Watchlist #3: Mona Ardeleanu

Montag, 26.04.2010

Es läuft gut für Mona Ardeleanu. Der Kunstverein Weil am Rhein zeigte über drei Etagen die Arbeiten der letzten Monate in einer Einzelausstellung, bei Rainer Wehrs Jubiläumsausstellung ist sie vertreten und Ende Mai stellt sie bei John Doe Projects in Karlsruhe aus. Dabei beendet die 26-jährige erst im Juli ihr Studium an der Kunstakademie Stuttgart. Viel Zeit zum Feiern bleibt nicht, denn als glückliche Gewinnerin des Stipendiums Junge Kunst zieht Ardeleanu bald für ein Jahr nach Lemgo in Ostwestfalen. Gegen hundert Wettbewerber hat sie sich mit ihren „altmeisterlich“ gemalten Bildern durchgesetzt.

Ein mehrmonatiger Aufenthalt in der Klasse Daniel Richter an der Kunstakademie Wien brachte die Wende im Werk der jungen Künstlerin. Wo vorher ein buntes Gewusel aus bühnenähnlichen Situationen mit Naturelementen, Menschen, Tieren, Tapetenstrukturen, Kissen und Decken ihre Gemälde beherrschte, zeigte sich nun eine radikale Neuinterpretation des Raums. Die anarchistische Grenzenlosigkeit verdichtete sich zu merkwürdigen Bündeln aus Stroh, Haarteilen und Textilien.

Wie eine Elster trägt Ardeleanu ihre Fundstücke zusammen: Hier ein besonders schöner Faltenwurf, dort eine Spitze aus feinster Seide, ein reizvolles Korbgeflecht, eine Perücke, teurer Schmuck oder einfaches Stroh – vor dunklem Hintergrund entstehen aus den einzelnen Elementen akribisch gemalte Nester und Stoffknäuel, in sich geschlossenen Räume aus scheinbar nicht zueinander passenden Materialien, die zu Sinnbildern für Geborgenheit werden.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 79, März 2010.

Watchlist
Micha Dengler

Sonntag, 20.12.2009

In der Ausstellung Übermorgenkünstler im Kunstverein Heidelberg ist zurzeit eine alte
mechanische Schreibmaschine zu sehen, die von Micha Dengler so präpariert wurde, dass sie nur noch „Google“ schreiben kann. Der 1985 im Kreis Tuttlingen geborene Künstler studiert an der Kunstakademie Stuttgart bei Rainer Ganahl. Seine Medienskulpturen flanieren zwischen analoger und digitaler Welt. Dengler macht einen Spaziergang durch das virtuelle Berlin der Online-Welt „Second Life“ und schießt dabei Polaroid-Fotos, nutzt den funzeligen Schein einer Laterna Magica, um das Apple-Logo an die Wand zu projizieren oder baut das Gemälde La reproduction interdite von René Magritte zu einem Diskurs über Selbsterksenntnis und Medienillusion um.
Die Effekte der Arbeiten scheinen sich leicht zu entschlüsseln, doch hier ist Vorsicht geboten: Sein Bezugsrahmen reicht weit in die Medienund Kunstgeschichte hinein, mit Querverweisen zu Philosophie und Informationstechnologie. Freunde der Theorie werden gut bedient, aber Micha Denglers Werke funktionieren auch als ironisch-poetische Kommentare zum Menschsein im Computerzeitalter.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 77, Januar 2010.

„Hast du heute schon dein Viagra gefressen?“
Die frühberufene Künstlerin Jana Kuznetsov malt bei ihren provokanten Performances am liebsten mit Schamröte

Sonntag, 28.06.2009

Kaum 150 cm hoch, haselnussbraune Kulleraugen und ein zartes Mini-Maus-Stimmchen: „Pffft“ denkt sich der Wolf und pustet die Frau ohne Anstrengung von den Klippen. Aber Obacht, verehrte Kunstfreunde, bevor diese Künstlerin sich wegblasen lässt, wird sie wandelbar wie ein Virus, anhänglich wie eine Zecke, bissig wie ein Rehpinscher und dickfellig wie ein Elefant. Ihr Name ist Jana Kuznetsov: Erdlinge, lauft weg oder kniet nieder.
Weiterlesen »

