Katharina Ferus und Dietmar Rübel (Hg.): „Die Tücke des Objekts“
Samstag, 13.02.2010
Vom Umgang mit Dingen
Reimer Verlag GmbH, Berlin, 2009, ISBN 978-3-496-02807-9, 253 Seiten mit m. 16 Farb- u. 80 s-w-Abb., gebunden, Format 24 x 17cm, € 29,–
Erstaunlich, welche Fülle an Themen zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden kann. Der Umgang mit „Dingen“ beinhaltet ein schier unendliches Reservoir an wissenschaftlichen Fragestellungen und so finden sich in dem Sammelband „Die Tücke des Objekts“ unter anderem Artikel über die Freischwinger von Marcel Breuer, über Windkrafträder, Pflastersteine, künstlerische Objets trouvés, Kultgegenstände aus Papua Neuguinea und über die Totenmaske von Friedrich Schiller. Ob Naturwissenschaftler, Kunsthistoriker oder Techniker: Irgendetwas von Interesse findet jeder in diesem interdisziplinären Band, der aus einer Tagung im Februar 2007 der Isa Lohmann-Siems Stiftung im Warburg-Haus, Hamburg hervorgegangen ist. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem kreativen Umgang mit der Dingwelt in der Bildenden Kunst. Die Artikel über Maskenmotive im deutschen Stillleben, Pflastersteine zwischen „Ready made“-Kunstwerk und revolutionärem Wurfgeschoss oder Freischwinger als Antwort der Designer auf den beschleunigten Lebensstil der 1920er Jahre bilden den Kern des Bandes und kehren immer wieder zu den unruhigen Jahren zwischen den Kriegen zurück.
Der einleitende Beitrag von Christoph Asendorf „Verlust der Dinge? Stationen einer endlosen Diskussion“ hält die ungleichen Beiträge des Bandes zusammen und beschreibt kurz, wie der Umgang mit Dingen sich über die letzten Jahrhunderte veränderte. Er skizziert im Ergebnis ein Dreistufenmodell: die vorindustrielle Zeit mit einer eher geringen Zahl langlebiger Objekten, mit denen die Besitzer stark verbunden waren. Dann die Zeit nach 1900 mit Industrialisierung und beginnender Massenproduktion, die zum Zerfall des Dingwertes und einer Erfahrung des Verlustes und der „Verzicht auf Dauerndes“, wie Paul Valéry im Hinblick auf die Kunst schrieb, einherging. Und schließlich die 1950er Jahre, „eine Epoche des Übergangs, wo die Praxis eines lang andauernden vertrauten Umganges mit den immer gleichen Dingen der Lebenswelt, welche schon durch den Krieg erschüttert war, nun mit der Entfaltung der Konsumgesellschaft endgültig obsolet zu werden droht.“
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Jennifer John, Dorothee Richter, Sigrid Schade (Hg.): Re-Vision des Displays
Mittwoch, 06.01.2010
Ausstellungs-Szenarien, ihre Lektüren und ihr Publikum
JRP|Ringier, Zürich, 2008, ISBN 978-3-03764-001-2, 224 Seiten mit 60 s/w-Abb., kartoniert, Format 23 x 16, € 20,–
Beim Symposium „Re-Vision des Displays“ Ende Juni 2007 in Zürich ging es im weitesten Sinn um die Inszenierung von Kunstausstellungen. Das Display fungiert als Schnittstelle zwischen Mensch und Ausstellung, als Teil eines Medienverbunds, der Bedeutung und Wissen, Normen und Werte produziert. Dabei lässt es sich nie ganz vermeiden, dass die Inszenierung, bewusst oder unbewusst, auch fragwürdige ideologische Konzepte transportiert.
So besteht der Kern der vorliegenden Anthologie in der Frage, wie sich ein Kurator an sein Ausstellungskonzept herantasten kann, ohne in die Falle unbewusster „Herrschaftsdiskurse“ zu stolpern, sei es die Unterrepräsentanz von Künstlerinnen, „das Problem der subtilen Manifestation überkommener Geschlechterrollen“ (R. Muttentahler), die Vorherrschaft westlicher Kunst oder die kritiklose Verwendung des White Cube, dessen ideologische Wirkung sehr anschaulich von Elena Filipovic beschrieben wird.
