Corona Unger (Hg.): Paula Modersohn-Becker „Kunst ist doch das Allerschönste“
Dienstag, 24.06.2008
Briefe einer jungen Künstlerin
Insel Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig, 2007, ISBN 978-3-458-19299-2, 117 Seiten mit 36 Abb., gebunden, Format 18,5 x 12cm, € 12,80
„Ich bin glücklich, glücklich, glücklich.“ schrieb Paula Modersohn-Becker ihren Eltern im August 1897 nach Fertigstellung ihres ersten Pleinairporträts in Worpswede. So eine starke Berufung möchte wohl jeder in sich verspüren. Der kleine Band aus der Insel-Bücherei versammelt diverse Briefe der jung gestorbenen Malerin. Die begeisterten Schilderungen ihres voranschreitenden künstlerischen Schaffens, ihre schwülstige Wortwahl, ihr familiärer Konservatismus und ihre Deutschtümelei sind von unfreiwilliger Komik und kontrastieren stark mit ihrem emanzipatorischen Wunsch nach beruflicher Eigenständigkeit und persönlicher Freiheit. Modersohn-Becker saß am Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen allen Stühlen. Ihre Sehnsucht „etwas zu sein“ wurde von ihrer Umgebung stirnrunzelnd toleriert aber nie wirklich akzeptiert.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Ursula Voß: Der Katzenkönig der Kinder
Montag, 23.06.2008
Balthus und Rainer Maria Rilke
Insel Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig, 2008, ISBN 978-3-485-19305-0, 126 Seiten mit 14 Abb., gebunden, Format 18,5 x 12, € 12,80
Ein poetischer, detailversessener und ineinander verschlungener Gedankenstrom, der Personen, Sprachen, Orte und Zeiten traumwandlerisch zu einem literarischen Wirbel verbindet, in dem sich Fiktion und Realität nur schwer trennen lassen. Die Autorin Ursula Voß konstruiert aus den künstlerischen und privaten Beziehungen zwischen Balthus und Rilke ein transzendente, von Kunst, Poesie und einer irreal künstlerisch verfeinerten Lebensart ihrer Protagonisten durchdrungene Melange, die „zu einem Jenseits-des-Wirklichen führt: dahin wo Kindheit sich abspielt“. Ein Zitat, mit dem Voß die geheimnisvollen Bilder von Balthus beschreibt, das aber ebenso auf ihren eigenen Stil zutrifft. Die Verklärung und Wiederverzauberung der Welt durch die Kraft der schönen Künste. Eine gedanklich reiche aber auch beklemmend enge Welt, in der alles mit allem verwoben scheint.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Christian Saehrendt/Steen T.Kittl: Das kann ich auch!
Dienstag, 17.06.2008
Gebrauchsanweisung für moderne Kunst
DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln, 2007, ISBN 978-3-8321-7759-1, 248 Seiten mit 51 Abb., Klappbroschur, Format 21 x 13, € 14,90
Was denn nun?! Auf der einen Seite zieht sich die Überzeugung von Marcel Duchamp – „Die Betrachter machen die Kunst“ – als roter Faden durch das respektlose Buch. Auf der anderen Seite haben sich diese Betrachter, nach Ansicht der Autoren Saehrendt und Kittl, damit abzufinden, dass alles Kunst ist, was im institutionellen Rahmen ausgestellt wird.
„Das kann ich auch!“ widmet sich mit Humor und Sarkasmus dem kryptischen Geplapper von Kunstkritikern, seziert den erfolgreichen Aufbau von Künstlern als Marke und demaskiert den gemeinen Vernissage-Hopper als eifrigen, aber häufig recht uninformierten Worthülsenbastler. Das anekdotenreiche Buch, mit einem Hauch zu viel Polemik, ist ein erster Weg für den verunsicherten, potenziellen Kunstfreund, der sich bisher von den esoterischen Hohepriestern der Zunft verschrecken ließ. Er soll aus der „Untertanenposition“ gegenüber einem Werk befreit werden und auf Augenhöhe mit Galeristen und Künstlern verkehren. Die Kunst als Angebot zur intellektuellen Auseinandersetzung.
