herman de vries: all this here – natur: werkgruppen und installationen
Freitag, 07.01.2011
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Schloss Moyland vom 28.06. – 25.10.2009 und in der Kunsthalle Schweinfurt vom 12.02. – 16.05.2010. Hg. von der Stiftung Museum Schloss Moyland. Mit Texten von Cees de Boer, herman de vries, Heinz Mack, Henry Noltie, Erich Schneider, Barbara Strieder, Aurélie Tiffreau & Katharina Winterhalter. Eigenverlag, Bedburg-Hau, 2009, ISBN 978-3-935166-47-8, 148 Seiten, 68 ganzseitige, teilweise ausklappbare Farbtafeln, gebunden, Format 31,5 x 24,5 cm, € 24,90
„jedem seine macke“ pflegte mein großvater zu sagen, bevor er wieder in das goldfischglas aschte. auch der 1931 geborene herman de vries hat so seine eigenheiten. zum beispiel meidet er ob einer aversion gegen hierarchien seit 1956 großbuchstaben. er trägt einen weißen rauschebart und lässt sich gerne ohne störende bekleidung in der natur fotografieren, denn natur, des künstlers „primäre wirklichkeit“, sollte in ihrem sosein gezeigt werden, ohne mit bedeutung aufgeladen zu werden. ein hehres ziel, das sich allerdings mit der herstellung und dem vertrieb kunstlastiger ware nicht recht vertragen will. jeder gegenstand, mag er noch so profan sein, der ästhetisch verfeinert, in einem geschlossenen raum präsentiert und als kunst deklariert wird, ist automatisch mit bedeutung aufgeladen.
herman de vries sammelt pflanzen, blätter, steine, holzstücke, erden und aschen, die er in vielteiligen werken verarbeitet. die erden sammelt er auf seinen reisen und verreibt sie mit dem finger zu rechteckig-wolkigen farbfeldern. gräser, schlingpflanzen und blätter verarbeitet er zu ansprechenden kompositionen auf weißem papier, ein verbrannter eichenstamm ruht bedeutungsvoll bedeutungslos in einer vitrine. seine materialkompositionen sind in ihrer schlichten schönheit über jeden zweifel erhaben, nur sind diese werke eben keine natur mehr und der rezensent mag dem künstler auch nicht abnehmen, dass hier ohne künstlerische komposition gearbeitet wird. dass de vries bestrebt ist, die eingriffe in das material so gering wie möglich zu halten, „der wirklichkeit an sich gewahr [zu] sein!“deckt sich nicht mit einem riesigen bild wie „from earth: deutschland, 2006“ mit 504 akkuraten erdausreibungen oder dem 173teiligen „eschenauer journal“ von 2002. de vries erklärt den ästhetischen widerspruch zwischen künstlerischem ausdruck und dem bemühen um größtmögliche objektivität mit der „‘poesie des augenblicks‘, die in einem bestimmten moment zu eben dieser oder jener anordnung von etwas führt, aber dennoch über den augenblick hinaus objektive gültigkeit besitzt“.
die grenzenlose begeisterung für die natur und de vries‘ theoretische wanderungen zwischen wittgenstein und zen-buddhismus wirken zuweilen arg romantisch und esoterisch, aber er macht schöne bilder und was soll’s … wenn der künstler das nächste mal nackt und mit ausgebreiteten armen am waldrand steht, befindet sich hoffentlich kein hungriger problem-bär in der nähe.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).
Thomas Werk: Bilder und Monumente
Freitag, 07.01.2011
Herausgeber: Christian-Georg Neubert, Stiftung St. Matthäus. Mit Texten von u.a. Christine Goetz und Bernd Wolfgang Lindemann. Eigenverlag, Berlin, 2009, ISBN 978-3-98-09943-5-X, 96 Seiten, ca. 80 Farbabbildungen, Klappbroschur, Format 29 x 24,5 cm, € 24.—
Die Begeisterung der Katalogautoren im Bezug auf die malerischen Arbeiten des Berliner Künstlers Thomas Werk mag der Rezensent nicht teilen. Die mit breitem Pinselstrich in Rot und Schwarz hingeworfenen, stark reduzierten Figurationen auf Papier wirken altbacken und uninspiriert. What you see is what you get – Ein dicker Kreis als Kopf, ein paar Balken als Körper , die Positionierung der Figuren im Bild aus der Kunstgeschichte abgeguckt und fertig ist die „Pietá“. Zwei kurze, ein langer Balken: „Tisch“. Ein rotes Rechteck, innen ein Kreis und ein Strich: „Krippe“. Drei schwarze Donuts: „Vater, Sohn, Heiliger Geist“.