Der White Cube als neutraler Museumsraum mit weißen Wänden und gleichmäßiger Beleuchtung durch Oberlichter, ist eben alles andere als neutral. Er ist pure Ideologie und hat unsere Ansichten über Kunst und deren Präsentation stärker geprägt als die Kunstwerke selbst! Er konstituiert nicht nur unser Verhältnis zur Kunst, sondern formt auch einen bestimmten Typ von Betrachter – „wohlerzogen, ernst, entkörperlicht und in der Lage, sich mit ununterbrochenem Blick auf die Einzigartigkeit des Kunstwerks zu konzentrieren.“ (E. Filipovic)
Dorothee Richter beschreibt im Rückgriff auf Mary Anne Staniszewski drei normative Ausstellungstypen: die propagandistisch-emotionale Ausstellung, die nobilitierende Kunstausstellung und die pädagogisch-animierende Designausstellung. Eine vierte Kategorie bezeichnet sie als „selbstkritische“ Ausstellung.
Dieser vierten Kategorie dürften sich wohl alle beteiligten Kuratoren des Züricher Symposiums zugehörig fühlen. Sie alle sind in der Pflicht, sich den ideologischen Fallen zu stellen und versuchen, in einer selbstkritischen Ausstellungspraxis eine offene Lesart der Ausstellung zu ermöglichen, ohne sich dem Vorwurf der Beliebigkeit auszusetzen. So betont das Direktorenteam Iris Dressler und Hans D. Christ des Württembergischen Kunstvereins in einem Interview: „Bei aller Vermittlung ist und war es uns allerdings wichtig, diese offen und angreifbar zu halten. Für die Textdisplays bedeutet dies zum Beispiel, Interpretationen zu vermeiden und eher auf die Komplexität von Sachverhalten zu verweisen, als diese zu simplifizieren, im besten Falle also Fragen offen zu lassen oder gar zu provozieren. (…) Wir möchten die Besucher/innen nicht mit einer schlüssigen Botschaft überwältigen, sondern ihnen divergierende Leseweisen anbieten.“
Streng genommen wird das eigentliche Thema „Display“ in der Anthologie nicht richtig greifbar. Es bezeichnet alles und nichts und so sind die einzelnen Textbeiträge eher einer Sammlung kuratorischer und künstlerischer Positionen in Zeiten fortschreitender gesellschaftlicher Vereinzelung und Verunsicherung.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Joachim Nagel: Femme fatale
Mittwoch, 23.12.2009
Faszinierende Frauen
Belser Verlag, Stuttgart, 2009, ISBN 978-3-7630-2521-3, 128 Seiten mit 120 farbigen Abb., gebunden, Format 28,5 x 25cm, € 24,95
Von der griechischen Antike bis zur heutigen Zeit reichen die anekdotischen Berichte des Münchener Literaturwissenschaftlers und Kulturhistorikers Joachim Nagel über die unendlichen Variationen männlicher Sexualneurosen, die sich durch die Jahrhunderte am Topos der „Femme fatale“ in ihrer verführerischen Schönheit entfaltet haben. Lilith, Salome, Cleopatra, griechische Göttinnen und zeitgenössische Filmdiven: Das Buch will nur unterhalten, belegt aber in erster Linie einen wahnhaft übersteigerten Sexualtrieb bei Malern quer durch die Epochen, verbunden mit einer furchtbaren Angst vor weiblicher Dominanz.
„Wohl begründet stammt ein Großteil der Frauenbildnisse dieses Buches aus der Zeit etwa zwischen 1880 und 1910 – damals erlebt das Thema der Femme fatale in der Kunst seine eigentliche Blüte …“, schreibt der Autor. Tatsächlich wäre es der Sache dienlicher gewesen, er hätte sich auf die Belle Époque konzentriert und ein präzises Sittenbild der Zeit aufgezeichnet. Stattdessen verheddert sich das Buch in blanken Brüsten und schmachtenden Blicken und zeichnet unkommentiert ein reaktionäres Frauenbild nach, das durch die Jahrhunderte von dämonischen Teufelsweibern dominiert wird und im Sumpf männlicher Erotomanie stecken bleibt. Als Ausgleich für die visuelle Fülle entblößter Weiblichkeit kommen im Text ausschließlich die Männer zu Wort, dichtend, philosophierend, krank vor Gier und spitz wie Nachbars Lumpi.