Dass zwischen einem provokanten: „Ist doch alles Mist hier!“ und einer differenzierten Auseinandersetzung mit ausgestellten Kunstwerken ein langer Lernprozess und eine große Neugier liegen, wissen die Autoren. Beim Thema „Was macht gute Kunst aus und wie trennt man die Spreu vom Weizen“ werden sie schnell wortkarg und verweisen auf lebenslanges Lernen und mehrere tausend Jahre Kunstgeschichte. Da gefriert das Lachen auf den Lippen und die Aussage von Roger M. Buergel, dass zeitgenössische Kunst Hingabe brauche, „jahrelange Hingabe“, fällt aus des Betrachters Hirn auf die vor ihm liegende Fernbedienung.
Wie wenig der Umgang mit moderner Kunst in den Köpfen der werktätigen Massen verankert ist, trotz aller Schlagzeilen über Kunsthype, Auktionsrekorden und dem Gerede über eine zukünftige Gesellschaft, die sich nur noch über ihre kulturellen Leistungen definiert, zeigt das total verunglückte Interview von Stefan Raab mit den Buchautoren. (http://tvtotal.prosieben.de/components/videoplayer/1058/1058-00-06-index.html)
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Die Bibel in der Kunst Gemälde, Zeichnungen, Grafiken
Dienstag, 29.01.2008
DVD ROM. Directmedia Publishing GmbH, Berlin, 2005. ISBN 978-3-936122-32-9,
€ 19,95
Die DVD umfasst mehr als 2800 Darstellungen biblischer Stoffe und Motive vom frühen Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Bilder lassen sich nach verschiedenen Kriterien durchsuchen. Die Qualität der Abbildungen ist mittelprächtig bis grottenschlecht, die Informationen spärlich, die Programmoberfläche spartanisch einfach. Wer sich im Thema auskennt, wird die DVD nicht brauchen, wer neu im Thema ist, wird keinen Nutzen aus ihr ziehen können. You get what you pay for.
Der göttliche Kapitalismus
Dienstag, 22.01.2008
Wilhelm Fink Verlag, München, 2007, ISBN 978-3-7705-4368-7, 61 Seiten, kartoniert, Format 21,5 x 13,5, € 9,90
Der schmale Band protokolliert ein Gespräch über Geld, Konsum, Kunst und Zerstörung mit Boris Groys, Jochen Hörisch, Thomas Macho, Peter Sloterdijk und Peter Weibel. Marc Jongen postuliert in seiner Einführung den Kapitalismus als religiöses Phänomen, für den drei wesentliche Eigenschaften gelten: Er ist eine reine Kultreligion ohne theoretische Rechtfertigung, er ist permanent und er „wirkt nicht erlösend oder versöhnend, sondern verschuldend und letztlich auch zerstörend“. Sloterdijk beschwört in seinem Statement einen „demokratischen Autoritarismus“, der sich, von Singapur ausgehend, immer weiter ausbreitet und der „holistische und autoritäre Denkformen an die Stelle des Liberalismus setzt“. Boris Groys beschreibt sarkastisch eine Gesellschaft, die durch eingebildeten Geldmangel strukturiert und paralysiert ist. Thomas Macho spricht von einer „Kulturalisierung des Kapitalismus“, der ständige Unsicherheit und in der Bevölkerung den Wunsch nach autoritären Strukturen erzeugt. Peter Weibel erkennt eine „Krise der Konsumption“ und Jochen Hörisch verbündet sich mit dem Satanischen des Kapitalismus, um daraus Gutes zu schaffen. Das Büchlein ist leider zu schmal, um das Thema auch nur annähernd hinreichend zu behandeln und dient allenfalls als Appetithäppchen für eine vertiefende Beschäftigung. Vor allem die allzu kurze Thematisierung von möglichen Utopien endet in der deprimierenden Einsicht des vollständigen, alternativlosen Sieges des Kapitalismus, der nur durch eine Katastrophe biblischen Ausmaßes abgelöst werden kann.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.27 (April 2009).
Ursula Voss. Dora Maar und Pablo Picasso
Donnerstag, 01.11.2007
Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 2007, ISBN 978-3-458-19298-5, 124 Seiten mit 17 Abb., gebunden, Format 22 x 15cm, € 12,80
Weniger eine Biographie als ein poetisches Essay ist der kleine Band der Insel-Bücherei von Ursula Voß. Es dräut an jeder Stelle gewaltig vor griechischer Mythologie (Untertitel: „Im Auge des Minotaurus die Wimper der Sphinx“) und den großen Helden der Kunstgeschichte der Moderne, die anscheinend alle zur selben Zeit am selben Fleck der Erde weilten, nämlich in Paris. Alle rasend intellektuell, alle aus Prinzip ultralinks (wenn auch ohne wirkliches politisches Interesse), alle spitz wie Nachbars Lumpi und alle mit völlig verqueren Frauenvorstellungen in den rauchenden Köpfen.