Ode an die Natur #3
Stefanie Bühler

Mittwoch, 25.03.2009

Die 1976 geborene Stefanie Bühler studierte an der HfBK Dresden Bildhauerei und dreidimensionales Gestalten. Ihren Zugang zur Natur findet sie über detailliert ausgearbeitete Skulpturen, die an Objekte aus Lehrmittelsammlungen, barocke Wunderkammern oder Dioramen in Naturkundemuseen erinnern. Ihre Arbeit Galaxie, 2006, hat einen Durchmesser von 160 cm, ihr Urwald, 2006, aus Kunststoffen und Ölfarbe bringt es auf eine Höhe von 120 cm. Ein „tiefenräumliches Naturzitat“ sah die Berliner Zeitung darin, das einen „Hauch von Romantik“ verbreite, „umwehrt von dezent poppiger Ironie“.
Stefanie Bühlers Gewitterhimmel, der zurzeit an der Decke der Galerie Junge Kunst e.V. in Wolfsburg aufzieht, hat ein Gerüst aus Styropor. Die Wolkenstruktur besteht aus Watte, die durch gefärbten Kleister gezogenen wurde.
Der Kurator Marc Wellmann postulierte zur Ausstellung Skulptur heute! Die Macht des Dinglichen das Haptische, Konkrete, Abgeschlossene und Beständige als Schlüsselbegriffe für ein „Zurück zum Objekt“ und plädierte für eine Wiederentdeckung der materiellen Präsenz von Objekten. Stefanie Bühler würde das wohl sofort unterschreiben.

Immer wieder malen gehen. Die Bilder von Felix Wunderlich

Donnerstag, 29.01.2009

Ich glaube an das Gute und das Böse in der Malerei. Sie friert beide Zustände ein, macht sie bestimmbar. Im wirklichen Leben fließt das Gute übergangslos in das Böse, egal wie viel Rosenkränze auch gebetet werden. Ich kann Gott malen, in Wirklichkeit ist er nicht zu sehen.
Weiterlesen »

Fluchtfahrzeuge und Abstandshalter. Die Skulpturen von Ingrid Hartlieb

Montag, 20.10.2008

Die drei größten Skulpturen hat Ingrid Hartlieb (64) zur Zeit bei der SkulpTour auf der Zollernalb plaziert. Parallel läuft eine Ausstellung in Esslingen und eine in Frankfurt. Trotzdem ist die riesige Atelierhalle der in Stuttgart lebenden und in Haigerloch arbeitenden Künstlerin noch gut bestückt mit Werken in allen Entstehungsphasen und Größen. Nach den Heizkosten sollte der Besucher besser nicht fragen. „Im Winter ist es hier brutal kalt. Die Wärme geht zum Dach raus und ich bin dauernd erkältet.“ fröstelt die Künstlerin in banger Erwartung. Für die besonders harten Tage bietet ein Büro im Erdgeschoss Schutz und Wärme.
Weiterlesen »

Christian Jankowski. Ein Sonnyboy im Kunstmuseum Stuttgart

Montag, 13.10.2008

„Hula-Hoop und Karaoke im Museum, Teleshopping auf der Kunstmesse oder Kochshow im Kunstverein“. Die offizielle Verlautbarung zur Ausstellung von Christian Jankowski im Kunstmuseum Stuttgart klingt arg nach Mainstream. Dazu ein Sonnyboykünstler, Prof an der Stuttgarter Kunstakademie und weltweit gefragter Video- und Performancekünstler, der auf einem Schreibtisch Handstand macht. Was für ein Mist! Aber immer langsam. Ich bin durchaus lernfähig und halte die Ausstellung mittlerweile für echt gelungen. Ob Janko sich einem Fernsehprediger vor die Füße wirft, mit Pfeil und Bogen zur Nahrungsbeschaffung in den Supermarkt geht, oder per Losverfahren die Mitarbeiter des Stuttgarter Kunstmuseums zum Arbeitsplatztausch nötigt… das hat schon was! Er nutzt die Medienformate, die wir alle kennen und gibt nicht den Obertheoretiker, sondern verpackt seine Ideen in Aktionen, über die man freiwillig nachzudenken beginnt, weil sie eben nicht so kopflastig daherkommen. Und außerdem mag ich ihn, weil er mir ein Interview gegeben hat und weil im ersten Stock abgetrennte Körperteile liegen.
Weiterlesen »

Daniel Wagenblast: Stadtmöblierung mit Humor

Mittwoch, 17.09.2008

Der 1963 in Schwäbisch Gmünd geborene Bildhauer Daniel Wagenblast hat sich in Stuttgart-Heslach eine ehemalige Kneipe zum Atelier umgebaut. Der Tresen, die Eckbänke und Stühle wurden mit Brecheisen und Motorsäge portioniert und zum Sperrmüll gestellt. Auf bescheidenen fünfunddreißig Quadratmetern klopft er nun wochenlang an seinen Holzfiguren. Mehr Platz braucht der Künstler nicht. Er arbeitet immer nur an einer Figur, die großen Stämme liegen im nah gelegenen Garten seiner Wohnung und dort macht er auch die groben Sägearbeiten. Die fertigen Skulpturen gehen gleich wieder raus, in Ausstellungen oder zur Gießerei. Wagenblast ist gut im Geschäft. Nicht zu provokant aber deutlich zeitgenössisch eignen sich seine humorigen Skulpturen ideal zur Stadtmöblierung.