Erst auf den letzten Seiten taucht etwas verschämt der emanzipierte Blick in Form eines Bildes von Cindy Sherman auf. Zeitgenössische Kunst findet ansonsten nicht statt. Nichts gegen schöne Bilder von schönen Frauen aber so ganz ohne Reflexion über die Geschlechterrollen geht es heutzutage nicht mehr.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Stefan Ritter: Alle Bilder führen nach Rom
Sonntag, 13.12.2009
Eine kurze Geschichte des Sehens
Klett-Cotta, Stuttgart, 2008, ISBN 978-3-608-94374-0, 240 Seiten, gebunden, 24 Farb- u. 23 s/w-Abbildungen, Format 23 x 16, € 24,90
Ausgehend von der These, dass sich die westliche Welt seit der Renaissance gerne in der Tradition römischen Lebens, Denkens, und Handelns sieht, startet Stefan Ritter (*1959) seine humorig geschriebene Vergleichsstudie über römisches und zeitgenössisches Bildgut. Dabei bedient er sich antiker Statuen, Fresken und Reliefs sowie aus dem Fundus der heutigen Presse- und Werbefotografie. Dass er keine Werke der zeitgenössischen Kunst verwendet, begründet Ritter mit dem Umstand, dass antike Bildwerke ihren Platz mitten im gemeinschaftlichen Leben hatten und nicht als autonome Einzelwerke präsentiert wurden – ähnlich dem massenmedialen Auswurf unserer Tage, der „genauso wohlüberlegt, an den Seherfahrungen einer breiteren Öffentlichkeit orientiert und zielgerichtet konstruiert wie antike Bildwerke“ sei.
Stefan Ritter, derzeit Direktor des Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke München und Universitätsprofessor für Klassische Archäologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, geht es bei seinen Bildbesprechungen vor allem um die Einblicke in allgemein verbreitete Wertvorstellungen und die Frage, ob und wie sich der Mensch selbst, ungeachtet des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, seit der Antike verändert hat und ob der heutige Mensch etwas aus den römischen Bildwelten mitnehmen kann, was ihm hilft, die Gegenwart besser zu verstehen.
Was folgt, sind jeweils zwei Bilder, die exemplarisch für ganze Themenblöcke gegeneinander gestellt werden. Die Mimik von Politikern wird anhand eines Porträtkopfes von Kaiser Vespasian und einer offiziellen Fotografie Silvio Berlusconis beleuchtet. Über die Machtkonstellationen in Familiendynastien gibt ein reliefierter Halbedelstein und ein Pressefoto des Bush-Clans Auskunft. Außerdem geht es um Familie und Partnerschaft, Arbeit und Freizeit, um das Fremde und natürlich um Frauen.
Die Detailfülle, die Ritter vor allem aus den antiken Bildnissen extrahiert, ist beeindruckend, und gibt einen unterhaltsamen Einblick in römische Denk- und Lebenswelten, ohne sich in wissenschaftlichen Details zu verlieren. Seine Ausführungen zu den heutigen Werbe- und Pressefotos wirken dagegen sehr subjektiv. Dass Saddam Hussein auf dem Weg in den Gerichtssaal „finster“ aussieht, kann der Rezensent nicht finden und dass ein Zeitungsredakteur immer nur die Fotos eines mutmaßlichen Mörders veröffentlichen möchte, auf denen die Person möglichst schuldbewusst oder böse erscheint, kann Ritter nur behaupten. Da er lediglich zu den antiken Werken weiterführende Literatur angibt, bleibt ungewiss, ob der Autor hier frei fabuliert oder sich auf Sekundärliteratur stützt.