Ohne hinreichende Kenntnisse der jüngeren Kunstgeschichte sollte man sich nicht über den Band hermachen, obgleich, er vermittelt einen faszinierenden Einblick in das Paris der 20er/30er Jahre: Es muss wundervoll gewesen sein, in Künstlerkreisen zu verkehren. Alle unsere Klischees über die Bohème, den ungehemmten Eros des kreativen Geistes und über das wildromantische nächtliche Paris mit seinen Cafés entstammen dieser Zeit, diesem unglaublichen Schmelztiegel künstlerischer und gesellschaftspolitischer Utopien. Georges Bataille, André Breton, Balthus, Prévert, Oppenheim, Dali, Giacometti, Brassai, der Namen sind Legionen und mittendrin Dora Maar, die liebt und leidet unter ihrem Hausgott Picasso. Madonnenantlitz in den Tiefen des Sexus, wollüstige Unterwelt, heiliges Kanonenrohr! War es wirklich so großartig, so anders, so fern von Konventionen? Es muss wahr sein, weil es der Spiegel unseres eigenen Wollens ist.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Charlotte Ueckert. Paula Modersohn-Becker
Dienstag, 09.10.2007
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2007, ISBN 978-3-499-50567-6, 158 Seiten mit 34 Farb- und 18 s/w-Abb., kartoniert, Format 19 x 11,5 cm, € 8,50
Seit Oktober feiert die Kunstwelt den 100. Todestag der Malerin Paula Modersohn-Becker mit zahlreichen literarischen Neuerscheinungen zu Leben und Werk und einigen Ausstellungen, die noch bis in den kommenden Februar in Bremen, Worpswede und Hannover zu sehen sind. Die Monografie von Charlotte Ueckert versteht sich als erste Einführung in die Lebenswelten der Ende November 1907, kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde, an einer Embolie gestorbenen Künstlerin.
Ihre Briefe und Tagebücher sind die wesentliche Grundlage des Buches und geben beredt Auskunft über ihr Leben als „Einsame, die ihren Weg ohne Vertraute, ohne Publikum gehen musste“ (Ueckert), zumindest was ihren künstlerischen Weg betraf. Hätte sie sich mit einem Leben als Frau und Mutter begnügt, es hätte eine schöne Zeit im ländlichen Worpswede, Deutschlands bekanntester Künstlerkolonie, werden können. Doch trotz ihrer eher biederen Wertansichten, fühlte sie sich zeitlebens der Kunst mehr verbunden als ihrem drögen Mann Otto Modersohn, der ihr überragendes Aufblühen in der Malerei ebenso irritiert und seelisch zerrissen verfolgte wie die Malerin selbst. „Ich sehe, daß meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, daß Ihr sie weniger und weniger billigen werdet.“ Doch trotz ihrer mehrmaligen Flucht in die quirlige Metropole Paris, ihres glühenden Interesses am eigenen malerischen Fortschritt, dem sie alles, auch ihre Familie unterordnete, kehrte sie immer wieder in die Heimat zurück. Was fehlte, um den letzen Schritt in eine selbstbestimmte künstlerische Existenz zu wagen? War es die fehlende Anerkennung der männlichen Kollegen ihrer Kunst gegenüber oder ihre eigene, am Ende doch zu konservative Sicht auf gesellschaftliche Ordnungen? „Ihre Rückkehr ist nicht Ausdruck der Resignation oder Bequemlichkeit, sondern, wie alles in ihrem Leben, der Radikalität, mit der sie die Kunst an erste Stelle setzte.“ (Ueckert)
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Amy Dempsey. Destination Art
Mittwoch, 08.08.2007
Belser Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7630-2471-1, 272 Seiten mit 400 farbigen Abbildungen, gebunden, Format 15 x 23 cm, € 39,90
Als kunsttouristischer Führer sieht sich der Band „Destination Art“, der zweihundert Ziele beschreibt, an denen es eine Kunst zu bestaunen gibt, die nie den Weg in deutsche Museen finden wird. Als Land Art, Skulpturenparks oder architektonische Bauten sind die Werke oder Werkgruppen nur für einen bestimmten Ort geschaffen worden, oder ihre kolossale Größe und Komplexität verhindert den Transport und damit die Teilnahme am Wanderzirkus der Weltkunst. Ein Glück, denn die bewusste Anreise zu den oft abgelegenen und versteckten Attraktionen erfordert eine Art der Vorbereitung und Aufmerksamkeit, die wir den meisten Kunstwerken, die wir im Museum nur kurz mit dem Auge streifen, nicht zugestehen.