Weder lässt sich eine „frische und artistische Unbefangenheit im Umgang mit Farben und archaischen Konfigurationen“ finden, noch wird in den Bildern das „nicht Sichtbare sichtbar“ gemacht. Wo schon der Künstler nichts zu sehen vermag, wird auch der Betrachter nicht fündig werden. Die intensiven Gefühle, die Christine Goetz ob des Anblicks dieser Machwerke aufwallen sieht, sind allenfalls als intensives Verzweifeln am Wert zeitgenössischen religiösen Kunstschaffens zu verstehen. Mit solcher Gemeindesaalkunst tut sich die Kirche keinen Gefallen. Und dass Honoratioren der Deutschen Bischofskonferenz oder des Erzbistums Berlin, ohne rot zu werden, den plump-eckigen Entwurf eines fünfzehn (!) Meter hohen Engels aus Stahl unterstützen, den Thomas Werk gerne in den ehemaligen Todesstreifen an der Berliner Mauer setzen würde, ist schlicht unbegreiflich.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 30 (Dezember 2011).
Madeleine Dietz: Verbergen und entbergen 2004 – 2009
Samstag, 13.02.2010
Hg. vom Kunstverein Buchholz/Nordheide. Mit Texten von Sven Nommensen, Andreas Mertin und Reiner Sörries. Eigenverlag, Buchholz, 2009, ISBN 978-3981017922, 80 Seiten, ca. 70 Farbabb., gebunden, Format 30 x 21 cm, € 15.—
Bis in sauerstoffarme Höhen bläst Autor Sven Nommensen die Skulpturen der 1953 in Mannheim geborenen Madeleine Dietz auf. Nicht weniger als die bannende „Kraft der geheimnisvollen Aura romanischer Kirchen“ entdeckt er in den kleinen Stahlkuben der Serie „Hier ist Niemand“, die durch eine Öffnung den Blick auf eine Schicht getrockneter Erde freigeben. Ob der Betrachter tatsächlich „gebannt“ einer himmlische Raumoffenbarungen beizuwohnen glaubt, wenn er seine Knie anwinkelt, um einen Blick in die Tiefen der Skulptur zu erhaschen, lässt sich anhand der Abbildungen im Katalog nicht nachvollziehen, aber zumindest sind sowohl Dietz‘ Kuben als auch ihre Säulen, Wandschuber, Tresore und Rauminstallationen perfekt ausgearbeitet, unverwechselbar und a bissel fade.
Mal türmt sie Erdziegel hinter einer Stahltruhe, dann formt sie Fundamente, die an archäologische Ausgrabungen erinnern, dann schüttet sie Erde in offene Stahltruhen oder zeigt Grabplatten aus Stahl mit pathetischen Worthülsen – eine jahrelange, typisch weibliche Auseinandersetzung mit Staub, Trauer, Erde, Vergänglichkeit, Leben und Tod, frei von männlicher Aggressivität. Sieht gut aus, kommt aber entschieden zu dekorativ daher und entwickelt sich nicht weiter.
Michael Reuter
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Henrik Oleson: Some Faggy Gestures
Samstag, 13.02.2010
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, vom 02.06. – 12.08. 2007. Hg. von Heike Mulder. Mit Texten von Henrik Oleson und Heike Mulder. JRP Ringier, Zürich, 2007, ISBN 978-3-905829-46-4, 176 Seiten, 96 Farbabb., Broschur, Format 30 x 21 cm, € 40.—
Ein schöner und wirklich mal kaufenswerter Band erschien 2008 zur Ausstellung „Some Gay-Lesbian Artists and/or Artists Relevant to Homo-Social Culture Born between c. 1300-1870 / SEX-MUSEUM 2005-2007“ des 1967 in Dänemark geborenen Henrik Olesen im Migros Museum. Seine Installation besteht aus sieben großen Tafeln, auf denen Hunderte Abbildungen von Werken aus verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte zu finden sind, die Oleson in zweijähriger Recherche zusammengestellt hat.