Die wesentlichen Aussagen des Buches fasst Ritter im Kapitel „Wir und unsere Bilder“ zusammen. Sowohl die Römer als auch wir nutzen die Bilder, um uns über Normen und Wertvorstellungen zu verständigen. Die heutigen Bilder dienen überwiegend Werbezwecken und sind für den schnellen Ge- und Verbrauch bestimmt, während die Römer ihre Statuen und Grabreliefs nutzen, um Herrscher und Bürger in langfristiger Erinnerung zu behalten. Auffällige Unterschiede bestehen in der Behandlung von Themen wie Alter, Gewalt und Machtverhältnissen. Erstaunlich findet Ritter das visuelle Beharrungsvermögen eigentlich überkommener Themen: Ehe und Familie als Garant partnerschaftlichen Glücks, altertümliche Rollenmodelle zwischen Mann und Frau oder ein stereotypes Fremdenbild werden in den Medienbildern immer wieder heraufbeschworen. „Das Beharrungsvermögen der Bilder steht in krassem Gegensatz zu dem Umstand, dass sie ja, ganz anders als die römischen, gerade nicht auf Tradition, sondern auf ständige Neuerung setzten.“
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Maix Mayer
Freitag, 13.11.2009
Hg. von der Galerie EIGEN+ART. Mit Texten von Winfried Pauleit, Marc Ries, Andreas Spiegl und ein Gespräch mit dem Künstler von Jan Kuhlbrodt. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2008, ISBN 978-3-7757-2128-8, dt./engl., 224 Seiten mit 325 farbigen Abb., gebunden, Format 30 x 25 cm, € 39,80
Der Leipziger Stargalerist Harry Lybke mag nur ein weiterer Knecht des internationalen Kunstkapitals sein, er kümmert sich aber hingebungsvoll auch um seine weniger erfolgreichen Künstler. Herausgegeben von der Galerie Eigen+Art bietet der vorliegende Katalog eine Gesamtübersicht der Arbeiten des Leipziger Foto-, Film- und Konzeptkünstlers Maix Mayer (*1960) von 1997 bis 2007. Die Werke werden jeweils durch einen Kurztext erläutert. Ein kurzes Essay und ein Künstlergespräch geben weitere Einblicke. Für einen retrospektiven Katalog fällt die theoretische Durchdringung recht knapp aus und wenn Mayer die Frage seines Gegenübers nach der Uhrzeit mit den Worten “Ich glaube nicht, dass die lineare Zeit unsere Zeiterfahrung reflektieren kann” beantwortet, wird klar, dass hier kein Platz für humorige Anekdoten ist.
Zentrales Motiv seiner Arbeiten ist die Architekturgeschichte der 1960er- und 1970er Jahre und die Frage, welches Bild der Zukunft damals von den Architekten entworfen und gebaut wurde und ob diese baulichen Visionen und Utopien sich erfüllt und in der gegenwärtigen Realität Bestand haben. Dabei geht es Meyer nicht um ästhetische Urteile, sondern, so der Kurator und Kunstkritiker Andreas Spiegl, um die Hinterfragung der “ideologischen Verknüpfung von Gegenwart und Zukunft”, aus deren Perspektive “Geschichte immer nur eine Krise (ist), die zwischen einer glorreichen Vergangenheit und ihrer vorgestellten Zukunft liegt, glorreich deshalb, weil sie in der Lage war, eine Zukunft zu versprechen”
Dass sich Mayer dabei viel mit Bauten in der ehemaligen DDR beschäftigt ist seiner Herkunft geschuldet, aber der “Mechanismus des Versprechens ist keine Frage von Ost und West, sondern ein globales Symptom, das sich kulturell variabel artikuliert”, schreibt Spiegl. Kein Wunder, dass der Künstler ein Reisender ist, der seine Motive auch in Asien oder Übersee findet.
Statt enzyklopädischer Vollständigkeit des Œuvres hätte sich der Rezensent mehr thematische Konzentration und mehr Text zu den interessanten Details des Bandes gewünscht: Der ostdeutsche Architekt Ulrich Müther, die verfallene Wohnanlage “Habitat” in Montreal, der seit 1964 aus dem Boden gestampften Stadtteil Halle-Neustadt und Mayers Beschäftigung mit asiatischen Megapolen hätten mehr Platz verdient.
Michael Reuter
Veröffentlicht auf www.artheon.de
Heiko Hausendorf (Hg.): Vor dem Kunstwerk
Donnerstag, 19.02.2009
Wilhelm Fink Verlag, München, 2007, ISBN 978-3-7705-4353-3, 386 Seiten, kartoniert, Format 23 x 16 cm, € 49,50
Hervorgegangen aus einem Kolloquium an der Universität Bielefeld, untersucht der vorliegende Sammelband die interdisziplinären Aspekte des Sprechens und Schreibens über Kunst, die Kunstkommunikation von Laien und Experten miteinander und untereinander.