50 Ziele aus allen Teilen der Welt werden ausführlicher besprochen, davon zwei aus Deutschland: Die Museumsinsel Hombroich bei Neuss und „Die Grotte“ von Niki de Saint Phalle in Hannover. Die Auswahl erscheint sehr subjektiv: Neben bekannten Stätten wie der beeindruckenden Chinati Foundation von Donald Judd in Marfa, Texas, USA, dem verspielten Giardino dei Tarocci von Niki de Saint Phalle in Pescia Fiorentina, Italien, oder dem Kröller-Müller Museum in Otterlo, Niederlande, findet sich auch das Rietfeld-Schröder-Haus in Utrecht als Beispiel der niederländischen „De Stijl“-Richtung; vielleicht wäre eine Besprechung der Weißenhofsiedlung in Stuttgart hier ergiebiger gewesen. Ebensowenig erschließt sich die Würdigung von „Batcolumn“, einer dreißig Meter hohen, recht konventionellen Skulptur eines Baseballschlägers von Class Oldenburg und Coosje van Brugge. Dagegen bleiben die Leistungen von César Manrique, der immerhin einer ganzen Kanarischen Insel seinen Stempel aufdrückte, unerwähnt.
Eine wichtige Rolle im Buch spielt die Dia Art Foundation. Die Stiftung ermöglichte die Realisierung einiger ambitionierter Werke wie Walter de Marias „The Lighting Field“ in New Mexiko, sie finanzierte dessen Dauerinstallationen „The New York Earth Room“ und „The Broken Kilometer“, das Gegenstück zum „Vertikalem Erdkilometer“, der 1977 zur documenta 6 in Kassel installiert wurde. Sie unterstützte auch den Aufbau der Chinati Foundation und betreibt in Beacon, New York, USA, eine Galerie, die auf 80.000 qm überdimensionale Arbeiten von u.a. Richard Serra, Louise Bourgeois und Michael Heizer zeigt.
Doch neben der Förderung von Großprojekten sind es vor allem die vielen Privatinitiativen spleeniger Einzelgänger oder engagierter Künstlerpersönlichkeiten, die rund um den Globus eine Vielzahl von interessanten Projekten hervorgebracht haben, die es in „Destination Art“ zu entdecken gilt.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.26 (April 2008).
Susanne Kippenberger. Kippenberger. Der Künstler und seine Familie
Montag, 30.07.2007
Berlin Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8270-0704-9, 576 Seiten mit 74 s/w- Abbildungen, gebunden, Format 22 x 13,6 cm, € 22.
Die umfangreiche Biografie des 1953 in Dortmund geborenen Künstlers Martin Kippenberger scheitert am Familienspleen, nichts wegwerfen zu können, und an der Distanzlosigkeit der Autorin und Schwester. Für Susanne Kippenberger sind die Zeichnungen, Fotos, Briefe, Texte und Erinnerungsfetzen, die ihr Bruder und der Rest der Familie über die Jahrzehnte horteten, und die vielen Interviews, die sie während der Recherche führte, ein nie versiegender Quell von Anekdoten. Legionen sind die Zeugen, die Kunde von Martins Leben geben, jede aufgeblätterte Seite produziert neue Auflistung von Zuständen, Emotionen, Zitaten, Ausstellungen, Freunden, Zechgelagen, Wortspielen und Kunstaktionen. Ihr Bruder war immer in Bewegung, hasste nichts mehr als Stillstand und Langeweile. Als Zappelphilipp und schwer erziehbarer Jugendlicher, Egomane, arbeitswütiger Kreativexplosionist und Existenzderwisch nährte er seinen eigenen Mythos, den die Schwester nun auf ewig zu zementieren sucht. Ein „geniekritischer Künstler, der posthum zum Genie verklärt wurde“, wie Isabell Graw in der ZEIT schrieb, die „retrospektive Verklärung“ des Künstlers bedauernd.
