zu früh aus der Deckung traut, riskiert, dass sein musengeküsster Jungkünstler von der Konkurrenz verlacht oder, schlimmer noch, aufgekauft, oder, worst case, im linksliberalen Feuilleton besprochen wird. Verwandelt sich doch auf wundersame Weise jeder noch so frische Hype in eine peruanische Hock-Mumie, wenn die kalte Hand des Zustellers die Zeitung frühmorgens in den Briefkasten zwängt. So wenig der weltgewandte Individualtourist in der versteckten florentinischen Trattoria auf seine deutschen Kollegen treffen möchte – den Insider-Tipps im Marco-Polo-Reiseführer sei Dank –, so wenig möchte der Sammler oder Galerist seine Geheimfavoriten in der Zeitung sehen, bevor nicht ein ansehnliches Konvolut der noch preiswerten Arbeiten im Kohlenkeller lagert oder zum Abverkauf an den Galeriewänden hängt. Weiterlesen »

Die Routine des Alltags durchbrechen. Im Künstlerhaus Stuttgart werden die Möglichkeiten einer zeitgemäßen Kunstvermittlung in Kunstvereinen und Museen untersucht

Montag, 02.03.2009

In Abwandlung eines Bonmots des Malers Ad Reinhardt könnte man sagen, dass Kunstvermittlung der Zwerg ist, über den man stolpert, wenn man zurücktritt, um ein Gemälde zu betrachten. Ganze Horden von Schulklassen und Kindergartengruppen werden regelmäßig – und zum Schrecken des dünnhäutigen Aufsichtspersonals – mit Buntstiften und Papier durch die Bildertempel der Post-Postmoderne getrieben. Die Museumspädagogik spricht hier von dynamischen Formen der Kunstpräsentation.
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine bietet Mitte März im Künstlerhaus Stuttgart Vorträge und Workshops zur zeitgemäßen Kunstvermittlung an. Unter dem Titel VERMITTELN/VERHANDELN beschäftigt sich die zweitägige Tagung mit der Rolle des Publikums und gibt Einblicke in experimentelle Formen der Vermittlung. Wie kann es gelingen, die Besucher zu Co-Produzenten, Kritikern oder gar Komplizen zu machen? Weiterlesen »

Was ist die Matrix? Erfolg im Betriebssystem Kunst hat wenig mit Genie und viel mit Kommunikation zu tun

Freitag, 27.02.2009

Das klingt doch gut! „Das wichtigste im Kunstbetrieb sind die Künstler“, salbaderte der Leipziger Galerist Harry Lybke letzten Dezember auf einer Veranstaltung der Aka Stuttgart. Unter den eurogepolsterten Fittichen des Kunsthändlers darf und soll der kreative Mensch ganz und ausschließlich seinem Werk verpflichtet sein. Der Galerist kümmert sich um die Niederungen des Lebens und schirmt den Künstler ab. Kein Telefonat ohne sein Ohr, kein Sammlerbesuch ohne sein Placet, keine Ausstellung ohne sein Konzeption. Läuft alles perfekt, werden Künstler und Position als alleingültig im Markt verortet und der überreichliche Auswurf der Akademien wird mit siedendem Pech übergossen, sobald er sich anschickt, den Hügel der Kunstgeschichte ebenfalls erklimmen zu wollen. Krieg ist Krieg. Zu den Waffen! Für einen guten, für den einzigen, für den eigenen Zweck. Weiterlesen »

Vielfalt in der Einheit. Der Kulturverein Provisorium in Nürtingen bei Stuttgart

Samstag, 21.02.2009

Muss ja ein mächtig großer Kulturverein sein! Mit Zentralsaal! In Nürtingen! „Hotelbar Kassel“, „borderlines“, „Schauraum“, „Café Logos“, „El Kursaal“ und ein „Filmclub“ buhlen auf der Website um die Gunst eines kulturell offensichtlich äußerst regen Publikums. Womöglich mit Strahlkraft weit über die Provinz hinaus? Nie gehört. Verdammt!
Die Recherche vor Ort führt in den Keller der frisch renovierten Stadthalle und zur buddhistischen Erkenntnis: Alles ist Eins. Weiterlesen »

Immer wieder malen gehen. Die Bilder von Felix Wunderlich

Donnerstag, 29.01.2009

Ich glaube an das Gute und das Böse in der Malerei. Sie friert beide Zustände ein, macht sie bestimmbar. Im wirklichen Leben fließt das Gute übergangslos in das Böse, egal wie viel Rosenkränze auch gebetet werden. Ich kann Gott malen, in Wirklichkeit ist er nicht zu sehen.
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Los Paul! Du musst ihm voll in die Eier haun!