„Gibt es eine Sprache der Kunstkommunikation und wodurch wäre sie charakterisiert?“ fragt Hausendorf im Vorwort: „Und was hätte sie mit dem Kunstwerk ‚selbst‘ zu tun?“
Die interdisziplinären Aspekte ergeben sich aus den Zielen der Kommunikation: Soll die Kunst didaktisch vermittelt und erklärt werden? Wird ein kritisches Werturteil verlangt oder eine wissenschaftliche Einordnung? Wann und wie wird der Akt des Sprechens über Kunst selbst zu Kunst? Gibt es zum oft beklagten „pseudo-intellektuellen Gerede“, zum „Jargon der Deutungseliten“ nennenswerte Alternativen?
Für den (vermeintlich) gegenüber divergierenden Ansichten sich offen gebenden Kunstfreund kann es arg frustrierend sein zu lesen, wie der Über-Kunst-Sprechende immer auch selbstsüchtige Ziele der Imagebildung verfolgt. „Den Teilnehmern von Kommunikation über Kunst ist (…) vielfach nicht bewusst, in welchem Ausmaß sie und ihre Partner diese Kommunikation zur sozialen Positionierung nutzen“, schreibt Walter Kindt. Die schreibende Zunft kommt nicht gut weg, wenn von „Selbsterbauung durch Positionierung des Schreibenden als Sprachkünstler“ die Rede ist, oder wenn Kindt konstatiert, dass „Interpreten vielfach relativ apodiktisch ihre Interpretationsvorschläge als allgemeingültig erklären“, gepaart mit einer Selbstaufwertung und der Diskreditierung Andersdenkender.
Allerdings geht es den Autoren des Kolloquiums auch nicht anders und so changiert das Werk
zwischen humorigen Beiträgen zu kryptischen Kunstkritiken bis zu langatmigen „ekphratischen“ Betrachtungen, linguistischen Aspekten oder der sequenziellen Bilderschließung mit Hilfe der Aufzeichnung von Blickbewegungen.
Besonders frustrierend ist der Artikel von Christian Demand, im Verbund mit Wolfgang Ullrich gern gesehener Ich-sag‘s-jetzt-mal-ganz-deutlich-Gast bei Kunsttagungen im ganzen Bundesgebiet, wenn er dem blumig-nebulösen Kunstkritikerduktus eine esoterische und eine exoterische Funktion unterstellt: „Einerseits dient sie dem ästhetischen Prediger dazu, seine euphorische Emphase all denjenigen mitzuteilen, die dafür empfänglich sind. Andererseits aber stellt sie ein Beeindruckungsritual dar, das Skeptiker und Ungläubige daran hindern soll, sich mit kritischen Einwänden zu Wort zu melden. Das Mittel der Abschreckung ist die Beschämung.“
Also, liebe Leser: Setzten Sie sich zur Wehr! Glauben Sie nichts! Hinterfragen Sie alles Geschriebene, Gesagte und (vor allem) selbst Gedachte. Das ist zwar mühselig, aber der einzige Weg, sich selbstbewusst gegenüber den Deutungseliten zu behaupten!
http://www.artheon.de/artikel/items/heiko-hausendorf-40hg41-vor-dem-kunstwerk.html
Thomas Wagner: Freihändig – Wahrnehmungen der Kunst
Montag, 02.02.2009
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, Nürnberg, 2006, ISBN 978-3-7757-1832-5, 264 Seiten mit 22 s/w- Abb., kartoniert, Format 24,10 x 16,7, € 24,80
Auch Zeitungs-Feuilletonisten schreiben ungerne nur für die Unterlage in Vogelkäfigen und Kaninchenboxen und so darf sich der FAZ-Autor Thomas Wagner geehrt fühlen, viele seiner Artikel über moderne und zeitgenössische Kunst in einem Sammelband zu finden. Die Aufmachung ist allerdings recht schlicht ausgefallen, das Layout lieblos und die Bilder rar. Das Ganze macht den Eindruck einer Goodwill-Aktion, die möglichst wenig kosten sollte.
Zumal die Form der kurzen und aktuellen Kunstkritik wenig geeignet ist, sie zwischen Buchdeckeln zu verewigen. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.