Ähnlich dem umfassenden Bilderatlas-Projekt „Mnemosyne“ von Aba Warburg, der das Bildgedächtnis der europäischen Kultur zu rekonstruieren suchte, sammelte Oleson Bilder, Skulpturen und Texte, die den Spuren schwuler und lesbischer KünstlerInnen folgen. Außerdem stellte er umfangreiche Bildtafeln zusammen, die eigentlich gar nichts mit Homosexualität zu tu haben, die aber im Kontext der Gesamtschau einen inhaltlichen Bedeutungswandel erfahren. Das Panel II umfasst zum Beispiel Kunstwerke zu den Themen „Fathers“, „Masculinity“, „Dominance“, „Violence“, „Bondage“, „Bodies“ und „Männerfreundschaft“. Zu sehen sind jede Menge Skulpturen kräftiger, nackter Kerle von der Renaissance bis zum Historismus, gequälte Märtyrer, männliche Aktfotografien aus dem 19. Jahrhundert und eine bunte Sammlung sich umfassender Männer in Zeichnung und Malerei. Im Kontext der Ausstellung wirkt nun die ganze Kunstgeschichte wie eine Ansammlung von „some faggy gestures“.
Der Katalog nimmt graphisch das Ausstellungsdisplay des Künstlers auf und erhielt verdientermaßen die Auszeichnung als eines der schönsten Schweizer Bücher 2008.
Michael Reuter
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Das Glück dieser Erde: Hans Pfrommer
Dienstag, 05.01.2010
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie der Stadt Backnang vom 16.05. – 16.08. 2009. Hg. von der Stadt Backnang. Mit einem Text von Martin Schick. Eigenverlag, Backnang, 2009, ISBN 978-3-9810738-7-4, 48 Seiten, 36 Farbabbildungen, Broschur, Format 24 x 16,5 cm
Mit Humor tut sich die zeitgenössische Kunst schwer und so ist auch dem Werk von Hans Pfrommer keine übermäßig große Aufmerksamkeit beschieden. Immerhin hat er zwei Galeristen, die sich redlich um sein Oeuvre kümmern, und die Galerie der Stadt Backnang würdigte den 1969 in Stuttgart geborenen und hier immer noch wirkenden Pfrommer jüngst mit einer Einzelausstellung. Dermaßen und im tiefsten Sinnen des Wortes in der künstlerischen Provinz verwurzelt (sein Atelier befindet sich im Tiefparterre) verwundert es nicht, das Pfrommer in seinen mit kontinuierlicher Beharrlichkeit entstehenden Kleinformaten, einen lakonisch-bissigen Humor entwickelte, der ihn so manch schwäbische Familienfeier ohne bleibende psychische Schäden überwinden ließ.
Wunderbar vor allem sein Wortwitz, der in den überlangen Bildtiteln aufblitzt, und der zusammen mit den Bildinhalten die Sinne des Betrachters verdreht. Martin Schick spricht in seinem Text vom „Pfrommer-Virus“, der den Infizierten dazu verleite, jede schräge Lebenssituation, und derer sind Legionen, mit einem „Pfrommer-Bildtitel“ versehen zu wollen. Unerreicht die Serie „Silvester bei Bekannten, die auch ohne Alkohol fröhlich sein können“, die den finalen Schrecken von Bleigießen, Kleinstfeuerwerk und Fernsehabend vor die Augen des erschütterten Betrachters führt. Wir alle haben dergleichen bereits durchlitten, aber erst Pfrommer gelingt es, das archetypische Grauen einer Silvesternacht zu Hause auf die Leinwand zu bannen. Mein persönlicher Favorit ist allerdings: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück! (Blick des Krümels aus dem Toaster)
Michael Reuter
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Shared.Divided.United: Deutschland-Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg
Freitag, 13.11.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, vom 10.10. – 15.11. 2009. Hg. von der NGBK, Berlin. Mit Texten von u.a. Sun-Ju Choi, You Jae Lee und Prof. Jie-Hyun Lim. Eigenverlag, Berlin, 2009, ISBN 978-3-938515-31-0, 216 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, Format 29 x 21 cm, € 14.—
Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin widmete sich im Herbst 2009 einer besonders abseitigen Fragestellung: Der koreanischen Migration und der deutsch-koreanischen geteilten Geschichte. Doch ist der Betrachter willens, sich ein wenig einzulesen, können auch (und gerade) exotische Themen ungemein interessant werden.