Tobias Wahl schrieb in einem Katalog: „Früher oder später lieben die Leute in den Dörfern und Städten Wagenblasts Skulpturen, seine ruhigen, freundlichen Figuren, die über allem stehen, ohne dabei überheblich zu sein; (…) mutig, frei und dabei im wahrsten Sinne bodenständig. Vielleicht sehen sie sich ein bisschen so, die Schwaben.“
Kräftige, expressive, bunt bemalte Figuren mit Autos unter dem Arm, auf Weltkugeln sitzend oder auf Krokodilen reitend. Zu einer Ausstellung im Hospitalhof in Stuttgart präsentierte er vor einem Jahr einige Kleinplastiken aus Balsaholz, die sich mit den Themen Kirche und Gewalt beschäftigen. Ob man die Kombinationen von Kirchengebäuden mit Bomben, U-Booten und Flugzeugen nun als Realitätsflucht und Träumerei oder als kritischen Kommentar zum Gewaltpotenzial fanatischer religiöser Überzeugungen ließt, blieb dem Betrachter überlassen.
„Die Figuren sind immer ein Stück von einem selbst. Man muss sich entscheiden, was man sein Leben lang machen möchte. Wenn man hier aus dem Fenster sieht, ist doch fast jeder unzufrieden mit seinem Job. Ich hab eine 90-prozentige Übereinstimmung mit dem gefunden, was ich tun möchte.“ Relativ blauäugig habe er damals mit der Kunst begonnen, erzählt Wagenblast. „Als ich an der Stuttgarter Akademie Malerei studiert habe, stand der Geldgedanke nicht so stark im Vordergrund. Wir haben im Studium viel ausprobiert … und viel Bier getrunken. Die Generation nach uns hatte schon den Markt vor Augen und ist sehr zielstrebig an die Kunst ran gegangen. Heute hat jeder im Kopf, wie viel der Gerhard Richter verdient und jeder weiß, was er später mal machen will.“

Doch nur im stillen Kämmerlein vor sich hin klopfen ist nicht wirklich förderlich für die Karriere. Der selbst finanzierte Katalog zur Ausstellung im Hospitalhof wurde als Werbematerial in eigener Sache an die unterschiedlichsten Museen in ganz Deutschland verschickt. Seine Galeristen können, bei allem Engagement, auch nicht alles finanzieren. Zusätzlich fährt Wagenblast mit seiner Frau, der Malerin Isa Dahl, jedes Jahr kreuz und quer durch die Republik, als Botschafter in eigener Sache.
Sein ruhiges Atelier ist ihm allemal lieber. „Ich arbeite konstant. Also eigentlich immer! Jetzt, mit den Kindern, sonntags auch mal nicht. Ich brauche relativ viel Zeit. Ein paar Wochen für jede Figur. Ich mache kein schnelles Kettensägenmassaker und dann kommt so ein ungenauer Scheiß raus. Das muss zwar so aussehen, als hätte ich die Figur in zwei Stunden fertig aber das ist ein langer Prozess, bei denen mann stundenlang klopft. Opern sind dabei nicht schlecht, die dauern drei bis vier Stunden“ berichtet Wagenblast und lächelt verschmitzt. Und seine Skulpturen lächeln verschmitzt zurück.

Veröffentlicht auf www.kunst-blog.com

„Als ich euch verlies, war ich euer Schüler, nun bin ich der Meister“

Freitag, 01.08.2008

Auf der Flucht vor weichgespülter Flachware stolperte der Rezensent auf der diesjährigen Art Cologne in der Koje der Galerie Fiebach&Minninger über beglückend Wüstes. Geboten wurde ein Konvolut von Arbeiten des 1983 geborenen Henning Straßburger. „YOU LOOK LIKE SHIT. IS THAT STYLE NOW“ war leider schon weg, „F*** ME I´M FAMOUS“ für ambitionierte 4.800 € noch im Angebot.
Weiterlesen »

Ein Demiurg mit Kettensäge

Donnerstag, 26.06.2008

„Skulptur ist, worüber man stolpert, wenn man zurücktritt, um sich ein Gemälde anzusehen“, meinte der Maler Ad Reinhardt. Im Atelier von Thomas Putze in der Stuttgarter Wagenhalle gibt es eine Menge Skulpturen, über die man stolpern kann, in allen Größen von zwergenhaft bis raumfüllend. Drangvolle Enge und lärmiges Durcheinander beherrschen das kleine Hallenteil. Richtig arbeiten kann der Künstler hier schon lange nicht mehr. Warum auch? Draußen scheint die Sonne und die fliegenden Holzspäne verteilen sich auf dem verkrusteten Matschboden der beliebten Alternativ-Location in Stuttgart.
Weiterlesen »