Martin Kippenberger treibt das Leben auf die Spitze, hurt, säuft, reist, lernt Menschen kennen, die ihn hassen oder lieben, und alles, was er lebt, wird auch zur Kunst und Kunst wird zum Leben. Hamburg, Berlin, Köln, Florenz, New York, immer in Bewegung, immer auf dem Sprung. Stan the Man, was für ein Kerl.
Prallvoll mit Leben, so war die ganze Familie. Der Krebs erwischt beide Eltern, aber selbst nach Scheidung und Operationen trotzen die Kippenbergers den Schrecknissen der Existenz. Man lacht und lebt und stirbt und gibt den unbedingten Lebenswillen, „immer nur nach vorne schauen“, an die nächste Generation weiter: „Eine Familie, eine Linie“ schreibt Martin auf den Grabstein des Vaters. So ist das Leben, aber es mag einen gruseln, dass existenzielle Verwerfungen von Susanne Kippenberger en passant mit der gleichen Geschwindigkeit und Wertigkeit erzählt werden wie der gemeinsame Sommerurlaub oder eine gelungene Ausstellungseröffnung. Dass Martin sich zu Tode gesoffen hat, durchzieht das Buch wie eine Schleimspur, um die sie herumlaviert, um nicht auszurutschen. Hier zeigt sich die fehlende Distanz: Sucht ist bei ihr immer auch Sehnsucht oder die Sucht nach Nudelauflauf und Mau Mau spielen. „Er war mein Beschützer“, hat Susanne Kippenberger gesagt; in diesem Buch wird sie zum Beschützer ihres Bruders.
Der Beitrag erschien in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr. 26 (April 2008).
Harald Behrendt. Werner Tübkes Panoramabild in Bad Frankenhausen
Donnerstag, 21.06.2007
Verlag Ludwig, Kiel 2006, ISBN 978-3-937719-21-4, 422 S., 62 s/w. u. 34 farb. Abb., Gebunden, Format 23 x 16 cm, € 34,90.–.
Die vorliegende Dissertation von Harald Behrendt beschreibt die Entstehung von Europas größtem Panoramabild „Frühbürgerliche Revolution“ in Bad Frankenhausen, das der Leipziger Künstler Werner Tübke im September 1987 nach über zehn Jahren Arbeit auf einer Fläche von 1722 m2, „nahezu die zweieinhalbfachen Ausmaße der Freskenmalerei Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle“, fertigstellte. Ironischerweise wurde das Prestigeprojekt nur zweieinhalb Wochen vor dem Mauerfall eröffnet, kein Wunder, dass die Besucher in dem Werk das Scheitern ihres Staates vorweggenommen sahen. Dabei sollte das Riesenbild den Anspruch der DDR untermauern, „wahre Kulturerbin deutscher Geschichte zu sein“. „Im Eröffnungsjahr 1989 boten das vermeintlich 500jährige Müntzerjubiläum und der ideologisch besetzte Geschichtshintergrund des Bauernkrieges einen willkommenen Anlass, die Geschehnisse in die Tradition deutscher Revolutionsversuche einzuordnen und so den Arbeiter- und Bauernstaat zu legitimieren“, schreibt Behrendt im Vorwort.
Der überdimensionale zylindrische Bau, der das Bild aufnehmen sollte, entstand bereits 1974/75, ohne dass ein Künstler für die Ausführung des Werkes auserkoren war.
Behrendt untersucht im Wesentlichen die „gesellschaftliche Eingebundenheit des Panoramas in den 1970er und 1980er Jahren (…) und die Frage nach den Konfliktfeldern zwischen den offiziellen Auftraggebern und dem Künstler“. Er beleuchtet dafür die gesellschaftlichen, historischen und ideologischen Prämissen, beschäftigt sich mit der „Leipziger Schule“ und der Person Werner Tübkes, mit dem SED-Staatsapparat und kommt schließlich zu einer ausführlichen Würdigung des komplexen Bildinhalts.
Tübke selbst weigerte sich beharrlich, über den Entstehungsprozess der Bildfindung Auskunft zu geben. Er verwies auf die „Intimsphäre der Produktion“ und wollte so jede ideologische Einflussnahme auf den Inhalt seines Werkes verhindern. So entstand über die Jahre nicht die Darstellung des historischen Augenblicks „wie die Volksmassen im Kampf gegen die Ausbeuterklassen für ihre eigenen Lebensinteressen große revolutionäre Energien freisetzen“, sondern das „apokalyptische Pandämonium einer vergangenen Epoche“.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in den Artheon-Mitteilungen der Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Nr.25
(Juli 2007).