Auf deutscher Seite führte die staatliche Konkurrenzsituation während des Kalten Krieges zu einem kuriosen Wettstreit: Die DDR entsendete Ingenieure zum Wiederaufbau einer kriegszerstörten Stadt in Nordkorea und importierte knapp 1000 Waisenkinder und Studenten, die nach erfolgreicher Ausbildung wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten. Die Bundesrepublik leistete wirtschaftlich- technische Entwicklungshilfe in Südkorea und warb Krankenschwestern und Bergarbeiter zur Weiterbildung in Deutschland an.
Das ausgerechnet diese beiden Berufsgruppen umworben wurden war Zufall, sorgte aber für soziologisch interessante Nachwirkungen. Die wenigsten der männlichen Koreaner kamen aus dem Bergbau. Sie hatten einen hohen Bildungsgrad, stammten aus der städtischen Mittelschicht und waren harte körperliche Arbeit nicht gewohnt, was zu Konflikten mit den deutschen Kumpels führte.
Die Krankenschwestern dagegen waren in Deutschland unterfordert, da sie in Korea dem Arzt assistierten und die Patienten in Eigenverantwortung behandelten. Sie waren es nicht gewohnt, Arbeiten wie Waschen, Füttern und Putzen zu übernehmen. Dafür entwickelten sie eine starke gegenseitige Solidarität, als die deutsche Regierung die Arbeitsverträge nicht verlängern wollte und die Ausweisung drohte. Die Koreanerinnen politisierten und emanzipierten sich und es entstand in der Bundesrepublik ein dichtes Netz von Selbstorganisationen, ohne dass sich die Koreaner in der deutschen Gesellschaft isolierten. Im Gegenteil, sie integrierten sich weit besser als andere Migrationsgruppen.
Die Ingenieure der DDR verhielten sich im Norden wie die Axt im Walde. „Die Zusammenarbeit mit Koreanern wurde in den offiziellen Berichten überwiegend positiv beurteilt. Die Beziehungen waren in der Realität jedoch durch ostdeutsches Sendungsbewusstsein, das meist mit ‚Überheblichkeit‘ und ‚Diktieren‘ einherging, geprägt.“ Außerdem suchten viele Deutsche nur Abenteuer und Exotik, benahmen sich heftig daneben und mussten in der ersten Zeit oft nach spätestens einem halben Jahr ausgetauscht werden.
In Kombination mit historischen Dokumenten zu der Migrationsproblematik beleuchten die ausgestellten Kunstwerke die Durchsetzung der jeweiligen Ideologien in Süd- und Nordkorea und setzen sich mit dem Status der Teilung und der DMZ, der Entmilitarisierten Zone, auseinander. Auf der anderen Seite geht es um die seelischen Auswirkungen der Migration zwischen Sehnsüchten und Realitäten.
Michael Reuter
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Meisterschüler
Dienstag, 13.10.2009
Katalog zur Ausstellung der Meisterschüler der HBK 2006 in Braunschweig. Hg. von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Mit Texten von u.a. Hannes Böhringer und Sarah Frost. Eigenverlag, Braunschweig, 2007, ISBN 3-88895-049-X, 100 Seiten, ca. 60 s/w-Abb., Klappbroschur, Format 32 x 23 cm, € 10.–
An diesem Katalogfund aus den zerklüfteten artheonschen Kataloggebirgen fällt erstmal das rot-weiße Streifenmuster auf, dass hiesige Eleven der Kunstakademie sehr ähnlich heuer für die grafische Gestaltung des Akademierundgangs nutzen. Alles schon mal da gewesen.