Freitag, 23.01.2009

„Als alle Menschen frei und gleich waren, war niemand vor dem anderen sicher. Das Leben war kurz, die Angst grenzenlos.“ (Wolfgang Sofsky)

Gewalt hat immer Konjunktur. Der Bodensatz des Prekariats prügelt in U-Bahn-Stationen, während Staat und Arbeitgeber sich als Freunde der strukturellen Gewalt zeigen.
„Es gibt viele Arten zu töten“, schreibt Berthold Brecht. „Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“
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Wenn ich sterbe, stirbt meine Sammlung

Montag, 05.01.2009

Ganz im Norden des Landkreises Ludwigsburg liegt Bönnigheim. Neben dem Schwäbischen Schnapsmuseum und der Sudentendeutschen Heimatstube kann die Kleinstadt vor allem mit einem Pfund wuchern: dem im September 1996 eröffneten Museum Charlotte Zander im Schloss Bönnigheim. Über 4.000 Werke der Naiven Kunst, Art Brut und Outsider Art hat die Sammlerin im Laufe von fünf Jahrzehnten erworben. Es ist die größte Privatsammlung ihrer Art, unbedingt sehenswert, nicht weit von Stuttgart entfernt und dämmert doch seit Jahren in einem unfreiwilligen Dornröschenschlaf.
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In the World Race, we are the outsiders

Donnerstag, 27.11.2008

Randständige, Irre, Spiritisten, Unangepasste, Knackies: Die rohe, unverfälschte Kunst von gesellschaftlichen Außenseitern findet in der offiziellen Geschichtsschreibung selten Anerkennung, übt jedoch einen erheblichen Einfluss auf die etablierte Kunst aus.
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Cora Volz

Montag, 25.08.2008

Publikation zur Verleihung des ZONTA Kunstpreises 2004.Mit einem Text von Lida von Mengden. Eigenverlag, Mainz, 2004, ohne ISBN, erhältlich über die Gesellschaft der Freunde Junger Kunst, Baden-Baden, 40 Seiten, 60 Farbabb., Broschur, Format 27,5 x 23 cm, € 12.–

Cora Volz (*1966) fertigt in einem aufwendigen Prozess idealisierte Frauenbüsten und Halbfiguren aus Gips. Die fertigen Skulpturen werden in Fragmente zerlegt und erhalten in Teilen einen Überzug aus „kunstfremden“ Materialien. Haare, Fingernägel und Lippen überzieht Volz mit Wachs und Nylonstrümpfen. Für die Kleidung kommen Badematten oder Kunstrasen zum Einsatz. Die Augen werden aus Speckstein geformt.
Lida von Mengden beschreibt die Kunst von Volz als „irritierende Spielart eines Realismus mit klassischen, idealisierenden Zügen, der als überindividualistisch bezeichnet werden kann“. Die ruhige und selbstbewusste Haltung der Büsten erinnert an die in sich ruhende Religiosität von Skulpturen der Renaissance oder an die frühen Arbeiten von Katsura Funakoshi.
Kern der Arbeiten ist der Dualismus von Ferne und Nähe, Natürlichkeit und Künstlichkeit, Eigenart und Typologisierung. Die im Text unterstellte Konkretisierung unterschiedlicher Frauentypen oder die „überzeugende(n) ästhetische(n) Ausformung eines neuen Frauenbildes“ erschließt sich wohl nur weiblichen Betrachtern. Der ungnädige Mann entdeckt in den glattgeschmirgelten Gesichtern den erstarrten, perfekt ausgearbeiteten Massenindividualismus femininer Botox-Klone. (Alter Chauvi!)

Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).