Am Interessantesten ist noch die einleitende Auseinandersetzung des Autors mit seinem Metier. Auch an Wagners Seele nagt das „Who cares?“ der Kritikerzunft. Gegen die Gefahr, in einem uniformen, geldgesteuerten Kunstmarkt der Eitelkeiten zum Klatschreporter zu verkommen, setzt er den Wunsch, durch die Kritik einen „Resonanzraum“ für die Kunst zu schaffen, einen „aus einer bestimmten Beobachterperspektive gesehener Raum, der auf unterschiedliche Fragen und Konstellationen antwortet“. Allgemeine Gültigkeiten vermag die Kritik jedoch nicht mehr zu postulieren. Sie ist im anschwellenden Meinungspluralismus nur eine Stimme unter vielen. Eine Position, die den Großinquisitoren der überregionalen Tageszeitungen sicherlich bitter aufstößt und die in letzter Zeit immer öfter in offener Konfrontation zu Bürgerjournalisten und Bloggern medial ausgefochten wird. „Vielleicht“, so schreibt Wagner als Resümee, „wird Kritik beweglicher und agiert weniger konventionell, wenn sie die Angst vor ihrer Auflösung überwindet.“
http://www.artheon.de/artikel/items/thomas-wagner-freihaendig-wahrnehmungen-der-kunst.html
Otto Hans Ressler: Der Wert der Kunst
Montag, 13.10.2008
BöhlauVerlag Wien, Wien, 2007, ISBN 978-3-205-77669-7, 248 Seiten., gebunden, Format 24 x 16cm, € 24,80
Der Autor des Buches wurde 1948 in Österreich geboren und ist seit 1993 Geschäftsführer eines Auktionshauses, dass auf österreichische Kunst der letzten zwei Jahrhunderte spezialisiert ist. So weit, so angenehm unaufgeregt. Mal keine zeitgeistige Auseinandersetzung mit dem delirierenden Kunstmarkt, sonder gleich zu Beginn viele Fragen nach dem woher und wohin der Kunst und des Künstlers. Das die Weltformel auch in diesem Buch nicht gefunden wird, stellt Ressler bereits auf der zehnten Seite fest und beschreibt den Umgang mit Kunst eher als ein „Vergnügen“, das immer eine Bereicherung und „sehr, sehr oft ein großartiger visueller Genuss“ sei.
Seine Erfahrungen im Auktionswesen befördern schlichte, wahre Einsichten über die zeitliche Abhängigkeit von kunsthistorischen Qualitäts- (und damit Preis)findungen.
Es ging und geht immer nur um den Ruhm eines Künstlers, geändert haben sich durch die Jahrhunderte nur die Methoden zu Erlangung desselben. Unverwechselbar und einmalig soll es sein, Landschaften lassen sich besser verkaufen als Porträts, der Besitzer will mit dem Bild renommieren, zum Sofa soll es passen und einen Namen soll der Künstler haben. Wenn es öfters mal in einer Ausstellung hing, umso besser. Ob Bockwurst oder Gemälde, ein Markt ist ein Markt. Das Kapitel „Kunst=Kapital“ ist mit Abstand das Beste.
Gleich im folgenden Kapitel „Kunst=Macht“ ist es mit der Nüchternheit vorbei. Ressler beschreibt Bilder als Wahrheitserzeuger und Waffen, die jedoch in letzter Zeit ihre Schärfe einzubüßen scheinen, weil die verblödeten Massen keine geistigen Ansprüche mehr an die Bilderflut haben. „Vor die Wahl gestellt, greifen die meisten Menschen nach dem, was anstrengungsfrei, friktionsfrei, frustrationsfrei zu haben ist“. Kein Bildungsbürgertum weit und breit, intellektuelle Gähnung grundlos. Hier setzt Ressler an und verbeißt sich in einen vage verorteten, schöngeistigen Grundklang menschlicher Existenz, der dem betäubten Couch-Kretins leider verlustig gegangen ist. Wir brauchen die Kunst „weil sie uns fühlen lässt, wozu wir imstande wären (…) Die Bestimmung unserer Art ist die Kunst. Das Ziel der Evolution ist die Schönheit.“ Oha!
Das die Kunst zur geistigen Überwältigung immer seltener in der Lage ist, lastet der Autor nicht etwa der Kunst an, die stets todesmutig in unbekanntes Terrain vorstürme, um die Menschheit mit „Verstörungen“ zu beglücken, „um die Wahrnehmungsfähigkeit zu vergrößern“, sondern der Unterhaltungsindustrie, die alles Neue sofort mit „Gier, Aggressivität und Destruktion“ annektiere. Besonders humorig wirkt die Behauptung des Autors, durch die Kunst seien bereits die „Bastionen verlogener Bürgerlichkeit“ gefallen.