Ähnlich ergeht es dem Betrachter bei der Durchsicht des Bandes. In historischen Zeiten mag die Aussicht auf eine Präsenz in einem Papierband Anreiz genug für einen jungen Meisterschüler gewesen sein, ein paar schwarz-weiße Werkfotos zwischen die sechzig anderen schwarz-weißen Werkfotos zu werfen, und das Beste zu hoffen.
In Zeiten uferloser Internetpräsenzen und spottbilliger Datenträger darf es schon ein bisschen mehr Einfallsreichtum sein, alldieweil Barbara Stzraka, Präsidentin der Braunschweiger Hochschule, in ihrem Vorwort vom Kunststudium als einem „Proberaum für die Echtzeit“ spricht, der auch „Kommunikations- und ‚Überlebensstrategien‘ im Kunstbetrieb“ umfassen solle. Für sie ist der Katalog zu einem „Gesamtkunstwerk“ geworden, der belege, „dass sich die ‚Schüler‘ von ihren Lehrern längst emanzipiert haben.“
Nun ja, auch dem Rezensenten ist klar, dass die Kassen leer sind und jede erfolgreiche Sponsorensuche Lob verdient, aber diese krude Mischung von Kurztexten zum schwammigen Thema „Bitte irgendwas mit Meisterschüler und Kunst“ und ein kommentarloses Sammelsurium von Abbildungen der einundzwanzig Absolventen kann es wirklich nicht sein.
Michael Reuter
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The Institute for Social Research (ISR): 1730 Great Highway
Sonntag, 13.09.2009
Publikation zu einer Kooperation der Klassen Jankowski und Cluss mit dem Graduate Fine Arts Program at California College of Arts in San Francisco. Hg. vom Institut für Buchgestaltung und Medienentwicklung an der Staatlichen Akademie der
Bildenden Künste Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-931485-91-7, 448 Seiten, zahlreiche Abb., Klappbroschur, Format 26 x 21 cm, ohne Preisangabe
Studieren an der Kunstakademie Stuttgart kann schön sein. Besonders mit engagierten Professoren. Im Herbstsemester 2007 verbrachte die Klasse Jankowski neunzig Tage in San Francisco und verarbeite ihre Erlebnisse mithilfe des Instituts für Buchgestaltung zu einem voluminösen Werk. Genauso möchten wir uns das Leben der Kunststudenten vorstellen: Zwölf Chaoten, die feuchtfröhlich eine Stadt entdecken und dabei alles zu Kunst machen, was ihnen unter die Finger kommt. Mit dem Thema „Leben in der Kommune“ ließ sich wunderbar arbeiten.
Auch wenn die einzelnen Performances der Klasse im Chaos der Fotos, Notizen und Zeichnungen untergehen (im Appendix sind alle Aktionen noch einmal aufgelistet) wird die eigentliche Aussage des Bandes schnell deutlich: War eine geile Zeit und wir hatten Spaß ohne Ende. Weil das Ganze aber ein Studienprojekt ist, gibt es auch einen theoretischen Teil mit Essays, die keiner jemals lesen wird. Warum sich die Laune verderben, der Ernst des Lebens kommt noch früh genug.
„FEEL FREE, DON’T BE AFRAID, OPEN YOUR MIND, JUMP OVER YOUR LIMIT, LOOK FOR NEW INTENTIONS, FORGET PROJECTS AND PRESENTATIONS, USE JOSS STICKS (PREFER PATCHOULI).”
Michael Reuter
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Rotar – Kosmos und Kosmologie
Freitag, 11.09.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau vom 27.09. 2009 – 17.01. 2010. Hg. von der Stiftung Museum Schloss Moyland. Mit Texten von Laura Baumann, Heinrich Heil und Alberto Saviello. Eigenverlag, Bedburg-Hau, 2009, ISBN 978-3-935166-48-5, 92 Seiten, ca. 60 Farbabbildungen, Broschur, Format 27 x 23 cm, € 17,50
Immer wieder taucht die Spirale in den Bildern von Robert Rotar (1926-1999) auf. Sie windet sich als Sinnbild für Wandlungs- und Entwicklungsprozesse nach außen in den unendlichen Kosmos und verdichtet sich nach innen in den ebenso grenzenlosen Mikrokosmos. Als Holger Skiebe geboren, nahm er 1966 den Namen Robert Rotar an und verkürzte ihn schließlich auf Rotar. Seine Obsession für die wirbelnden Fliehkräfte der Spirale wurde so auch in seinem Namen zum Markenzeichen.
Das Museum Schloss Moyland widmete ihm Ende 2009 mit „Kosmos und Kosmologie“ die erste retrospektive Ausstellung. Seine Kreisbilder entstanden anfangs auf einem umgebauten Plattenspieler, dann konstruierte er einen großen Drehteller und ließ ihn als „Maschine zum voll- und halbautomatischen Malen von Kunstgegenständen und Zeichnungen“ patentieren. Es entstanden psychedelische Werke, die an astronomische Aufnahmen erinnern, an Spiralnebel, Supernovä und Spektralanalysen.
In späteren Jahren widmete Rotar sich dem Studium von Astronomie, Alchemie, der Kabbala und anderen okkulten Lehren und entwarf daraus ein Formenrepertoire aus Symbolen, Stempeln und Zahlen, das er in seinen Collagen, Zeichnungen und Skulpturen immer wieder neu variierte.
Obwohl esoterische Themen sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen, wirkt das Œuvre Rotars veraltet. Auch dem engagiertesten Kabbalisten würde es wohl nicht mehr einfallen, seine Schriften mit „Das Chaos schrie: Forme mich!“ oder „Den Zerbrechenden berührt Gott das Herz …“ zu beginnen. Rotar lebte seine Obsession, er war von seinem Thema besessen und reflektiert in seinen Arbeiten auch die Begeisterung der 1970er Jahre für Ufologie, außersinnliche Wahrnehmungen und skurrile Esoteriker wie Aleister Crowley.
Michael Reuter
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Bernhard Kahrmann: volatile tenderness
Donnerstag, 13.08.2009
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen vom 13.07. – 14.09. 2008. Hg. von Werner Meyer. Mit Texten von Rodney LaTourelle, Oliver Tepel und Werner Meyer. Eigenverlag, Göppingen, 2008, ISBN 978-3-927791-65-7, 78 Seiten, 28 Farbabbildungen, Klappbroschur, Format 30 x 23 cm, € 15.—
Schwere Kost für Bilderfreunde publizierte die Kunsthalle Göppingen mit dem Katalog zur Ausstellung „volatile tenderness“ des 1973 geborenen Bernhard Kahrmann. Der Künstler arbeitet nun, nach einer Phase visueller Aufgeregtheit mit hektischen Projektionen von Wörtern, Symbolen und alltäglichen Bildern, mit extremer Reduktion. Die Katalogtexte reagieren darauf umso wortreicher. Dabei gibt es fast nichts zu sehen. Sieben Diaprojektoren ohne Dias werfen ihr Licht auf eine gefaltete Fläche und produzieren durch die unterschiedliche Qualität der Objektive schwache Farbdifferenzen auf die Projektionsfläche. Die Installation „Hubble“ wirft wandernde Lichtpunkte in den Raum. Die Projektion eines Digitaluhr-Displays verlässt – als Reaktion auf ein minimalistisches Musikstück – den linearen Zeitfluss. Kahrmann bedient einen philosophischen Diskurs über Raum, Licht und Zeit, der sich einer fotografischen Abbildung heftig widersetzt.
Das Beste sind einige scheinbar leere Seiten im Katalog, die aber mitnichten leer sind, sondern das Licht zeigen, „das ein Blatt Papier auffängt und wieder von sich gibt, aufgenommen in einer (digitalen) Fotografie und wieder auf ein Papier eingebrannt.“ (Werner Meyer) Ob die kaum merklichen Knicke in den Blättern real sind (auf dem dünnen Papier entstehen spätestens nach dem ersten Durchblättern unweigerlich die ersten Knicke) oder nur reproduziert sind, lässt sich kaum feststellen. Ohne den erläuternden Text glaubt der Betrachter an einen Fehler der Druckerei, aber beim Blättern zwischen den Seiten stellt sich der Effekt ein, dass er etwas sehen will, egal ob real vorhanden oder nicht.
Michael Reuter
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