Das eigentliche Problem des Buches ist sein Beharren auf veralterte und stellenweise arg schwülstige Ansprüche an die Kunst: „Sprengkraft“, „Freiheit“, „ (…) wir spüren, dass die Kunst von Wahrheit handelt“, „Tabus verletzten“, „Es musste sein!“ Der Autor „spürt“ und „meint“ Unglaubliches und behauptet, das „mittlerweile praktisch überhaupt niemand mehr Verständigungsschwierigkeiten“ mit der Kunst von Jackson Pollock habe. „In Wahrheit begeistern sich Millionen für zeitgenössische Kunst“ fabuliert Ressler und verweist auf die banalen Kunst-Events von Christo und Jeanne-Claude.
Und dabei hat es so nett angefangen…
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Wolfgang Ullrich: Tiefer hängen
Donnerstag, 03.07.2008
Über den Umgang mit der Kunst
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2003, ISBN 978-3-8031-2479-1, 189 Seiten, kartoniert, Format 19 x 12, € 11,90
Diese bereits 1993 erstmals erschienene Sammlung von Essays des 1967 geborenen Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich werkelt an der Zertrümmerung lieb gewonnener Denkmodelle einer der bedeutendsten und lukrativsten Ersatzreligion unserer Zeit: der Kunst. Zurzeit erleben die Länder des sagenhaften Wohlstands einen ungleichen Grabenkrieg zwischen dem mafiösen Vieleck aus Künstlern, Kunsthandel, Feuilleton, Sammlern und Kuratoren, und einer kleinen Schar von Kunsttheoretikern, denen das quasi-religiöse Getue zur Verkaufsförderung bemalter Leinwände ein Graus ist. Freilich gilt es für letztere, sich nicht dem „Das kann ich auch“ der Banausen anzubiedern, sondern in ihren Texten in den Ruinen alter Denkstrukturen eine neue, befreite und emanzipierte Kunst zu suchen. Ullrichs Lieblingsruinen sind die „Kunstbetrachtung als Frage der Moral“, also die Unterwerfung des Betrachters unter die nicht hinterfragbare Autorität eines Werkes, der „Künstler als Revolutionär“, der aus innerer Berufung der Gesellschaft neue Wege in eine bessere Zukunft weisen zu können glaubt und die vermeintlich singuläre und vom profanen gesellschaftlichen Miteinander abgehobene Kunst, die sich radikal und kompromisslos durchzusetzen vermag. Alles über die Jahrhunderte ausgeformte Fehlkonstruktionen, die für das Heute nicht mehr taugen, ja schädlich für einen verantwortlichen Umgang mit der Kunst sind.
Ulrich freut sich daher über das vermeintliche „Ende der Überforderung“ des Kunstbetrachters und verortet die Künstler als „ein Modul innerhalb eines riesigen Medienspektakels“. Außer einigen Negativbeispielen mag sich der Autor aber nicht zu Aussagen über eine zeitgemäße und wertige Kunst hinreißen lassen. Am konkretesten wird noch sein protestantischer Arbeitsethos: Wenn schon Kunst, dann mit absoluter Hingabe.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Peter Friedl: Working at Copan
Dienstag, 01.07.2008
Sternberg Press, Berlin, 2007, ISBN 978-1-933128-37-5, englisch/spanisch, 256 Seiten mit acht s/w-Abb., kartoniert, Format 22 x 15cm, € 20,–
Der österreichische Künstler Peter Friedl betätigt sich als Archäologe einer Zukunft, die noch nicht eingetreten ist. Ausgehend von einer kurzen Beschreibung der Maya-Ruinen von Copán schlägt er in Volte zu dem in den frühen 50er Jahren entstandenen Appartmenthaus „Edifìcio Copan“ des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer. Etwa 5000 Menschen leben heute in dem riesigen Komplex und bevor dieser in ferner Zukunft ebenfalls zur Ruine wird und im Dschungel verschwindet, führte Friedl Gespräche mit Angestellten des Hauses. Klemptner, Elektriker, Sekretärinnen und Manager geben Auskunft über ihre Tätigkeit und berichten über die organisatorischen Strukturen, die ein so großes Objekt gegen das ständig hineindrängende Chaos schützen.
Seine Recherchen hätte Peter Friedl besser zu einem Zeitschriftenartikel verdichten sollen. Für eine vollwertige Buchveröffentlichung reicht die Faktenlage nicht aus.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).